Das Altpapier am 9. Mai 2018 Kommunikation ist keine Raketenwissenschaft

Wie die re:publica-Macher auf die Aktion der Bundeswehr reagieren. Wie Journalisten auf den Ausschluss eines Kollegen durch die AfD reagieren. Wie "Reconquista Internet“ auf "Reconquista Germanica“ reagiert (Fortsetzung). Und wie transgender-Personen auf Sascha Lobos re:publica-Rede reagieren. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 9. Mai 2018: Wie Journalisten auf den Ausschluss eines Kollegen durch die AfD reagieren.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/RBB

Wir haben es hier heute mit vier funktionierenden Reaktionsstrategien zu tun. Ausgangspunkt sind jeweils Angriffe unterschiedlicher Heftig- und Boshaftigkeit – Trollerei und Fake-Kommentare, gezielt falsche Unterstellungen und Kritikverbot. In einem Fall geht es um eine nicht beabsichtigte Abwertung. Wie reagieren die Betroffenen darauf? Gehen wir es durch.

Erstens: die "Und jetzt Ihr“-Strategie

Oder: Wie die re:publica-Macher auf die Aktion der Bundeswehr reagieren.

Zu den wichtigsten Texten des gestrigen Tages gehört der, den die Veranstalter der re:publica unter dem Titel "Die Bundeswehr bei der rp18 – eine Chronologie. Und ein paar Fragen“ veröffentlicht haben. Sie erklären darin sich und ihre Sicht. Eine gute Strategie. Denn alle weiteren offenen Fragen richten sich nun an die Bundeswehr.

Was war passiert: Die Bundeswehr durfte auf der Netzkonferenz nicht in Uniform für sich werben. Sie fand das unangemessen und tat das dann eben – für die Veranstalter überraschend – vor dem Eingang (Altpapier). Unter anderem soll sie dort Flyer verteilt haben, auf denen stand: "Der re:publica ist Uniform zu unbequem. Die Konferenz steht für Offenheit und Toleranz. Trotzdem schließt sie Soldatinnen und Soldaten in Uniform aus. Sollte sie das? Diskutiert mit uns.“

Das ist genau der Spin, den diverse Kritiker der re:publica danach eins zu eins übernommen haben: Die ach so Liberalen wollten angeblich Filterblasen platzen lassen, aber schlössen das Militär aus. Ist es nur Gedankenfaulheit, diese interessengefärbte Behauptung einfach abzuschreiben – ohne darüber nachzudenken, dass "Offenheit und Toleranz“ einer großen Konferenz nicht gleichzusetzen sind mit Unorganisiertheit und programmatischer Wurschtigkeit gegenüber jeder denkbaren PR-Aktion? Oder spricht daraus schon ein Spaltungsbedürfnis?

Den re:publica-Machern war vergangene Woche vorgeworfen worden, sie hätten ein "PR-Eigentor“ geschossen. Mit ihrer "Und jetzt Ihr“-Strategie haben sie erreicht, dass das Tor, quasi nach Videobeweis, nicht zählt. Als Eigentorschütze stehen vielmehr vorschnelle Kommentaren und vor allem die Bundeswehr selbst da, deren Verantwortliche nun aufgefordert sind, u.a. diese Fragen zu beantworten:

  • Wer verantwortet diese Aktion politisch?
  • Wer hat diese Aktion geplant und bei wem in Auftrag gegeben?
  • Wer hat den beteiligten Soldatinnen und Soldaten den Befehl gegeben?
  • Werden Soldatinnen und Soldaten für solche Aktionen vereidigt, müssen sie also entsprechende Befehle ausführen?
  • War die Aktion auf der Straße eine angemeldete Demonstration?
  • Falls ja: Dürfen Soldaten in einem solchen Fall demonstrieren?
  • Darf eine Verteidigungsarmee im Inneren so agieren?
  • Falls nein: WTF?

Dass bei Meedia zu lesen ist, der Text der re:publica-Veranstalter würde für "weitere Diskussionen“ sorgen, so als sei ihm bislang irgendein Argument entgegengesetzt worden, muss ein Witz sein: Als einziger Beleg werden komplett gedankenfreie Tweets von einem einzigen Account angeführt. Nein, das ist keine Diskussion.

Zweitens: die "So nicht“-Strategie

Oder: Wie Journalisten auf den Ausschluss eines Kollegen durch die AfD reagieren.

Die AfD im Potsdamer Landtag hat am Dienstag, wie epd berichtet, einem Journalisten Fragen bei einer Pressekonferenz untersagt:

 "Die AfD-Fraktion begründete das Frageverbot für den Journalisten im Anschluss auf Facebook damit, er habe sich bei einer vorangegangenen AfD-Pressekonferenz danebenbenommen. Der 'Bild‘-Journalist Michael Sauerbier hatte vor zwei Wochen den märkischen AfD-Vorsitzenden Andreas Kalbitz unter anderem mit kritischen Fragen zu dessen früheren Kontakten zur inzwischen verbotenen rechtsextremen Heimattreuen Deutschen Jugend konfrontiert. Hintergrund war die angekündigte Gründung eines Israel-Freundeskreises des Landtags, dessen Gründungserklärung auch von der AfD-Fraktion gebilligt wurde. Die AfD-Fraktion erklärte am Dienstag, der 'Bild‘-Reporter könne seine Fragen schriftlich einreichen.“

Der Vorstand der Landespressekonferenz Brandenburg hat die AfD scharf kritisiert. Bemerkenswert ist aber vor allem die Reaktion der übrigen Journalisten, von der neben Bild auch etwa der Tagesspiegel berichtet: "Die anderen anwesenden Journalisten verließen daraufhin aus Solidarität mit dem Kollegen den Raum, die AfD musste ihre Pressekonferenz mangels Zuhörern abbrechen.“ Es ist die "So nicht“-Strategie.

Die Vize-Fraktionschefin der AfD wird zitiert, man hoffe, dass die Journalisten beim nächsten Mal wieder "neutral und unvoreingenommen“ über die Themen der AfD berichten würden. Was für ein Humbug: Es ist natürlich nicht "neutral und unvoreingenommen“, das Mikro hinzuhalten und jeden Senf ohne Nachfragen zu veröffentlichen. Das ist entweder schlechtes Handwerk oder Parteikommunikation.

Drittens: die "Können wir auch“-Strategie

Oder: Wie "Reconquista Internet“ auf "Reconquista Germanica“ reagiert (Fortsetzung).

Jan Böhmermanns bürgerrechtsbewegungsartige Neugründung #ReconquistaInternet (siehe Altpapier von gestern) ist nun auch Thema in der Zeit und auf freitag.de. Sowie der FDP, aus der es deshalb heißt (siehe "Faktenfinder“), es handle sich um "Blockwart-Denke in schlimmster Tradition beider deutscher Diktaturen“. Kleiner geht’s wieder nicht.

Die Zeit fasst nochmal zusammen, wie das rechtsextreme Netzwerk Reconquista Germanica funktioniert, auf das sich Böhmermann bezog:

"Ungeliebte Accounts, Posts, Videos oder Kommentare werden binnen weniger Minuten mit Dislikes und Beschimpfungen überschüttet. Die Gruppe likt und teilt die Äußerungen ihrer Mitglieder gegenseitig – laut funk-Recherche sind auf diese Weise nur fünf Prozent der Accounts verantwortlich für 50 Prozent der Likes unter einem Hass-Post. Diese scheinbare Mehrheit verzerrt das Bild der Meinungsverhältnisse und kann Dritte beeinflussen bis hin zu Wahlentscheidungen. Im Zusammenhang mit der letzten Präsidentschaftswahl in den USA behaupteten die Trolle gar von sich, Trump in sein Amt ,geshitpostet' zu haben."

Dagegen die Mitglieder von Böhmermanns Reconquista Internet und ihre "Können wir auch“-Strategie:

"Sie kapern Hashtags, beeinflussen Umfragen und reagieren moderierend und beschwichtigend auf beleidigende Posts und Kommentare: 'immer freundlich, verständnisvoll, vernünftig und zugeneigt', wie es im Reconquista-Internet-Kodex heißt, der mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes beginnt. Sie erzielten innerhalb kurzer Zeit eine derartige Dominanz und Reichweite, dass man sich die Augen rieb.“

Die Frage, die freitag.de und Die Zeit nun verschieden beantworten, ist: Ist das Ganze nachhaltig? Die Zeit legt einen gewissen Optimismus an den Tag:

"Ein Projekt wie Wikipedia startete ähnlich spontan und idealistisch, mittlerweile existiert die Plattform in 295 unterschiedlichen Sprachen. Sollte Reconquista Internet irgendwann möglicherweise Menschen auf der ganzen Welt vernetzen, wäre das eine wirkliche Revolution.“

Nina Scholz sieht es im "Kommentar des Tages“ auf freitag.de anders:

"(A)uch das Netz ist nur so gut oder schlecht ist wie der Rest der Gesellschaft. Das heißt, um wirklich gegen Netzwerke wie 'Reconquista Germanica‘ vorzugehen, müssten wir die ganz realen Zurichtungen beseitigen, die für ihren Erfolg sorgen.“

Das ist allerdings ein altes Internetapologetenargument, das so hier nicht brauchbar ist: Diese besagten Troll-Netzwerke zielen ja gerade darauf ab, Debatten im Netz in eine Richtung zu lenken, die sie ohne Netz kaum bekommen könnten. Die skeptische Frage, die freitag.de darüber hinaus an die Mitglieder der Reconquista-Internet-Bewegung richtet, lautet: "Sind sie wirklich an der Lösung des Problems interessiert und machen sie das nur für das eigene gute Gefühl?“

Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass beides eine Rolle spielt – und wäre das dann nicht in Ordnung?

Viertens: die "Erklärende Freundlichkeit “-Strategie

Oder: Wie transgender-Personen auf Sascha Lobos re:publica-Rede reagieren.

Kommen wir zur vierten Strategie. Der Ausgangspunkt ist hier freilich völlig anders: Sascha Lobo schreibt – der Text ist vom Samstag –, er habe in seiner re:publica-Rede einen transfeindlichen Begriff verwendet: "Es war falsch von mir, diesen Begriff zu verwenden. Mich nicht vorher besser zu informieren, war unbedacht und durch die große Reichweite auch fahrlässig.“

Aber dann beschreibt er die "Erklärende Freundlichkeit“-Strategie:

"Als ich nach meiner Rede auf Twitter viel Kritik wegen meiner Verwendung des Begriffs sah, war ich erst irritiert. Als ich dann aber nachfragte, geschah etwas Wundersames. Obwohl ich ein enorm verletzendes Wort massiv in die Welt getrötet hatte (das Zitat wurde sogar von der Tagesschau weiterverbreitet) – war ausnahmslos jede soeben von mir herabgewürdigte Kritikerin im direkten Kontakt außerordentlich freundlich und offen, und alle nahmen sich die Zeit, mir alles ausführlich zu erklären. Was sie mutmaßlich schon tausend Mal mit gemischtem Erfolg getan hatten. Man muss sich das vergegenwärtigen: Erklärende Freundlichkeit als Reaktion darauf, schwer beleidigt zu werden. Wenn das keine Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft im Netz, ganz ohne Brandstifter – was dann.“

Sounds good. Es scheint mir hier nur nicht unwesentlich zu sein, dass Lobo auch bereit war, zuzuhören. Fehlt dieser Wille: siehe auch Strategie 1 bis 3.

Altpapierkorb (Rundfunkbeitrag, WDR-Affäre, Axel Springer, Judith Rakers, Nico Hofmann, BR-Sparmaßnahmen, Vater Beimer)

+++ Michael Hanfeld sammelt in der FAZ, wo es dieser Tage überall um den Rundfunkbeitrag gehe. Zwei Beispiele: "Die Bundesländer sind am Zug. Sie stehen sogar unter Zugzwang, ihnen läuft die Zeit davon, wollten sie die Erhöhung des Rundfunkbeitrags 2021 verhindern, müssten sie schon in den nächsten Wochen Pläne fassen.“ Und: "Am 16. Mai befasst sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage, wie "sachgerecht“ beziehungsweise verfassungsgemäß das Modell des Rundfunkbeitrags ist.“

+++ WDR-Intendant Tom Buhrow berichtete am Dienstag vor dem Rundfunkrat: "Me Too ist das Kernthema, aber es gibt darüber hinaus Unbehagen und Frust, die sich hier Bahn brechen.“ Aus dem Rat wurde die Sorge geäußert: "Der Schaden nach außen ist groß, aber der Schaden intern scheint viel größer" (Süddeutsche Zeitung). Er, also der Rundfunkrat, "verabschiedete eine Stellungnahme, in der Maßnahmen des WDR gefordert werden, ‚die dazu beitragen, strukturelle Defizite und Risiken zu erkennen, um Fehlverhalten effektiv zu vermeiden‘“ (Tagesspiegel).

+++ Axel Springer zieht sich aus der Türkei zurück. Grund sei, dass die Dogan Holding, an der Springer Anteile hält, ihre Medienaktivitäten an die Mediengruppe Demirören verkauft, der eine "Nähe zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nachgesagt“ wird (Handelsblatt).

+++ Im Fernsehen: Der Dreiteiler "Judith Rakers: Abenteuer Pferd“ startet heute mit der Folge "Westernreiten“ (21 Uhr, NDR). Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb: "Nach einem ersten Rückschlag im Westernreiten – das Pferd will sich nicht bewegen, und Rakers ist den Tränen nahe – geht es in einem Offroader hinaus in die Flur, wo Rakers und ihre neuen Freunde über das Landleben sowie über das Verhältnis Mensch–Tier philosophieren. Die Sendung richtet sich neben den Rakers-Fans vor allem an 'Landlust‘- Abonnenten und solche, die noch nicht wissen, dass so ein Magazin überhaupt existiert. Und wenn sie mit sanftem Timbre im Off über ihre Erlebnisse spricht, gehen die Worte runter wie lauwarmer Pferdebalsam: 'Tiefer und tiefer stieg ich ein in diese Welt und war zunehmend gefangen. Gefangen auch von diesen unglaublich geselligen Menschen‘, sagt sie dann, und womöglich rollen auch dem Bun­des­trai­ner beim Schau­en der Bil­der ein paar Tränen über die Wange.“

+++ Die Zeit bespricht das Buch "Mehr Haltung, bitte!“ von Ufa-Geschäftsführer Nico Hofmann: "Es wäre ein Leichtes, die fast wortgleichen Wiederholungen von Sätzen, Sentenzen und Thesen in dieser Autobiografie aufzuzä­len. Und genauso leicht, einen gewissen Hang zur Plattitüde zu bemängeln. Auch ließe sich einwenden, dass das Aufrechte der Hofmannschen Demokratieverteidigung bisweilen schon sehr aufrecht daherkommt. Aber ganz ehrlich: Es gibt momentan Schlimmeres.“

+++ Der Bayerische Rundfunk spare, aber noch nicht genug, befindet der Bayerische Oberste Rechnungshof: "Besonders die Deckungsstocklücke bei der betrieblichen Altersversorgung erfordere (…) ‚erhebliche Anstrengungen über einen langen Zeitraum‘“ (SZ).

+++ Darsteller Joachim H. Luger will aussteigen: Hans Beimer werde deshalb in der "Lindenstraße“-Folge am 2. September sterben, und zwar "überraschend“, so der WDR. Die Überraschung wird riesig sein. U.a. SZ und FAZ berichten.

Am Donnerstag ist Feiertag, neues Altpapier gibt es am Freitag.