Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 29. Januar 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/Panthermedia/Deutscher Filmpreis/Imago

Das Altpapier am 29. Januar 2018 Das Stichwort lautet "proaktiv"

Für die Öffentlich-Rechtlichen ist es "überlebenswichtig", die Fälle sexueller Gewalt am Set aufzuklären. Kommt das ZDF dabei mit dem Hinweis durch, man habe "keine Unterlagen gefunden"? Zudem im Programm: der Deutsche Fernsehpreis. Zwei Drehbuchautoren klagen: "Man vertraut unserer Vision oft nicht." Und die Generaldirektorin des dänischen Rundfunks verrät die fünf Faktoren, warum ihr Fernsehen so erfolgreich ist. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkollumne Das Altpapier vom 29. Januar 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/Panthermedia/Deutscher Filmpreis/Imago

Die Debatte über Sexismus, sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch hat spätestens mit den Veröffentlichungen über Dieter Wedel die Öffentlich-Rechtlichen erreicht. Der Saarländische Rundfunk, der NDR und das ZDF haben sich zu ersten Aufklärungsmaßnahmen bzw. -versuchen geäußert (siehe Altpapier vom Freitag) – aber es wird damit nicht gut sein. Denn es gibt eine Menge Fragen; am Wochenende wurden sie an mindestens drei prominenten Stellen gestellt:

"Ist Wedel tatsächlich nur ein Ausreißer im ansonsten tadellosen Gebaren des deutschen Film- und Fernsehbetriebs? (…) Was ist wirklich in den Achtziger- und Neunzigerjahren passiert? Was ist geblieben vom alten Sexismus? Ist heute wirklich alles anders?", fragt Christian Buß bei Spiegel Online.

"Wo finden wir gegenwärtig solche Strukturen und Verhältnisse? Wer braucht heute Hilfe?", fragt Nils Minkmar im gedruckten Spiegel (nicht frei online hier, 0,75 € bei Blendle).

Und bei Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung klingt das Gefühl, vielleicht auch die Hoffnung an, die Thomas Kleist, der Intendant des SR, vergangene Woche schon seinem Bauch entnommen hatte ("Mein Bauch sagt mir: Das ist heute nicht mehr so"):

"(V)ersteckt sich in diesen hässlichen Geschichten womöglich die Hoffnung, dass das, wovon sie handeln, vorüber sei, nicht vergessen; aber immerhin vergangen?", heißt es bei Seidl.

Der Feuilletonchef der FAS stützt sich auf einen Blick ins Archiv: "(W)ie sich die Bewertung solcher Figuren [wie Wedel] seither verändert hat, lässt sich ganz gut an unserer Arbeit, an journalistischen Artikeln und Porträts illustrieren." 1996 habe etwa in einem Spiegel-Porträt der Schauspielerin Jennifer Nitsch über Wedel gestanden, der stehe im Ruf,

"'seinen Hauptdarstellerinnen und natürlich allen seinen Nebendarstellerinnen nachzustellen'. Heute würde der Autor diesen Satz so nicht mehr hinschreiben, das Publikum würde ihn nicht mehr hinnehmen, ja schon das Wörtchen 'nachstellen' würde heute die Frage aufwerfen, was damit gemeint sei. Und was wohl jene dazu sagen, denen nachgestellt werde."

ARD und ZDF sollen "proaktiv" aufklären

Aber solche Indizien werden natürlich nicht genügen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen sich der Aufklärung annehmen. Wie geht es weiter? SR-Intendant Kleist hat nach den hier schon zitierten Interviews auch mit Michael Hanfeld in der FAZ gesprochen. Er sagt dort, was er auf dem nächsten Treffen der ARD-Intendantinnen und -Intendanten vorhabe:

"Zunächst geht es um den Appell, von dem ich gar nicht weiß, ob es dessen noch bedarf: Wir müssen heute alles dafür tun – um eine solche Situation eines Wiederholungstäters wenn es so war, wie gesagt, es gilt die Unschuldsvermutung –, für die Zukunft auszuschließen. Wir müssen Transparenz herstellen. Ob man das institutionalisieren muss, weiß ich nicht, aber es muss eine feste Verabredung geben, dass wir uns direkt informieren. Am 10. Februar werden wir uns in der Intendantenkonferenz über mögliche Handlungsoptionen verständigen."

Ein wenig mehr dazu steht in einer dpa-Meldung vom Freitag. Dass es dabei aber nicht nur um eine Pflichtaufklärung rund um Wedel-Produktionen gehen kann, findet Christian Buß bei Spiegel Online für die Öffentlich-Rechtlichen "überlebenswichtig". Das entscheidende Adjektiv bei ihm ist "proaktiv":

"2018 ist das Jahr, in dem sich entscheiden wird, wie es in Deutschland mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk weitergeht. (…) In Zeiten, in denen die öffentlich-rechtlichen Anstalten von so vielen Seiten infrage gestellt werden, ist die proaktive Aufklärung sexueller Gewalt nicht nur eine moralische Pflicht – sie ist überlebenswichtig."

"Frauenverschlinger und Menschenschinder"

Ein interessanter Hinweis kommt dabei von Nils Minkmar im Spiegel: Er erinnert daran, dass das ZDF 2002 nicht nur den Wedel-Sechsteiler "Die Affäre Semmeling" (Youtube) ausgestrahlt hat, sondern auch den Dokumentarfilm mit dem vielsagenden Titel "Dr. Wedel und Mr. Hyde" von Sandra Maischberger. Über diesen Film schreibt Minkmar:

"Man sieht den bekannten, den witzigen und charmanten Wedel – aber Maischberger nennt ihn auch einen 'Frauenverschlinger und Menschenschinder'. Man sieht, wie er während eines Castings eine Schauspielerin demütigt, sie kritisiert, weil sie seiner Meinung nach nicht richtig intoniert. Er wird wütend: 'Wäre das ein richtiger Dreh, würde ich Sie jetzt bitten, den Drehort zu verlassen.' Sandra Maischberger fragt nach. Was war los, schließlich habe er mit der Frau doch schon oft gearbeitet? Wedel weiß: 'Schauspieler sind ja eine leicht verderbliche Ware. Und Frauen noch mehr!' Und dann lacht er, und alle lachen mit."

Insofern ist schon die Frage, inwiefern auch das ZDF noch tätig wird – der Sender wurde ja (auch an dieser Stelle am Freitag) zitiert, er habe "die geschilderten Vorfälle, die mit ZDF-Produktionen in Zusammenhang gebracht werden, überprüft (…) Dabei wurden keine Hinweise oder Unterlagen gefunden." Aber Frauenverschlinger, Menschenschinder – das lief im Fernsehen, in einem Film, den das ZDF über den Regisseur in Auftrag gegeben hatte, dessen Arbeitsweise folglich wohl im Sender ein Thema gewesen ist. Man könnte diesen Film schon als "Hinweise oder Unterlagen" interpretieren, wenn auch nicht zu einem konkreten Vorwurf.

Warum das dänische Fernsehen so gut ist

Aber wo wir gerade schon in der Schweiz waren: Dort rückt die No-Billag-Abstimmung näher. Christian Buß weist im bereits zitierten Spiegel-Online-Text darauf hin, dass die Abwicklung des Schweizer Rundfunks "gut möglich" sei; und dass es dann auch "gut möglich" sei, "dass die negative Energie auch auf deutsche Gebührenzahler ausstrahlt".

Ohnehin scheinen sich die europäischen Gebührenzahlerinnen und -zahler ja alle abgesprochen zu haben. Von einer "Signalwirkung" für Europa spricht auch der Tagesspiegel. In Dänemark, zum Beispiel, gibt es ganz ähnliche Debatten – "2018 wird ein Schicksalsjahr für DR, der Sender befindet sich in einer schweren politischen Krise: Einigen Journalisten, Meinungsmachern und Politikern gilt DR als linkslastige Meinungsmaschine", schreibt Mikael Krogerus im Schweizer Das Magazin. Und das, wo das dänische Fernsehen doch als "das vermutlich beste, ganz sicher aber das erfolgreichste Programm Europas" gelte. Krogerus interviewt dort die Generaldirektorin des dänischen öffentlich-rechtlichen Danmarks Radio, Maria Rørbye Rønn.

"Wir haben in Dänemark die paradoxe Situation, dass manche das Programm lieben, aber gegenüber der Institution und auch gegenüber der Idee, Gebühren zahlen zu müssen, negativ eingestellt sind. Und es ist natürlich unsere Aufgabe, den Menschen zu erklären, dass Qualität etwas kostet und dass die Institution, besonders in dieser Grösse, eine Funktion hat."

Ja, hm, kommt uns bekannt vor. Was uns nicht soo bekannt vorkommt, ist, wie international erfolgreiche Serien wie das dänische "Borgen" entstehen. Maria Rørbye Rønn nennt fünf Faktoren. Hier ein paar Auszüge, aber sie im Ganzen nachzulesen, lohnt sich:

"In jeder Produktion arbeiten Neulinge mit alten Hasen zusammen."

"Man muss als Sender mutig sein, sonst kann sich Kunst nicht entwickeln. Diesen Mut kann man aber nur entwickeln, wenn man nicht kurzfristig Geld verdienen muss".

"The more local, the more global. Als Ausgangspunkt wählen wir immer Konflikte, Themen, Geschichten, die sehr dänisch sind. Und wenn man zum Kern dessen geht, was es heisst, Teil der dänischen Gesellschaft zu sein, und sich wirklich bemüht, das herauszuarbeiten und zu dramatisieren – ja, dann wird das offensichtlich auch für den Rest der Welt interessant.

"(D)er Drehbuchautor hat eine Vision, und wir quatschen ihm oder ihr nicht rein."

Der "Abstieg einer einst großen Festivität"

Was uns zum Deutschen Fernsehpreis bringt (wo #Metoo laut Tagesspiegel kein Thema war, laut Süddeutscher Zeitung nur "unterschwellig"). Dass die Autorinnen und Autoren zur Verleihung in Köln zunächst nicht eingeladen waren, ist einer der Gründe, warum sie sich über ihren Status zuletzt öffentlich geärgert haben. Anne Burgmer hat zwei von ihnen, Eva und Volker A. Zahn, im Kölner Stadt-Anzeiger interviewt. Und sie sagen, nur mal zum direkten Vergleich mit Dänemark:

"Man vertraut uns und unserer Vision von einer Story oft nicht. (…) Das Drehbuch wird nicht als eigenständiges schöpferisches Werk gesehen, sondern als Verhandlungsmasse, manchmal als Beutestück, viele Besprechungen ähneln einem Wunschkonzert der Beteiligten." – "(I)n der Hierarchie stehen die Autoren eben nicht auf einer Stufe mit dem Regisseur, uns fehlen definitiv die Mitspracherechte und Entscheidungsbefugnisse, um unsere Geschichte zu schützen."

Auch da gibt es also eine nicht neue, aber nun wieder neu aufgemachte Baustelle für die Fernsehanstalten.

Der Fernsehpreis übrigens kommt bei den Kritikern unterschiedlich an. "Rinderfilet und Wildkräutersalat" waren wohl recht ordentlich (wiederum Anne Burgmer). Dass er nicht im Fernsehen übertragen wurde, findet sie dafür keinen geglückten Zug. Anders als Matthias Hannemann bei faz.net, der schreibt, "das neue Konzept ohne Live-Übertragung ist womöglich nicht falsch, wenn man weiter daran feilt". Hans Hoff dagegen findet in der Süddeutschen Zeitung in gewohnt eher schärferer Gangart, der Preis "verhöhnt sein Medium". Nicht nur weil die Verleihung "wieder mal von Männern" dominiert worden sei. Sondern auch sonst. Das Beste an der Veranstaltung war seiner Ansicht nach Moderatorin Barbara Schöneberger. Zum Beispiel weil sie sagte: "Im letzten Jahr waren wir in Düsseldorf in einer Mehrzweckhalle, jetzt sind wir in Köln in einer Lagerhalle. Läuft, Freunde." Hoff: "Besser kann man den Abstieg einer einst großen Festivität nicht beschreiben."

Na gut, außer vielleicht mit den Worten des Ehrenpreisträgers Thomas Gottschalk, ebenfalls von Hoff zitiert:

"Viele klagen, dass der Fernsehpreis nicht mehr im Fernsehen zu sehen ist. Jetzt, wo ich hier war, find ich es gar nicht mehr so schlimm".

Altpapierkorb ("Pastewka", "StreamTeam" mit Miriam Meckel, die AG Dok und die Mediatheken, Ulrich Wilhelm und "Babylon Berlin", taz-Tunix-Ausgabe)

+++ Bastian Pastewas "Pastewka" läuft in der achten Staffel nicht mehr bei Sat.1, sondern bei Amazon. Neu dabei: "In der neuen Staffel versuchen wir uns zum ersten Mal am horizontalen Erzählen einer Geschichte von A bis Z." (Pastewka in der SZ) Dieses andere Erzählen ist auch Thema bei Zeit Online, wo es heißt: "(P)lötzlich ist da tatsächlich eine leichte, aber halt auch sehr lustige Melancholie zu spüren, die man Bastian Pastewka in seiner Serie früher vielleicht lediglich unterstellt hatte. Weil man einfach nicht verstehen konnte, wie jemand das Fernsehen offenbar so lieben kann, dass er sich von ihm noch enttäuschen lässt." Zudem gab es Pastewka-Interviews im Tagesspiegel und bei Spiegel Online mit nur zum Teil gleichlautenden Aussagen (…"da nicht nur die Serie, sondern auch mein Leben glücklicherweise immer Jahr um Jahr verlängert wird").

+++ Miriam Meckel und Léa Steinacker von der "Wirtschaftswoche" machen als "StreamTeam" schon seit einiger Zeit einen Facebook-Videostream über die Welt der Wirtschaft, den die FAS lobt: Sie "sind natürlich viel zu smart, um" gegen die Wirtschaftswelterklärungen von Männern "mit 'womansplaining' zurückzuschießen und zu glauben, jetzt seien sie dran und müssten anstelle der Männer die Welt erklären. Vielmehr ist die Form, in die sie uns, ob Frauen oder Männer, verwickeln, also stets zu Teilhaberinnen und Teilhabern machen, eine Art von 'wenn Frauen mir die Wirtschaftswelt erklären, daraus aber keinen Überlegenheitsgestus machen' – 'womansplaining' mit Ironiefaktor sozusagen."

+++ In der Samstags-FAZ plädiert unter dem Titel "Zum Plündern freigegeben" der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, Thomas Frickel, für einen fairen Umgang von ARD und ZDF mit Dokumentarfilmern, gerade hinsichtlich der anstehenden Beratungen der Politik über die Mediathekenlaufzeiten: "Zwei Drittel der dokumentarischen Programme, die deutsche Fernsehzuschauer auf öffentlich-rechtlichen Kanälen zu sehen bekommen, werden von den Sen­dern nämlich nicht voll finanziert. Fast immer tragen die Produktionsfirmen und oft genug auch die Kreativen hinter der Kamera mit eigenem Geld und unbezahlter Arbeit dazu bei, dass solche Filme überhaupt entstehen können. (…) Die Politik sollte sich dazu durchringen, endlich auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Mindeststandards festzuschreiben. Zum Beispiel durch ein klares Verbot von Buy-Out-Regelungen – auch dann, wenn sie als 'Rechtepaket' getarnt daherkommen. Jeder Nutzungsvorgang sollte konkret bewertet und berechnet werden. Das geht in anderen Ländern, warum also nicht auch bei uns?"

+++ Der BR-Intendant und ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm und ein möglicher Interessenkonflikt sind Thema im Spiegel: Er "ist seit 2014 mit der Tochter des Produzenten und Rechtehändlers Jan Mojto verheiratet. Die von Mojto geleitete Firma Beta Film vermarktet 'Babylon Berlin' im Ausland" (Spiegel Online). Der BR wird zitiert, es gebe keinen Interessenkonflikt.

+++ Die ARD-Doku "Todeszug in die Freiheit" über Tschechen, die 1945 KZ-Häftlingen halfen, besprechen SZ und Tagesspiegel. Dort schreibt Thomas Gehringer: "Verständlicherweise konzentriert sich der Film in den 45 Minuten auf die 'Aktion der Humanität, der puren Menschlichkeit' (…). Im Deutschen Reich habe es Vergleichbares nicht gegeben, 'auch nicht kurz vor Kriegsende'. Dabei habe es, wie das tschechische Beispiel zeigt, Handlungsspielräume gegeben."

+++ SZ und FAS besprechen die zweite Staffel der "American Crime Story" über den Mord am Modedesigner Gianni Versace.

+++ Und die taz hat am Wochenende mit mehreren Seiten den 40. Jahrestag des Tunix-Kongresses begangen, auf dem sie quasi gegründet wurde.

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.