Das Altpapier am 26. April 2018 Listenschlusslichter

In der Türkei wurden 14 Cumhuriyet-Journalisten zu Haftstrafen verurteilt, und auch innerhalb der EU ist es um die Freiheit der Presse schlecht bestellt. Die erfolgsversprechendsten Erlösmodelle für junge Journalisten? Erben oder reich Heiraten. Echo, das große Finale. Eine Redaktion für alle Spiegel-Mitarbeiter. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 26. April 2018: In der Türkei wurden 14 Cumhuriyet-Journalisten zu Haftstrafen verurteilt, und auch innerhalb der EU ist es um die Freiheit der Presse schlecht bestellt.
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Wir sollen sie nicht vergessen, also vergessen wir sie auch nicht, die Journalisten, die immer noch in der Türkei in Haft sitzen. 14 von ihnen, alles Mitarbeiter der Cumhuriyet, wurden nun zu teils langen Gefängnisstrafen verurteilt.

"13 wurden der 'Unterstützung von Terrorgruppen, ohne Mitglied zu sein', für schuldig befunden. Nur der Buchhalter Emre Iper wurde wegen 'Terrorpropaganda' verurteilt. Drei weitere Mitarbeiter wurden freigesprochen. Herausgeber Akin Atalay wurde zu acht Jahren, einem Monat und 15 Tagen Haft verurteilt, Chefredakteur Murat Sabuncu und Investigativjournalist Ahmet Sik zu je siebeneinhalb Jahren",

meldet tagesschau.de. Bei Spiegel Online kommentiert Istanbul-Korrespondent Maximilan Popp:

"Die Entscheidung ist eine Bankrotterklärung für die türkische Justiz: Richter Dag ist weniger der Beweislage gefolgt, die einen Freispruch der Beschuldigten zwingend notwendig erscheinen ließ, sondern vielmehr dem Druck der Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan, die sich seit Jahren im Streit mit der 'Cumhuriyet' befindet. Die 'Cumhuriyet'-Anwälte haben bereits angekündigt, das Urteil anzufechten. Solange das Berufungsverfahren läuft, bleiben die Journalisten in Freiheit. Sie dürfen das Land jedoch nicht verlassen."

Das Verfahren gegen Mesale Tolu, die zwar seit Dezember nicht mehr in Haft ist, aber die Türkei ebenfalls nicht verlassen darf, wird derweil heute fortgesetzt. Die Schwäbische Zeitung aus ihrer Heimat Ulm berichtet, auch, dass für ihren dreijährigen Sohn Serkan in Ulm ein Kindergartenplatz reserviert sei.

Bulgarien, Ungarn, Polen. Und Deutschland: Pressefreiheit in Gefahr

Dabei muss man gar nicht in die Ferne schweifen, um sich über Freiheit und Unversehrtheit von Journalisten Sorgen zu machen, wie die bereits gestern vorgestellte Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen beweist. EU-Mitglieder wie Ungarn, Polen oder Bulgarien kommen darauf gar nicht gut weg, was sich auch mit dem Eindruck deckt, den Daniel Bouhs im Gespräch mit Sebastian Wellendorf bei @mediasres schildert.

Im vergangenen Jahr ist er durch die europäischen Listenschlusslichtstaaten getourt und erzählt nun vom Hobby der Oligarchen aus Bulgarien (Platz 111), sich Zeitungen zuzulegen und diese ihre Sicht der Dinge verbreiten zu lassen, sowie von der systematischen Untergrabung der Unabhängigkeit der Medien in Ungarn (Platz 73).

Ob die Reihenfolge der Reporter ohne Grenzen die richtige sei, stellt Bouhs in Frage. Die Gefährdung der Freiheit der Presse in Europa, in der EU, nicht.

Im Tagesspiegel kommentiert folgerichtig Joachim Huber:

"Die Tabelle aber illustriert, dass die Pressefreiheit in der EU so lange teil- und verkleinerbar ist, bis ein Viktor Orban zufrieden ist. Als sei Pressefreiheit nur ein Wort und keine Praxis, als sei die EU Sonntag und nicht Alltag."

Und wer nun glaubt, in Deutschland auf dem sonnigen Platz 15 sei alles in Ordnung, liest bei Julian Pütz und Netzpolitik.org rasch nach:

"Kritisiert wurden neben Einschüchterungsversuchen beim G20-Gipfel in Hamburg und Anfeindungen und Drohungen gegen Journalist*innen vor allem die ausgeweiteten Befugnisse von Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden. Institutionen wie die Entschlüsselungsbehörde ZITiS (Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich) gefährdeten die vertrauliche Kommunikation zwischen Journalist*innen und ihren Informant*innen. Dies könne dazu führen, dass Informant*innen aus Angst vor Überwachung in Zukunft keine Journalist*innen mehr kontaktieren würden und etwaige Missstände damit unberichtet blieben."

Bereits in einer Woche, am 3. Mai, ist übrigens schon wieder Gelegenheit, sich über dieses Thema Gedanken zu machen, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit sei Dank. Absolventen der Deutschen Journalistenschule nehmen das zum Anlass, um an ihre Schulen zurückzukehren und Basisarbeit zu leisten, wie DJS-Leiterin Henriette Löwisch im Interview mit Maike Müller auf der Medienseite der SZ erklärt:

"Das Publikum bekommt zwar viele Informationen, kann aber nicht mehr unterscheiden, was verlässlich ist und was nicht. Wenn wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren, verlieren wir die Pressefreiheit und unsere Existenzgrundlage. (…) Wir wollen ein Gespräch in Gang setzen und die nächste Generation zum Nachdenken bringen. Darum reden einige Absolventen in ihren alten Schulen darüber, was Journalismus ist, worauf man sich verlassen kann und worauf nicht. Besonders an unserem Projekt ist die persönliche Ebene. Die Alumni diskutieren dort, wo sie früher selbst die Schulbank gedrückt haben. Wir glauben, dass wir das Vertrauen in den Journalismus mit direktem Kontakt wieder stärken können."

Journalismus bietet weder Perspektiven noch finanzielle Sicherheit

Eine andere, leider auch unerfreuliche Baustelle, die Journalisten hierzulande beackern, ist die einer fairen Bezahlung, was ja by the way auch immer Voraussetzung für Unabhängigkeit ist. Die Tarifverhandlungen gestern wurden erstmal ohne Ergebnis abgebrochen, wie DJV und DJU melden.

Nicht eindrucksvoll genug scheint damit auch das vom DJV verbreitete Manifest gewesen zu sein, das 20 Nachwuchsjournalisten zu Beginn der Verhandlungen den Verlegern übergaben (hier geht es zum direkten Download als PDF). Dabei finde ich Sätze wie

"Und (sic!) wurde schon immer klargemacht, dass es extrem schwer sein wird, im Journalismus einen Job zu finden, der finanzielle Sicherheit und eine Perspektive fürs Leben bietet"

oder

"Sie wollen gut ausgebildeten Nachwuchs, der rund um die Uhr alle Kanäle bespielt und legen uns dafür ein Angebot vor, mit dem wir jedes Jahr real Geld verlieren"

oder

"Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben Alternativen. Wir kennen viele gute Journalistinnen und Journalisten, die nach zwei, drei Jahren in die Pressestellen von Audi, Lidl, Bosch und Co. gewechselt sind"

durchaus bedrohlich. Auch, und das nur als Nebenaspekt, weil damit im Journalismus nur Leute zurückbleiben, die es sich etwa dank anderweitiger Erlöskonzepte (a) Vati, b) Vatis Erbe c) spontane Ehelichung eines europäischen Thronfolgers nach Wahl leisten können, was nicht unbedingt zur Heterogenität der Journalistengesellschaft beiträgt.

Aber hey, wir sprechen hier von Unternehmern, die schamlos genug waren, mit kräftiger Unterstützung der Politik denjenigen zumindest zeitweise den Mindestlohn vorzuenthalten, die nachts und bei Wind und Wetter schwere Papierstapel durch die Gegend tragen (kann man in diesem Zusammenhang eigentlich Helge Schneiders "Jazzclub" einmal zu oft verlinken? Ich denke nicht). Was nun auch das Bundesarbeitsgericht für rechtens erklärt hat. Kein Wunder also, dass denen auch das Vergraulen des Nachwuchses egal ist.

Echo: Aus dem Auge, aus dem Sinn

Damit noch kurz zur letzten Eskalationsstufe eines Themas, dessen Vorgeschichte in umgekehrter Reihenfolge der "Verwandte Artikel"-Kasten unter dem neuen Text bei Spiegel Online schön aufbereitet:

- "Nach Skandal um Kollegah und Farid Bang: Stardirigent Barenboim gibt Echos zurück (23.04.2018)

- Antisemitismus-Skandal: Marius Müller-Westernhagen gibt alle sieben Echos zurück (17.04.2018)

- Nach Echo-Eklat: Helene Fischer kritisiert Ehrung für Kollegah (20.04.2018)

- Echo-Verleihung 2018: Politische Diskussion? Och nö, lieber Party (13.04.2018)

- Zoff auf der Bühne: Kollegah und Farid Bang mit Echo ausgezeichnet (12.04.2018)"

Nun gibt also auch noch der Bundesverband Musikindustrie den Echo zurück, und zwar an einen Workshop, der sich überlegen soll, wie in "Deutschland als drittgrößte(m) Musikmarkt der Welt" weiterhin "Musikpreise mit Leuchtturm-Charakter" verliehen werden können, wie der Verband selbst meldet. Schon jetzt sei klar:

"Wie beim ECHO KLASSIK und ECHO JAZZ, die von Anfang an reine Jury-Preise waren, soll beim neuen Musikpreis auch für den Pop-Bereich die Jury stärker in den Vordergrund rücken."

Was natürlich super ist, denn so wird sichergestellt, dass der antisemitische Schrott zwar weiterhin von Labels verbreitet und von Dumpfbacken oder Unwissenden oder anderen Leuten, deren Musikgeschmack mir echt ein Rätsel ist, massenhaft für teuer Geld gekauft werden kann. Aber bei der Verleihung der Musikpreise mit Leuchtturmcharakter nicht weiter negativ auffällt.

Bei Vox, wo der Echo in diesem Jahr telemedial über die Bühne ging, schweigt bzw. schwelgt man übrigens weiterhin zum Thema. Während bei der ARD jemand den Champagner öffnet, weil man sich mit der Abgabe der Übertragung vor zwei Jahren zumindest dieses Shitstorm-Potential erfolgreich vom Hals gehalten hat.

Altpapierkorb (Spiegel-Fusionen, Deepfakes, Doku-Brüder)

+++ Im Hause Spiegel fusioniert man aktuell gerne, und daher sollen nach den Bezahlmodellen (Altpapier am Dienstag) auch die Redaktionen von gedrucktem Magazin und Spiegel Online zusammengelegt werden, hat zunächst Horizont aus einer Mitarbeiter-Info extrahiert, die Meedia im Wortlauf nachlieferte.

+++ Bei Zapp gestern Abend ging es um Deepfakes. Deepfakes? Ach, sowas wie das Varoufake, also die Manipulation von Bewegtbild, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen.

+++ "Dennis und Patrick Weinert, zwei Brüder aus Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen, fahren in Krisen- und Kriegsgebiete, um Dokumentarfilme zu drehen. Sie sind noch keine dreißig Jahre alt. Ihre Arbeit zeichnet aus, was im etablierten Fernsehen nicht immer die Regel ist: Sie sind mutig, berichten authentisch und mit Empathie, auch über scheinbar abwegige Themen." (Martin Franke, FAZ-Medienseite, )

+++ ZDFneo bekommt eine neue Chefin, meldet DWDL.

+++ Das neue, hessische Informationsfreiheitsgesetz ist sehr schlecht, schreibt bei Netzpolitik.org Arne Semsrott.

+++ "'Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung' fand ich einen ziemlich grandiosen Namen für ein Heft und die Titelthemen 'Das feministische Patriarchat', 'Ach, Demokratie', 'Neue Weltordnung' und 'Gott, der nie fort war' spannend genug, um zu erwarten, auf hohem Niveau angenehm genervt zu werden, was einer der schönsten Zustände ist, in denen man sein kann. (…) Aber da hatte ich noch nichts gelesen." Michalis Pantelouris war für Übermedien mal wieder am Bahnhofskiosk.

Das nächste Altpapier erscheint morgen.

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