Collage zur Bebilderung des Streits der "alten Hasen" der Medienbranche ums UKW-Radio
Bildrechte: dpa / panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 10. April 2018 Optimismus am Anfang

... und flammende Appelle. Bewegung in der Facebook-Waagschale. Zuckerberg in der deutschen Fernseh-Primetime. Älteste Hasen des Medien-Betriebs streiten um analoges Radio. Tageszeitungen-Journalisten streiken warn. Werden die hellsten Köpfe überhaupt noch Journalist? Und "freie Digitale aller Länder, vereinigt euch!" Außerdem: Beten für unabhängige Berichterstattung (in der Türkei). Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Bebilderung des Streits der "alten Hasen" der Medienbranche ums UKW-Radio
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Was macht eigentlich der Facebook-Auftritt des Altpapiers, den wir vor zwei Wochen und einem Tag unter mittelgroßem Hallo abgeschaltet haben? Er steht, seitdem unbefüllt, noch im Netz, trotz der Auskunft, er würde "in 14 Tagen gelöscht". Ja, er lockt nicht-eingeloggte Nutzer sogar mit "Mehr von Altpapier auf Facebook anzeigen/ Anmelden oder Neues Konto erstellen". Das ist nicht weiter schlimm. Es gab gravierendere Zusagen, die Facebook auch nicht einhält. Bloß bezeichnend ist es.

Wobei sich in den Mainstreammedien die Waagschale allmählich wieder zugunsten des  Datenkraken zu neigen scheint. Nicht nur, dass an diesem Dienstag fast überall Konzernchef Mark Zuckerberg schon mal im Anzug mit Krawatte und idealtypisch seriösem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Dazu eingebunden werden beruhigende Schlagzeilen à la "Facebook verschärft Regeln für Polit-Werbung", die aktuelle Konzern-Verlautbarungen leicht paraphrasieren. Dabei könnte dort auch ebenfalls Aktuelles wie "Facebook wollte Zugriff auf US-Patientendaten" (wie bei heise.de) oder "Facebook liest mit: Gespräche im Messenger sind nicht privat" (netzpolitik.org, wo auch das Update zur "von Facebook beauftragten PR-Agentur", die auf den Artikel reagierte, interessant ist) stehen.

Die richtig große Zuckerberg-Show findet aber erst heute abend statt. Offenbar just zur traditionell besten deutschen Fernseh-Sendezeit soll die Anhörung vor dem US-Kongress stattfinden. Und "n-tv ändert aufgrund dessen sein Programm und zeigt die Anhörung ab 20 Uhr live und im Zweikanalton" (dwdl.de). Im online zu findenden Programmschema hat der sog. Nachrichtensender das am Morgen noch nicht eingetragen, dort sind weiter die Sendungen "Achtung Zollfahnder" und "Feldjäger - Spezialisten im Einsatz" angekündigt. Aber vermutlich spielen online zu findende Programmschemata für Einschalt-Entscheidungen auch keine große Rolle mehr. Beachten Sie jedenfalls das Update bei dwdl.de: Auch das öffentlich-rechtliche Phoenix wird übertragen und anschließend sogar "mit Experten" drüber diskutieren!

Münster-Berichterstattungs-Nachbereitung

Der Privatsender n-tv, der zur RTL-Sendergruppe gehört, zählt, wie ein bisschen auch der WDR, zu den Medien, die nicht gut weg kommen im Deutschlandfunk-"@mediasres"-Kommentar zur Berichterstattung über die "Amokfahrt" in Münster.

"Nicht nur gegenüber den Opfern und Angehörigen fehlte in vielen Tweets und Berichten der Respekt. Es wurde viel zu viel spekuliert darüber, welcher Nationalität, welcher Religion der Täter denn nun angehörte. Noch am Sonntag wurde diesem Aspekt etwa bei n-tv eine deutlich zu große Wichtigkeit eingeräumt",

schreibt (und spricht) Christoph Sterz. Gewiss hat er da einige gute Punkte, etwa wenn er Twitter als "völlig kaputten Diskursraum" bezeichnet. Es wurde das im selben Zusammenhang ja sogar "Pissrinne der AfD" genannt (Altpapier gestern).

Andererseits: Wohlfeil ist solche Kritik doch. Hätten die diensthabenden Redakteure denn abwarten und zusehen sollen, wie der viel, beziehungsweise wie üblich: zu viel diskutierte Beatrix-von-Storch-Tweet sich verbreitet, bis, äh ... bis ... bis?

Aktuell ist die Lage leider so, dass Nachrichten als mindestens: unvollständig empfunden werden, wenn Medien die ethnische Herkunft der Täter oder Verdächtigen aus welchen Gründen auch immer ausblenden. Falls diese Gründe gut gemeint sein sollten, hilft das vermutlich erst recht nichts und niemandem. Auch das könnte eine Lehre sein, die sich ziehen ließe. Wobei: So, dass "sich Journalisten jetzt dringend hinsetzen und ihre Berichte intern kritisch aufarbeiten" können, wie der DLF-Kommentar schließt, ist die Situation ja nicht einmal in vielen öffentlich-rechtlichen Anstalten. Es gibt wie immer auch viele gute Gründe, nicht mit Jakob Augstein übereinzustimmen, aber dessen Kommentar

"Wer die wohlmeinden Kommentare nach Münster liest, könnte zu dem Schluss kommen, wenn man nur Beatrix von Storch und ihren Leuten das Internet wegnimmt, seien alle Probleme gelöst",

macht da auch einen Punkt.

UKW-Berichterstattungs-Nachbereitung

Noch'n Thema von gestern zieht ein paar weitere Kreise. Die vergangene Woche geschürte Aufregung, der Empfang von nichtdigitalem Antennenradio könne in dieser Woche abrupt abgeschaltet werden, hat sich "in letzter Minute" (Landesmedienanstalten) erst einmal verzogen. Sie bleibt allerdings ein sehr komplexes Thema: Dort streiten Radio-Übertragungs-Dienstleister, von denen Radio-Endverbraucher eigentlich niemals etwas mitbekommen.

Vertreten werden diese Dienstleister unter anderem von zwei der ältesten noch aktiven Hasen des Medienbetriebs, wie aufschlussreich meedia.de berichtet: Ex-Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling ist inzwischen Gesellschafter solch einer Firma, und Helmut Thoma, der den Privatsender RTL einst zu dem machte, was er trotz allem noch immer ist, gehört dem Aufsichtsrat der immerhin Mobilfunk-Kunden bekannten Freenet AG. Die möchte sich bzw. ihre Tochterfirma Media Broadcast aus dem Geschäft mit analoger Radio-Verbreitung zurückziehen. Das Digital/ Analog-Thema spielt also auch unmittelbar rein; schließlich ist UKW die letzte überhaupt nicht digitalisierte Medien-Verbreitungsform.

Die deutschen Landesmedienanstalten haben nun "im Sinne des Mediums Hörfunk und der Bürgerinnen und Bürger" den relativ flammenden Appell "Hört endlich auf, mit UKW zu spielen!" abgesetzt, in dem es dann heißt:

"Der Hintergrund ist der Verkauf der UKW-Antennen durch Media Broadcast an etwa 30 Unternehmen, darunter auch Finanzinvestoren, zum 1. April 2018.  Vereinbart wurde nach schwerem Ringen ein Übergangsbetrieb bis zum 30. Juni 2018. Jetzt stehen Sendernetzbetreiber, Programmanbieter und Antennenbesitzer miteinander in Verhandlungen. Da es sich dabei um rein privatwirtschaftliche Verträge handelt, sind die Medienanstalten nicht direkt involviert, moderieren und unterstützen den Prozess aber weiterhin."

Was also bedeutet, dass die Landesmedienanstalten wie in fast allen Bereichen auch in dem Bereich der Radio-Übertragung fast gar keine praktische Bedeutung mehr besitzen, außer zu Runden Tischen einladen zu können. Ja, auch für die Radio-Übertragung, die man ja durchaus für wichtig halten kann, ist im vielfältigen deutschen Was-mit-Medien-Institutionen-Biotop inzwischen niemand mehr zuständig. Sie wird dem Markt überlassen, der in Medien-Dingen sicher nicht grundsätzlich dysfunktional ist, aber zwischen der monopol-artigen Dominanz von Google, Facebook und Co einerseits und dem über Jahrzehnte verschleppten Ausbau des schnellen Internets andererseits ja doch jede Menge ungelöste Probleme aufwarf. Genau deswegen läuft verdammt viel Medien-Übertragung in Deutschland immer noch über in Schwarz-Schillings Bundespostminister-Zeiten verlegte Infrastruktur. Wäre es nicht sinnvoll, daran grundsätzlich etwas zu ändern?

Gehälter für "helle Köpfe", Appell an "freie Digitale"

Schrieb ich gerade, UKW sei die letzte überhaupt nicht digitalisierte Medien-Verbreitungsform? Na ja, wenn die gute alte Tageszeitung rechtzeitig auch zum frühen Frühstück ins Haus kommt, geschieht das natürlich auch überwiegend analog. An diesem Dienstag dürfte sie in manchen Orten noch etwas dünner sein als gewohnt.

"Die Süddeutsche Zeitung erscheint ... heute in leicht veränderter Form", steht auf ihrer Titelseite drauf. Denn gestern war großer Warnstreik "an über 50 Zeitungen", wie der DJV, eine der beiden größeren Journalistengewerkschaften, ankündigte. Von Arbeitsniederlegungen in sogar "62 Zeitungsredaktionen" schrieb der Standard, der als österreichische Zeitung über deutsche Zeitungsstreiks ja berichten kann.

Hintergrund ist, dass in den laufenden Tarifverhandlungen der Zeitungsverleger-Verband den "rund 13.000 Tageszeitungsjournalisten", wie es im Standard heißt, eine Gehaltserhöhung von nur 1,04 Prozent geboten habe. Damit "wird der Beruf noch unattraktiver für den journalistischen Nachwuchs, als er es in den vergangenen Jahren ohnehin schon geworden ist", beklagt der DJV: "Die Zeiten, in denen es ohne Wenn und Aber erstrebenswert für die hellsten Köpfe des Jahrgangs erschien, Journalisten zu werden, die liegen einige Jahre hinter uns." Sind's nicht eher schon Jahrzehnte?

Jedenfalls kamen allerhand Streikende zusammen: "Zur zentralen Streikversammlung für das Ruhrgebiet und das Rheinland in Schwerte sind mehr als 200 Journalistinnen und Journalisten gekommen, in Bielefeld sind deutlich mehr als 100 auf die Straße gegangen. Ein Dutzend hat sich in Aachen an einer rebellischen Mittagspause beteiligt", meldet der NRW-DJV. Von sogar "rund 350 Kolleginnen und Kollegen von 15 Tageszeitungsredaktionen" in Baden-Württemberg ist die Rede.

Und "beim Augustiner-Klosterwirt an der Frauenkirche" in München versammelte sich eine "bombastische", ebenfalls deutlich dreistellige Zahl, berichtet Patrick Guyton in der taz. "Ein Großteil der Münchner Presse, allen voran RedakteurInnen der Süddeutschen Zeitung" habe sich eingefunden und über einen "Solidaritätsstreik" eines "sehr großen Teils der SZ-Onlineredaktion" freuen können. Guyton scheint solche Journalistenstreiks aber auch schon miterlebt zu haben und schreibt:

"Wer schon den einen oder anderen JournalistInnenstreik miterlebt hat, erinnert sich an immer ähnliche Abläufe: Optimismus am Anfang, quälend lange Verhandlungen, am Ende standen Abschlüsse, für die man sich fast schämen musste. Mal sehen, wie es diesmal ausgehen wird."

Viel vom Streik bemerkt haben sueddeutsche.de-Nutzer jedenfalls nicht. Offenbar bekamen Abonnenten der bayerischen SZ heute etwas dünnere oder weniger regionalisierte Lokalteile. Offenbar hat das WDR-Fernsehen über die nordrhein-westfälischen Streiks berichtet. Doch in der, ähm, elektronischen Presse des WDR (die auch ein Scherflein dazu beiträgt, wenn gedruckte Presse und deren Internetauftritte nicht zu sehr vermisst werden, falls sie mal weniger intensiv gefüllt sind) spielte sowohl auf der Startseite als auch in der Schlagzeilen-Menge der Streik im öffentlichen Dienst eine viel größere Rolle. Journalistenstreiks betreffen eben nur noch wenige Menschen, was natürlich mit Recht bedauert werden kann.

"Die Trendwende muss also her: Statt weniger muss es wieder mehr Lokalzeitungen geben. Statt mehr ausufernder Zeitungsmäntel und Zentralredaktionen braucht die Zukunft eines sinnerfüllten, lokalen Journalismus unserer Meinung nach einen Schub 'von unten', von den Kleinen ...",

heißt es dann noch in einem weiteren aktuellen flammenden Appell, der auch Beachtung verdient. Dabei richtet sich das bislang vor allem in Mainz und um Mainz herum aktive Portal merkurist.de allerdings an die freien Journalisten, die im Allgemeinen nicht einmal was davon haben, wenn es nach quälend langen Verhandlungen zu neuen Tarifabschlüssen für angestellte Journalisten gekommen ist. "Freie Digitale aller Länder, vereinigt euch!", lautet die Überschrift dieses Offenen Briefs. Zu den Ideen, die dort angerissen werden, und dem Merkurist-Geschäftsmodell kann man natürlich unterschiedliche Meinungen haben. Es lohnt sich aber, eine Meinung dazu zu entwickeln.

Ach so! Was ist denn beim Warnstreik bzw. der Tarifrunde, die er unterstützen sollte, rausgekommen? Sozusagen erst mal nichts, meldet die andere größere Journalistengewerkschaft.

Altpapierkorb (Festung Hürriyet, "Fall WDR", Twitter  Deutschland, FAANGs in Cannes, SPDs Ökotest)

+++ "Der türkische Medienmogul Aydin Dogan" wird bald kein Medienmogul mehr sein. Aktuell hofft und betet er nach eigenen Angaben, die der Standard referiert, auf bzw. für "eine unabhängige Berichterstattung" in den Medien, die er gerade an ein Erdogan-nahes Unternehmen verkaufte. Vor allem beteuert er, vorm Verkauf "unter keinerlei Druck" gestanden zu haben. +++ Die Gegenmeinung, dass er "bereits seit einiger Zeit von der türkischen Regierung unter Druck gesetzt wurde und wirtschaftlichen Drohszenarien ausgesetzt war", vertritt die Kommunikationswissenschaftlerin Ceren Sözeri im lesenswerten gazete.taz.de-Interview ("Insbesondere die Hürriyet war für Erdoğan wie eine Festung, die er unbedingt erobern musste"), in dem sie auch eine sozusagen optimistische Vision entwickelt: "... langfristig wird es ein Abwandern zu den Onlinemedien geben." - "Aber Onlinemedien sind doch noch leichter zu beeinflussen und zu zensieren." - "Eigentlich nicht. Es werden zwar oft Seiten gesperrt, aber dann gehen sie einfach mit einem simplen Zusatz im Namen wieder online: Das gewerkschaftliche Nachrichtenportal Sendika.org wurde genau 62 Mal gesperrt. Derzeit sind sie online unter dem Domainnamen sendika62.org. ... Das Internet ist kein Ort, an dem Verbote funktionieren."

+++ Was bei Facebook gerade besonders gelöscht zu werden scheint: kurdischsprachige Inhalte. Dafür sprechen Tweets wie dieser. Vielleicht geht das ja vom Löschzentrum Essen aus, für das auch Mitarbeiter, die kurdisch können, gesucht wurden.

+++ Die Medienseiten der SZ (€), der FAZ und der taz berichten weiter zum "Fall WDR" (siehe zuletzt Altpapier gestern). Von einer "nicht gerade glücklichen Positionierung" der Anstalt schreiben Ulrike Schuster und Hans Hoff in der SZ. +++ Falls das in der FAZ erwähnte, aber nicht verlinkte SPON-Interview "Wie machen wir aus alten Machos bessere Menschen?" mit Sonia Mikich interessiert: hier.

+++ Die Suche nach Twitters Deutschland-Sitz, die Shahak Shapira im letzten August schon mal anstellte (Altpapier), hat Kai-Hinrich Renner für die Funke-Medien weitergeführt. Twitters "für Deutschland zuständiger Pressesprecher" arbeitet zwar in Dublin und den Sitz am Bahnhof Hamburg-Altona gibt's auch nicht mehr. Doch gebe es "am Standort Hamburg ... noch fünf Planstellen ..., von denen derzeit aber nur vier besetzt seien".

+++ In Cannes ist wieder Fernsehmesse, und dwdl.des Thomas Lückerath erfreut sich Wortschöpfungen wie "Businesstainment" und "Emodventure", aber auch am Akronym "FAANGs", das für Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google steht. +++ Die bislang spektakulärste Ankündigung, die eines "40-stündigen, internationalen Fernsehgroßereignisses" "rund um das Thema Fußball", spiegelt die SZ.

+++ Auf der SZ-Medienseite erfreut sich Willi Winkler außerdem an medialen Spiegelungen der (BND-Vorgänger-)Organisation Gehlen zwischen dem 1960er-Kinofilm "Mister Dynamit" und dem 2018er-"Tatort" "Meta".

+++ Die FAZ-Medienseite stellt heute unter der Überschrift "Gestatten, mein Name ist nicht James Bond" die bei Sky zu sehende Fox-Serie "Deep State" vor, sowie das Computerspielpreis-verdächtige Spiel "The Inner World – Der letzte Windmönch".

+++ Und bei der Zeitschrift Ökotest wurde der "Vorstand, Geschäftsführer und Chefredakteur" in Personalunion,  Jürgen Stellpflug, "von allen Aufgaben entbunden". Das könnte daher interessant sein, weil die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft, die das mitteilte, ja der Partei SPD gehört.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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