Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 2. Januar 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia/imago

Das Altpapier am 2. Januar 2018 Werdet wieder erwachsen!

"Solche Sachen wie Bento und Spiegel Daily einfach sein zu lassen" - das rät Lutz Hachmeister Verlagsmanagern. In der Schweiz könnte bald die "Anarchie" ausbrechen. Außerdem: 40 Jahre "Tagesthemen" und "Heute-Journal"; kein Telegram im Iran; Meşale Tolus erstes großes Interview nach der Freilassung; erste Anzeichen für eine mögliche Freilassung Deniz Yücels. Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 2. Januar 2018
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Zu den Charakteristika des Altpapiers gehört es ja, dass es oft kompakt und ausufernd zugleich ist - so widersprüchlich das klingen mag. Das gilt angesichts all der bisher nicht aufgearbeiteten Jahrestags- und Neustartbetrachtungen und all der Rück- und Ausblicke, erst recht fürs erste Altpapier nach der Jahresendpause.

Sowohl als Rück- als auch als Ausblick diente ein Interview mit Lutz Hachmeister, das das DLF-Medienmagazin "mediasres" am Neujahrstag gesendet hat. Hachmeister führt unter anderem aus, dass es sich bei der in den vergangenen Woche auch hier im Altpapier recht großzügig abgebildeten Debatte über den Textanteil der Öffentlich-Rechtlichen im Netz um eine "Pseudo-Debatte" handle, und zwar aus mindestens zwei Gründen:

Zum einen, weil es "ein Thema nur für die Medienbranche" sei ("Ich glaube nicht, dass das irgendeinen in der normalen Bevölkerung interessiert"). Zum anderen, weil es "keine empirische Studie, keine Daten" gebe, die die allgegenwärtige Behauptung stützt, die Online-Textproduktion der Öffentlichen-Rechtlichen tangiere in nennenswertem Umfang das Geschäft der Verleger (siehe Altpapier).

Journalisten gibt Hachmeister den "unerbetenen" Rat, zu einem "erwachsenen Journalismus" zurückzukehren. Heißt: "Solche Sachen, wie Bento und Spiegel Daily einfach sein zu lassen", das führe nämlich "zu einer Infantilisierung des Journalismus". Dass die ambitionierte Abendzeitung Spiegel Daily in diesem Zusammenhang auftaucht, kann man überraschend finden.

Es gebe jedenfalls "sehr viele Spielwiesen, die es mit dem Publikum nicht mehr richtig ernst meinen", bei aller Wertschätzung "für Schülerzeitungen und den Kinderkanal, die alle ihre Berechtigung haben", finde ihm da "zu sehr eine Vermischung statt", so Hachmeister weiter. Falls die Verlagsmanager in Hamburg glaubten, die "Ranschmeiße an ein jugendliches Publikum" werde sich dahingehend auszahlen, dass heutige Bento-Rezipienten sich später den Spiegel kaufen werden, irrten sie sich.

Hachmeister lobt dann noch einigermaßen überschwänglich Jan Böhmermann für dessen Angriff auf Bento Ende Oktober, den wahrlich nicht alle gelungen fanden (Altpapier). Gelegenheit für ein indirektes Spiegel-Lob findet Hachmeister aber auch: Die Qualität der Texte im gedruckten Magazin sei heute keineswegs schlechter als 1985 oder 1965, das Blatt sei halt nur noch "eines unter vielen."

Die Ideologie der anti-öffentlich-rechtlichen Kämpfer in der Schweiz

Thema des Gesprächs zwischen Brigitte Baetz und Hachmeister ist auch die No-Billag-Initiative in der Schweiz, die de facto eine Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems anstrebt (siehe unter anderem dieses Altpapier). Fürs Boulevardblatt Blick ordnet der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss die Ideologie der Anti-ÖR-Kombattanten in einem größeren Kontext ein, letztlich geht es um den Kampf für einen "unregulierten Kapitalismus", wie Sibylle Berg wohl sagen würde. Bärfuss schreibt:

"Woher (…) haben die No-Billag-Initianten ihre absurden, gefährlichen Ideen? Von Vordenkern wie Murray Rothbard, James M. Buchanan, Milton Friedman und anderen. (…) Murray Rothbard, den die No-Billag-Initianten gerne zitieren, hielt die USA im ­Vergleich mit Nazi-Deutschland für den grösseren Unrechtsstaat und unterstützte ­offen den Anführer des Ku-Klux-Klans. Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien beschreiben Kon­stanten im libertären Denken. Die rechtsradikalen Umtriebe eines der No-Billag-Initianten, die Bezeichnung von deren Enthüllung als koordinierte Aktion, haben System und sind keine Zufälle."

Bärfuss kritisiert aber auch die Verteidiger der Öffentlich-Rechtlichen:

"Immer, wenn die Initianten der Abstimmung vom 4. März behaupten, die Schweiz brauche keine 'Staatsmedien', versuchen ihre Gegner zu beweisen, wie falsch dieser Begriff sei. Der Staat nehme keinen Einfluss auf das Programm. In der Absicht, die SRG zu verteidigen, besorgen sie damit allerdings nur das Geschäft der Initianten. Die wollen den Staat delegitimieren und lachen sich ins Fäustchen über das Argument, nur in einem Land wie der Sowjetunion habe es Staatsmedien gegeben, in der Schweiz betreibe niemand Propaganda. Das ist erstens falsch und zweitens töricht. Denn ohne jeden Zweifel betreibt die SRG Propaganda: Sie steht ein für Wissenschaftlichkeit, für gleiche Rechte von Frau und Mann, für den freien Austausch der Argumente, kurzum: Sie propagiert die Werte der Aufklärung und den freiheitlichen, demokratischen Staat, für den die Schweiz seit ihrer Gründung 1848 steht. Genau wie die Volksschule, die Universitäten, die öffentlichen Theater und die Bibliotheken verteidigt die SRG jene Ideen, die Libertäre hassen und bekämpfen."

Bärfuss’ Fazit:

"Die Folgen dieser neoliberalen Haltung sind verheerend. Ihre letzte Konsequenz ist die Zerschlagung jeder staatlichen ­Institution. Am Ende wartet der Anarchismus – und genau dort ist das bürgerliche Lager, indem es mit den Libertären flirtet, mittlerweile gelandet."

Interessant an dem Text ist auch der Ort der Veröffentlichung: Ist es vorstellbar, dass eine derart dramatisch-polemische Verteidigung der Öffentlich-Rechtlichen, formuliert von einem der bekanntesten Theaterleute des Landes, in einer deutschen Boulevardzeitung erschiene? Derzeit eher nicht. Dass der Blick so etwas veröffentlicht, hat aber auch damit zu tun, dass ein Erfolg der No-Billag-Initiative auch Folgen hätte für private, aber in der Regel überwiegend durch Gebühren finanzierte TV- und Radiostationen (an denen wiederum Verlage beteiligt sind): Viele Sender würden dann wohl über die Wupper gehen (siehe diese Grafik aus der aktuellen Ausgabe des Schweizer Medienmagazins Edito)

Der runde Geburtstag zweier Ex-Hochämter

Zwei sehr bedeutende Sendungen des hiesigen öffentlich-rechtlichen Systems, die "Tagesthemen" und das "Heute-Journal", feiern heute ihren 40. Geburtstag. Kai-Hinrich Renner konstatiert im Hamburger Abendblatt:

"Heute wäre so etwas kaum mehr möglich: Da starten zwei Sender, die in direkter Konkurrenz zueinander stehen, am exakt demselben Tag nahezu identische Nachrichtensendungen. Vor 40 Jahren war das kein Problem: Am 2. Januar 1978 gingen sowohl die 'Tagesthemen' der ARD als auch das 'Heute Journal' des ZDF auf Sendung (…) Wie es genau dazu kam, ist wegen der schlechten Quellenlage schwer zu recherchieren. Sicher ist nur, dass die beiden neuen Informationsformate im Zuge einer Änderung der Programmschemata beider Sender zum 1. Januar 1978 starteten. ARD und ZDF informierten sich damals gegenseitig über die Umstellungen im Programm – und wohl auch über ihre Pläne für neue Nachrichtensendungen. Man war halt unter sich. Das Privatfernsehen gab es noch ebenso wenig wie das Internet."

Was änderte sich, was blieb? Madsacks Medienjournalist Imre Grimm schreibt dazu in der Märkischen Allgemeinen:

"Die Zeiten (…), in denen das, was nicht in der Sendung auftauchte, quasi gar nicht stattgefunden hat, sind vorbei. Dazu ist die Nachrichtenwelt zu zerfasert, zu heterogen, auch zu widersprüchlich geworden. Das Rituelle haben beide Nachrichtentanker längst verloren. Auch sie müssen um Aufmerksamkeit kämpfen. Gut so."

Und Markus Ehrenberg (Tagesspiegel):

"Auch wenn es sich 40 Jahre später bei der Moderation von 'heute-journal' und 'Tagesthemen' nicht mehr um ein Nachrichten-Hochamt mit elegant-gehobenen Welterklärern handelt, wie es bei Hanns Joachim Friedrichs, Ulrich Wickert oder Dieter Kronzucker der Fall war, zwei ihrer Nachfolger am öffentlich-rechtlichen Nachrichtenpult, Claus Kleber und Marietta Slomka, halten das Konzept für unverändert- und unverwechselbar. 'Die Moderatoren haben eine eigene Persönlichkeit, die Autoren eine eigene Handschrift und natürlich sind Interviews ein wichtiger Bestandteil und sicher ein Markenkern', (sagt) Slomka (…)"

Ich bin tendenziell eher "Tagesthemen"-Gucker, aber die These, dass die Beiträge im "Heute-Journal" sich durch eine eigene Autorenhandschrift auszeichnen, als kühn zu bezeichnen, riskiere ich hier mal.

"Haben wir genügend Themen vom Land?"

Welcher Top-Medienmanager, der gerade neue Visitenkarten in Auftrag geben musste, ist mit folgenden Worten gemeint:

"1991 trat er in den bayerischen Staatsdienst ein, war im Innenministerium, wurde enger Vertrauter des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Pressesprecher der Bayerischen Regierung und (…)"?

Natürlich Ulrich Wilhelm, der später dann auch noch "Merkels Mann für die Öffentlichkeitsarbeit", also "Vorgänger von Steffen Seibert auf diesem Platz" wurde und seit gestern nun als ARD-Vorsitzender amtiert. Anne Fromm stellt ihn in der taz unter anderem mit den zitierten Worten vor. Der DJV-Blog lobt Wilhelm dafür, dass er gegenüber dpa unter anderem gerade dieses gesagt hat:

"Welche Lebenswelten kommen bei uns eigentlich nie vor? Haben wir genügend Themen vom Land zum Beispiel? Da müssen wir stärker an uns arbeiten."

Der Tagesspiegel greift eine andere Aussage auf:

"'Die Talkshows sind mir zu dominant geworden', sagte Wilhelm der Deutschen Presse-Agentur. Dadurch würde vernachlässigt, was mit anderen Formaten wie Dokumentationen und Themenabenden möglich wäre."

Unter anderem Der Standard und die SZ gehen auf das gerade verfügte Telegram-Verbot im Iran ein:

"Die Verbannung (erfolgte) auf direkten Zuruf des iranischen Telekommunikationsministers, Mohammad-Javad Azari Jahrom, der Telegram via Twitter in aller Öffentlichkeit zu diesem Schritt aufforderte",

schreibt SZ-Mann Moritz Baumstieger. Dass der Minister dies via Twitter forderte, sei nicht ohne Ironie, denn 2009 war Twitter ja noch das wichtigste Medium für Anti-Regierungs-Aktivisten. Hinzu kommt:

"Twitter (ist) in Iran verboten - obwohl der Präsident, der Außenminister und der Oberste Führer das Medium gerne nutzen, um gegen den Erzrivalen Saudi-Arabien zu wettern."

Baumstieger weiter:

"Statt Facebook oder Twitter traf der Bann (…) das auf Bilder zugeschnittene Netzwerk Instagram und die für Smartphones konzipierte App Telegram. In ihr lassen sich anonym Gruppen erstellen, in denen die Administratoren Informationen an einen großen Kreis senden können. Weil die App als vergleichsweise sicher gilt - sie wurde in Russland programmiert, was dem US-Geheimdienst NSA den Zugang wohl erschwert - ist sie weltweit bei politischen Gruppen beliebt."

Im Kongo hat die Regierung derweil noch mehr verfügt als jene im Iran, nämlich "eine landesweite Sperrung des Internets und der SMS-Dienste" (Reuters/Spiegel Online).

"… dann muss man aber auch über die anderen geschätzten 150 Frauenmorde aus dem Jahr 2017 berichten"

Beim Erscheinen des letzten Altpapiers im alten Jahr noch kein medienkolumnistisch relevanter Ort: Kandel im Landkreis Germersheim. Das änderte sich, nachdem dort ein junger Mann in einer Drogerie seine 15-jährige Ex-Freundin erstochen hat. Christian Meier (Die Welt) gibt einen Überblick über die erste Berichterstattung von dpa und "Tagesschau". Die hatte zunächst nicht berichtet, weil es sich um eine "Beziehungstat" handle, sich dann aber doch anders entschieden. Auf den Begriff "Beziehungstat" bezieht sich auch Elsa Koester in einem Kommentar fürs Neue Deutschland:

"Nun könnte man argumentieren, dass der Mord an Frauen keine Privatsache ist, sondern politisch: weil mit dem Geschlechterverhältnis verbunden (…) Gewalt gegen Frauen ist Ausdruck eines patriarchalen Machtverhältnisses. Deshalb steigt sie an, wenn der Mann an Macht verliert: In Trennungsphasen etwa oder wenn die Frau mehr verdient als ihr Partner. Insofern ist Beziehungsgewalt politisch – und von öffentlichem Interesse. Ja, was in Kandel geschah, war ein Femizid. Man kann darüber berichten. Dann muss man aber auch über die anderen geschätzten 150 Frauenmorde aus dem Jahr 2017 berichten."

Der Jurist Heinrich Schmitz geht bei diekolumnisten.de auf "Reaktionen im Netz" ein, die er vorwiegend der Facebookseite von Focus Online entnommen hat:

"Beängstigend sind (…) weniger (die) Ausraster, als die Tatsache, dass diejenigen, die sich so äußern, offenbar die Grundsätze des Grundgesetzes und damit die Basis unseres Rechtsstaats ablehnen."

Auch für hiesige Verhältnisse aufschlussreiche Beobachtungen zur Berichterstattung über die Antifa in den USA liefert Lukas Hermsmeier bei Zeit Online:

"Medien wie Fox News sind (...) wie besessen von der Vorstellung, dass bald ein linksverschuldeter Bürgerkrieg ausbricht. Sobald irgendwo ein Fenster eingeworfen wird, werden Rechtspopulisten (...) oder (...) Newt Gingrich eingeladen, um die 'Antifa-Apokalypse' zu beschwören."

Das ist in Deutschland - siehe die Reaktionen auf G20 - tendenziell ja nicht unähnlich, wenngleich es einen TV-Kanal, dessen Breitenwirkung mit der von Fox News vergleichbar wäre, hier ja nicht bzw. noch nicht gibt. Was vielleicht ebenfalls nicht nur für die USA gilt:

"Dass Antifaschisten so oft vom Rest der Gesellschaft isoliert bleiben, liegt allerdings auch an ihrem Dogma der Hierarchielosigkeit. Jede Entscheidung wird in der Gemeinschaft getroffen, veröffentlichte Texte nur von der Gruppe unterschrieben. Es gibt weder Wortführer noch Sprecher: Nur wenige erklären die Konzepte unvermummt in der Öffentlichkeit (…) So stehen sich bei der Mobilisierung Antifa-Aktivisten oft selbst im Weg. Einerseits bekämpfen sie autoritäre Strukturen, andererseits verhindern ihre eigenen autoritären Strukturen oft die Kommunikation nach außen."

"… dann ist jeder Mensch mit einem Gewissen ein Aktivist"

Im ersten längeren Interview, das Meşale Tolu nach ihrer Freilassung gegeben hat, geht es auch um den - vermeintlichen - Gegensatz zwischen Journalismus und Aktivismus. Tolu sagt gegenüber taz.gazete:

"Wenn ich für meinen Sohn eine gute Welt will, dann muss ich das für alle Kinder wollen. Wenn diese Perspektive unter Aktivismus fällt, dann ist jeder Mensch mit einem Gewissen ein Aktivist. Für manche Menschen ist Journalismus lediglich ein Beruf. Sie begreifen ihn wie eine Schürze, die man nach Feierabend wieder auszieht. Für mich ist das anders."

Wobei ein Problem natürlich auch darin besteht, dass, um bei Tolus Bild zu bleiben, allzu vielen Journalisten nicht einmal ihre Schürze steht.

Tolu ist seit rund zwei Wochen frei, und nun gibt es auch Anzeichen, dass sich für Deniz Yücel "etwas bewegen könnte". Das meint Jürgen Gottschlich (taz), Bezug nehmend auf eine Interviewäußerung des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu. Gottschlich sieht’s mit gemischten Gefühlen bzw. äußert schon mal vorsorglich Skepsis:

"So erfreulich eine Freilassung von Deniz Yücel wäre, steht doch zu befürchten, dass nicht nur die Bundesregierung, sondern die EU insgesamt ihren Druck auf die Türkei wegen der harten Repression gegen die gesamte Opposition verringern wird. Nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie werden die rund 150 türkischen Journalisten die in ihrem Land weiterhin in Haft sind, in Deutschland dann wohl weitgehend vergessen werden."

Altpapierkorb (Dumme Kälber in Sachsen, NetzDG, #34C3, die erfolgreichsten Falschnachrichten des alten Jahres, 25 Jahre Sport 1, Josef Joffe, Jennifer)

+++ Hat es, frei nach Brecht, jemals einem Kalb etwas gebracht, dass es vor seiner Schlachtung mit seinem Metzger gekuschelt hat? Bei der Sächsischen Zeitung glauben sie das wohl.

+++ Was es alles mit sich bringt, dass das Netzwerkdurchsetzungsgesetz "nach einer dreimonatigen Übergangsfrist zum Jahresbeginn richtig scharf gestellt" wurde, dröselt die SZ auf. So, gelinde gesagt, umstritten das NetzDG auch ist: Das Potenzial, zumindest einen kurzfristig wirkenden zivilisatorischen Fortschritt herbeizuführen, scheint es auch zu haben, wie der Umgang von Twitter mit zwei populären Rechtsextremistinnen zeigt (siehe etwa faz.net).

+++ Aus den zahlreichen Artikeln zum #34C3, der am Samstag zuende gegangenen Jahrestagung des Chaos Computer Clubs in Leipzig, seien drei Aspekte hervorgehoben: Kai Biermann (Zeit Online) befasst sich mit einem Vortrag Kristin Pietrzyks, der Anwältin der im Sommer unter dubioser Zuhilfenahme des Vereinsrechts verbotenen Online-Plattform linksunten.indymedia. Pietrzyk betrachtet diese Maßnahme als eine gegen die Pressefreiheit. Biermann schreibt: "Sie klagt (…) gegen das Vereinsverbot vor verschiedenen Verwaltungsgerichten. Denn sollte das Verbot Bestand haben, bedeute das im Umkehrschluss, dass auch andere Medienangebote über den Umweg des Vereinsrechts belangt werden könnten. 'Wenn das durchgeht, dann sind bald andere Blogs dran.'" Der Datenjournalist Michael Kreil hat in Leipzig einen Vortrag (Dropbox-Link) gehalten, in dem er darlegt, dass die verbreiteten Einschätzungen über die Bedeutung von Filterblasen falsch sind. "Bisher wurden über Filterblasen vor allem Theorien aufgestellt, etwa, dass sie Nutzer radikal machen oder die Gesellschaft bedrohen. Aber um darüber Aussagen zu treffen, fehlt es einfach an Forschung", sagt er dazu in einem Gespräch mit Spiegel Online. Inwiefern auch Social Bots, vereinfacht formuliert: überbewertet werden, erläutert Kreil in einem hier nebenan zu findenden Interview.

+++ Wie unter anderem Die Welt und die Rainer Wendts dieser Welt das völlig falsche Bild einer während der Silvester-Party am Brandenburger Tor eingerichteten "Sicherheitszone" für Frauen malten, rekonstruieren süddeutsche.de und das von Lutz Hachmeister (siehe oben) frisch gescholtene Bento.

+++ Apropos Unwahrheiten: acht der bei Facebook im vergangenen Jahr "erfolgreichsten Falschmeldungen" - also jene, die dort am meisten "Interaktionen generiert haben" - listet Buzzfeed Deutschland auf.

+++ Wer im Netz gern mehr Dokumentarfilme und Dokumentationen sehen würde, die Suche danach aber zu mühselig findet - dem hilft möglicherweise die Plattform Featvre. Der Tagesspiegel stellt sie vor.

+++ Außerdem beschäftigt sich der Tagesspiegel mit der Lage des zuletzt wichtiger Fußballrechte verlustig gegangenen Senders Sport 1. Anlass: dessen 25-jähriges Jubiläum.

+++ Ex-Altpapier-Autor Matthias Dell glossiert in seiner @mediasres-Kolumne für den Deutschlandfunk die George-Orwell-Exegesen des alten Zeit-Zampanos Josef Joffe.

+++ Für Medienpolitik-Gourmets: Jürgen Brautmeier, früher Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), befasst sich mit der notorischen Nicht-Staatsferne dieser Institution. "Brautmeiers Analyse (…) enthält durchaus selbstkritische Töne, war er doch Beteiligter am politischen Gezerre um die Organisation der Medienaufsicht über den Privatfunk in Deutschland", meint die Medienkorrespondenz, die den Text des CDU-Mannes veröffentlicht hat. Brautmeier schreibt unter anderem: "Der Stellung und dem Ansehen der LfM hat die Nähe zur Politik – gleiches gilt für die Medienanstalten in anderen Bundesländern – nicht unbedingt geholfen. Ob sich hieran grundlegend etwas ändern lässt, bleibt abzuwarten; zu wünschen wäre auf jeden Fall ein gesteigertes kritisches Bewusstsein in der Politik wie in der Öffentlichkeit. Voraussetzung ist allerdings, dass die Politik lernt loszulassen, sprich: dass sie lernt, die Medienregulierung und damit die Medienanstalten ihre Arbeit tun zu lassen, ohne hineinregieren zu wollen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern überall."

+++ Mittlerweile online: Christian Bartels’ epd-medien-Beitrag zum unbefriedigenden Umgang von ARD und ZDF mit ihren Archivschätzen (siehe Altpapier). Seit kurzem - und noch bis Ende Januar - steht einer dieser Schätze, die in dem Text erwähnte, 1983 ausgestrahlte BR-Serie "Monaco Franze", online zur Verfügung.

+++ Hans Hoff empfiehlt in der SZ die zweite Staffel von Lars Jessens Comedy-Serie "Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres" (NDR): "Scheitern ist bei Jessens Filmen quasi die Grundvoraussetzung für einen Protagonisten, was es dem Zuschauer leicht macht, sich als Gewinner zu fühlen. Das Rezept funktioniert auch bei den drei neuen 'Jennifer'-Folgen (und einer Making-of-Doku), die wieder im Friseurmilieu spielen, wieder im Hamburger Speckgürtel, wieder in der Trostlosigkeit einer Vorstadttristesse zwischen Imbiss und Haarsalon."

+++ Seit der Fusion der Redaktionen der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten im Jahr 2016 klagten deren Journalistinnen "über Stress, Schlafstörungen, Depression, Burn-Out und darüber, dass sie ihre Qualitätsstandards nicht mehr halten können. Und auf die Frage, ob gute Leistungen anerkannt würden, antworteten 69 Prozent mit Nein", schreibt die Wochenzeitung Kontext mit Bezug auf eine Umfrage des Betriebsrats im vergangenen Herbst. Hauptsächlich geht es in dem Beitrag allerdings darum, dass der Chefredakteur der StZ ein vom 81-jährigen Mitarbeiter Ruprecht Skasa-Weiß ausgetüfteltes Weihnachtsrätsel aus dem Blatt kippte. 

+++ Die FAZ würdigt auf der Feuilleton-Aufmacherseite den 1960 von der Zeitschrift Vogue unter Vertrag genommenen Modefotografen David Bailey, der heute 80 Jahre alt wird. "Die ausgelassene Stimmung des Swinging London der sechziger Jahre zwischen Lackstiefeln, Mini-Rock und Pop hat er gleichermaßen geprägt wie dokumentiert", schreibt Freddy Langer.

+++ Kurz vor Weihnachten verstarb im Alter von 50 Jahren Almuth Knigge, die seit 1994 für den Deutschlandfunk tätig war, zuletzt als Landeskorrespondentin in Bremen. Im Dezember hat sie noch mehrere Beiträge für ihren Sender produziert, unter anderem einen hier von ihrer Kollegen Bettina Schmieding gewürdigten über eine ostfriesische SPD-Hochburg. Der Sender hat eine Todesanzeige im Weser-Kurier geschaltet.

+++ Kurz nach Weihnachten verstarb Nina Grunenberg, die frühere stellvertretende Chefredakteurin der Zeit. Willi Winkler ruft ihr in der SZ nach: "Die Bildungsexplosion der Sechzigerjahre wurde nicht unwesentlich von der Zeit befördert und von Nina Grunenberg kundig begleitet. Im Fachblatt der deutschen Akademiker baute sie das Ressort Wissen auf." Grunenberg wurde 81 Jahre alt.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.