Kolumne: Das Altpapier am 8. Juni 2023 Die Reihe-Null-Hypothese

Trotz aller Vorwürfe macht die Band Rammstein weiter, als wäre nichts gewesen. Dabei profitiert sie von einem falschen Verständnis der Unschuldsvermutung. In ihrer Kommunikation erkennt man eine manipulative Vernebelungstaktik. Heute kommentiert Ralf Heimann die Medienberichterstattung.

Das Altpapier am 8. Juni 2023: Porträt des Altpapier-Autoren Ralf Heimann
"Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren im aktuellen Altpapier die wichtigsten Medienthemen des Tages. Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Das Altpapier "Das Altpapier" ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.

Weiter ohne Riesenpenis

Die Band Rammstein ist am Mittwochabend im Münchener Olympiastadion aufgetreten. Und die größte Schlagzeile, die sich aus diesem ersten von vier größeren Konzerten ergeben hat, steht am Morgen auf Bild.de:

"Überraschende Reaktion beim München-Konzert: Rammstein streicht den Riesenpenis"

Immerhin. Gemeint war damit ein Showelement, bei dem Sänger Till Lindemann hinter einer Kanone sitzt, die eben aussieht wie ein Riesenpenis. Ansonsten war anscheinend fast alles wie immer: Der "Bild"-Bericht beginnt so:

"Mittwochabend, 20.34 Uhr, Olympiastadion: Furioser Rammstein-Start, voll besetzte Ränge. Ausverkauft! 60 000 feiern. Rammstein legt los – als wäre nichts gewesen."

Diese ausgestellte Gleichgültigkeit an all dem, was in den vergangenen Tagen über die Sexparty-Praktiken von Sänger Till Lindemann berichtet worden war (hier nachzulesen bei NDR) und das mit dieser Ignoranz verbundene Bekenntnis zur Band könnten ein Grund dafür sein, dass es so lange gedauert hatte, bis überhaupt öffentlich wurde, was nach Rammstein-Konzerten so hinter der Bühne passiert.

Dass dort schon länger Sex-Partys stattfinden, ungefähr seit vier Jahren, hat ein Vertrauter der Band dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bestätigt. Dass es dort zu Straftaten gekommen sei, weist er allerdings zurück.

Das NDR-Medienmagazin "Zapp"hat für einen acht Minuten langen Beitrag in der Sendung vom Mittwochabend unter anderem mit der Youtuberin "Majas Insel" gesprochen, die schon vor einem Jahr in einem Video erzählt hatte, was nun mehrere Frauen bestätigen – dass es eine sogenannte "Row Zero" gab, eine Reihe null direkt vor der Bühne, also vor den ganz normalen Fans, in der vor allem junge Frauen standen, die Bändchen bekamen, um auf Partys hinter der Bühne gehen zu können, und die dem Eindruck der Youtuberin nach teilweise kaum älter als 18 waren. Damals bekam die junge Frau für ihr Video allerdings kaum Aufmerksamkeit – lediglich in einem internen Rammstein-Forum. Dort sei sie angefeindet worden, erzählt sie. Es sei alles nicht so einfach gewesen. Es habe etwa geheißen: "Du bist doch nur beleidigt, dass dich keiner durchgenommen hat."

Aber warum wurde nach solchen Erzählungen niemand aufmerksam? Zum Beispiel Musik-Journalistinnen und Musik-Journalisten? Menschen mit etwas Einblick und vielleicht sogar Durchblick hätten doch irgendwas hören oder mitbekommen müssen. Altpapier-Kollegin Jenni Zylka sagt in dem Beitrag:

"Wenn man zum Konzert geht, also ganz normal zur Konzertberichterstattung, ist man auch nicht in der Row Zero, sondern kriegt da hinten irgendwo einen Platz und guckt sich das Konzert an. Und natürlich, wenn man jetzt eine Reportage machen würde und mit vielen Till-Lindemann-Fans kann natürlich sein, dass man da auch an Frauen gerät, die, wenn das stimmt, so was erlebt haben. Dann ist aber die Frage, ob die einem das dann erzählen."

Jenni Zylka ist überzeugt davon, dass im Musik-Business vieles von dem, was nun berichtet wird, schon vorher bekannt war. Der Investigativ-Journalist Daniel Drepper sagt, ebenfalls bei "Zapp":

"Grundsätzlich ist es, glaube ich, so, dass in sehr vielen Bereichen sehr viel mehr Recherche möglich wäre. Und es häufig so ist, dass Dinge, die total problematisch sind, normalisiert werden in gewissen Szenen. Das sagen auch jetzt die Frauen, das sagen auch Leute, mit denen wir sprechen, dass sie sagen, das ist halt komplett normalisiert worden. Und es braucht Leute, die von außen draufgucken und sagen, was macht ihr hier eigentlich? Nur weil ihr das als normal empfindet, ist das noch lange nicht richtig."

Das lyrische Ich als Deckung

Ungefähr so erklärt das auch die Youtuberin Kayla Shyx in einem 37 Minuten langen Video, das sie erst in den vergangenen Tagen veröffentlicht hat, obwohl das Material aus dem vergangenen Jahr stammt. Shyx beschreibt ausführlich, was sie und andere Frauen erlebt haben. Den Grund dafür, dass sie das erst jetzt macht, nennt sie ganz am Anfang. Ihr damaliges Management habe ihr von der Veröffentlichung abgeraten.

Offenbar hatte sie nach dem Konzert auf Social-Media-Kanälen angedeutet oder gesagt, was sie erlebt hatte. In ihrem Video beschreibt sie nach Minute 31.25 die Reaktion, die auf ihre Veröffentlichung kam. Schon der Druck, der entstanden sei, als sie sich auf der Party entschieden habe, Nein zu sagen und zu gehen, sei ganz enorm gewesen.

"Boah, das ist so schwer, da rausgezugehen. Und dann wird mir geschrieben: Kannst du bitte die Stories entfernen, ganz dringend. Das ist in der Branche ganz normal."

Sie fügt an:

"Es sollte nicht ganz normal sein. Das macht’s, wenn überhaupt, noch schlimmer."

Das alles deutet auf Machtstrukturen hin, in denen es Menschen gibt, die eine starke Übermacht haben und aus der sich eine Erwartung ergibt, die zu einer Art vorauseilendem Gehorsam führt. Dessen Ergebnis ist: Schweigen.

Fan-Szenen sind günstige Umgebungen für die Etablierung einer solchen Unkultur. Sie besteht nicht allein darin, dass man über Dinge nicht spricht. Es kann durchaus passieren, dass gesprochen wird. Zum Beispiel eben in diesem Forum. Aber das führt dann nicht zu Zweifeln und einer kritischen Debatte über das inkriminierte Idol. Eher entsteht eine Wagenburg-Anmutung, durch die sich die Verbindung noch zu festigen scheint. Das alles kennt man von der Trump-Gefolgschaft in den USA. Trump selbst hatte gesagt:

"Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren."

Till Lindemann konnte in Gedichten Vergewaltigungen verherrlichen. Das hatte allerdings noch einen anderen Grund als Verehrung. Man schrieb seine Worte der Kunstfreiheit zu. Andrea Geier formuliert es in der FAZ so:

"Im Vertrauen darauf, dass sich der Autor innerhalb eines bestimmten Wertesystems bewegt, wird das Gedicht als Rollenspiel gedeutet, mit dem sich der Verfasser selbstverständlich nicht gemein mache. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Keine Erlebnislyrik, nirgends."

Der "Spiegel"-Redakteur Anton Rainer schreibt bei Twitter:

"Das Ironische ist ja, dass all die Frauen, die bei Rammstein Schlimmes erlebten, das getan haben, was das Feuilleton von ihnen verlangte: Sie haben gelesen und verinnerlicht, dass Kunst und Künstler nix miteinander zu tun hätten. Dann erfuhren sie das Gegenteil, am eigenen Leib."

In einem weiteren Tweet schreibt er:

"Wie schmerzhaft muss es jetzt sein, die besserwisserischen Kommentare zu lesen. Dass man doch nicht so naiv sein solle. Das Männer eben so sind. Dass man es hätte ahnen können. Wie soll der 19-jährige Fan ahnen, was der 40-jährige Redakteur nicht sieht?"

Von der Kunstfreiheit gedeckt

Der Verdacht ist also, dass auch die Kunstfreiheit missbraucht worden ist – dass sie entweder als Deckung genutzt worden ist, um offen über etwas zu sprechen, über das man eigentlich nicht öffentlich sprechen kann, oder dass sie als Deckung geschaffen wurde, weil man Dinge nicht sehen wollte.

Hier könnte es um justiziable Dinge gehen. Das müssten Gerichte klären. Aber wir kennen das Verfahren auch noch aus einem anderen Zusammenhang. Oder mal anders gefragt: Noch wach?

Benjamin von Stuckrad-Barre sagt, er habe einen fiktiven Roman geschrieben. Einiges deutet darauf hin, dass vieles darin gar nicht so fiktiv ist, dass Stuckrad-Barre also möglicherweise unter dem Vorwand der Kunstfreiheit Dinge öffentlich macht, die er in einem journalistischen Text so nicht behaupten könnte, weil die Belege fehlen.

Das Motiv wäre dann Aufklärung. Bei Lindemann ist das nicht zu vermuten.

Im Journalismus stellt sich die Frage: Was darf man im Verdachtsfall berichten, ohne eine Person vorzuverurteilen? Die Band Rammstein verweist in einem Statement, das sie bei Instagram veröffentlicht hat, auf die Unschuldsvermutung. Dort steht:

"Wir verurteilen jede Art von Übergriffigkeit und bitten euch: Beteiligt euch nicht an öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art denen gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge. Wir, die Band, haben aber auch ein Recht – nämlich ebenfalls nicht vorverurteilt zu werden."

Das ist ganz geschickt, man könnte auch sagen durchtrieben, denn so entsteht der Eindruck, dass sich im Prinzip gar nichts sagen lässt, bis ein Gericht zu einem Urteil gekommen ist. Kann sein, dass die eine Seite Recht hat, kann aber auch sein, dass das stimmt, was die andere Seite behauptet. In gewisser Weise dreht die Band hier sogar die Sachlage um. Sie bittet die, die Menschen, die Anschuldigungen erhoben haben, nicht vorzuverurteilen. Als richteten die Vorwürfe sich gegen sie, nicht gegen die Band.

Kommunikativ geschickt ist auch, selbst ein Anwaltsteam zu beauftragen, wie die Band es getan hat. So ergibt sich die Meldung: "Rammstein wollen Vorwürfe offenbar selbst überprüfen lassen."

Das klingt wunderbar nach eigenem Aufklärungswillen. Aber im Grunde könnte man natürlich tatsächlich einfach Lindemann fragen, was passiert ist. Das Vorgehen kennt man aus dem Fall Reichelt oder den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Wenn man selbst ein Anwaltsteam beauftragt, kann man hinterher immer noch selbst kontrollieren, wie man die Ergebnisse präsentiert. Man behält die Kontrolle. Und man kann sich vor der Veröffentlichung von Ergebnissen überlegen, wie man die Vorwürfe entschärft.

Daniel Drepper kommentiert das Instagram-Statement der Band in einem kurzen "Zapp"-Beitrag der gestern Abend schon vor der Sendung erschienen ist. Dort sagt er:

"Das finde ich interessant, weil die Band andererseits wiederum versucht, unsere Berichterstattung zu bekämpfen. Sie haben uns schon am Freitag ein Schreiben geschickt, die Anwälte der Band, weil sie möchten, dass wir die Berichterstattung unterlassen und greifen ganz bestimmte Passagen in der Berichterstattung an."

Was Medien berichten dürfen

Der Band nutzt fehlendes Wissen darüber, was Unschuldsvermutung denn eigentlich bedeutet. Es heißt ausdrücklich nicht: Man darf über die Sache nicht sprechen. Niemand darf vorverurteilt werden, aber Menschen dürfen erzählen, was sie erlebt haben, denn zwischen dem roten Bereich, in dem Dinge strafbar sind, und dem grünen, in dem es nichts zu beanstanden gibt, existiert noch ein gelbes Gebiet, in dem Dinge zwar nicht strafbar, aber moralisch zweifelhaft sind. Und hier knipsen Medien das Licht an.

Der Youtuber Rezo erklärt in einem 26 Minuten langen und meinem Eindruck nach gründlich recherchierten Video unter anderem auch, was Verdachtsberichterstattung bedeutet, in seinen crazy Worten:

"Journalistinnen und Journalisten sagen dann praktisch so: Yo, wenn es irgendeine random Behauptung gibt, dann wäre es unverantwortlich, die zu nehmen und einfach zu publizieren und darüber zu schreiben und dem ganzen Reichweite zu geben. Denn wenn diese Behauptung nicht stimmt, wenn dieser Vorwurf nicht stimmt, dann bleibt die Berichterstattung ja trotzdem an der Person irgendwie kleben. Aber auf der anderen Seite wäre es auch falsch, wenn es dutzende Berichte und Vorwürfe von Missbrauch gibt und man nicht darüber berichtet. Denn wenn Zeitungen immer erst ein richterliches Urteil abwarten würden, bevor sie überhaupt über etwas schreiben, dann wären viele Skandale niemals aufgedeckt worden."

Ganz witzig by the way, dass hier mittendrin in der fancy Rezo-Sprache das antike Wort "Zeitungen" steht. Aber lassen wir uns nicht davon ablenken, weiter im Text. Was machen Journalisten dann?

"Und was Journalisten dann machen, ist: Die überprüfen schon die Plausibilität dieser Aussagen. Die unterhalten sich dann mit einem mutmaßlichen Opfer sehr ausführlich und die gucken auch, dass sie Belege für die Aussagen bekommen. Wenn eine Person zum Beispiel sagt: Hey, ich war vor einem Jahr auf so einer Aftershow-Party, dann wird sie vielleicht irgendwelche WhatsApp-Verläufe haben, die das belegen. Oder wenn ich am nächsten Tag Symptome von K.O.-Tropfen hatte, hab ich darüber vielleicht mit Freunden irgendwie geschrieben oder so. Zusätzlich dazu haben die Frauen in vielen Fällen, als sie mit Zeitungen gesprochen haben, eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Das bedeutet, dass sie sich selbst strafbar machen, sobald irgendetwas, was sie sagen, nicht der Wahrheit entsprechen würde. Sowas sind natürlich keine 'Beweise', aber es ermöglicht eben, dass eine Zeitung die Plausibilität und die Glaubwürdigkeit von Aussagen überprüfen kann, ohne dass jemand die Anonymität aufgeben muss."

Daniel Drepper beschreibt bei "Zapp" noch etwas detaillierter, was Medien in so einem Fall machen.

"Wir müssen schauen: Von den Vorwürfen, die an uns herangetragen werden, was davon kann belegt werden? Was können wir verifizieren? Wie viele Indizien gibt es dafür, dass das tatsächlich so zugetroffen hat? Und da ist es für uns immer wichtig zu schauen: Erstens, gibt es ein Muster? Berichten mehrere Personen das Gleiche, vielleicht auch unabhängig voneinander aus verschiedenen Städten? Das ist in diesem Fall so gewesen. Wir haben viele Vorwürfe, die sich sehr ähneln."

Strategien zur Schuldumkehr

Samira El Ouassil analysiert in ihrer Übermedien-Kolumne die Strategien, mit der auf Vorwürfe wie denen im aktuellen Fall oft reagiert wird. Stichwort DARVO-Prinzip, also: Deny, Attack, Reverse Victim and Offender. Oder auf Deutsch: Verleugnung, Angriff und Umkehrung von Opfer und Täter. Die Verdrehung der Umstände haben wir oben schon kurz angerissen. Aber vorher kam der erste Schritt: Verleugnung. Und auch der war im Rammstein-Fall bilderbuchhaft zu beobachten. In einem ersten Statement bei Twitter hieß es:

"Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschliessen, dass sich was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt."

In einem späteren Stadium hört in diesem Zusammenhang auch in ähnlichen Fällen immer wieder die Frage: "Warum hat sie nicht Nein gesagt?" Das ist dann wieder die Schuldumkehr. Man schreibt die Schuld also denen zu, die davon berichten, Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein. Das ist auch in diesem Fall in ganz unterschiedlichen Varianten zu beobachten. In der Kommentierung der Kleidung der Mädchen, ihrer vermeintlichen Naivität in Bezug auf das, was sie hinter so einer Bühne erwartet. Diese Argumentationen zeigen laut El Ouassil, "dass die Gesellschaft noch nicht verstanden hat, wie die Hebel funktionieren. Immer wieder geht der Vorwurf weg von Tätern hin zu den Opfern".

Die Logik der ganzen Argumentation bedeute im Umkehrschluss:

"Frauen müssen aktiv dafür arbeiten und handeln, um keinen Sex haben zu müssen."

Der Mythos basiere auf der Vorstellung, Handlungen von Frauen könnten einen Missbrauch provozieren, damit wäre es also gewissermaßen ihre eigene Tat.

El Ouassil schreibt:

"Wenn es in der Verantwortung der Frauen liegt, nicht vergewaltigt zu werden, bedeutet das zu Ende erzählt aber auch: Jedes Vergewaltigungsopfer ist eine Versagerin, die sich nicht nur nicht öffentlich beklagen darf über die Gewalt, die ihr angetan wurde, sondern auch online durch Häme bestraft werden muss für ihre Unfähigkeit, sich nicht besser vor Übergriffen geschützt zu haben."

In dieser Konstruktion hängt wiederum alles ganz unheilvoll zusammen. Menschen, die sich an der Häme beteiligen, schützen damit unter Umständen auch ihre eigene Identität.

El Ouassil:

"Denn die Vorwürfe anzuerkennen, hieße ja zweimal leiden: einerseits durch die Erkenntnis, dass man jahrelang jemanden verehrt hat, der diese Anerkennung nicht verdient; dass man Ressourcen, Geld, Aufmerksamkeit, Energie in den Falschen investiert hat. Der zweite Verlustschmerz ist, anzuerkennen, dass man nicht behalten können wird, was einem Freude, Zugehörigkeit und Selbstdefinition ermöglicht. Die Reaktion: die Person kaputt machen, die man für diesen Verlust verantwortlich wähnt."

Und da ist auch noch die Branche, die das alles unter Umständen im eigenen Interesse deckt. Auch das ist wieder das Ergebnis von Abhängigkeitsverhältnissen, Macht und serviler Speichelleckung.

Alena Schröder kommentiert das sehr schön bei Twitter. Sie schreibt:

"Künstleragenturen, Plattenfirmen, Veranstalter, Management, all die Leute, die offenbar bereit sind, so ziemlich alles zu tun, um ihre Big Names zufrieden zu stellen: Gibt es da schon irgendeine Reaktion?"

"Ich meine, wie läuft das? "Jungs, denkt ihr beim Bühnenauftritt an den kleinen Blowjob-Raum für Till."

Nach allem, was man bislang weiß, ist es jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass es genau so läuft.


Altpapierkorb (RBB-Chaos, Rundfunkgebühren, Nachrichtenmüdigkeit, Julius Geiler, CNN-Chef geht, ServusTV, Kinos)

+++ Beim RBB geht weiter alles munter drunter und drüber. Zur Erinnerung: Anfang der Woche meldete der Tagesspiegel, dass Radio-Bremen-Programmdirektor Jan Weyrauch in der engeren Wahl für den Posten der RBB-Intendanz sei, korrigierte das allerdings später, wie Klaus Raab am Dienstag im Altpapier dokumentierte. Gestern schrieb Christian Bartels hier, Weyrauch habe als "der geeignetste Kandidat" gegolten, er habe seine Bewerbung allerdings zurückgezogen, weil man "plötzlich" eine Gehaltsobergrenze eingeführt habe. Und gestern Nachmittag meldete der RBB in einer Pressemitteilung mit der Überschrift "Kandidatenkreis für rbb-Intendantenwahl um Jan Weyrauch erweitert", dass Weyrauch "trotz unveränderter Rahmenbedingungen nun doch für die Kandidatur zur Verfügung steht". Und was bedeutet das? Möglicherweise so viel wie: Jetzt, wo er weiß, dass er als der beste Kandidat gilt, hofft er, dass zunächst nach Qualifikationskriterien ausgewählt wird – und sich das mit dem Geld später regeln lässt. Ob so ist, wissen wir nicht. Die RBB-Freien-Vertreterin Dagmar Bednarek hat das ganze Vorgehen gestern im Gespräch mit dem Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" kritisiert. Sie und andere hätten vorgeschlagen, zu Beginn der Ausschreibung eine Gehaltsobergrenze festzulegen. Dafür habe es aber keine Mehrheit gegeben. Die Obergrenze habe man dann später aus dem Hut gezaubert. Außerdem äußert sie den Verdacht, dass die Belegschaftsvertreter eher als "Feigenblatt" in der Findungskommission gesessen hätten. Die eine Hälfte der Kommission sei der Meinung gewesen, man müsse den Kandidaten einladen, die andere Hälfte nicht. Das, so Bednarek, sei keine einvernehmliche Lösung.

+++ Ellen Heinrichs, Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn-Instituts, hat auf der "re:publica" einerseits für mehr Empathie und Verständnis in der Berichterstattung plädiert. Andererseits betonte sie die Notwendigkeit von professioneller Distanz. Altpapier-Kollegin Annika Schneider hat für "@mediasres" mit Heinrichs über Nachrichtenmüdigkeit gesprochen. Und bei der Gelegenheit erklärt Ellen Heinrichs noch einmal das alte Hajo-Friedrichs-Zitat, das so gern missverstanden wird. Daher als Service: Friedrichs habe gemeint, "wir sollen eben nicht Verständnis zeigen. Wir sollen uns emotional nicht verbinden mit dem Gegenstand unserer Berichterstattung". Einen Grund für Nachrichtenmüdigkeit sieht Heinrichs unter anderem darin, dass Medien vor allem negative Nachrichten für relevant hielten – und darin, dass Journalistinnen und Journalisten zu sehr zu Zuspitzungen neigten. Das Publikum wünsche sich, das zeigten Studien immer wieder, mehr Perspektivenreichtum.

+++ Die Berliner Behörden ermitteln überraschend gegen "Tagesspiegel"-Redakteur Julius Geiger, der über einen Polizisten und AfD-Lokalpolitiker berichtet hatte, weil der Coronaregeln missachtet haben soll, schreibt Adefunmi Olanigan für die taz. Der Polizist hatte Geiler wegen übler Nachrede und Verleumdung angezeigt. Geiler steht damit jetzt unter Linksextremismus-Verdacht. Die Pointe muss leider entfallen.

+++ CNN-Chef Chris Licht sucht einen neuen Chef, berichtet unter anderem Michael Hanfeld für die FAZ. Licht hatte vor einem Jahr einen ziemlich rumpeligen Start hingelegt, als er gleich nach seinem Amtsantritt den Streamingdienst "CNN+" wieder dicht machte, den es gerade erst seit wenigen Wochen gab. Zuletzt hatte Licht die, wie sich später herausstellte, nicht ganz so gute Idee, Donald Trump zu einem sogenannten Town-Hall-Meeting einzuladen. Das ging vollkommen schief. Trump verbreitete  – wie hätte man’s wissen sollen? – Lügen und überrumpelte die Moderatorin.

+++ Servus ServusTV. Der österreichische Schwurbelsender stellt seinen linearen Sendebetrieb in Deutschland ein und will seinen Kram hierzulande jetzt nur noch digital verbreiten, meldet unter anderem "epd Medien".

+++ Um Kinos klimaneutral und moderner zu machen, fordert Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Branchenverbands HDF Kino, von der Bundesregierung mehr finanzielle Unterstützung, wie sie im Interview mit Helmut Hartung für das Blog Medienpolitik.net erklärt. Ihr Vorschlag: Verschmelzung von Mitteln der Filmförderungsanstalt mit dem Zukunftsprogramm Kino zu einem gemeinsamen Fonds.

Das Altpapier am Freitag schreibt Klaus Raab. 

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