Das Altpapier am 22. November 2022 Schlechter Rat ist auch teuer

Der RBB bleibt der RBB und eher schlecht beraten. Zeichen, die nicht gesetzt werden, sind erst recht welche, lehrt die Fußball-WM früh und eindrucksvoll. Und oh, Twitter hat oder hatte deutsche Angestellte? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Das Altpapier am 22. November 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Christian Bartels
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RBB wie eh und je. Aber: scharfe Kritik

Immer dieser RBB. Zuletzt (gestern hier) kamen die Nachrichten von der Berlin-Brandenburger Hauptstadtanstalt vergleichsweise verhalten daher. Sparrunden gibt's schließlich nahezu überall, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen  (selbst wenn sie in der laufenden Gebührenperiode faktisch mehr Geld einnehmen, bloß halt früh verplanten, wie die "FAZ" am Samstag gern vorrechnete). Gegenüber den 41 Milllionen Euro in zwei Jahre, die die neue RBB-Intendantin am Freitag einsparen zu müssen ankündigte, wirken 1.000 oder 1.500 Euro im Monat wie Erdnüsschen. Sie machten aber mehr her:

"Vernau gestand, dass sie 1000 Euro pro Monat für ihre 'angenehme Wohnung' nahe dem Berliner RBB-Hauptsitz kassiert. Trotz 295 000 Euro Jahresgehalt!",

meldete die "Bild"-Zeitung im Berliner Lokalressort. "Der schwierige Berliner Wohnungsmarkt schlägt jetzt auch auf die Gebührenzahler durch", scherzte "Tagesspiegel"-Redakteur auf Twitter. Den Wirbel konnte die RBB-Presseabteilung mit der Zusatzinfo, "dass der Arbeitsvertrag, der die Zuschussregelung beinhalte, auch vom Verwaltungsrat beschlossen wurde" (dwdl.de), nicht besser machen. Diese Räte haben zwar schon erheblich größen Unfug abgenickt, den frühere Geschäftsleitungen ihnen vorlegten, aber an der Praxis scheinbar nichts geändert.

Dass die älteren, üppigen "Dienstverträge mit Mitgliedern der Geschäftsleitung ... offensichtlich rechtens" sind und langfristig bezahlt werden müssen, und dass daher durch die Einsparungen "Arbeitsplätze natürlich in Gefahr" seien und, noch natürlicher, vor allem Freie sich Sorgen machen müssten, bestätigte die RBB-Personalratsvorsitzende Sabine Jauer dann im Deutschlandfunk (Audio). Ist halt so.

Oder ist doch nicht alles schlecht beim RBB? Immerhin "ein monatliches Honorar von 6.300 Euro ... verbucht als 'Autor/sonstige Tätigkeit'" überweist die Anstalt auch an einen Mitarbeiter, wow! Solcher Honorare erfreuen sich Autoren nicht sehr häufig. Es täuscht allerdings, es geht um den Ex-Chefredakteur Christoph Singelnstein und ein weiteres der komplexen Berechnungs-Kunststücke, die zu den Kernkompetenzen im RBB-Führungsteam gehörten (und weiterhin gehören, sofern sie vorzeitig gelöst werden sollen: Lohnt es sich, dem Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus seine lebenslangen Ruhegeld-Ansprüche für eine Million Euro Lösegeld abzukaufen? Dieses Angebot evaluierte businessinsider.de). Beim im Programm auch nicht irre erfolgreichen, aber ebenfalls langfristig gebundenen Kollegen Singelnstein seien die 6.300 Euro für "Beratervertrag" bloß ein Teil eines Pakets, damit er nach Vertragsauflösung ein Einkommen wie zuvor erzielen kann. Wovon der "lebenslange Anspruch auf ein jährliches Ruhegeld von mehr als 100.000 Euro" natürlich nicht berührt ist. Diesen Fall machte, immerhin, ein NDR/RBB-Team bei rbb24.de öffentlich und bekommt dafür auch Lob von der "FAZ", wenn sie heute die jüngsten RBB-Aufreger bündelt.

Zusammengefasst: Der RBB ist offenkundig über viele Jahre teuer, aber schlecht beraten worden, und Anzeichen dafür, dass er künftig weniger schlecht beraten werden möchte oder die Beratung wenigstens billiger wird, liegen nicht vor. Kein Wunder, dass der Ton auch bei Freunden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bemerkenswert scharf wird:

"Der #RBB wirkt ein bisschen wie die von Rechtsaußen betriebene Kampagne gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk",

twitterte etwa Anne Roth, Linken-Referentin für Netzpolitik. Und in den gestern hier kurz erwähnten "Süddeutsche"-Berichten zum zweitjüngsten RBB-Aufreger, also der 41-Mio.-Euro-Spar-Ankündigung, standen über die "Spitzengehaltsbezieher in der ARD", also ausdrücklich nicht nur beim RBB, Sätze wie:

"Ein öffentlich-rechtlicher Sender, dessen Apparat sich selbst schont, aber das Programm schon mal wegmacht, ist nicht aufgeräumt. Er ist überflüssig."(Claudia Tieschky auf der Meinungsseite am Samstag).

Diese und jene Zeichen zur Fußball-WM

Die deutschen Kicker sind noch gar nicht in Aktion getreten. Doch schon verdichten sich Zeichen, dass die angelaufene Fußball-WM, was gesetzte und sofort rund um den Globus verstandene Zeichen angeht, vielleicht tatsächlich mehr Potenzial besitzt als die Scheichs in ihren kühnsten Träumen zu träumen wagten.

Die deutsche Mannschaft wird ihr Zeichen, dass Kapitän Manuel Neuer mit einer "One Love"-Armbinde aufläuft (was "als sichtbarer Protest sowieso eher lau" gewesen wäre, meint der "Tagesspiegel"), nun also doch nicht ausführen. Das zog allerlei Reaktionen nach sich:

"Feige, geldgeil, armseelig [sic, aber schön], dass sie nicht mal durchhalten, eine Pseude-Binde (Ohne Regenbogen) zu tragen, weil die Angst vor den korrupten Funktionären zu groß ist",

twitterte "Bild"-Reporter Paul Ronzheimer. Und "journalist"-Chefredakteur Matthias Daniel, rechtschreibsicherer: 

"... Es ist kein Zeichen, sondern PR. In dem Fall ein PR-Desaster. Ein PR-Desaster auf Kosten von #diversity #menschenrechte #regenbogen #freiheit #gleichberechtigung. DFB und Fifa - einfach nur armselig."

Zeichen, die nicht gesetzt werden, aber pompös angekündigt wurden, sind erst recht Zeichen. Dass Reporter/ Experten auch eine Armbinde tragen können, wie die BBC vormachte und ZDF-Reporterin Claudia Neumann dann nachvollzog, ist freilich auch eines.

Leider gewannen gestern die ebenfalls Pseudobinden-losen Engländer gegen die iranische Nationalmannschaft, die – nun ein gesetztes Zeichen – vor dem Spiel ihre Nationalhymne ostentativ nicht mitsang. Das zeigte z.B. dieser Tweet (bzw.: dass er es nicht mehr zeigt, "aufgrund einer Meldung des Urheberrechtsinhabers", zeigt, wie sehr Twitter, auf das zwischenzeitlich urheberrechtlich viel krasser geschützte neue Kinofilme wie "The Fast and the Furious: Tokyo Drift" raufgeladen worden waren, weiterhin taumelt. Wobei, etwa beim Ukrainer Anton Gerashchenko sind dieselben Iraner-Aufnahmen derzeit auf Twitter noch zu haben ...)

Ob das Nicht-Singen der iranischen Kicker nicht doch eine preiswerte Geste war, weil sie sich zuvor vor ihrem Regimechef verbeugt hatten (unbewegtes Foto in diesem Tweet: fast so tief wie Vizekanzler Habeck im März in Katar), wäre eine weitere Frage. Keine Frage, dass im Vergleich mit den fußballspielenden Landsmännern das Zeichen iranischer Basketballerinnen mit offenem Haar (Tweet mit Foto z.B. von Ahmad Mansour, Artikel mit Foto in der "FAZ") umso mutiger, weil womöglich lebensgefährlicher war und bleibt.

Doch zurück in die klassischeren Medien: Bei den von den übertragungsberechtigen Sendern teuer bezahlten Fernsehübertragungen führt weiterhin das "Weltbild" die Regie, schreibt die "Süddeutsche" mit Blick auf die beim Eröffnungsspiel schnell geleerten, im Fernsehen jedoch nicht gezeigten Ränge:

"Die Frage, wieso denn dann nur Fernsehbilder von rappelvollen Blöcken mit siegestrunkenen Ecuadorianern und Jubel-Katarern gezeigt wurden, geht fehl, wenn sie ans ZDF gerichtet wird, das im Wechsel mit der ARD 48 Spiele aus dem gemeinsamen Sendezentrum in Mainz live überträgt. Beide öffentlich-rechtlichen Sender zeigen genau wie Magenta-TV und alle anderen Sender in mehr als 120 Ländern das sogenannte Weltbild. Das wiederum wird erstellt von ..."

einem Dienstleister, der wie der korrupte Weltfußballverband in der Schweiz sitzt. Ob konkurrierende Bildmedien, die zeigen, was die FIFA nicht gezeigt haben möchte, das "Weltbild" konterkarieren, oder ob die trotz allem noch Fußball-interessierte Öffentlichkeit halt in mehrere Teil-Öffentlichkeiten zerfallen wird, wie es andere Öffentlichkeiten ja auch tun – auch das dürfte während des langen Turniers eine spannende Frage bleiben.

Massenentlassungen, Schließungen, "Führungschaos"

Jede Menge los bei den privatwirtschaftlichen Medienunternehmen, die sich nicht der sicheren Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen erfreuen können, und inzwischen, selbst wenn es sich um global engagierte kalifornische Plattform-Konzerne handelt, auch nicht mehr der laufend weiter steigenden Superprofite, die sie doch gewohnt waren. Da tut sich viel, das zu schade für den Altpapierkorb wäre. Zum Beispiel kündigte der Facebook-Konzern Meta 11.000 Entlassungen an, und

"auch in Deutschland nehmen einige wichtige Mitarbeiter von Meta Abschied, die sich speziell um die Kooperationen mit Nachrichtenmedien gekümmert haben",

schreibt die "Welt" unter der Überschrift "Warum Influencer für Facebook jetzt wichtiger sind als Journalisten". Speziell hat sie Jesper Doub, "der vor rund vier Jahren vom 'Spiegel' kam und den Titel 'Director International News Partnerships' trug", im Blick (und macht manche Windungen, die der nach einigem Zögern auch von Springer eingegangenen Partnerschaft mit Facebook/Meta gelten). Und oh, auch Twitter, das im hohen vierstelligen Bereich Entlassungen verkündete, hat oder hatte deutsche Angestellte? Wo denn? (Als der Kabarettist Shahak Shapira die deutsche Twitter-Zentrale in Hamburg suchte, fand er rein gar nichts. Aber das war 2017). Jedenfalls würden die deutschen Gefeuerten sich nun mithilfe der Gewerkschaft Verdi gegen Elon Musk wehren, berichtet der österreichische "Standard".

Bertelsmanns Konzernchef Tommy Rabe konnte kürzlich in der "FAZ" über sich die Bezeichnung "drahtiger Sonnenkönig" lesen, und dass er "ein Führungschaos" anrichte. Nun muss Bertelsmanns Ex-Paradepferd Gruner+Jahr einen weiteren Schlag einstecken: Eine seiner größten Papier-Zeitschriften, das Deutsche Bahn-Kundenheft "db mobil", wird kommendes Jahr nicht mehr gedruckt (z.B. kress.de). Dabei hatte das Heft "nach Bahnangaben monatlich 1,15 Millionen Leserinnen und Leser", die es ja schon deswegen prima erreichte, weil Bahnreisende oft und zunehmend immer noch mehr Zeit in den Zügen, in denen das Heft stets großzügig ausgelegt wurde, verbringen.

Ob bei Springer auch ein Führungschaos herrscht oder gerade nicht, da die noch amtsjunge News Media-Vorständin Ulrike Handel, die die verbliebenen Zeitungsmarken "Bild" und "Welt" verschmelzen zu wollen schien, schon wieder gegangen wurde – darüber können Springer-Auguren nun urteilen (frei online z.B. bei meedia.de). Und obwohl der unangefochtene Springer-Chef Mathias Döpfner den Posten des Zeitungsinteressenverbands BDZV, auf dem er lange angefochten war, demnächst ja aufgeben wird, wird eine der größten deutschen Zeitungsgruppen, der Ex-"WAZ"-Verlag Funke, der Döpfners wegen aus dem Verband ausgetreten war, nicht wieder zurückkehren: "Der BDZV verliert einen seiner größten und wichtigsten Beitragszahler", meldet ebenfalls meedia.de.

Eine der neben Funke in Fläche größten Zeitungsgruppen, Madsack, macht wiederum mit "Einsparplänen bei der 'Ostsee-Zeitung'" in Rostock Furore, beklagt die bereits erwähnte Gewerkschaft Verdi. Es drohen "die Schließung des Druckstandortes, des Anzeigensatzes und der Bildbearbeitung". Besonders ... heißt es: pikant?, ist, dass Madsacks größter Gesellschafter ja – wie sich beim Durchblättern so gut wie jeder Madsack-Zeitung rasch erraten lässt – die Bundeskanzler-Partei SPD ist.


Altpapierkorb (Disney, Kreuzfahrtschiff, Katzenfutter, Digital-Gipfel, Straub/Huillet)

+++ Noch was von global agierenden Milliarden-Medienkonzernen: Nachdem Disney "an der Börse mehr als 40 Prozent an Wert verloren hat" und auch im Streaming-Geschäft Verluste machte, wie sie fast alle im Streaming-Geschäft machen, "kehrt der langjährige CEO Bob Iger nach elf Monaten im Ruhestand mit sofortiger Wirkung zurück" (z.B. dwdl.de). +++ Gute Nachricht, also aus Disney-Sicht: Für das riesengroße, teure Kreuzfahrtschiff, das der Disney-Konzern in Mecklenburg-Vorpommern kauft, zahlen wohl weniger Disneys Aktionäre als die deutschen Steuerzahler. Das berichtete Lutz Meier im gerade arg unübersichtlichen Bertelsmann-RTL-Ex-Gruner-Angebote (n-tv.de, capital.de). +++

+++ Noch was von den Funkes: "Mit dem Claim 'So Thüringen wie du' startet die Funke Mediengruppe eine groß angelegte Kampagne ihrer Tageszeitungen in Thüringen" (erneut meedia.de). Die Ankündigung, dass die letzte Thüringer Druckerei schließt und die Funke-Blätter inzwischen aus Niedersachsen nach Thüringen kutschiert werden, liegt ja schon über zwei Jahre zurück (flurfunk-dresden.de). +++

+++ Am 8./9. Dezember ist wieder "Digital-Gipfel", also "die größte netzpolitische Veranstaltung der Bundesregierung. Doch das Programm findet auch im Dezember 2022 nur unter marginaler Beteiligung der digitalen Zivilgesellschaft statt", beklagt netzpolitik.org mit perfekt sitzendem Symbolfoto (falls da hinter der "smarten" Brille ein prominenter Bundeskanzler steckt).+++ 

+++ Noch attraktiver: das Foto zur hübschen, aber auch lehrreichen spiegel.de-Netzwelt-Meldung um einen "smarten Katzenfutterautomaten". Merke: Geräte, die als "smart" beworben werden, sind dies oft nicht im Sinne ihrer Kunden. +++

+++ Nachrufe gehören eigentlich nicht in den Altpapierkorb, Kinofilme gehören traditionell nicht in Medienressorts und Jean-Marie Straub gehörte selbst damals, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch schwierige Filme zu senden wagte, selten zu denen, deren Werke gezeigt wurden. Aber nun ist er gestorben, und Bert Rebhandls Würdigung in der "FAZ" ("...  Straub-Huillet wurden oft als elitär wahrgenommen, als Verfechter einer klassischen Kultur, von der sie aber darauf bestanden, dass diese (und nicht 'Der Alte' am Freitagabend) das Maß der Dinge gerade auch für die einfachen Menschen sein sollte. ...) ist ein großer, freilich auch nicht leicht zugänglicher Text. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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