Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 17. April 2018: Der bekannte Musikpreis Echo hallt noch länger nach als er wohl gerne würde. Müssen Entscheidungen inzwischen immer in Echtzeit getroffen werden?
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 17. April 2018 Diss und Verdruss

Der bekannte Musikpreis Echo hallt noch länger nach als er wohl gerne würde. Müssen Entscheidungen inzwischen immer in Echtzeit getroffen werden? Der Rauch ums NetzDG lichtet sich und gibt Blicke in eine ambivalente Zukunft frei. Ist Facebook kein gutes Werbeerlebnis mehr? Und was Verlagschefs sonst noch darüber sagen. Außerdem: Warum die Überschrift "Reporter gestorben" leider nicht alles trifft; #FreeRaif! Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 17. April 2018: Der bekannte Musikpreis Echo hallt noch länger nach als er wohl gerne würde. Müssen Entscheidungen inzwischen immer in Echtzeit getroffen werden?
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So viel Echo hatte der Echo, einer der vielen auf Erfolg, aber auch auf Anteilen von noch was anderem basierenden Preise im deutschen Medienzirkus (die nicht immer alle von Barbara Schöneberger moderiert werden können), noch nie.

Ja, zwei der Künstler, auf die dieser Begriff auch im älteren, engeren Sinne zutrifft, haben ihren Echo vom vergangenen Donnerstag inzwischen zurückgegeben. Das Notos-Quartett, dem sich anhand des Fotos zur SPON-Meldung nicht mal vorwerfen ließe, dass es "zu alt" sei, sprach sogar von einem "Symbol der Schande". Alt sind jedenfalls aber Klaus Voormann, der den Lebenswerk-Echo ebenfalls erst bekam und dann zurückgab, und Peter Maffay, der dieses Mal keinen Echo erhielt, aber was dazu facebookte (meedia.de). Was zuvor geschah: siehe Altpapierkorb gestern.

Klar hat Andreas Borcholte – der einst das SPON-Kulturressort leitete, als auch das noch jünger und ambitioniert war, nun dort Autor, aber auch Mitglied einer der Echo-Jurys ist – auch Recht, wenn er im bereits verlinkten Kommentar darauf hinweist, dass schon zu Zeiten, als statt Vox noch die ARD die Preisverleihung ausstrahlte, die Lebenswerk-Belobigung immer am Ende kam, weil dann die jüngeren Künstler sowieso zum Büffet streben und die jüngeren Zuschauer wegzappen. Gewiss liegt Gerrit Bartels, der für den Tagesspiegel noch einen Druckzeitungs-kurzen Kommentar schrieb, nicht falsch, wenn er die Preisrückgaben "wohlfeil" nennt.

Allerdings: Bloß weil Journalisten inzwischen immer auf die Timelines der sog. soz. Medien schauen, um keinen reichweiten-relevanten Trend zu verpassen, müssen ja nicht auch fast 80-jährige Beinahe-Beatles alle Entscheidungen in Echtzeit treffen. Späte, kleine Schritte sind immerhin späte, kleine Schritte und weniger wohlfeil als es wäre, einfach abzuwarten, bis die Aufregung sich legt bzw. durch die nächste überwölbt wird. In Echtzeit getroffene Entscheidungen wie Marcel Reich-Ranickis Fernsehpreis-Verweigerung sind natürlich telegener. Später getroffene könnten womöglich durchdachter sein. In den genannten Kommentaren überzeugen eher die offenen, gar nicht beantworteten Fragen, wie Leitartikel in Leitmedien sie sich leider nur selten zu stellen gestatten:

"Viel fragwürdiger ist, warum überhaupt so viele junge Menschen sich an der Musik und den Texten der Rapper nicht stören, deren Album gekauft und zu einem Echo-preiswürdigen gemacht haben." (Bartels)

"Wo bleibt der Aufstand von Wincent Weiss, Milky Chance, Mark Forster, Robin Schulz oder Haiyti – alles junge Echo-Preisträger vom letzten Donnerstag. Warum ist es in der sonst doch so Diss- und Battle-freudigen Rap-Szene so still?" (Borcholte)

Vielleicht am offensten, jedenfalls früh, stellte Hanno Terbuyken bei evangelisch.de (dem Portal, auf dem früher das Altpapier erschien und für das ich weiter schreibe) fest:

"Die Organisatoren ... bräuchten [...] eine Haltung dazu, dass Rap als populärstes Musik-Genre der heutigen Zeit vielfach aus aggressiven, antisemitischen, frauenfeindlichen, homophoben, gewaltverherrlichenden Texten besteht – und trotzdem von Millionen Menschen gekauft, gehört und gemocht wird."

Vielleicht ist vieles doch komplizierter als die großen Nachrichtenmedien, die oft sehr ähnlich berichten, es gern darstellen. Immerhin der jüdische Comedian Oliver Polak hatte Bock auf ein bisschen Diss und schrieb in einem inzwischen oft zitierten Kommentar in Springers Welt:

"Menschen wie Kollegah sind der Grund dafür, dass jüdische Jugendliche auf Schulhöfen gejagt und krankenhausreif geschlagen werden. Dafür, dass sie in Angst leben müssen."

Dass Leitmedien zwar seit Jahrzehnten oft und mit Recht Antisemitismus von rechts kritisieren, aber anderen unbequemeren Antisemitismus, zum Beispiel islamischen, eher nicht oder nur ausgewogen am Rande, weil so was ja auch den Rechten in die Hände spielen könnte, ist ein Teil des Problems.

Ach so, ein Lösungsansatz. Wie wäre es mit dem, den Karsten Heyde, nach eigenen Angaben "Journalist alter Schule", auf Twitter teilte?

NetzDG weiter in Kritik, aber mit "gewisser Zukunft"

Hatte nicht dieser smarte junge Minister aus der letzten Bundesregierung, der jetzt auf diplomatischem Parkett noch spannendere Herausforderungen bewältigt, ein Gesetz gegen Hassrede ersonnen?

Wie es um die Zukunft des (zuletzt am Freitag hier behandelten) NetzDG steht, hat die Welt sich auf einer Berliner Juristentagung angehört. Und eine Fülle widerstrebender Eindrücke mitgenommen.

"Eines der nachdrücklichsten Plädoyers gegen das NetzDG dieser Tagung stammte von Renate Nikolay, der Kabinettschefin von EU-Justizkommissarin Vera Jourova. In relativ jungen EU-Mitgliedstaaten, in denen es früher so etwas wie Wahrheitsministerien gegeben habe, sei ein Gesetz wie das NetzDG undenkbar."

Dass niemand sonst in der EU so ein Gesetz plant, erleichtere die EU-Kommissarin. Die neue deutsche Justizministerin Katarina Barley dagegen

"gilt indes als Befürworterin des deutschen Gesetzes. Die Devise bei der Umsetzung des NetzDG durch die große Koalition lautete in etwa: Besser ein problematisches Gesetz als keins. Denn das NetzDG demonstriert nach dieser Sichtweise die Handlungsfähigkeit der Politik gegenüber den amerikanischen Technologieunternehmen. ... Auch bei der Juristentagung war das Ministerium vertreten, durch Christian Meyer-Seitz, einen der Autoren des NetzDG. Dem Gesetz sei 'eine gewisse Zukunft beschieden', sagte Meyer-Seitz auf der Tagung. Was allerdings zumindest doppeldeutig klingt",

schreibt Christian Meier (Welt). Vielleicht zeigte sich da die Handschrift des Autors. Doppel- oder Uneindeutigkeit der Bestimmungen zählt jedenfalls ja zu den zentralen Problemen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes.

Jäkel und Döpfner über Facebook

Peter Maffay ist bei Facebook. Tritt Facebook bei, um dich mit Peter Maffay und anderen Nutzern, die du kennst, zu vernetzen ... sagen wir hier natürlich nicht, auch wenn der Appell jüngere Nutzer jenseits des "Tabaluga"-Alters womöglich zum Facebook-Verlassen animieren könnte. Das Altpapier ist ja nun gar nicht mehr bei Facebook.

Wer sich immer noch mehr als öffentlichkeitswirksame Facebook-Kritikerin profiliert, ist die Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel. Ein Interview mit ihr, das gestern (kostenpflichtig) im Wirtschaftsressort der SZ erschien, zog breite Gratis-Kreise, in den österreichischen Standard und am schönsten zu dwdl.de. Dort lautet die Überschrift "Langstrumpf-Ökonomie" und passt fast zum Meldungs-Foto, auch wenn Jäkel ja keine Zöpfe trägt.

Was Jäkel der SZ u.a. Facebook-Kritisches sagte: dass sie

"spüre, dass ein gewisser Verdruss in der Werbewirtschaft entsteht, die ersten Unternehmen wenden sich ab. Das Pendel war extrem weit ausgeschlagen, ich habe das immer für eine irrationale Überhöhung gehalten. Die Faszination der neuen Technik spielte da sicher eine Rolle. Nun stellen die Ersten fest: Es gibt kaum Kontrolle, in welchem Kontext die Anzeigen erscheinen, das Werbeerlebnis ist flüchtig, ein wirklich inspirierter Markenaufbau gelingt dort nicht. Das kann so auf Dauer nicht gutgehen."

Die Zeiten sind offenbar so, dass Journalismus, sofern nicht öffentlich-rechtlich beitragsfinanziert, sich selbst als das bessere Werbeerlebnis präsentieren muss.

Zu Jäkels Aussagen passt: eine dpa-Umfrage bei bekannten Zeitungsverlagen, wie sie es aktuell mit Facebook halten (heise.de).

Und dazu passt das heutige Handelsblatt-Interview mit dem Springer- und Zeitungsverlegerverbands-Chef Mathias Döpfner. Das kostet ebenfalls, doch meedia.de aus der Handelsblatt Media Group übernahm das Gespannt-Machen bzw. Aggregieren.

Einerseits schimpft Döpfner auf ein neues, europäisches Gesetzesvorhaben, die derzeit im wahrsten Wortsinn in der Lobby umkämpfte E-Privacy-Verordnung. Das knackige Zitat, sie könnte "ein eklatantes Beispiel dafür, wie mit besten Absichten ein Gesetz konstruiert wird, das (…) am Ende das genaue Gegenteil bewirken würde", sein, geht bereits gut rum (z.B. wiederum Standard).

Tatsächlich sind die Auswirkungen dieses Gesetzes eine völlig offene Frage. Es ist immer leicht, sich über die Verlage zu mokieren, die in Digitaldingen den datenkapitalistischen US-amerikanischen Konzernen weit hinterher hinken und das mit Lobbyarbeit beim Gesetzgeber ausgleichen möchten. Doch dafür, dass deutsche und europäische Gesetzgeber US-amerikanische Konzerne überhaupt irgendwie zu kontrollieren in der Lage sind, fehlt es ebenso an Beispielen wie für gut formulierte Digital-Gesetze.

Ansonsten muss Döpfner noch mit großer Geste (€) die Frage beantworten, warum er den wohl allergleichgültigsten der vielen Erfolgs-Preise im deutschen Medienzirkus, den noch jungen Axel Springer Award, ausgerechnet an Mark Zuckerberg und dieses Jahr an Jeff Bezos (vom Datenkraken Amazon) vergeben ließ.

Falls Sie sich lieber ein wenig über Verlage mokieren möchten, wäre der Bericht zu empfehlen, den Alexander Fanta (netzpolitik.org) aus "der schmucken Renaissancestadt Perugia in Oberitalien" mitgebracht hat. Dort lief letzte Woche das internationale journalismfestival.com (Achtung, falls Ihr Lautsprecher laut gestellt sind: Ein Pianist auf künstlerischer Augenhöhe mit den Untermalungsmusik-Pianisten des ZDF klimpert gleich los).

"Aus Sicht der Medienhäuser ist nicht die Preisgabe von Nutzerdaten das Problem mit Facebook – sondern bloß ihr geringer Einfluss auf den Internetgiganten", meint Fanta; die Verlagsvertreter fühlten sich von Facebook gekränkt, weil das nun ihre Leser lenkt und sie "nur allzu deutlich seine Überlegenheit spüren" ließe. Immerhin habe

"Google es in der Tat verstanden, die Verlage durch Millionenausgaben für Innovationsprojekte, Schulungen und Nachwuchsförderung zu besänftigen. Von der Marktmacht des Alphabet-Konzerns ist in Perugia praktisch nichts zu hören. Vielleicht auch nur deshalb, weil den versammelten europäischen Medienmanagern die Cocktails am Google-Empfang so gut schmeckten."

Balkonsturz, Mord, Stockschläge

Harter Schnitt. Anderes Thema noch kurz: Leider kaum mehr zu zählen sind die Journalistenmorde. "Reporter gestorben", lautet heute die Überschrift über einer Meldung der SZ-Medienseite. Das trifft zwar zu, schlimm genug – allerdings starb Maxim Borodin nach einem Sturz von einem Balkon im fünften Stock in der russischen Stadt Jekaterinburg.

"Am Tag vor seinem 'Sturz' habe Borodin ihn kontaktiert und von maskierten Sicherheitskräften vor seinem Haus berichtet, schreibt [Wjatscheslaw] Baschkow auf Facebook. Offensichtlich habe der Journalist damit gerechnet, dass eine Wohnungsdurchsuchung bevorstünde. Eine Stunde später habe Borodin jedoch Entwarnung gegeben. Baschkow hörte erst zwei Tage später wieder von seinem Freund: dass der unter seinem Balkon gefunden worden sei und nun auf der Intensivstation liege",

präzisiert die taz. Ob es sich um Mord handelte, ist also unklar und dürfte es bleiben. Definitiv ermordet wurde die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, ohne dass ein halbes Jahr danach die Auftraggeber dieses Mordes bekannt und belangt wären, wie etwa "@mediasres" berichtet.

Weitere Namen ließen sich nennen. Genannt werden muss Raif Badawi, der inzwischen seit sechs Jahren in einem saudi-arabischen Gefängnis ... zum Glück noch lebt, vor allem, weil die dortige, nun ja: Justiz auf der vollständigen Vollstreckung der "thousand lashes" (rsf.org), die zur Bestrafung des Journalisten gehören, noch nicht bestanden hat. Dass Saudi-Arabien wichtiger Partner des sog. Westens ist, der in deutschen Diskursen immer noch öfter beschworen wird, je mehr dessen Werte erodieren, bedarf vermutlich keiner Erwähnung. #FreeRaif!

Altpapierkorb (Public Value, publizistische Revolte gegen Hedgefonds, "Polizeistaatsbesuch", "Hydraleaks" ...)

+++ Achtung Beitragszahler! "Die ARD will ... nicht nur auf Eigenreklame setzen, sondern BeitragszahlerInnen auch bei physischem Kontakt überzeugen". Das berichtet Daniel Bouhs in der taz von der aktuellen Intendantentagung in Bremen und dem Stand bei "Public Value"-Werbeinitiative.

+++ Die "publizistische Revolte" der Denver Post gegen den Hedgefonds, der sie besitzt und aussauge, ist Thema der SZ-Medienseite. +++ Außerdem (€): ein Porträt des neuen Arte-Programmdirektors Bernd Mütter. +++ Und die neueste Eskalationsstufe im ORF-FPÖ-Konflikt.

+++ Eine gestern am Nachmittag aktualisierte Übersicht zum Fall WDR oder den Fällen dort (Altpapier) bietet der Tagesspiegel.

+++ Roman Brodmanns Dokumentation "Polizeistaatsbesuch" "ist auch 50 Jahre später noch ein plastisches Gesellschaftsbild jener Zeit, das unmittelbar die Spannungen vermittelt, die die damalige Bundesrepublik prägten", schreibt Diemut Roether im epd medien-Tagebuch, da der SWR die Doku am späten Sonntagabend noch mal sendete. Gibt es sie nun in der Mediathek? Nein, bei so alten Produktionen wäre die Rechteklärung ja aufwendig, und Quizshow-Folgen klicken sicher besser.

+++ Im "beschaulichen Bonner Vorort Friesdorf" (der allerdings zum Stadtteil Bad Godesberg gehört, zu dem es sehr unterschiedliche Assoziationen gibt) wohnte dwdl.de dem Dreh einer schwedisch-deutschen Serie bei, in der Lars Eidinger den in einer Botschaft "untergetauchten Whistleblower" und "Hydraleaks"-Chef Lucien Gell spielt.

+++ Dass "Smartphone-Nutzer weniger Zeit in Nachrichtenartikeln verbringen als Personen, die von Computern auf die Nachrichtenseiten zugreifen", haben nun Forscher "in Laborversuchen mit Eyetrackern" festgestellt (Standard).

+++ Wieviele Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt an Microsoft gehen, hat der Linken-Politiker Victor Perli bei der Regierung erfragt und der Spiegel gemeldet. Frei online gibt's die Zahl bei heise.de. +++ Dabei überspielt Microsoft ja mehr oder weniger alles, was über es bekommt, in die USA.

+++ Die FAZ-Medienseite berichtet heute aus Frankreich (Emmanuel-Macron-Interview von Edwy Plenel und Jacques Bourdin: "Zeitweise wirkten sie wie Sparringpartner. Es war ihr Irrtum, einen K.o.-Sieg anzustreben. Macron gewann nach Punkten") und aus Ungarn (Könnte die aus dem Altpapier bekannte Magyar Nemzet noch gerettet werden?).

+++ Noch mal Facebook: Die schon erwähnte Justizkommissarin Vera Jourova gab der heutigen SZ ein Interview, dass dies. hier zusammenfasst.

+++ Und noch mal Peter Maffay: Bei Twitter ist er auch. "Let´s rock"!

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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