Colage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 16. April 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/Imago/Panthermedia

Das Altpapier am 16. April 2018 Von Bauern und Fröschen

Ist deutsches Fernsehen innovativ? Warum schwenkt die Kamera auf Jörg Schönenborn, wenn Maren Kroymann beim Grimme-Preis einen Spruch macht? Gibt es nun eine "Affäre WDR"? Sind die Öffentlich-Rechtlichen adipöse Amphibien? Und wie droht die FPÖ diesmal dem ORF? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Colage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 16. April 2018
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"14.43 Uhr: Viel Geduld und jede Menge Autogrammkarten hat Ralf Arens aus Recklinghausen mitgebracht. Er will Unterschriften von allen Preisträgern sammeln, die heute in Marl sind."

"15.00 Uhr: Sara Bräuling (18) Schülerin aus Marl, wartet seit einer halben Stunde vergeblich auf Jan Böhmermann."

Es soll Menschen geben, die ihre Probleme mit Livetickern haben. Aber der, den die Onlineredaktion der Marler Zeitung vom Roten Teppich der Grimme-Preis-Verleihung am Freitag in Marl geschrieben hat, ist wirklich hübsch in der Art, wie er dem Fernsehpreis ein Marler Ortsschild verpasst:

"15.50 Uhr: Aufregung am Grimme-Institut: Das Notstromaggregat am Rathaus ist angesprungen, weil Mechaniker dort gearbeitet haben."


Wie innovativ ist das Fernsehen?

Begeben wir uns aber auf die überregionale Ebene: Wie steht es um das deutsche Fernsehen? Welche Eindrücke vermitteln die Nominierungskommissionen und Jurys in der 114 Seiten starken Preispublikation, die nun veröffentlicht und (als pdf) downloadbar ist? Heike Hupertz, die der Jury "Information und Kultur" angehörte, schreibt zum Beispiel, dass "auch in diesem Jahr bei Grimme die Innovationspreisausbeute nichts ergab".

Nun gab es 2017 zwar mit "Babylon Berlin", "4 Blocks" oder "Dark" endlich die deutschen Serien, die schon lange erwartet worden waren. Im Unterhaltungssegment etwa, schreibt Jürn Kruse, wurde aber "eine Nominierung für den Innovationspreis noch nicht einmal angedacht". Alles, was nicht in die "paar Schubladen" passte, "in die sich fast alles aus der deutschen Fernsehunterhaltung stecken lässt", sei für den Preis nominiert worden. "Na ja, fast. Oder was mit ein bisschen mehr Mühe und Liebe gemacht wurde. Dass das nur zu elf von 20 möglichen Nominierungen führte (…), spricht für sich."

Der Nominierungskommission "Information und Kultur" (der Altpapier-Kollege René Martens und ich angehörten) fiel ein Innovationsunterschuss etwa im Kulturfernsehen auf: Sie würdigte nach längeren Diskussionen den Versuch von SkyArts, die Bayreuther Festspiele einem Publikum ohne weiße Schals zugänglich zu machen. Aber das war es halt auch.

Die Frage ist, ob Innovationsmangel per se ein Vergehen ist. Heike Hupertz:

"Revolutionär zu sein, liegt nicht in der DNS des Fernsehens. (…) Fernsehen, das ist vor allem Beharren in der vorhersehbaren Bewegung. (…) Umso erstaunlicher, dass man auch für 2017 konstatieren kann, dass das Fernsehen lange nicht so schlecht war wie sein lädierter Ruf. Wenn man aufs Detail blickt. Vielen der Kritiker des Systems wünscht man zumindest etwas mehr Programmkenntnis. Programmbeobachtung macht zwar viel Arbeit und ist auch nicht immer schön, bewahrt aber vor ungerechtfertigten Pauschalurteilen."

Programmbeobachtung kann andererseits auch belegen, dass manche Ahnung zutreffend ist: Dass im ZDF-Hauptprogramm kaum bis kein Platz für nicht formatiertes Dokumentationsfernsehen und Dokumentarfilme ist, zeigte sich jedenfalls auch beim Grimme-Preis. Es wurden zwar Formate und Filme, die das ZDF koproduziert hat, ausgezeichnet – aber vieles davon wurde nicht im ZDF-Hauptprogramm erstausgestrahlt (bzw. überhaupt ausgestrahlt), sondern lief bei 3sat oder via funk bei YouTube. Der einzige für einen Grimme-Preis nominierte (aber nicht prämierte) Dokumentarfilm, der im ZDF erstausgestrahlt wurde ("Anton und ich"), lief dort um 1 Uhr nachts.

Man könnte sich lange streiten, ob das lineare Programmschema noch der Maßstab sein sollte. Aber wenn es keiner wäre, müsste man ja nicht darauf setzen, Umschaltimpulse zu minimieren, indem man in der Programmfarbenauswahl möglichst selten vom Horst-Lichter-Standard abweicht.

"Eins bleibt 2018 so gewiss wie 2017", schreibt Hupertz in ihrem Rundumschlag über das Fernsehjahr, zu dem auch markant vorgetragene politische Forderungen nach Reformen bei den Öffentlich-Rechtlichen gehörten: "Die Ausrichtung an den Zielen der Marktführerschaft allein führt nicht zu erneuerter Selbstbestimmung."


Die "Affäre WDR"

Zurück zum Liveticker der Marler Zeitung:

"18.56 Uhr: Das Team der Netflix-Serie 'Dark' ist da. Oliver Masucci und Jantje Friese posieren für die Fotografen. WDR-Intendant Tom Buhrow und ARD-Direktor und WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kommen dazu."

Wenig später wurde im Marler Stadttheater Maren Kroymann geehrt, und als sie sagte, es sei "im deutschen Fernsehen bei Männern in Machtpositionen nicht üblich", sich mit einer "alten Feministin" einzulassen, schwenkte der Kameramann auf Jörg Schönenborn im Publikum (Minute 14:30 im Livestream). Da hatte jemand Zeitung gelesen.

Schönenborn gehörte am Wochenende zu den in Medienressorts meistgenannten Menschen. Als einen Mann "in Erklärungsnöten" bezeichnet ihn etwa der Tagesspiegel. Die Primärquellen dafür sind nach den Veröffentlichungen von Stern bzw. stern.de und Correctiv (siehe zuletzt Altpapier vom Freitag) nun der Spiegel und eine WDR-Mitteilung.

Der Spiegel (€) schreibt:

"E-Mails und Briefe belegen, dass die Senderspitze bereits 2010 informiert war – und zu wenig unternahm. Die damalige Intendantin Monika Piel, der heutige Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und die heutige Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel waren in den Fall involviert. Oder wie es Hassel in einer E-Mail selbst formulierte: 'die gesamte Hausspitze' sei 'damit befasst' gewesen. (…) Hätte einer aus der Führungsspitze damals die Courage gehabt, sich der Fälle anzunehmen, wäre dem WDR die aktuelle Affäre zumindest in diesem Ausmaß erspart geblieben. Es wäre der Skandal zweier Mitarbeiter geblieben. Jetzt ist es eine Affäre WDR."

Es geht also nicht nur um Schönenborn. Ihm aber wird speziell vorgeworfen, 2012 einen der beschuldigten Journalisten befördert zu haben, obwohl er von den Vorwürfen gegen ihn gewusst habe. "Laut Spiegel war es ebenfalls Schönenborn, der den zweiten der sexuellen Belästigung beschuldigten WDR-Mitarbeiter auf begehrte Korrespondentenstellen schickte", fasst sueddeutsche.de zusammen.

In einer "Klarstellung zur aktuellen Berichterstattung über den WDR", die die Anstalt am Freitag verschickt hat, heißt es, die bisherige Berichterstattung ergebe "kein vollständiges Bild der Abläufe und Hintergründe". Die Anschuldigungen hätten damals "nicht abschließend aufgeklärt" werden können. Jörg Schönenborn (der auch mit der dpa sprach) wird zitiert:

"Ich habe damals Personalentscheidungen auf der Grundlage der mir vorliegenden Fakten getroffen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich die Informationen, die uns heute vorliegen, schon damals gehabt hätte. Denn mit dem Wissen von heute hätte man damals andere Entscheidungen getroffen."

Die Kategorie "Wissen von heute" wäre freilich noch interpretierbar. Es können damit neue Ergebnisse von Untersuchungen gemeint sein. Es kann aber auch das neue Wissen gemeint sein, dass vor ein paar Jahren noch sehr intern scheinende Angelegenheiten sich heute zu Vorwürfen auswachsen können, die mit publizistischer Wucht das Gesamtunternehmen treffen.


Öffentlich-rechtliche fette Frösche

Kommen wir zu etwas völlig anderem: "Es ist so leicht, auf die öffentlich-rechtlichen Sender einzuhauen." Schreibt Hans Hoff in seiner DWDL-Kolumne.

"Fällt mir morgens die Zahnbürste ins Klo, sage ich: Scheiß ARD. Mault der Chef an meinen Leistungen herum, murmele ich 'Staatsfunk' in mich hinein."

Ja, so läuft’s. Weshalb es zuletzt mehrere Beiträge von ARD-Oberen zur Erklärung und Verteidigung der Öffentlich-Rechtlichen gab – wie den, den RBB-Intendantin Patricia Schlesinger nun für den Tagesspiegel geschrieben hat:

"Erfinden können wir uns nicht neu, schon wahr, aber verändern können wir uns, wo es nötig ist. Und bewahren sollten wir, was uns unterscheidet."

Sparen wir uns hier aber die Gesamtexegese des Texts; wer meint, dessen Inhalt grob erahnen zu können, liegt nicht grundsätzlich daneben. Kommen wir stattdessen zu Hans Hoff zurück, der die Verantwortung für größere Reformen der Öffentlich-Rechtlichen in die Politik weiterschiebt. An ihr sei es, deren Aufgabenstellung zu verändern:

"Gerade sind die Ministerpräsidenten dabei, aber schon jetzt ist absehbar, dass sie am Ende nicht mehr als ein paar Stellschrauben anziehen oder lockern. Von großartigen Veränderungen kann da keine Rede sein. (…) Lasst also die armen Gestalten in den Sendern mal eine Weile in Ruhe und stellt euch vor, sie seien nichts anderes als fette Frösche, die Angst um ihren Sumpf haben. Und dann wendet euch an den Bauern mit dem Traktor, wenn euch euer Anliegen wirklich so wichtig ist, dass ihr dafür auch mal ein bisschen mehr wagen wollt als nur morgens rumzubrüllen."

Vielleicht ist das aber auch keine gute Idee. Es gibt ja auch Bauern, die den Sumpf am liebsten zubetonieren würden. Damit aus gegebenem Anlass nach Österreich.


Die FPÖ droht wieder

Zwei Plätze neben Jörg Schönenborn saß bei der Grimme-Preis-Verleihung Armin Wolf, der auch dem medieninteressierten Publikum in Deutschland bekannte ORF-Nachrichtenmoderator, dem in Marl eine "besondere Ehrung" zugedacht wurde. Hinterher bloggte er:

"Ich habe mich über diese große Auszeichnung natürlich sehr gefreut und hatte bei der Preisverleihung einen wunderbaren Abend – bis ich auf meinem Handy vom jüngsten Interview des ehemaligen FPÖ-Vizekanzlers Norbert Steger gelesen habe", der als Stiftungsratsvorsitzender des ORF im Gespräch ist.

"Der sagte den 'Salzburger Nachrichten', es würden von den Auslandskorrespondenten ein Drittel gestrichen, 'wenn diese sich nicht korrekt verhalten'. Als Beispiel nannte er den ORF-Korrespondenten in Ungarn. Seine Berichterstattung zur Ungarn-Wahl sei zu 'einseitig' abgelaufen." (faz.net)

"Wer gegen die geplante neue Social-Media-Richtlinie verstoße, 'wird zunächst verwarnt – und dann entlassen'. Die Richtlinie soll regeln, was Journalisten des ORF zum Beispiel auf Facebook und Twitter posten dürfen." (Spiegel Online)

Der österreichische Standard hat seinen Artikel dazu mehrfach geupdatet. Wer die Reaktionen ("direkte und unverhohlene Bedrohung von ORF-JournalistInnen") im chronologischen Überblick haben will: hier entlang.

So, Ende… Oder nein! Jetzt hätten wir fast unser YouTube-Fundstück des Tages vergessen!


Altpapierkorb (Russland, Echo, World Press Photo, Jörg Kachelmann, Türkei)

+++ "Als ob das Thema Russland selbst ein Kontaktgift wäre." Übermedien berichtet (zunächst für Abonnenten) über Schwierigkeiten einiger Politikerinnen und Politiker, einen Aufruf zur Deeskalation des Konflikts mit Russland in einem deutschen Medium unterzubringen. Dazu dröselt Übermedien "eine virale Falschmeldung" bzgl. Russland auf. Und hat die Gästeliste des "Anne Will"-Syrien- und Russland-Talks nach Atlantik-Brücken-Vorstandsmitgliedern gescannt.

+++ Die Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang ist auch Thema von Medienressorts. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung macht Harald Staun Heuchelei aus, besonders bei "all jenen routinierten Echo-Berichterstattern, die auch in diesem Jahr keinen Grund sahen, auf ihre devoten Texte zu verzichten. 'Echo 2018 trifft bei Vox die richtigen Töne', phantasierte das bewährt betriebsblinde Portal 'Quotenmeter.de'. Auf 'stern.de' dagegen wurde der Streit eher prominent ignoriert, bevor man sich den wesentlichen Dingen widmete: 'Der Skandal um die Rapper Farid Bang und Kollegah beherrschte den Echo 2018. Doch Rita Ora und Helene Fischer sorgten für sexy Highlights.'" Bunte.de und die Funke-Mediengruppe kommen auch vor.

+++ Echo II: In der Welt meldet sich der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber zu Wort: Es gebe nur eine sinnvolle Reaktion der Musikindustrie – "eine Entschuldigung und die Erkenntnis, dass dieser Echo keine Berechtigung mehr hat: weder inhaltlich noch moralisch." Der Name "Xavier Naidoo" fällt in diesem Zusammenhang in der taz.

+++ "Der Wettermoderator Jörg Kachelmann kann mit einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von fast 300000 (Euro) vom Verlag Axel Springer SE rechnen. Der Bundesgerichtshof (BGH) Karlsruhe hat eine 'Nichtzulassungsbeschwerde' des Verlages gegen ein früheres Urteil des Oberlandesgerichts Köln abgewiesen." Das berichtete die Emder Zeitung.

+++ Eine traurige Nachricht aus der Berliner Zeitung: Der langjährige Redakteur Thomas Rogalla ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Er war im Betriebsrat aktiv und leitete den Redaktionsausschuss der Berliner Zeitung.

+++ In der Türkei ist offenbar wieder ein deutscher Journalist mit doppelter Staatsbürgerschaft festgenommen worden, berichtete die FAZ am Wochenende. "Aus dem Auswärtigen Amt hieß es am Freitag, man gehe von der Festnahme Adil Demircis aus." Er ist Reporter der Nachrichtenagentur Etha.

+++ Die Süddeutsche Zeitung kritisiert die Wahl des Pressefotos des Jahres: "Wenn (…) Jahr für Jahr grausame Bilder ausgezeichnet werden, verflüchtigt sich der appellative Effekt eines Bildes und verkommt zum Kriegs- und Krisenvoyeurismus."

+++ In der FAS wird "DSDS" als Integrationsfaktor betrachtet: "Obwohl die Show so kalkuliert ist und ab und an die Kandidaten und die Zuschauer beleidigt, ist sie trotzdem die größte Ausländer-und-Kinder-von-Ausländern-Sendung Deutschlands und darum wichtig für Fremde und für Deutsche."

Frisches Altpapier gibt es am Dienstag.

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