Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 12. März 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia/dpa/Imago

Das Altpapier am 12. März 2018 Belehren Sie uns bald wieder!

ARD und ZDF erziehen ihr Publikum zu wenig – findet ein Berliner Professor. Die taz stellt einen ehrlichen Innovationsreport vor und darin vieles infrage. Und Klaas Heufer-Umlauf bekommt seine eigene Late-Night-Show und verspricht, vor lauter politischem Engagement darin die Kardashians nicht zu vergessen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 12. März 2018
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Es weht ein frischer Wind durch die Debatte um die Erhebung von Rundfunkgebühren. Oder sagen wir so: Es riecht jedenfalls nicht nach Zigarettenrauch:

"Sie bezahlen keinen Rundfunkbeitrag. Warum weigern Sie sich?"

"
Ich verweigere seit zwei Jahren, die Fernsehgebühren zu zahlen, weil andere und ich seit vier Jahren vergeblich ARD und ZDF bitten, die zahlreichen unmotivierten Raucherszenen zu unterlassen, die Schleichwerbung für die Nikotindroge bedeuten".

So beginnt ein kurzes Tagesspiegel-Interview mit Ludger Schiffler, Professor an der FU Berlin und Präsident der "Nichtraucher-Initiative Deutschland". Und wenn das nicht überraschend ist, weiß ich auch nicht: Statt, wie derzeit eher üblich, zu fordern, die Öffentlich-Rechtlichen sollten aufhören mit ihrem sogenannten Nanny-Journalismus, verlangt hier jemand, ARD und ZDF sollten endlich damit anfangen.

Da hat der Tagesspiegel aufmerksamkeitsökonomisch also doch quasi beinahe das Beste daraus gemacht, dass auf Seite 31 der Samstagsausgabe womöglich einfach noch Weißraum war, der vollgemacht werden musste. Man könnte sich daran theoretisch ein Beispiel nehmen: Falls demnächst wieder mal einer Zeitungsredaktion ein Text fehlt, könnte man vielleicht Manfred Spitzer zu Bettina Schausten befragen, die in einem ZDF-Trailer wie so ein Junkie auf eines dieser bösen Smartphones glotzt.

Der Innovationsreport der taz

Oder man macht es wie die taz, die dieser Tage einen Innovationsbericht vorstellte, den "Report 2021", und sagt: Lasst uns die Printzeitung vielleicht einfach mal vergessen! Das hätte jedenfalls den Vorteil, dass man dann die Seiten nicht mehr irgendwie auffüllen muss.

Das mit dem Ende der Printzeitung war jetzt freilich stark verkürzt. Aber tatsächlich geht es in dem besagten taz-Report (am Freitag schon kurz im Altpapierkorb erwähnt) auch um die Frage, was ist, wenn es irgendwann einmal keine tägliche Printausgabe mehr gibt: "(W)as wäre die taz, wenn man sie heute neu erfinden würde? Sie wäre mit Sicherheit keine gedruckte Tageszeitung."

Recht unbefangen kann ich auch als ehemaliger taz-Redakteur, glaube ich, sagen, dass der taz-Report wohl der ehrlichste Innovationsreport zumindest einer deutschen Zeitung ist, der jemals im Wortlaut an die Öffentlichkeit gelangt ist. Der Report ist ausführlich, und er geht ins Detail. Um seinen Ton hier zumindest mal anzudeuten – so geht es schon mal los:

"Unsere Printauflage sinkt. Vielleicht nicht so schnell wie die anderer Zeitungen, aber nach allem, was man prognostizieren kann, werden wir mit der gedruckten Zeitung in drei Jahren nicht mehr genügend Geld verdienen, um den Journalismus zu finanzieren, den wir machen wollen, den wir machen müssen." Aber nicht nur die Printauflage sinke – sondern auch die Online-Reichweite: "Das ist einmalig in der Presselandschaft. Und es ist nicht schön. Es ist erschreckend."

Lorenz Matzat ("Aus der Innensicht eines Zeitungshauses wird relativ ungeschminkt erläutert, wie über viele Jahre hinweg die Digitalisierung vertrödelt wurde") meint allerdings, dass es im Innovationsreport eine Lücke gebe:

"Innovation ist ein schwammiger Begriff. Doch was auch immer er genau meint: Es reicht nicht, nur Zeit und Mittel dafür frei zu räumen oder auf Weiterbildung zu setzen. Es braucht dafür die richtigen Leute, ggf. auf Kosten der bestehenden Stellen. (…) Pi mal Daumen bräuchte es (…) 1 Mio. Euro im Jahr und einen Bruch mit der derzeitigen taz-Gehaltsstruktur. (…) Müsste nicht generell die Organisation der taz hinterfragt werden? Und ein Wandel durch ein auf Jahre angelegten 'Change Managment'-Prozess inkl. Mediation und Supervision angestoßen werden?"

Hm. Die wie immer alles entscheidende Frage für die Medienbranche ist allerdings: Was sagt Meedia zum taz-Report? Unser gewohnt sachliches Aufklärungsportal schreibt: Er sei "irre". Ich könnte mir auch vorstellen, ihn eher als in Worte gegossene Aufbruchstimmung zu interpretieren, aber ich bin natürlich auch ein ehemaliger taz-Redakteur.

Was hat der Spiegel-Innovationsreport gebracht?

Dass der taz-Report der ehrlichste Innovationsreport eines deutschen Mediums ist, der je im Wortlaut an die Öffentlichkeit gelangt ist, könnte, worauf Lorenz Matzat hinweist, auch daran liegen, dass andere Schriften aus dem Genre nicht veröffentlicht wurden. Der Spiegel-Innovationsreport etwa wurde zum Teil 2016 mit dem selben Vokabular beschrieben wie nun der taz-Report ("schonungslos").

Möglicherweise können wir nun im aktuellen Spiegel (€) eine Folge des damaligen Reports sehen. Im Report hieß es dem SWR zufolge etwa: "Wir können Schwächen nicht eingestehen und erst recht nicht zeigen." Jetzt veröffentlicht der Spiegel knapp 30 Zuschriften, die das Magazin auf den Artikel von Isabell Hülsen erhalten hat, die vor zwei Wochen der Frage nachgegangen war, woher das Misstrauen in Medien kommt (Altpapier): "Viele Schreiber beklagen eine zu große Einförmigkeit der großen deutschen Medien inklusive des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, einen 'Nanny-Journalismus', der ihnen vorgebe, wie sie zu denken hätten. Andere vermissen eine schärfere Trennung von Fakten und Meinung."

Eine neue Late-Night-Show

Dass Journalismus und Late Night/Satire/Kabarett/usw. nicht exakt das Gleiche sind, davon haben wir schon mal gehört. Aber die Humorleute des Fernsehens leben dann doch in derselben Welt, und sie werden ebenfalls kritisiert, sie agierten belehrend. Etwa vor einiger Zeit von Felix Dachsel in der Zeit, in einem Text, in dem er über "den neuen politischen Fernsehhumor" schrieb: "Er ist belehrend, moralisch, passiv-aggressiv, überheblich, gewollt politisch. Er ist ein Spiegel unserer Zeit."

Es ist interessant, wie man in dieser unserer Zeit dann eine neue Late-Night-Show aufzieht. Die Gefahr, Polenwitze als letzte Bastion des nicht moralischen politischen Humors auszumachen, ist dann schließlich gegeben. ProSieben versucht es von heute an wöchentlich mit Klaas Heufer-Umlauf als Gastgeber, und relativ viele Redaktionen haben das Thema am Wochenende aufgegriffen.

Late Night, das ist nach den Definitionen des Wochenendes:

Peer Schader hat in seinem Übermedien-Text dabei im Blick, worin die Schwierigkeit besteht: "Im Grunde genommen besteht die Kunst der erfolgreichen Late Night darin, eine Nischensendung zu machen, die gleichzeitig massenkompatibel ist", schreibt er. Was auch das Interesse der Medienressorts erklärt: Im Format liegt in Deutschland per se eine gewisse Spannung.

Wie politisch darf Late-Night sein?

Die Frage ist aber nun, worin die konkrete Spannung im Jahr 2018 besteht. Wenn ich die Texte richtig deute, betrifft sie zum einen das angemessene Verhältnis von Kardashian-News und Politik. Dass es irgendwie um beides gehen soll, steht schon in der Pressemitteilung von ProSieben, und Heufer-Umlauf bringt das auch in so gut wie jedem Interview in milde variierenden Formulierungen unter ("Bei aller Regierungsbildung darf man auch die Kardashians nicht vergessen!").

Zum anderen ist die Frage, wie politische Themen in einer solchen Show transportiert werden. Ironisch, distanziert, zynisch, seriös, moralisch, ernsthaft? Wie macht man’s? Die Folie, auf der diese Diskussion geführt wird, hat Felix Dachsel im September im besagten Zeit-Text ausgebreitet. Klaas Heufer-Umlauf kam darin auch vor:

"Selbst Joko und Klaas, die Albernen von ProSieben, die sich sonst mit Fußbällen in die Eier schießen, versenden inzwischen politische Botschaften oder sitzen bei Anne Will. Sie setzen dann ihr ernstes Gesicht auf, als habe sie der Lehrer ermahnt. Warum nicht, wenn schon politisch sein, dann auch gleichzeitig albern? Wie die amerikanischen Late-Night-Shows. Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, Jon Stewart. Je dunkler die Wolken am Himmel, desto lustiger werden sie. Beseelt vom eisernen Ethos der Pointenorientierung. Kritisch – aber niemals, niemals, niemals belehrend."

Und das war schon ein interessanter Text. Aber er bestätigt auch meinen Eindruck, dass das deutsche Fernsehen vielen Kritikern schon deshalb als nicht gut gilt, weil man doch eh zu wissen glaubt, dass es scheiße ist. Gerade Jimmy Kimmel ist doch immer wieder als politischer Überzeugungstäter aufgetreten und hat zum Teil witzfreie Plädoyers für Obamacare gehalten.

Was Heufer-Umlauf im Prinzip von Leuten erwarte, die in der Öffentlichkeit stehen, sagt er im Tagesspiegel-Interview über Helene Fischer beziehungsweise die ganze Schlagerbranche:

"Die Sänger erreichen eine Menge Leute, sie singen den ganzen Abend von Liebe, und währenddessen wird woanders der Familiennachzug verhandelt. In einem Stadion mit 40 000 Zuschauern sitzen schon statistisch bedingt ein paar Menschen, die sich dafür einsetzen, dass niemand bei uns ankommen soll. Mich wundert es, dass sich keiner der Künstler mal eindeutig positioniert."
"Was schwebt Ihnen vor?"
-"Klare, unmissverständliche Aussagen."

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber gerade vor dem Hintergrund dieser Diskussion finde ich diese Late-Night-Show tatsächlich interessant.

Was sagt Jan Böhmermann?

Fragen wir nochmal anders, mit den Worten Peter Unfrieds und Harald Welzers: "Ist Predigen oder Moralisieren die Aufgabe des Satirikers?"

Das fragen sie in der FuturZwei Jan Böhmermann (der am Wochenende vom Grünen-Chef Robert Habeck per Tweet für einen lacherfreien Tweet gelobt wurde). Böhmermann sagt:

"Das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob es gut ist oder nicht."

Vielleicht ist sie ja tatsächlich genau das. Und natürlich ist die Frage auch, ob es sein kann, dass die Fernsehbärte (Böhmermann/Heufer-Umlauf) ums Kinn herum gerade irgendwie fusseliger werden.

Altpapierkorb (Lokalzeitungsexperiment, Cumhuriyet-Prozess, NDR-Reporter festgenommen und freigelassen, Welttag gegen Internetzensur, Tellkamp-Debatte)

+++ Waren wir nicht eben schon bei Veränderungen in Redaktionen? Die SZ schaut ins Lokale und berichtet über ein Experiment der Ibbenbürener Volkszeitung: "Statt ein Komplettabo für stolze 38,90 Euro im Monat zu buchen, können die Menschen für je drei Euro im Monat einzelne Themenfelder abonnieren – etwa 'Blaulicht und Verkehr', 'Lokale Wirtschaft' oder (…) 'Familie und Schule'."

+++ Aber das Internet rules insgesamt schon ok: Der Schriftsteller Joshua Cohen ("Das Buch der Zahlen"), sagt im Deutschlandfunk-Interview über den Einfluss des alles durcheinander bringenden Diskutierens und Mitredenkönnens auf das Schreiben: "Ich bin lieber verwirrt als unterdrückt. Ich glaube nicht, dass die Literatur zerstört wird. Im Gegenteil, sie wird geöffnet. Ich glaube nicht, dass der intellektuelle Diskurs zerstört wird, er wird geöffnet. Dass ganz normale Menschen, die nicht in den Medien arbeiten, plötzlich interessiert sind an Fragen des Fact-Checkings, an Quellen und daran, ob anonyme Quellen im Journalismus genutzt werden dürfen – das mag einem Angst machen, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Aber das ist doch viel besser, als wenn andere im Stillen darüber entscheiden, was als Fakt zählt. Transparenz und Konfusion gehen Hand in Hand. Ich denke, wir sollten das begrüßen."

+++ Frei sind in der Türkei Ahmet Şık und Murat Sabunc von Cumhuriyet. Herausgeber Akin Atalay bleibe in Untersuchungshaft. Der Cumhuriyet-Prozess soll am 16. März fortgesetzt werden (Welt.de, taz-gazete).

+++ Ebenfalls frei sind zwei NDR-Reporter, die in Griechenland nahe der Türkei festgenommen worden waren. Nach etwa 24 Stunden waren sie wieder auf freiem Fuß. Sie seien versehentlich in eine militärische Sperrzone geraten, hieß es. "Das Gericht habe eingesehen, dass mindestens eine Verbotstafel am Rande des Sperrgebietes umgekippt und daher schwer sichtbar war." Siehe etwa Faz.net.

+++ Gestorben ist, wie am Montag bekannt wurde, der Schauspieler Siegfried Rauch, bekannt als ehemaliger "Traumschiff"-Kapitän.

+++ Ebenfalls in der SZ: "Zum Welttag gegen Internetzensur an diesem Montag verschafft die Organisation Reporter ohne Grenzen ingesamt zehn in den Ländern ihrer Autoren verbotenen Texten internationales Gehör" – und vertont sie zu Popsongs.

+++ Und: Deutschlandfunk Nova macht mehr Programm für Jüngere.

+++ In der Samstags-FAZ besprach Dietmar Dath den Netflix-Film "Annihilation".

+++ Joachim Huber glossiert im Tagesspiegel den Handelsstreit mit den USA: Was, wenn auch Netflix teurer wird?

+++ Haben wir jetzt tatsächlich den Aufreger des Wochenendes vergessen? "Mist"! Andererseits: Kennen Sie ja alles schon. Bei einer Diskussion in Dresden zwischen den Suhrkamp-Autoren Durs Grünbein und Uwe Tellkamp am Donnerstagabend behauptete letzterer etwa, die Motive von Geflüchteten zu kennen: "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent." Der Verlag distanzierte sich anschließend von Tellkamp (SZ), wodurch die übliche Diskussion befördert wurde, ob man so Populisten dadurch leichtes Spiel bereite.

+++ Mehr über die politischen Folgen des Mords am slowakischen Journalisten Ján Kuciak  (siehe etwa dieses Altpapier) schreibt der Spiegel (€).

Frisches Altpapier kommt am Dienstag.

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