Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 12. Januar 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 12. Januar 2018 Medien aller Länder, vereinigt Euch!

In der Türkei bleiben Journalisten trotz Freilassung in Haft. Mark Zuckerberg möchte die Laune der Menschheit retten, weshalb es Medienmeldungen im Facebook-Stream in Zukunft schwerer haben. Ulrich Wilhelm träumt von einer europaweiten Mediathek mit Reichweiten ohne Google- und Facebook-Hilfe. Der deutsche Fernsehpreis hat keine Sitzplätze für Autoren. Eckart von Hirschhausen als Gott des Gedruckten. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 12. Januar 2018
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Wenn sie denn will, kann die türkische Justiz sehr schnell arbeiten.

Gestern Nachmittag um kurz nach fünf meldete (mit Agenturen) Zeit Online, das Verfassungsgericht habe die Freilassung von Mehmet Altan und Şahin Alpay beschlossen, die wie andere Journalisten unter dem Klassiker-Vorwurf der Unterstützung terroristischer Vereinigungen verhaftet worden waren:

"Erol Önderoğluv von der Organisation Reporter ohne Grenzen äußerte ebenfalls die Hoffnung, dass das Urteil 'ein gutes Beispiel für die Dutzenden Journalisten setzt, die seit Verhängung des Ausnahmezustands willkürlich inhaftiert worden sind'. Er hoffe, dass sich die untergeordneten Instanzen an das Urteil halten, und die Regierung 'die missbräuchliche Festnahme von Journalisten' beende, sagte Önderoğlu der Nachrichtenagentur AFP."

Gut sieben Stunden später folgte dann aber die Nachricht, dass das türkische Strafgericht diese Freilassung zurückgewiesen habe (Zeit Online, Spiegel Online).

Deniz Yücel, als einer der auf das Urteil des Verfassungsgerichts als gutes Beispiel hoffenden Journalisten, ist heute seit 333 Tagen in Haft.

Türkische Gerichte können, wie gesagt, schnell arbeiten. Meist tun sie es aber nicht.


Facebook gefallen Posts von Freunden

In Online-Redaktionen aller Welt dürfte derweil heute eine ganz andere Meldung für Angst und Schrecken sorgen. Denn Zuckerbergs Mark dreht mal wieder am Facebook-Algorithmus, damit dieser in Zukunft mehr Nachrichten von Freunden, weniger von Medienunternehmen anzeigt.

Das hat natürlich rein gar nichts damit zu tun, dass Letztere über das Buchen von Anzeigen bei Facebook ihre Meldungen zurück in den Stream drücken sollen, sondern ist, wie immer im Silicon Valley, ein Akt großer Menschlichkeit. Entsprechend schreibt Zuckerberg in seinem Verkündungs-Post:

"The research shows that when we use social media to connect with people we care about, it can be good for our well-being. We can feel more connected and less lonely, and that correlates with long term measures of happiness and health. On the other hand, passively reading articles or watching videos -- even if they're entertaining or informative -- may not be as good. (…)

As we roll this out, you'll see less public content like posts from businesses, brands, and media. And the public content you see more will be held to the same standard -- it should encourage meaningful interactions between people."

Wenn just bad news good news sind, dann schauen wir sie uns doch einfach nicht an, sondern lieber die Hundewelpen unserer Freunde, könnte man diesen Ansatz zusammenfassen. Innere Emigration, galore!

Nebenher versucht sich das Unternehmen die elende Fake-News-Debatte vom Hals schaffen, denn mit der Veränderung dürften auch Breitbart und die Müllschleudern taschengeldaufbessernder Teenager draußen bleiben - oder auch nicht, wie Mike Isaak in der New York Times erklärt:

"Thursday's changes raise questions of whether people may end up seeing more content that reinforces their own ideologies if they end up frequently interacting with posts and videos that reflect the similar views of their friends or family. And bogus news may still spread - if a relative or friend posts a link with an inaccurate news article that is widely commented on, that post will be prominently displayed."

Fast scheint es, als wolle Zuckerberg gerade dringend die Zeit zurückdrehen und zwar die Einnahmen eines multinationalen Unternehmens behalten, aber den Charme der Vergangenheit zurückgewinnen, als dem Netzwerknamen noch ein "The" voranstand. Doch einmal entlassene Geister lassen sich selten in ihre Flaschen zurücktreiben, und wer ein wirklich kuscheliges Netzwerk nur mit den engsten Freunden sucht, den erfreut sicher die Nachricht vom weiteren Fortbestand von Studi-VZ.

Womit ich sagen will: Kein Netzwerk hält ewig, und Zuckerberg wäre der erste, der im Rückwärtsgang in die Zukunft käme. Aber die alte Journalistenweisheit des "Bleibt abzuwarten" gilt natürlich auch hier.

Auf kurze Sicht ziemlich sicher lässt sich hingegen sagen, dass die oben angesprochenen Online-Medien erstmal leiden werden. Schon als im vergangenen Jahr Facebook erste Algorithmusdreher Richtung Freundesbevorzugung unternahm, brachen deren Facebook-Traffic um bis zu 46 Prozent ein, wie Meedia berichtete.

Wird es Zeit, sich als Medium von Netzwerken als Verbreitungsmöglichkeit unabhängig zu machen?


Ulrich Wilhelms europäische Plattformträume

Es wird Zeit! Meint zumindest der neue ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm, der sich gestern der Presse stellte und unter anderem diese Idee zum Besten gab:

"Eine Zukunftsidee, die heute natürlich nie und nimmer schon belastbar ist, aber vielleicht als eine Schneise für mögliche Gestaltungen gilt, ist in der Tat auch die Frage, ob wir nicht zu einer gemeinsamen Plattform auch kommen könnten für die Inhalte der unterschiedlichsten Qualitätsanbieter, weil wir im Moment auch ganz stark dem unterliegen, was sozusagen von den US-Giganten Facebook, Google usw. kommt. Sie lesen selber: Jede Änderung des Algorithmus – die ja nie besprochen wird, nie vorangekündigt wird, nie transparent gemacht wird – führt dazu, dass man sofort im Wettbewerb entsprechende Folgen dann zu tragen hat."

Wie sie den Satzkonstruktionen sicher schon entnommen haben, handelt es sich dabei um ein Transkript, das Daniel Bouhs als Fleißarbeit neben der Video-Version in sein Blog gestellt hat. Er ist es auch, der in einer Nachfrage die schwammige Plattform-Formulierung zu einer "massiven Mediathek auch mit Text-Content der Verlage" konkretisiert, von deren Hürden Wilhelm dann auch zu sprechen weiß:

"Da ist ja wirklich von der Informatik und der mathematischen Seite her sehr, sehr viel Denkarbeit zu leisten. Sie haben natürlich dafür auch einen beachtlichen Aufwand des Gesetzgebers zu bedenken – Stichwort 'Kartellfragen' und anderes mehr, Urheberrechtsfragen. Aber ich würde es so sagen: Die Initiative soll ja einfach ein Nachdenken in die Richtung ermöglichen. Am Ende kommt es darauf an, ob alle die, die da als Akteure zu gewinnen wären, sagen, das könnte hilfreich sein."

Dass die Idee nicht nur spannend, sondern auch bereits Richtung Verlage gestreut sei, berichtet Ulrike Simon in ihrer (bezahlverschrankten) Spiegel-Daily-Kolumne, in der sie über Idee und Wilhelm schreibt:

"Wohl wirkt sie unausgegoren und ein wenig illusorisch. Tatsächlich hat er es aber bereits geschafft, dass der Punkt im März auf die Tagesordnung der Präsidiumssitzung des Bundesverbands der deutschen Zeitungsverleger (BDZV) kommt."

Facebook ist tot, es lebe die Europäische Medienunion! Aus reiner Genervtheit vom blauen Kraken kann zumindest ich mich dem Charme einer solchen Initiative nicht verschließen, zumal der langsam langweilende Streit zwischen ARD und Verlegern darüber endlich neue Stufen erklömme. Andererseits möchte ich auch nicht, dass dann Julian Reichelt die Nachrichtenanordnung auf der Startseite bestimmt. Die Debatte darüber ist eröffnet - nicht Wilhelms einzige, wie gesagt.

Im Interview mit Sebastian Wellendorf von @mediasres spielte der ARD-Chef noch einmal seine zwei anderen modernen Klassiker:

"Die Größenordnung, die uns fehlen würde, ist in den Jahren 21 bis 24 nur durch Sparen bei Technik und Verwaltung nicht einzulösen, wenn der Beitrag nicht um den Teuerungsausgleich angepasst würde."

und

"Die Solidargemeinschaft ermöglicht überhaupt nur, dass bestimmte Inhalte produziert werden."

Den dritten hat Joachim Huber im Tagesspiegel

("Und er fordert eine Reaktion in den Sendern, in den Redaktionen, bei Ausbildung und Anstellung. Die Mehrheit der Journalisten stamme aus dem urbanen, akademisch geprägten Milieu. 'Die Probleme vieler Menschen finden in den unmittelbaren Tageserlebnissen von Journalisten nicht in dem Maße statt, wie es für die Bevölkerung repräsentativ wäre', hatte er in einem dpa-Interview gesagt. Das müsse sich ändern, auch im Ersten Programm."),

womit für heute nur noch zwei Einschätzungen mitzugeben wären, was das alles denn nun über Wilhelm, die ARD und das kommende Jahr sagt.

"An (Wilhelms Vorgängerin Karola, Anm. AP) Wille lag es, in zähen Gesprächen mit den Intendantenkollegen eine Million um die andere aus dem System zu quetschen. Sie sah sich dazu von der Politik in die Pflicht genommen. (…) Wilhelm geht anders vor. Einer wie er denkt größer. Politisch. Über Grenzen hinaus. Europäisch, mindestens",

meint Ulrike Simon, immer noch Spiegel Daily.

Anne Fromm von der taz hingegen sieht folgenden Schwerpunkt:

"Geld ist das große Thema des Ulrich Wilhelm. Nicht überraschend, denn wegen des Rundfunkbeitrags steht die ARD immer wieder in der Kritik. Nur ist es verwunderlich, dass Wilhelm zu Beginn seiner Amtszeit darüber hinaus nicht selbst ein Reformprojekt formuliert – wie etwa seine Vorgängerin Karola Wille mit ihrer Transparenzinitiative. Reformprojekte lässt er auf sich zukommen."

Beides zusammengenommen würde bedeuten, dass Wilhelm lieber europäische Netzwerkpläne spinnt, als im kleinen konkret etwa an der von ihm kritisierten Talkshow-Schwemme zu sparen. Damit ARD (und das ZDF) auch morgen noch kraftvoll zubeißen können, muss er jedoch alles im Blick behalten.


Altpapierkorb (NetzDG, Deutscher Fernsehpreis, UKW-Radio, Eckart von Hirschhausen)

+++ "Seit 18 Monaten werden meine Familie und ich im Netz gezielt unter Beschuss genommen. Das umstrittene NetzDG hat uns eine kurze Atempause verschafft. Doch das eigentliche Problem sitzt woanders." Meint und erklärt dann sehr ausführlich in seinem Blog Richard Gutjahr. Eine Zusammenfassung der etz-erk-etz-etz-Debatte (wie Altpapier-Leser das NetzDG gerne nennen) aus dieser Woche, hat Christian Bartels in seiner evangelisch.de-Kolumne.

+++ Wenn Ende des Monats die Deutschen Fernsehpreise verliehen werden, dann müssen die Autoren leider draußen bleiben. "Auf Nachfrage meines zuständigen Redakteurs beim deutschen Fernsehpreis haben wir dann erfahren: Dieses Jahr werden sämtliche Autorinnen und Autoren der nominierten Produktionen aufgrund von Platzmangel (!!) erst gar nicht eingeladen!!!", facebookte Kristin Derfler, Autorin des nominierten ARD-Zweiteilers "Brüder". "Die Kommunikation der Einladungsauswahl ist unglücklich und der Platzmangel in der auch aus diesem Grund neu gewählten Location unverständlich. Dass die persönlich nominierten Autorinnen und Autoren eingeladen sind, geht unter", differenziert dazu Thomas Lückerath bei DWDL.

+++ Manfred Braun is leaving the building, Andreas Schoo kommt: Über den anstehenden Geschäftsführerwechsel bei der Funke Mediengruppe berichtet diese selbst sowie Rupert Sommer bei kress.de und Georg Altrogge für Meedia.

+++ Vor einem Jahr wurde in Norwegen das Ende des UKW-Radios eingeläutet. Ob das eine gute Idee war, weiß @mediasres.

+++ Was wird aus Breitbart News post Bannon? Man weiß es noch nicht, aber vieles ist denkbar, lautet die Kurzfassung. Die Langversion hat Matthias Kolb auf der Medienseite der SZ.

+++ Wer gerne mit Geräten spricht, aber wissen möchte, was diese aufzeichnen, und ob es da keine Alternativen ohne weltweiten Konzern im Rücken gibt, für den hat futurezone.at etwas vorbereitet.

+++ Den Fake News auf der Spur ist nun auch der BR, und zwar mit seinem Fakecast.

+++ "Die DFL-Tochtergesellschaft Bundesliga International hat gerade einen Sponsoringvertrag mit dem Sportwettenanbieter Tipico abgeschlossen – und sich damit kräftig Kritik eingeholt". Weil: Fußball was mit jungen Menschen und Sportwetten was mit Spielsucht zu tun haben können. Das Problem beschreibt Markus Ehrenberg im Tagesspiegel.

+++ Christian Meier macht derzeit Urlaub in Spanien, was vor allem interessant ist, weil stattdessen Zahlenexperte Jens Schröder im Medien-Podcast von Meedia und Springers Welt mit Stefan Winterbauer übers Fernsehen 2017 und 2018 und die jungen Zuschauer spricht, die vor allem dem Privatfernsehen statistisch belegt davonlaufen. Das ist auch das Thema von Imre Grimm in der Hannoverschen Allgemeinen.

+++ Ganz auf Rückblick eingestellt ist man derweil in der aktuellen Ausgabe epd medien. Jeweils noch nicht online widmen sich Ellen Nebel dem Medien- und Sybille Simon-Zülch dem Fernsehjahr 2017.

+++ Die Serienbesprechungen des heutigen Tages gelten einem Neuzugang bei Amazon. "Ohne Dicks Erzählungen und Romane hätte es weder 'Blade Runner' noch 'Total Recall', weder 'Minority Report' noch die Amazon-Serie 'The Man in the High Castle' gegeben. Die Channel-4-Serie 'Philip K. Dick‘s Electric Dreams' (…) liefert nun zehn freimütig interpretierte Kurzgeschichten nach. Was sich gut macht, da der Konkurrent Netflix doch mit 'Black Mirror' schon eine erfolgreiche Anthologieserie mit wechselnder Handlung und wechselnden Figuren im Programm hat", schreibt Matthias Hannemann in der FAZ (Blendle-Link). "Die Geschichten sind dabei keineswegs frei von Aktualität, es geht auch um die Macht der Konzerne, Privatsphäre und den Einfluss der Technologie auf das Menschsein. (…) All das lässt sich heute noch so gut erzählen, obwohl die Kurzgeschichten in den 1950ern geschrieben wurden, weil sich Philip K. Dick – anders als 'Black Mirror'-Autor Charlie Brooker – nicht an seine eigene Zeit klammert", meint Benedikt Frank in der SZ. Das Nacherzählen diverser Folgen übernimmt für den Tagesspiegel Kurt Sagatz.

+++ Dass wir das noch erleben dürfen! Die Print-Hefte sind aus! Um etwas so begehrtes zu produzieren, muss man jedoch Eckart von Hirschhausen aufs Cover nehmen. Das melden DWDL und Meedia.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag.