Das Altpapier am 6. Oktober 2022 Der Sound des Sachzwangs

Julia Jäkel wirft WDR-Intendant Tom Buhrow Ideenlosigkeit vor – und er antwortet, als wäre er die SPD in ihrer schlimmsten GroKo-Phase. Und SWR-Intendant Kai Gniffke setzt auf mehr Vielfalt in Kommentaren – will dafür aber keine Populisten einstellen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 6. Oktober 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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"Zervakis rechnet mit der ARD ab" (nein, nicht wirklich)

Entschuldigung, aber gibt es jetzt auch eine Info-Offensive der "Bunten", oder seit wann vermeldet das Magazin exklusiv Personalwechsel der Medienbranche? "Tagesschau"-Sprecherin Karolin Kandler wechselt zu ProSieben – so geht die bunte Meldung, die von ARD und ProSieben gestern auch bestätigt wurde. Nachdem Pinar Atalay, Linda Zervakis und Jan Hofer schon rübergemacht hatten von ARD-aktuell zu den Privaten (Altpapier), fragt man sich, warum die ARD ihre Leute immer noch nicht halten kann. Aber Kandlers Wechsel steht womöglich doch nicht ganz zufällig in der "Bunten", denn so wird er begründet: "Für die Zweifach-Mama ist der neue TV-Job in ihrer Heimat München eine enorme Entlastung." Sie will also nicht mehr pendeln. Was, hm, gewiss interessant ist. Aber kein größerer Debattenschauplatz.

Wo man aber schon mal dabei ist, nach Personalwechseln zwischen ARD und ProSieben oder RTL zu googeln, stolpert man auch über ein Interview, das Linda Zervakis der medienjournalistisch ebenfalls eher unauffälligen Zeitschrift "Emotion" gegeben hat. Da scheint es etwas heftiger zur Sache zu gehen, jedenfalls wenn man watson.de glaubt ("Zervakis rechnet mit ARD ab"). Womit Zervakis dann lediglich zitiert wird, ist allerdings das: "Die Tagesschau ist heilig. Aber zur Wahrheit gehört auch, ich habe nur abgelesen, was andere für mich geschrieben haben." Eine schlimme Abrechnung ist das in der Form eher nicht. Bei der "Emotion" lautet die Schlagzeile übrigens: "Ich mag, dass ich ein bisschen ballaballa bin".

Was lernen wir daraus? Dass man an den unterschiedlichen Newsmeldungen, die aus ein und demselben Gespräch generiert werden, bisweilen mehr über die Medien erfährt, die sie veröffentlichen, als über den Gesprächsverlauf. Eine hübsche Übung für Schulklassen bei der nächsten Medienkompetenz-Schulung ließe sich daraus auf jeden Fall entwickeln.

Gniffke rechnet mit der ARD ab (nein, natürlich nicht)

Wie aber – und damit kommen wir zu den debattenträchtigeren Themen des Tages – verhält es sich mit der Überschrift "SWR-Intendant setzt auf breiteres Meinungsspektrum in ARD-Kommentaren"? Darin steckt die Behauptung, das Meinungsspektrum in ARD-Kommentaren sei derzeit nicht breit genug – eine These, die man vor allem bei bestimmten Kolumnisten schon hier oder da mal gelesen zu haben meint.

Dass Kai Gniffke, der besagte Intendant, auf ein "breiteres Meinungsspektrum" setze, ist in diesem Fall aber keine Überschrift, die in den Hoheitsgewässern der lauten Öffentlich-Rechtlichen-Kritiker entstanden ist. Sondern sie stammt von der Deutschen Presse-Agentur, die gestern von "einer Diskussionsrunde mit ARD-Intendanten" in Leipzig berichtet hat. Die Veranstaltung wurde vom MDR (bei dem auch diese Kolumne erscheint) und der Handelshochschule Leipzig ausgerichtet (und geht heute weiter – das Programm und einen Livestream gibt es auf den Unternehmensseiten des MDR). Und was Gniffke, der im kommenden Jahr den ARD-Vorsitz übernimmt, dort sagte, fasst die "dpa" so zusammen (siehe etwa welt.de oder spiegel.de):

"Bestimmte Haltungen und Meinungen – der SWR-Intendant führte als Beispiel das Thema Atomkraft an –‚ haben wir möglicherweise nicht in dem Maße auf einer Kommentatorenliste, wie es möglicherweise dem Durchschnitt der Bevölkerung entspricht‘".

Wie man es hinkriegen soll, Leute in die Redaktionen zu schaffen, die bei allen möglichen künftigen Themen dann den "Durchschnitt der Bevölkerung" repräsentieren – das ist freilich eine andere Frage, die auch Gniffke zurecht stellt ("Ich kann jetzt nicht eine Ausschreibung herausgeben, auf der steht dann: ‚Bei gleicher Qualifikation werden Populisten bevorzugt‘").

Wobei die Orientierung an Bevölkerungsdurchschnitten ohnehin nicht der allein selig machende Maßstab sein sollte. Stichhaltigkeit, Dramaturgie, Entwicklung der Argumente, Vortrag – da fielen einem schon noch ein paar andere Kriterien ein.

Was Gniffkes konkretes Beispiel – die Nutzung von Atomkraftwerken über das Jahresende hinaus – angeht, scheint das Meinungsbild in der Bevölkerung allerdings doch bemerkenswert klar zu sein; zumindest stellte es sich im ARD-"DeutschlandTrend" vom August so dar. Und dass sich dieses Bild dann in öffentlich-rechtlichen Medien wiederfinden muss, liegt tatsächlich auf der Hand – zumal "alle Rundfunkanstalten der ARD, ZDF, Deutschlandradio sowie SRG, ORF und Arte" erst im Mai den "Leipziger Impuls III" verabschiedet haben (faz.net), in dem es heißt:

"Die integrative Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Medien besteht vor allem im Sichtbarmachen und Einordnen der gesellschaftlichen Vielfalt beispielsweise hinsichtlich Themen, Akteurinnen und Akteuren, Meinungen, Erfahrungen, Werthaltungen und Perspektiven in zeitgemäßen Angebotsformen und vielfältigen Genres."

(PS: Wie die "Tagesthemen" das laufende Atomkraftthema, das Kai Gniffke ansprach, bislang kommentiert haben, würde ich Ihnen nun natürlich auch gerne verraten. Aber es ist keine Sache von einer halben Stunde, das auf den Seiten von tagesschau.de zu recherchieren.)

Christian Lindner rechnet durch

Joachim Huber lobt im "Tagesspiegel" die besagte Leipziger Public-Value-Konferenz: "(D)ie Öffentlich-Rechtlichen haben mit ihrer Synode in Leipzig aufgezeigt, dass sie etwas Wesentliches begriffen haben: Wer ARD und ZDF als kommunikative Akteure des Gemeinwohls verortet sehen will, der muss schon in den Programmen auf Vielfalt achten."

Dass der Reformbedarf für die Öffentlich-Rechtlichen aber hier nicht endet, daran erinnern zwei weitere Beiträge vom Tag. Bundesfinanzminister Christian Lindner bekommt heute auf der Medienseite der "Süddeutschen Zeitung" (Abo, oder 0,79 Euro bei Blendle) noch einmal (siehe Altpapier) Platz, seine Vorschläge zu unterbreiten. Versuchen wir es heute mal nicht vorrangig mit dem Hinweis, dass er eigentlich doch gar nicht zuständig ist. Auch nicht nur mit einem Best-Of von Evergreens (von "Rundfunkgebühren einfrieren" bis "Intendantengehälter begrenzen"). Unterstellen wir auch nicht, dass seine öffentliche Befassung mit dem Thema irgendetwas mit anstehenden Landtagswahlen zu tun haben könnte.

Zitieren wir stattdessen die Passage, in der er darlegt, warum er sich tatsächlich zum Thema einlässt – denn an der ist wirklich gar nichts auszusetzen:

"Wir müssen jetzt das öffentliche Gespräch führen, damit Entscheider und Gremien der Debatte nicht ausweichen. Ich sehe nach den Vorgängen beim RBB ein Momentum."

Julia Jäkel rechnet vor, was man mal tun könnte

Und switchen wir damit direkt rüber zur "Zeit", wo der für konkrete Reformen sehr mitzuständige WDR-Intendant und derzeitige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow mit der ehemaligen Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel darüber diskutiert (im Jargon: streitet), wie man die Öffentlich-Rechtlichen aus der Krise bringen könnte. Die leichtere Position hat dabei Jäkel, weil sie Reformprozesse kritisieren kann, ohne sie gestalten zu müssen. Aber sie macht auch etwas draus, weil sie Buhrow (bzw. "Tom") seinen Sound of Sachzwang nicht durchgehen lässt.

Buhrow nämlich klingt alles in allem wie die SPD in der Großen Koalition, in der Phase, in der sie ziemlich ideenlos und ungeliebt wirkte. Er nutzt Formulierungen wie "70 Jahre lang haben wir diesem Land gut gedient". Lobt sich für den "crossmedialen Umbau der Programmdirektionen" oder den "digitalen Ausbau bei gleichzeitiger Verschlankung der Strukturen". Er verweist auf "die bundesweite Radio-Infonacht, die vom NDR für die ARD produziert wird". Oder behauptet – und das ist angesichts der RBB-Krise eine bemerkenswerte These –, es gebe "keine andere Institution in Deutschland, die so reguliert, so überwacht und so durchleuchtet ist".

Aber wenn es um eine große Idee, eine Vision geht, befindet er sich irgendwie für nicht zuständig:

"Die Sender und die ARD insgesamt reformieren sich seit Jahren. Aber die grundsätzlichen Fragen werden seit Jahrzehnten im Vierjahreszyklus zwischen Politik und Sendern hin und her geschoben. (…) Ich kann Ihnen (…) sagen, was die Debatte begrenzt: die Vorgaben der Politik. Die ist es, die uns den Auftrag erteilt."

Und das mag so sein. Aber einen Auftritt, der nicht aus der Defensive kommt und irgendwie besitzstandswahrerisch klingt – den verbietet ihm die Politik natürlich nicht. Jäkels Antwort jedenfalls lautet:

"ARD und ZDF zeigen auf die Politik und sagen: Die Politik muss sich bewegen. Die Politik zeigt zurück und sagt: Warum reformiert ihr euch nicht? Niemand geht nach vorne, auch Sie nicht. Dabei würde ich mir von Ihnen eine grundlegende Idee wünschen, wie die Öffentlich-Rechtlichen aus dieser Krise kommen."

Altpapierkorb (Einstweilige Verfügungen gegen "Business Insider", "Bild" und "Stern", Ermittlungen beim RBB, irgendwas mit Elon Musk)

+++ Das Landgericht Hamburg hat, wie der NDR am Mittwochnachmittag mitteilte (siehe etwa dwdl.de), Verdachtsäußerungen von "Business Insider", "Bild" und "Stern" in Bezug auf den NDR als unzulässig beanstandet. Die Berichterstattung des "Stern" über einen angeblich zurückgehaltenen Film aus dem Landesfunkhaus Schleswig-Holstein über Verschickungskinder habe sich in wesentlichen Punkten als falsch herausgestellt. Falsch seien auch die in "Business Insider" und "Bild" erhobenen Vorwürfe der "Vetternwirtschaft" gegen die Chefin des Landesfunkhauses Hamburg.

+++ Das NDR-Medienmagazin "Zapp" sondersendete am Mittwochabend wieder in eigener Sache.

+++ In der Affäre um den RBB derweil hat die Generalstaatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen auf den Verwaltungsdirektor und ehemaligen stellvertretenden Intendanten sowie die Juristische Direktorin des Senders ausgeweitet, wird gemeldet ("Tagesspiegel", sueddeutsche.de).

+++ Und, so knapp wie möglich, weil ich die neuesten Wendungen weder durchdrungen noch zu durchdringen versucht habe: Elon Musk (oder heißt er Egon?) will jetzt angeblich vielleicht doch wieder Twitter kaufen ("taz", "Guardian"). Oder sagt es.

Das nächste Altpapier erscheint am Freitag.

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