Das Altpapier am 17. Juni 2022 Eine Performance ist eine Performance ist eine Performance

Scholz ist endlich in die Ukraine gereist und hat dem "Reist-er-nicht-reist-er-doch-Journalismus" ein Fest beschert – ohne Bazooka dafür aber mit jeder Menge Fotomotiven. Einige Internetkonzerne wollen mit der EU stärker gegen Desinformation vorgehen - andere nicht. Und schlittern die guten alten Nachrichtenportale in ihrer jetzigen Form dem Tod entgegen? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Das Altpapier am 17. Juni 2022: Porträt der Altpapier-Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Kanzler-Performance in Kiew

Gestern dürfte ein neues Genre seinen vorläufigen Höhepunkt gefeiert haben: die Reisekriegsanalyse bzw. der "Reist-er-nicht-reist-er-doch-Journalismus" (Samira El Ouassil, Übermedien), der seit April um Bundeskanzler Olaf Scholz und andere deutsche Regierungsvertreterinnen tobt.

Und, hach, man hätte es sich gar nicht schöner erhoffen können! Diese Reise erfüllte mit ihrer Hemdsärmelichkeit, dem Aktentaschenmanöver, der bis ins Detail hinein analysierbaren Körpersprache und der Zugreisenromantik jegliche Träume, das Reist-er-nicht-reist-er-doch-Fachwissen nun endlich auf höchstem Level einzusetzen.

Und es ist schon auch eine schöne Ablenkung von diesen nervigen Kriegsnews, oder? Schließlich muss man all den nachrichtenmüden Menschen da draußen mal was anderes bieten, als immer diese deprimierenden Informationen über Angriffe, Gegenangriffe, Tod, Verwüstung, Waffen und Strategien.

Inhaltlich ging‘s bei dem Treffen um was nochmal? Die ganz große Bazooka hat Scholz diesmal nicht auf den Tisch gelegt, wie sich in der Bilanzberichterstattung erfahren lässt. Dabei hätte er in diesem Fall buchstäblich die Chance dazu gehabt, man stelle sich diesen PR-Coup vor. Ansonsten ließ sich noch irgendwas über einen EU-Beitrittstatus und eher unkonkreten Zusagen für kontinuierliche Waffenlieferungen erfahren.

Ach ja, die Chance, sich betroffen zu zeigen und symbolpolitische Bilder zu liefern, nutzte Scholz nebenbei im von der russischen Armee zerstörten Hauptstadtvorort Irpin. Alles andere wäre imagetechnisch wohl fahrlässig gewesen. Tina Hildebrandt beschreibt das Dilemma bei Zeit Online so:

"Er wolle nicht in die Ukraine fahren, um da Fotos oder Selfies zu produzieren, hatte Scholz gesagt, als er bedrängt wurde, warum er nicht auch, wie so viele vor ihm in die Ukraine fahre. Nun steht er hier, in Irpin, umringt von einer Phalanx aus Sicherheitsleuten und einer Traube von Kamerateams und Journalisten, die auf Bilder lauern, auf Sätze."

Diese Aussage vor Scholz war natürlich Humbug. Denn natürlich gehörten solche Bilder zu politischen Reisen dazu. Samira El Ouassil erinnert in der oben bereits erwähnten Übermedien-Wochenschau (€) auch an das durchaus wichtige performative Element solcher Reisen, das vor allem durch die Medienöffentlichkeit so eine große Bedeutung bekommt:

"Die Politikerreise als Performance ist natürlich eine Inszenierung, aber gerade diese Inszenierung hat solch einen Wert, dass das Ausbleiben eben dieser Geste, das Nichtstattfinden der Reise, politisch und diplomatisch Bände spricht, weshalb in diesem besonderen Fall so aufgeregt auf das Reisen und Nicht-Reisen geblickt werden muss."

Damit wäre dieser Punkt auf Scholz‘ Liste auch erst mal abgehakt. Und ansonsten gab‘s halt jede Menge Material für schnelle Artikel, die mit Social-Media-Ernten nach dem Motto "Das Netz spottet über xxxx" oder den wichtigsten Infos zu den bisherigen Reiseoutfis des Kanzlers bestückt werden konnten.

"Für wen der Besuch wichtiger war, Scholz oder Selenskyj, ist schwer zu entscheiden",

heißt es beim Spiegel. Für Journalistinnen und Journalisten jedenfalls war es ein Fest. Schließlich gab‘s jede Menge Material um zu spotten, zu analysieren, zu interpretieren, zu informieren, oder alles miteinander zu verbinden...

Wer dem neuen EU-Kodex gegen Desinformation folgt (und wer nicht)

Auch bei der EU war ein bisschen was los gestern. Die Kommission hat einen verschärften Verhaltenskodex gegen Desinformation ("Code of Practice on Disinformation") vorgestellt. Es sei eine "freundlich formulierte Kampfansage von Vera Jourova", der Vize-Kommissionschefin, schreibt Matthias Reiche für die Tagesschau.

Dazu gehört etwa, dass Fälschungen und Täuschungen künftig leichter für Nutzende erkennbar sein und gemeldet werden können sollen und politische Werbung transparent gemacht werden muss. Bots sollen erfasst werden und auch gegen Deep Fakes sollen die Plattformen konsequenter vorgehen. Desinformation soll demonetarisiert werden und Werbung neben Desinformationsposts oder auf Accounts, die diese verbreiten, eingeschränkt werden. Außerdem sollen Faktenchecks verstärkt und die Einhaltung des Kodex‘ überwacht werden.

Die Konzerne können den Katalog mit den Verpflichtungen freiwillig unterzeichnen. Insofern ist die Liste der Unterzeichner interessant. Daraus stehen laut EU bisher:

Google, der Facebook-Konzern Meta, Microsoft-Netzwerke wie Twitter, Clubhouse und TikTok aber auch Werbeverbände wie etwa die World Federation of Advertisers und das Interactive Advertising Bureau (IAB Europe), aber auch die NGOs Avaaz und Reporter ohne Grenzen.

Alexander Fanta hat sich für netzpolitik.org im Umkehrschluss angeschaut, wer nicht drauf steht und diese Liste zusammengestellt:

"Nicht unterschrieben hat Telegram, das wegen fast völlig fehlender Inhaltemoderation beliebt für die Verbreitung von Desinformation ist. Es fehlen aber auch Apple und Amazon, die eine immer größere Rolle im Online-Werbegeschäft spielen. Der Amazon-Konzern ist lediglich durch sein Streamingportal Twitch vertreten. In der Unterzeichnerliste fehlt außerdem die Mozilla-Stiftung, die bei früheren Versionen des Kodex dabei war."

Ob die Pläne so funktionieren wie gedacht und auch die gewünschte Wirkung gegen gezielte Falschinformationen erzielen – oder, wie oft befürchtet, mit der Regulierung über das Ziel hinausschießen? Das sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begleitend prüfen und dafür guten Zugang zu den entsprechenden Daten der Unterzeichner bekommen...

Die Nachrichten-Webseite ist tot (bald)

Blicken wir zum Schluss nochmal auf den "Reuters Digital News Report". Das schlanke PDF hat ja immerhin knapp 170 Seiten, die ausgeweidet werden wollen. Für alle, die es verpasst haben: Das Thema News Avoidance, also Nachrichtenverdruss, war gestern hier schon Thema.

Interessant sind auch die Punkte Nachrichtenzugang, Zahlungsbereitschaft und Desinformation. Beim Zugang zu Nachrichten liegen Social-Media-Plattformen jetzt zum ersten mal deutlich vor dem direkten Ansteuern auf den Webseiten oder Apps der jeweiligen Medientitel. Der Trend der vergangenen Jahre hatte schon deutlich in diese Richtung gewiesen. 28 Prozent der Befragten gaben laut Report 2022 an, Nachrichten via Social Media zu konsumieren. Der direkte Zugang lag nur noch bei 25 Prozent.

Das wird die Präsenz dort wohl weiter erhöhen, vermutlich in die Breite, also auf immer mehr Plattformen mit ihren unterschiedlichen Zielgruppen und Charakteristika. Passend dazu: die FAZ ist neuerdings bei TikTok unterwegs und auch BBC News hat sich im Frühjahr nach anfänglicher Ablehnung dafür entschieden. Das wird auch die Diskussionen rund um die Aufbereitung von Inhalten auf den Plattformen (wie zuletzt in einem Arbeitsheft der Otto-Brenner-Stiftung kritisch beleuchtet und u.a. in diesem Altpapier diskutiert) noch weiter auffächern.

Mit Blick auf die Zahlungsbereitschaft für digitale Nachrichteninhalte steht Deutschland mittelmäßig da, vor allem scheint das Potential im Gegensatz zu anderen Ländern aber noch nicht ausgeschöpft zu ein. Laut DNR zahlten 14 Prozent der befragten Deutschen für Nachrichtenangebote im Internet. Im Jahr zuvor waren es nur neun Prozent. Das muss allerdings nicht unbedingt an den cleveren Angeboten und guten Strategien hierzulande liegen.

"Der Markt scheint noch nicht erschöpft, sicher auch, weil viele Publisher hier erst seit 2019 richtig im Abogeschäft sind",

twittert Julia Grass, Journalistin und bei Zeit Online für Subscriptions zuständig. So liegt die Zahl der Abos pro Person in Deutschland im Median bisher lediglich bei einem. Ihr Thread ist zu dem Thema sehr zu empfehlen.


Altpapierkorb (Rügen des Presserats, die Öffis und die Tech-Konzerne, Hinweise auf Journalistenmord in Brasilien)

+++ Was "tagesspiegel.de", "bild.de" und das "Echo der Frau" verbindet? Alle haben eine aktuelle Rüge des Deutschen Presserats bekommen. Dabei geht es um Schleichwerbung, Verstöße gegen die Sorgfaltspflicht und Opferschutz. Details gibt‘s beim Presserat und in der Süddeutschen.

+++ Die Leiterin des ARD-Digitalboards, Tanja Hüther, spricht im Tagesspiegel über die Abhängigkeit von Tech-Konzernen und die Aufgabe, journalistische Qualitätsansprüche mit Plattform-Logiken zusammenzubringen.

+++ Verharmlosen und glorifizieren deutsche Medien Alkohol? Deutschlandfunks "@mediasres" geht der Frage nach, angestoßen von einer Schlagzeile des Kölner Express über "Vitamine, Spurenelemente und viele gute Nährstoffe" im Kölsch.

+++ Die Twitteria packt das Popcorn aus und folgt einem Streit zwischen der offenbar ehemaligen Bild-Redakteurin Judith Sevinç Basad und ihrem bisherigen Arbeitgeber. Im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um die Diskussion über den viel kritisierten Welt-Gastbeitrag zum Thema Geschlechteridentität (Altpapier) hat sie laut einem Offenen Brief an Springer-Chef Döpfner gekündigt.

+++ Nachdem der britische Journalist Dom Phillipps und sein brasilianischer Begleiter Bruno Pereira tot aufgefunden wurden, haben zwei Männer laut Tagesspiegel einen Doppelmord gestanden. Umweltaktivistinnen und -aktivisten lebten dort ohnehin gefährlich, schreibt Philipp Lichterbeck. "Dass allerdings ein ausländischer Journalist in Brasilien bei der Ausübung seiner Arbeit ermordet wird, ist ein absolutes Novum und ein Hinweis darauf, dass Brasilien unter dem ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro rechtloser geworden ist, insbesondere in der Amazonasregion."

+++ Das US-Popkulturmagazin Bitch wird eingestellt. Brigitte Theißl wirft beim Standard einen Blick auf die vergangenen 26 Jahre der feministischen Publikation.

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