Teaserbild zum Altpapier vom 22. Januar 2018
Bildrechte: MDR/Roland Kühnke / Imago / MDR/SWR/Fernsehbüro/Stefan Pannen / MEDIEN360G

Das Altpapier am 22. Januar 2018 Immer dieses Ekelfernsehen!

Viele Fernsehköche verderben den Brei – jetzt haben wir den Nachweis dafür. Warum Donald Trump so viel Aufmerksamkeit bekommt, medienpsychologisch erklärt. Wie Fox News so erfolgreich werden konnte. Und die Frage: Optimieren Medien nach einer weiteren Facebook-Neuerung bald auf Social Credibility? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teaserbild zum Altpapier vom 22. Januar 2018
Bildrechte: MDR/Roland Kühnke / Imago / MDR/SWR/Fernsehbüro/Stefan Pannen / MEDIEN360G

Im zwölften Jahr bekommt „Ich bin ein Star – Sie wissen schon“ Konkurrenz im Bereich des Maden- und Schabenfernsehens. Denn welches Format bekam am Sonntagmorgen ein Pfui hinterhergerufen? Es war eben nicht „das Dschungelcamp“ (über dessen Verlauf auch diesmal wieder gewissenhaftsehr, sehr, sehr, sehr gewissenhaftaufgeklärt wird. Es war die Kochsendung:

"In deutschen Kochsendungen machen die Protagonisten im Schnitt alle 50 Sekunden einen Hygienefehler. Das schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einem neuen Bericht",

informierte, via dpa, Spiegel Online und erinnerte daran, vor dem Kochen brav die Hände zu waschen ("gründlich").

Wobei wir, statt auf SPON, ebenso gut auf deutschlandfunk.de, focus.de oder heilpraxisnet.de verweisen könnten. Aber wenn wir die Wahl haben, nehmen wir natürlich die Site, bei der die Sonntags-Online-CVDs im Zweifel am ehesten die Bedeutung einer dpa-Meldung gegenchecken.

Die dramatischste Überschrift zum Thema hat allerdings nicht SPON. Das Bundesinstitut für Risikobewertung selbst kündigte die Angelegenheit mit der Wahnsinns-Klimax "Küche, Keime, Fernsehköche" an. Aufmerksamkeitsökonomisch ganz vorne sind aber wohl die Kolleginnen und Kollegen von Das-kriegen-wir-noch-aufwühlender-hin-stern.de mit der Zeile "Fernsehköche setzen alle 50 Sekunden die Gesundheit der Zuschauer aufs Spiel". Jawoll, Verderben, dein Name sei Tim Mälzer.

Die unglaubliche Macht des Fernsehens

Die Online-Ressorts, in denen die Geschichte läuft, sind etwa "Gesundheit", "Genuss", "Wissen" und "Kultur". Aber wir hätten sie auf jeden Fall noch mit "Macht" getagt. Denn zu ihr gehört folgender Aspekt – hier wiederum von Spiegel Online zitiert:

"Warum es problematisch ist, wenn die TV-Köche sich nicht penibel an die Regeln ihrer Zunft halten? Weil sie ein breites Publikum erreichen – und das Verhalten der Köche im Fernsehen womöglich auf die Zuschauer abfärbt."

Getestet hat man das beim Bundesinstitut auch, und zwar an zwei Gruppen. Ergebnis:

"Personen, die Kochvideos mit einwandfreier Küchenhygiene sehen, machen beim Nachkochen weniger Hygienefehler als diejenigen, die fehlerhafte Kochvideos sehen."

Wir reden hier folglich von einem Forschungsprojekt, das einen direkten Zusammenhang von Programm und Alltagsverhalten von Zuschauern nachgewiesen haben will. So viel zur Macht des Fernsehens.

Die Abschaffung der "fairness doctrine" 

Mit der beschäftigt sich auch (okay, okay, anhand eines noch besseren Beispiels) Die Republik (siehe dazu Altpapier vom vergangenen Montag, siehe auch die neue Tagesspiegel-Einordnung). Bei der Republik geht es heute um die Erfolgsgeschichte von Fox News, die – wir befinden uns bei der Lektüre ja gedanklich in der Schweiz, aber zur Not ließe sich da ein Schlenker nach Deutschland recht leicht finden – "für die Schweiz (…) von Interesse sein dürfte", steht dort doch die Abstimmung über die Rundfunkgebühren bevor:

"An der Geschichte von Rupert Murdochs Kabelsender lässt sich Grundsätzliches ablesen: dass tiefe Umwälzungen im Mediensystem nicht ohne Folgen für die Politik bleiben. Dass die Ideologisierung der medialen Berichterstattung zwangsläufig die Ideologisierung der demokratischen Auseinandersetzung nach sich zieht."

Wobei der Schlenker in die US-Rundfunkgeschichte nicht ausschließlich über Fox News erzählt wird, sondern in den 60ern beginnt:

"Schon aus kommerziellen Gründen basierte das Geschäftsmodell der Networks auf Ausgewogenheit. Ihre politische Positionierung unterschied sich nicht wesentlich von derjenigen der öffentlichen Rundfunkanstalten in Europa, die gesetzlich zur Überparteilichkeit verpflichtet sind. In den USA galt nämlich die 'fairness doctrine‘' die vorschrieb, dass einer Meinungsäusserung, die klar einem politischen Lager zugeschrieben werden konnte, immer eine Meinungsäusserung aus dem Gegenlager entgegenzustellen sei. Beide Lager mussten überdies gleich viel Sendezeit bekommen. Der amerikanische Rundfunk war zwar privat – aber genau wie in Europa auf Ausgewogenheit getrimmt. Die Wende kam 1987, mit der Reagan-Ära. Im Zuge der breit angelegten Deregulierungen wurde auch die 'fairness doctrine' abgeschafft. Es war die Geburtsstunde jener extrem polarisierten amerikanischen Medienlandschaft, die wir heute kennen."

Der Trump-Underwood-Vergleich

Wobei wir, wenn der Name des US-Fernsehpromis, der dann tatsächlich für die Republikaner ins Weiße Haus einzog, schon fällt, auch nochmal über Donald Trump reden müssen. Das Freitags-Altpapier hatte die ersten Überblicke über sein erstes Jahr im Amt schon an Bord. Aber es gibt Nachschlag. Was auffällt, ist, dass viele Analysen der Ära Trump nicht ohne Verweis auf die zum Teil schon vorher gelaufene Serie "House of Cards" auskommen. In Stefan Kornelius’ Trump-Text in der SZ am Wochenende etwa fällt der Name des Serienpräsidenten Frank Underwood im zweiten Bein. Und "der Kampf ums Weiße Haus" erinnerte auch schon vor der Wahl manchen "an das Drehbuch von 'House of Cards'".

Wie hier Fiktion und politische Realität in eins fallen, ist schon interessant. Besonders wie nicht die Welt in die Fiktion eingeht, sondern umgekehrt.

Der Schriftsteller Thomas Melle hat in seinem nonfiktionalen Roman "Die Welt im Rücken" beschrieben, was eine Manie ist. An einer Stelle heißt es:

"Ich begann, in meinen Mitmenschen meine Figuren wiederzuerkennen, nicht etwa umgekehrt, wie es noch nachvollziehbar gewesen wäre."

So ist es im Grunde auch mit Trump: Er wird als die Wahrwerdung der Fiktion geschildert; wir erkennen in ihm Frank Underwood wieder, nicht umgekehrt. Christian Stöcker erklärt die Faszination, die von Trump ausgeht, bei Spiegel Online in einer Kolumne über Medienpsychologie mit einer Verquickung des Fiktionalen mit dem Realen:

"Trump ist in unserer Wahrnehmung nicht nur ein realer Politiker, sondern auch ein fiktiver. Als Medienfigur, als ‚Persona‘, wie das in der Medienpsychologie genannt wird, hat er Wahlkampf gemacht, und als Medienfigur übt er, wenn man das so nennen kann, sein Amt aus. Nach den fiktiven Präsidenten in den TV-Serien 'The West Wing‘'und 'House of Cards' sitzt jetzt eine Persona im Oval Office, die es an Unterhaltungswert locker mit den fiktiven Vorgängern aufnehmen kann."

Aber die Deutung der Welt durch die Brille der Serienfiktion endet nicht bei Trump. In der "Teletext"-Glosse der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Philipp Kässbohrer über den jüngsten, mittlerweile beendeten Ausfall der Fernsehquotenmessung (siehe Altpapier):

"Es klingt wie das Set-up ei­ner ‚Black Mirror‘Folge für Fernsehschaffende: Die 5000 Geräte, die das Konsumverhalten der Fernsehzuschauer in mehr oder weniger repräsentativen Haushalten messen sollen, liefern plötzlich keine Daten mehr."

Wie die Erklärungen der Realität mit den Vorgaben der Serie auf uns wirken – das wäre auch mal eine Frage für das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Facebook will Vertrauenswürdigkeit ranken

Nun zum wohl wichtigsten Medienthema des Wochenendes: Es geht wieder um Facebook. Nicht mehr nur um den "Rückzug ins Private" (Altpapier vom Freitag), also die algorithmische Aufwertung von Freundes- gegenüber Medienunternehmens-Content. Sondern schon um den nächsten, damit zusammenhängenden Move von Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Nutzerinnen und Nutzer sollen Medien nach "Trustworthiness" und Bekanntheit bewerten, um so zu einem Ranking der vertrauenswürdigen Häuser zu kommen.

SZ.de erklärt den Zusammenhang mit der eine Woche alten Ankündigung, Medienunternehmens-Postings künftig weniger prominent in die Feeds einzuspeisen:

"Zuckerberg bezifferte am Freitag erstmals den erwarteten Effekt: Facebook rechne damit, dass Nachrichten nach der Änderung vier Prozent des Newsfeeds ausmachen werden statt zuvor fünf Prozent. Zugleich sollten Inhalte von Medien und Firmen, über die im Freundeskreis diskutiert wird, höher gewichtet werden. Beobachter wiesen darauf hin, dass durch die Änderung auch falsche Berichte in der Ansicht höher gespült werden könnten. Mit der nun vorgenommenen zweiten Anpassung, die Nachrichtenquellen nach Vertrauenswürdigkeit staffeln soll, versucht Facebook offenbar, dieser Befürchtung entgegen(zu)treten."

Tja, wobei eine Neuerung bei Facebook keine wäre, wenn es nicht auch prompt Kritik gäbe. Daniel Kretschmar schreibt bei taz.de, es

"kann wohl angenommen werden, dass beispielsweise die Podcasts der ‚Flat Earth Society‘ bei den Fans der flachen Erde als sehr vertrauenswürdige Quelle angesehen würden, wohingegen die Wissenschaftsredaktionen klassischer Medien aus dieser Richtung eher schlechte Bewertungen erwarten dürften."

Wobei Kretschmar insgesamt eher darauf abhebt, dass Journalisten blasiert seien, wenn sie das Publikum nicht für einschätzungsfähig erklären würden. Die Süddeutsche Zeitung ergänzt die Kritik an der Facebook-Neuerung aber um einen sicher zutreffenden Punkt:

"Mit der Neuerung zieht Zuckerberg das Netzwerk jedenfalls aus der politisch verlangten Verantwortung für die dort verbreiteten Inhalte und deren Gewichtung. Das signalisiert, Facebook sei nur eine Plattform, nur eine Verbreitungstechnik."

Alexis Madrigal hat bei The Atlantic dann auch noch ein paar Fragen. Nichts Gutes an alldem also? Vielleicht doch. Stefan Plöchinger, Produktchef beim Spiegel, twitterte: "Ich seh schon das neue Buzzword: Social Credibility Optimization. Formerly known as journalism, I hope."

Na bitte. Zuck wird die Welt schon noch retten. Oder wenigstens könnten wir mal darüber abstimmen, ob wir glauben, dass er es kann, weil, dann wissen wir es.

Altpapierkorb (Social Cooling, Elena Ferrante, „Gestüt Hochstetten“, Friedemann Fromms Traum)

+++ In der FAS steht ein instruktiver Text über das Phänomen des Social Cooling: "Im Bewusstsein, dass unsere Daten ausgewertet und gespeichert werden und unseren Score beeinflussen können", so die These des niederländischen Datenschutzaktivisten und Technologiekritikers Tijmen Schep, "unterlassen wir in vorauseilendem Gehorsam bestimmte Handlungen im Netz (etwa Facebook-Likes oder Suchbegriffe) – und zensieren uns am Ende selbst. (…) Social Cooling ist in Demokratien anders als in autoritären Regimen kein gezielt erzeugtes Instrument der Verhaltenssteuerung, aber zumindest ein bewusst in Kauf genommenes Nebenprodukt der Datenökonomie."

+++ Die ARD will mehr Dokumentationen am Montagabend um 20.15 Uhr zeigen (newsroom.de). Über den Stellenwert des langen Dokumentarfilms im öffentlich-rechtlichen Programm war zuletzt wieder verstärkt diskutiert worden (siehe etwa dieses Altpapier).

+++ "Es entstehen heute öfter deutsche Serien neuer Qualität – wie die Produktion Dark mit ihrem Zeitreiseplot, pompös Ausgestattetes wie Babylon Berlin oder ein Emmy-Gewinner wie Familie Braun. Auch die Filmindustrie will mehr davon. Also bemühen sich Hochschulen um Serien-Schwerpunkte" (SZ).

+++ Das "Gestüt Hochstetten", das die ARD in vier Folgen seit Samstag zeigt, kommt nicht überall gleich schlecht an. "Sogar erstaunlich spannend" findet es die SZ, und "das liegt vor allem daran, dass sich die Leute auf Hochstetten als spannender erweisen, als sie zunächst wirken". Die Hannoversche Allgemeine schreibt: "Die nahezu humorfreie Geschichte (Regie: Andreas Herzog) wäre locker in einem Zweiteiler zu erzählen". Und Heike Hupertz befindet in der FAZ: "Die viermal anderthalbstündige Attacke auf das Urteilsvermögen ist (…) ein riesenhaftes Trauerkitschmärchen aus Österreich. Es endet in der buchstäblich allerletzten Minute mit einem Cliffhanger. Der lässt Schlimmes befürchten: eine Fortsetzung."

+++ Der Regisseur Friedemann Fromm hat in der Samstags-SZ (€) über den Ausfall der Quotenmessung geschrieben (Unterzeile: "Da kann man schon mal ins Träumen geraten").

+++ Elena Ferrante schreibt nun eine Kolumne für das neue Wochenendmagazin des Guardian. Darauf machte Ursula Scheer in der Samstags-FAZ aufmerksam. "Die Bestsellerautorin war das meistgejagte Phantom der literarischen Welt, bis der Enthüllungsjournalist Claudio Gatti ihre Identität enthüllt haben wollte. Sein vermeintlicher Sensationsfund verpuffte aber", schreibt sie. "Ob hinter der Persona eine Person gleichen Namens steht, ein Kollektiv oder es sich um ein Pseudonym handelt, ist herzlich egal für eine funktionierende Autorfunktion. Hauptsache, Text und Verfasserangabe bilden eine stimmige Einheit: eine Marke. Elena Ferrante ist dafür der beste Beweis." Und wie finden wir das? "Persönliches von einer nicht persönlich bekannten Person, das ist mal etwas anderes".

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag.