Das Altpapier am 13. April 2018 Noch andere Zeiten

Der SR gibt sich in der Aufarbeitung des Falles Dieter Wedel selbstkritisch, erklärt Sexismus aber zu einem Problem der Vergangenheit. Der WDR beweist das Gegenteil. Kritiker des NetzDG dürfen sich bestätigt fühlen, Kritiker von Facebooks Glaubwürdigkeit in der aktuellen Zerknirschtheitsspirale auch. Die AfD wird medial eine Partei wie jede andere. Die Berliner Zeitung hat nach der Redaktion auch ihr Layout ausgedünnt. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zum Altpapier am 13. April 2018: Der SR gibt sich in der Aufarbeitung des Falles Dieter Wedel selbstkritisch, erklärt Sexismus aber zu einem Problem der Vergangenheit.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Die Aktenlage war unvollständig, Dieter Wedel auf ärztliches Anraten nicht zum Thema zu sprechen. Und doch hat der Saarländische Rundfunk gestern 14 Seiten veröffentlichen können, "Vorläufiger Abschlussbericht – Vorgänge im Zusammenhang mit der Serienproduktion 'Bretter, die die Welt bedeuten' (TFS 1980–1982)" ihr Titel.

In vielen Konjunktiven werden darin die Vorwürfe der als Zeitzeuginnen erneut befragten beiden Hauptdarstellerinnen Esther Christinat und Ute Christensen wiedergegeben, die schon aus der Berichterstattung der Wochenzeitung Die Zeit bekannt sind. Hinzu kommt eine Chronologie der Reaktionen der Verantwortlichen damals, im Indikativ, denn das stammt aus den Akten, und Akten lügen nie.

"Am 16. Dezember 1980 (einem Dienstag) ging bei der Produktionssekretärin eine Anfrage der Bild-Zeitung ein, die nach dem Grund der Unterbrechung der Dreharbeiten recherchierte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erhielt die Geschäftsführung der TFS und der Fernsehprogrammdirektor des SR Kenntnis von den tatsächlichen oder vermeintlichen Vorgängen am Freitag der Vorwoche."

"Am 17. Dezember 1980 (Mittwoch) reisten der Handlungsbevollmächtigte der TFS und der Redaktionsleiter Unterhaltung des SR nach München an den Drehort. Dort wurde eine vorher zwischen TFS-Geschäftsführung und SR-Fernsehprogrammdirektor
abgesprochene Sprachregelung (Hauptdarstellerin und Regisseur erkrankt) vereinbart."

So liest sich das.

Zwar sei es nicht Aufgabe des Berichts gewesen, zu klären, ob die Vorwürfe der Wahrheit entsprächen, wurde bei seiner Vorstellung gestern betont. Dennoch hält dieser fest, es gebe "in mindestens zwei Fällen deutliche Anhaltspunkte dafür, dass Wedel sich Darstellerinnen gegenüber nicht korrekt verhalten haben könnte".

Kathleen Hildebrand schreibt auf der Medienseite der SZ:

"Bemerkenswert ist, dass damals offenbar niemand bei der Telefilm Saar an den Aussagen der Frauen gezweifelt hat: Nach der erneuten Unterbrechung der Dreharbeiten bestellt die Telefilm den Geschäftsführer der Active Film nach Saarbrücken ein, in einem Schreiben wird Wedels Verhalten als 'grob produktionsgefährdend' bezeichnet. Der Geschäftsführer der Active ist bereit, die Rechte am Drehbuch abzutreten und Wedel nicht weiter als Regisseur zu beschäftigen. Allein: Die Fernsehprogrammdirektion verhindert diesen Schritt. Wedel sei der Grund gewesen, die Serie überhaupt in Auftrag zu geben. Der Streit zwischen Wedel und Darstellerin Christensen sei, so heißt es in einem Schreiben an die Telefilm, 'zunächst eine persönliche Angelegenheit'. Auf das Prestige wollte man offenbar weiter nicht verzichten."

Uwe Mantel zitiert dazu bei DWDL SR-Justitiar Bernd Radeck als Leiter der Taskforce, die den Bericht erstellte, mit

"Insgesamt sind die damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach der Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wäre, nicht gerecht geworden".

Alexander Becker, Meedia:

"Damit belastet die Task Force nicht nur Dieter Wedel, sondern ganz bewusst auch das eigene Haus."

Sexismus als Problem aus der Steinzeit

Diese Bereitschaft zur Selbstkritik ist bemerkenswert, mit fast 40 Jahren Abstand allerdings auch etwas wohlfeil. Zumal SR-Intendant Thomas Kleist im Gespräch mit Brigitte Baetz bei @mediasres so tut, als entstammten die Vorfälle einer entfernten Steinzeit.

"Es war eine andere Zeit. Man hatte ein anderes Frauenbild",

sagt er zum Beispiel auf die Frage, warum den Schauspielerinnen nicht geholfen worden sei. Dann lobt es die heutige Unternehmenskultur auf Augenhöhe mit flachen Hierarchien und ohne so extreme Machtkonzentrationen wie damals bei Wedel, was Missbräuchen vorbeuge. Außerdem schaffe man gerade eine externe Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden könnten.

"Das ist alles richtig", meint dazu Barbara Rohm, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied von ProQuote Film im oben bereits zitierten SZ-Artikel.

"'Aber solche Versprechen sind nur so viel wert wie die Maßnahmen, die auch tatsächlich umgesetzt werden. Wer wird dafür zuständig sein, dass diese Änderungen in der Unternehmenskultur auch kommen? Wird das evaluiert? Und wenn ja: wie?' Vorfälle wie die Dieter Wedel zur Last gelegten blieben heute vielleicht nicht mehr ohne Konsequenzen. In den vergangenen 40 Jahren habe sich einiges zum Guten verändert, aber was strukturellen Sexismus angehe, vom Gender Pay Gap über das Misstrauen gegenüber den Fähigkeiten von Frauen und ihre Darstellung in Film und Fernsehen, 'da stehen wir noch am Anfang.'"

Beim WDR hielt "Klima der Angst" Sexismus-Vorwürfe unter der Decke

Kleiner Schwenk zum WDR, der gerade eine Anwaltskanzlei beauftragt hat, die vom Magazin Stern und Correctiv vorgetragenen Belästigungs-Vorwürfe gegen zwei Korrespondenten zu prüfen (zuletzt Altpapierkorb gestern).

"Persönlichkeitsschutz und Arbeitsrecht heißen ganz offenbar die Linien, hinter die sich der WDR bislang immer wieder zurückzieht. Parallel wird immer deutlicher, dass offenbar sehr viele im Haus sehr lange schon von den Vorwürfen wussten, sich aber nicht trauten, dies anzusprechen",

schreibt Hans Hoff auf der Medienseite der SZ, was Kai-Hinrich Renner in seiner Funke-Medienmacher-Kolumne bestätigt:

"Spricht man mit Personen, die mit der Sache zu tun haben, spürt man, dass im WDR ein Klima der Angst herrschen muss".

Sexismus is alive and kicking, und Positionen der Macht haben weiter daran ihren Anteil. Um auf Intendant Kleist zurückzukommen: Wir brauchen noch andere Zeiten.

Facebook zensiert und eiert weiter rum

Wir bleiben bei erbaulichen Themen: Facebook. Das Netzwerk bzw. seine Mitarbeiter machen zum einen genau das, was Gegner des Nzwdstgss, äh: Netzwerkdurchsetzungsgesetzes immer befürchtet haben, nämlich den Zensurstrich mitten durch die Meinungsfreiheit ziehen. Das legt zumindest ein Urteil des Landgerichts Berlin nahe, über das zuerst die Funke-Mediengruppe, hier bei Der Westen, berichtete. Das Gericht gab einem Nutzer Recht, der sich gegen das Löschen seines Kommentars "Die Deutschen verblöden immer mehr. Kein Wunder, werden sie doch von linken Systemmedien mit Fake-News über 'Facharbeiter', sinkende Arbeitslosenzahlen oder Trump täglich zugemüllt" und eine folgende Account-Sperrung zur Wehr gesetzt hatte.

"Eine Begründung der Richter liegt noch nicht vor. Damit ist auch noch nicht klar, ob das Gericht die Löschung ausdrücklich für rechtswidrig hält. (…) 'Für das NetzDG ist die Entscheidung des Landgerichts eine Katastrophe', sagt Anwalt Steinhöfel (Joachim, Anwalt des Facebook-Nutzers, Anm. AP). Allerdings ist unklar, ob Facebook diesen konkreten Kommentar auf Grundlage des NetzDG löschte." (Marvin Strathmann, Sueddeutsche.de)

Was aber klar ist: Die im Auftrag des Netzwerks agierenden Inhalte-Checker ziehen ihre roten Linien an anderen Stellen als deutsche Gerichte, und das ist ein Problem.

Zum anderen eiert der Konzern weiter durch die Aufklärung des Daten-Skandals dank Cambridge Analytica. Bei Netzpolitik.org haben sie nicht nur eine Chronologie der Entschuldigungen von Mark Zuckerberg im Wandel der Zeit zusammengetragen, die in der Masse und mit Abstand betrachtet in etwa so ehrlich vorgetragen erscheinen wie die Wortbeiträge in den wöchentlichen Zusammenkünften beim VEB Selbstkritik. Sondern auch ein aktuelles Beispiel, nämlich die halbgare Information für alle, die bei Facebook den Test machen, ob sie vom Datenleck betroffen waren. Weil ihre Freunde die umstrittenen App "This Is Your Digital Life“ genutzt hätten, seien eventuell das eigene öffentliche Profil, Beiträge und Nachrichten weitergegeben worden, erklärt Facebook Manchen. Ingo Dachwitz:

"Der Verweis auf das 'öffentliche Profil' ist ein geschickter Versuch, nicht einzeln aufzuschlüsseln, was neben Likes und Soziodemographischen Daten noch zum Datenpaket gehörte, das Facebook für Cambridge Analytica schnürte. Wir haben deshalb bei der Presseabteilung des Unternehmens nachgehakt, um Klarheit zu bekommen. Demzufolge gehören zum 'öffentlichen Profil' auch der Name, das Geschlecht, der Username, die User-ID, das Profilbild, das Titelbild und das Kontaktnetzwerk. (…)

Neu ist zudem die Info, dass auch private Nachrichten an die App-Betreiber und Cambridge Analytica geflossen sein könnten. Auch hier bleibt Facebook vage. Auf Nachfrage heißt es von einer Sprecherin dazu, dass Facebooks Plattformregeln es App-Anbietern bis 2015 ermöglicht haben, auch das Postfach von Nutzer*innen auszulesen – aber nur, wenn Betroffene eine explizite Zustimmung gegeben hätten. Dies sei bei etwa 1500 Nutzer*innen der Kogan-App der Fall gewesen. Was Facebook nicht sagt: Auch hier sind natürlich ebenfalls die Menschen betroffen, die mit den 1500 Leichtsinnigen Nachrichten geschrieben haben, sodass die tatsächliche Zahl deutlich höher ausfällt."

Wenn Mark Zuckerberg nach seiner Tour durch US-Kongress und -Repräsentantenhaus auch vor dem EU-Parlament zu erscheinen hat, wie sich gerade andeutet, gäbe es also genug zu fragen. Was dann hoffentlich auch Menschen übernehmen, denen Zuckerberg nicht erstmal die Funktionsweise des Netzwerks erklären muss, wie in den USA geschehen.

Auf der anderen Seite gehört aber auch zur Wahrheit, dass wir Journalisten, die uns nun so schön über die Datenunsensibilität von Facebook echauffieren, gerne genau davon profitieren.

"'Sad news,' tweeted Gizmodo journalist Kashmir Hill as she linked to a company blog post from Facebook announcing it was shutting off a feature that enabled you to find accounts that are linked to a specific email address or phone number. Journalists at BuzzFeed News, among many other outlets, frequently used this feature to find people on Facebook",

berichtet Craig Silverman bei Buzzfeed US. Und weiter:

"Mandy Jenkins, the editor-in-chief of Storyful, a news agency that relies on finding and verifying newsworthy content on social networks, said that if Facebook gets too aggressive about shutting off previously public information, 'the entire journalism community would lose valuable tools for news gathering.'"

Altpapierkorb (Grimme-Preise, AfD-Pressestrategie, Berliner Zeitung)

+++ Zur Grimmepreisverleihungsfeierdestages heute Abend berichten in der aktuellen Ausgabe epd medien aus den Jurys Fiktion, Information und Kultur, Unterhaltung sowie Kinder und Jugend Michael Ridder, Heike Hupertz, Gerd Hallenberger sowie Tilmann Gangloff (alles offline).

+++ Die AfD professionalisiert ihre Pressearbeit und wird damit immer öfter in der Presse zitiert, "als wäre sie eine Partei wie jede andere", so Anne Fromm, Andreas Speit und Marlene Grügen in einer langen Analyse in der taz.

+++ Patricia Schlesiner schraubt weiter am RBB und holt dazu immer neue Leute von außen, nun auch einen neuen Direktor: "Christoph Augenstein hat beim WDR unter anderem den Aufbau der Internetredaktion wdr.de und des Sportportals sport.ard.de vorangetrieben. (…) Zugleich steht Augenstein für journalistische Kompetenz mit einschlägiger Radioerfahrung bei Eins Live", erklärt Kurt Sagatz im Tagesspiegel.

+++ "Wie genau Medien am richtigsten gehandelt hätten, lässt sich immer am besten hinterher sagen", ist natürlich nur eine Lehre, die Altpapier-Kollege Christian Bartels in seiner evangelisch.de-Kolumne aus den Berichten über die Amokfahrt von Münster zieht.

+++ Die Berliner Zeitung hat nach ihrer Redaktion auch ihr Layout ausgedünnt, schreibt Ulrike Simon bei Spiegel Daily über das neue Design der Zeitung.

+++ "Disney will have to make a full takeover bid for Sky even if the competition regulator quashes Rupert Murdoch’s £11.7bn attempt to buy 100% of Britain’s biggest pay-TV broadcaster, the UK takeover panel has ruled", meldet der britische Guardian.

+++ Was macht man aus einer umstrittenen Reportage von Alexander Osang aus dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel über den Tod einer Frau im Berghain? (Altpapier bzw. Übermedien)? Ganz recht, eine eigene Serie mit Osang als Drehbuchautor (DWDL). Via @uebermedien.

+++ In Polen besteht unabhängige Medienhoffnung dank neuer Start-ups, berichtet Pauline Tillmann bei @mediasres.

+++ Ein Angebot für Hardcore-Bunte-Fans republiziert Meedia in Form eines Interviews, das Patricia Riekel mit Hubert Burda über die 70 Jahre geführt hat, die das Blättchen nun schon existiert. Aktuelle Qualitätsmeldungen aus eben diesem threaded Boris Rosenkranz.

+++ Die neue Netflix-Serie "Lost in Space" rezensiert Claudia Reinhard auf der Medienseite der FAZ (): "Was hier genau die Erde bedroht, wird erst spät enthüllt, aber klar ist, dass dort bald kein Leben mehr möglich ist. Also wird in einem rigorosen Auswahlprozess eine Elitegruppe bestimmt, die sich auf die Reise zu einem neuen Heimatplaneten für die Menschheit machen soll, die Robinsons gehören dazu."

+++ Der vierten Staffel der Amazon-Prime-Serie "Bosch" widmet sich Joachim Huber im Tagesspiegel.

+++ Dietrich Leder von der Medienkorrespondenz schreibt in seinem Journal über das 3sat-Porträt "Dutschke – Geschichte einer deutschen Revolte".

+++ Carsten Maschmeyer ist nicht relevant genug für Sat.1. Seine Gründershow "Start up!" wird daher abgesetzt (Spiegel Online).

Das nächste Altpapier erscheint am Montag.

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