Kolumne: Das Altpapier am 20. Dezember 2022 Und wieder schrillen Alarmglocken

Netzwerke leiten kann Elon Musk eher nicht. Aber PR in eigenen Sachen. Die Fußball-WM lief in Deutschland zumindest bei Tiktok gut. ARD-Chefs verraten, welchen linearen Fernsehkanal sie einstellen möchten. Und ein italienischer Medienkonzern sorgt für neue deutsche Aufregung. Heute kommentiert Christian Bartels die Medienberichterstattung.

Das Altpapier am 20. Dezember 2022: Porträt der Altpapier-Autoren Christian Bartels
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Was macht Musk (denn nun wieder)?

"Wie das Sprichwort sagt, sei vorsichtig mit dem, was du willst, denn du könntest es bekommen",

lautet die von Twitter vorgeschlagene Google-Übersetzung eines der am Dienstagmorgen neueren Tweets von Elon Musk. Ansonsten retweetete er vor allem Tweets seiner weiteren Firmen Space X und Tesla. Zum jüngsten größeren Aufreger-Tweet des erratischen Twitter-Eigentümers gibt es noch keinen neuen Stand. Der lautete gestern

"Should I step down as head of Twitter? I will abide by the results of this poll."

Das Ergebnis, eine Mehrheit für Musks Rücktritt, hat wohl niemand, der sich ein kleines bisschen dafür interessieren könnte, im Zuge der zahllosen Meldungen und Einordnungen nicht mitbekommen. Bei netzpolitik.org blieb man gelassen:

"Zum neuesten Getöse gehört ein neues Pseudo-Plebiszit, das Musk veranstaltet hat. ... Der Schritt wird aber als inszenierte Rückendeckung für einen sowieso geplanten Rückzugs Musks gewertet. Weil Tesla seit der Twitter-Übernahme massiv Aktienwert verloren hat, gerät der Milliardär zunehmend unter Druck sich wieder auf dieses Unternehmen zu fokussieren",

meinte Markus Reuter. Gegensätzliche Interpretationen, also die Annahme, dass Musk die Umfrage

"mutmaßlich in der falschen Einschätzung, dass Millionen Fans, vor allem in der rechten Filterblase, ihn unbedingt weiter an der Spitze des Kurznachrichtendienstes mit der großen politischen Wirkung sehen wollten",

ansetzte ("FAZ"), gab es aber auch. Wobei viele der sehr vielen Kommentare sich zumindest auch bewusst sind, dass Musk

"weiß, wie er Medien (ja, auch uns) immer wieder dazu bringt, über ihn zu schreiben. Er schafft es, dass viele Kritiker sich nicht einfach von seinen Eskapaden abwenden, sondern immer wieder daran herum analysieren."

So Jakob von Lindern bei zeit.de. "Es wäre Zeit für eine weitere Umfrage: Soll ich Twitter verkaufen?", rät Simon Hurtz in der "SZ". Wobei solch ein Poll dann auch attraktive potenzielle Käufer aufbieten müsste. Gestern nachmittag rief dann RBB Kultur, die auf ihre Weise auch erratische Schon-auch-noch-Kultur-Radiowelle des RBB, bei Markus Beckedahl an. Der netzpolitik.org-Gründer sprach von einem "PR-Stunt" und warf als Nachfolgekandidaten auf dem Twitter-Chefposten außer Ashton Kutcher auch noch Mathias Döpfner in die Debatte. Springers "Welt" weiß, offiziell zumindest, nur von ersterem. Beckedahl äußert überdies die Ansicht, dass Musk sowieso weiter "im Hintergrund die Fäden ziehen" werde, und die Hoffnung, "dass Mastodon das neue Twitter wird". Die Anzeichen dafür verdichten sich. Der oben verlinkte netzpolitik.org-Beitrag etwa rekapituliert den datenjournalistischen "SZ"-Beitrag "Wohin die Twitter-Nutzer flüchten". Vor allem zu Mastodon.

Zwar verdient auch die Gewerkschaft Verdi Aufmerksamkeit. Sie scheint nun doch noch Betriebsratswahlen bei der Twitter Germany GmbH, deren Personalstärke der "Standard" kürzlich (im Rahmen einer Kündigungs-Meldung) auf "etwa 30 Angestellte" bezifferte, durchsetzen zu können. Interessant besonders, dass die öffentlich unbekannten deutschen Twitter-Mitarbeiter "vielfach remote von vielen Orten in Deutschland aus arbeiten", während die Geschäftsführer laut Handelsregister "beide wohnhaft in Kalifornien" sind.

Doch hat und verdient natürlich jetzt erst recht auch Mastodon seine Chance. Ohne uns in der Nische zu überschätzen: Am Altpapier soll das nicht scheitern. Wir werden, ohne Twitter zu verlassen, nun auch einen Auftritt im wohl einzigen sozialen Medium, das vermutlich kein "sog." davor benötigt, anlegen.

Die Fußball-WM-Einschaltquoten sind da

"Auch auf Social Media konnte die ARD mit ihren Angeboten punkten: So verzeichneten 'Sportschau'-Videos im Instagram Reel Format bis zu 5,3 Mio. Videoabrufe. Mit Videos im YouTube Shorts-Format erzielte der 'Sportschau'-Kanal insgesamt mehr als 10 Mio. Videoabrufe und auch Kurzvideos im 'Sportschau'-Kanal bei TikTok erreichten bis zu 3 Mio. Videoabrufe."

Da spricht unsere ARD. Nach der Fußball-WM wird überall Quoten-Bilanz gezogen. Zwar hatte das eindeutige Sport-Fernsehereignis des Jahres doch schon im Sommer stattgefunden: Die Frauen-

Fußballeuropameisterschaft war es, wie der punktgenau am gestrigen Montag erschienene Altpapier-Jahresrückblick feststellt. Dennoch sind Sportkoordinator Axel Balkausky und die ARD-Sportkoordination volle Lotte begeistert.

Zwar hatte die ARD, da sie zufällig zwei der insgesamt nur drei in Deutschland traditionell besonders interessierenden Deutschland-Spiele erwischt hatte, bessere Zahlen als das ZDF. Aber insgesamt hatten alle in Deutschland, die vor Jahren teuer Übertragungsrechte ergattern konnten, bemerkenswert schlechte: "ARD und ZDF erlebten einen Einbruch von rund 40 Prozent bei der Reichweite", heißt's in der Agenturenmeldung unter jeweils scherzhaften Überschriften ("Quoten in den Sand gesetzt", "Deutsche Frauen besiegen jedes Spiel der Männer-WM"). Und das im dunkelsten Winter, in dem sich traditionell mehr Publikum vorm heimischen Fernsehgerät versammelt als in heißen Sommern, in denen Fußballturniere sonst stattfinden. Das allein sportiv durch "das wohl schwierigste Sportereignis, das wir bislang live übertragen haben"  (Balkausky), zu erklären, überzeugt allenfalls begrenzt. Zumal es jenseits des deutschen Sprachraums keine größeren Anzeichen für Katar-Boykott gab. "Offenbar hat sich Deutschland bei dieser Weltmeisterschaft der Männer wieder einmal selbst boykottiert", schreibt Harald Neubert bei "Telepolis".

Was Instagram und Tiktok betrifft, verdiente noch Reinhart Binder Erwähnung. Wer das ist? Der selbst hier im oft äußerst detaillerten Altpapier in der Funktion, die er vier Jahre lang ausübte, nur einmal erwähnte nebenbeiberufliche Rundfunkdatenschutzbeauftragte. Vorige Woche legte er seinen Abschlussbericht vor. "Öffentlich-Rechtliche sollen sich aus Tiktok und Co. zurückziehen", lautet die Überschrift dazu bei heise.de. Aber hey, wenn die "Sportschau" zum Verlierer-Thema Männer-Fußballnationalmannschaft einen Gewinner-Spin sucht ...

Wobei der auf rundfunkdatenschutz.de runterladbare Bericht Mastodon übrigens ausdrücklich empfiehlt. Und die ARD vorige Woche ja eine Reduzierung ihrer "Social Media Accounts" ankündigte ...

ARD-Hierarchen im Streitgespräch

"... In Zeiten, in denen Elon Musk und chinesische Algorithmen entscheiden, was wir bei Twitter und TikTok zu sehen bekommen, braucht die Gesellschaft einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk."

Und:

"Die zentrale Frage ist: Wo findet künftig die Meinungsbildung statt? Bei Amazon und TikTok und Spotify? Oder auf einer deutschen Plattform? ..."

Da spricht jeweils der künftige ARD-Vorsitzende. Der "Spiegel" (€; Agenturen-Zusammenfassung) veranstaltete eines der beliebten Streitgespräche mit Tom Buhrow. Und gewann neben dem WDR-Intendanten und bis Jahresende noch amtierenden ARD-Vorsitzenden den SWR-Intendanten  Kai Gniffke, der ihm nachfolgen wird. Das ist ein durchaus konstruktives Gespräch mit ein paar dekorativen Meinungsverschiedenheiten neben relativer Übereinstimmung. Buhrow entfaltet ein Making-of seiner "Übersee-Club"-Rede ("Als der WDR im August den Vorsitz übernehmen musste, habe ich schon in der ersten Sondersitzung die Grundsatzfrage gestellt: dass alles, was bisher tabuisiert war, auf den Tisch muss").

Gniffke erläutert eloquent ("Der Klimawandel betrifft ja nicht nur einzelne Bundesländer und Arthrose ist in Bautzen genauso unangenehm wie in Bitburg") die Ankündigungen aus der eben verlinkten PM, um die es auch im Altpapier vom Donnerstag ging. Und ein paar echte Nachrichten haben die ARD-Chefs dem "Spiegel" auch mitgebracht. Sie sagen z.B. deutlicher, "dass die ARD im Jahr 2023 beginnen wird, einen linearen Kanal einzustellen", und es sich dabei um ARD-One handeln soll. Okay, das ist sowieso nur "ein Alibiprodukt für die Mediatheken-Verwertung", entgegnen die Interviewer.

Aber dass künftig "nicht jeder Sender ... noch 24 Stunden am Tag eine eigene Kulturwelle" im Radio betreiben werde und dass die ARD "eine Kommentarfunktion in der Mediathek einführen" möchte, sozusagen damit die Meinungsbildung nicht bloß "bei Amazon und TikTok und Spotify" (Gniffke) bzw. auf Youtube, wo unter ARD-Videos heftig diskutiert wird, stattfindet, besitzt gewissen Neuigkeitswert.

Mehr ARD-Stoff: Gründlich mit den ARD-Compliance-Regeln, die inzwischen ja gratis zum Download angeboten werden, hat sich Ellen Nebel in "epd medien" befasst. Dass sich der RBB auf eigene Rechnung, also zur Sanierung des notleidenden Haushalts, bemüht, das unter Intendantin Schlesinger prestigehalber alleine gewollte ARD-Studio im Nachbarstaat Polen nun wieder dem WDR zurückzuschanzen, weiß der "Tagesspiegel". Und zur Ankündigung, dass die ARD der traditonsreichen alten Tante IFA den Rücken kehrt, um lieber auf der (von Markus Beckedahl begündeten) Re:publica junge Leute zu treffen, bemerkt Steffen Grimberg in der "taz", dass diese Idee schon entwickelt wurde, als der MDR noch den ARD-Vorsitz hatte und er selber dort Sprecher war...

Deutsche Aufregung um Silvio Berlusconi

Und an noch einer Medien-Front "schrillen ... Alarmglocken" ("Tagesspiegel"). Wobei Alarmglocken-Schrillen inzwischen ja fast Grundrauschen ist und es zumindest Twitter-gestählte Nutzer wohl eher beunruhigt, wenn gerade mal keine schrillen. Jedenfalls sorgt sich sogar die "Bild"-Zeitung, die ja Verständnis für Boulevard mitbringt: "Machen ProSieben und Sat.1 bald 'Bunga-Bunga-TV?", und rief bei "Ex-Ministerin Julia Klöckner (50, CDU-Wirtschafts-Sprecherin)", um ein paar Nichtigkeiten gesagt zu bekommen.

Grund: Nachdem der italienische Medienkonzern MFE, der einst Mediaset hieß und der Familie Berlusconi gehört, erst nur in Österreich den "Erwerb von faktischer alleiniger Kontrolle an ProSiebenSat.1 Media SE" angekündigt hatte, obwohl P7S1 ja in Unterföhring bei München sitzt, meldeten sich die Italiener dann auch bei Bayerns Medienwächtern.

Die Sache ist schwer einzuschätzen, schon, weil klar ist, dass die Italiener zumindest auch vom komplizierten Aktienrecht zu solch einem Schritt verpflichtet werden, und ihre wahren Pläne unbekannt sind. Doch schlägt ihnen Widerwillen, wie ihn so heftig wohl kein ausländischer Konzern außer Gazprom entfachen würde, entgegen. Z.B.:

"'Eine faktische Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Silvio Berlusconi würde die publizistische Ausrichtung der Sendergruppe nachhaltig stören', sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Berlusconi habe seine italienischen Medien als Begleitmusik für seine politischen Ansichten und Ambitionen missbraucht. 'Das brauchen wir in Deutschland nicht. Die Staatsferne ist ein wichtiges Gebot, das auch weiterhin gelten muss.' Dem müsse das Bundeskartellamt Rechnung tragen",

warnt die Journalistengewerkschaft DJV. Wobei Staatsferne nicht zu den Kategorien des Kartellamts gehört. Eher käme da die passgenau im März (Altpapier) beschlossene "Novelle des Bayerischen Mediengesetzes zur langfristigen Sicherung der Unabhängigkeit und Vielfalt des privaten Rundfunks" in Betracht. Bayerns MP Söder wäre gewiss für deren Anwendung. Bloß wäre dann schwer mit Staatsferne zu argumentieren.

"Wer immer Berlusconi, auch aus guten Gründen, verhindern will, der braucht eine bessere Idee als das bloße Neinsagen zu Berlusconi", schreibt Joachim Huber im erwähnten "Tagesspiegel"-Artikel. Und dwdl.des Thomas Lückerath sagte zu "@mediasres", es werde wohl gerade ein "Monstrum ..., dass jemand Einfluss aufs Nachrichtengeschäft nimmt", aufgebaut. Dabei spielen Nachrichten bei P7S1 keine herausragende Rolle, und an anderen, besseren Nachrichtenangeboten im linearen Fernsehen mangelt es wahrlich nicht.

Auf der "FAZ"-Medienseite glaubt Wirtschaftsredakteur Henning Peitsmeier, dass der Berlusconi-Konzern mit der aktuellen Situation zufrieden ist ("Pro Sieben Sat.1 erwirtschaftet höhere Margen als der eigene Laden, so dass sich das Investment schon jetzt für ihn lohnt"), entwickelt aber auch Ideen, wer P7S1 denn stattdessen kaufen könnte:

"andere Medienhäuser wie RTL oder Axel Springer" – was freilich das medienmäßig tief im 20. Jahrhundert verwurzelte deutsche Kartellrecht auf die Palme bringen würde. Und ob so was Söder recht wäre? Dieses Thema wird jedenfalls 2023 noch für Diskussionen sorgen.


Altpapierkorb (Keine Auslieferung, ukrainisches Mediengesetz, kaltgestellter Redakteur, "staatsnahes Juristenmedium", Wau Holland)

+++ Wo Hendrik Zörner vom DJV recht hat, hat er recht: "Becker frei - und Assange?", heißt einer seiner nicht wenigen Kommentare. +++ Mal eine gute Nachricht hat die "FAZ": Schwedens Oberster Gerichtshof untersagte die Auslieferung des türkischen Exil-Journalisten Bülent Kenes in den NATO-Schurkenstaat Türkei . +++

+++ Ist das gerade verabschiedete neue Mediengesetz der Ukraine ein großer Schritt hin zu EU-Standards? Oder "eine Bedrohung der Informationsfreiheit", wie die Nationale Journalistengewerkschaft meint? Mehr dazu in der "taz". +++

+++"Der Plot dieses WDR-Dramas - Groß-Sender überweist widerspenstigem Redakteur aus dem Rundfunkbeitrag 100.000 Euro fürs Nichtstun - passt zu dem hässlichen Zerrbild, das der öffentlich-rechtliche Rundfunk seit Monaten abgibt": Die "SZ"-Medienseite befasst sich heute ausführlich mit dem Fall des teuer kaltgestellten WDR-Redakteurs Jürgen Döschner. +++

+++ Über Medienschaffende und Armutsbetroffene, die sie über den Twitter-Hashtag #IchBinArmutsbetroffen finden, schreibt Olivia Samnick bei uebermedien.de ("Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht frei von blinden Flecken und verqueren Perspektiven auf das Thema Armut"). +++

+++ Reichtumsbetroffen ist der Geschäftsführer der Saarbrücker juris GmbH. Mit 333 .634,04 Euro verdiente er schon 2020 "mehr, als manch ein Minister oder Rundfunkintendant bekommt", schreibt die "FAZ" und ärgert sich über das "staatsnahe Juristenmedium" libra-rechtsbriefing.de, das nämlich mehrheitlich dem Bundesjustizministerium gehört – und etwa fazeinspruch.de Konkurrenz macht. +++

+++ Da es oben u.v.a. um die IFA ging: Mit den janz jroßen Zeiten der Berliner Funkausstellung, in denen dort noch Albert Einstein sprach, steigt der Dokumentarfilm "Alles ist Eins. Außer der 0" ein. Dann springt er sofort in die 1980er Jahre. Der sehr sehenswerte 90-Minüter über den Chaos Computer Club-Gründer Wau Holland ist derzeit, aber nur bis 12.1., in der ARD-Mediathek zu sehen. +++

Am morgigen Mittwoch gibt's Altpapier von Klaus Raab.

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