Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 18. Mai 2018: Die Sueddeutsche Zeitung trennt sich von ihrem Karikaturisten Dieter Hanitzsch.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/ dpa / sueddeutsche

Das Altpapier am 18. Mai 2018 Schwarze Peter

Karikaturen wirken, zumindest wenn sie nicht geglückt sind. Wer jetzt auch die Medienkompetenz deutscher Journalisten fördern möchte (zumindest, wenn sie leidenschaftlich sind): Facebook! Welche alten Kinderspiele und wer sonst noch daran Schuld ist, dass das "Bild eines starren Staatsfunks" entsteht. Und "der rebellischste Laden" ist immer noch der WDR ... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 18. Mai 2018: Die Sueddeutsche Zeitung trennt sich von ihrem Karikaturisten Dieter Hanitzsch.
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"Hanitzsch, inzwischen 85 Jahre alt, hat jahrzehntelang für die 'SZ' und andere Medien gezeichnet. Er ist der bekannteste lebende Karikaturist Bayerns. Vor vier Jahren verlieh ihm der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und erklärte, es sei auch Hanitzsch zu verdanken, 'dass die Kunstform der Karikatur wesentlich zur demokratischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland' gehöre"

So lautet, hier der Neuen Zürcher entnommen, die knackige Zusammenfassung, wer Dieter Hanitzsch ist. Höchstens Hanitzsch' Internetauftritt cartoonline.de ließe sich noch hinzufügen. Anlass: Seit gestern nachmittag ist er nicht mehr Karikaturist der Süddeutschen. Die SZ hat sich mit großem Getöse, bloß nicht im eigenen Blatt und Internetauftritt, "wegen einer als antisemitisch kritisierten Karikatur" von ihm getrennt.

Vielleicht am ausführlichsten beschreibt die Jüdische Allgemeine die Zusammenhänge. Sie war selbst insofern daran beteiligt, als dass Hanitzsch sich ihr gegenüber, anders als der amtierende Süddeutsche-Chefredakteur Wolfgang Krach, für seine jüngste (und wohl letzte Süddeutsche-)Karikatur ausdrücklich nicht entschuldigen wollte. Falls Sie diese Karikatur größer sehen wollen als die bisher verlinkten Artikel sie zeigen: Dieser Tweet hülfe. Ferner beteiligt an der verzwickten Geschichte sind die Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung und Bayerns, Felix Klein und Ludwig Spaenle, deren Posten beide gerade erst neu geschaffen wurden und die noch so gut wie gar nicht in Erscheinung traten, sowie die Bild-Zeitung, in der ersterer die Karikatur scharf kritisierte.

In Springers seriöserer Zeitung warfen sie bereits gerne in die Debatte, dass "das Blatt aus München nicht zum ersten Mal auffällig ist" (einleitend zum Interview mit Mike Samuel Delberg von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der sich auf Nachfrage dann zum "strukturellen linken Antisemitismus" äußert).

In den Funke-Medien lässt Kai-Hinrich Renner fallen, dass die SZ "schon lange unzufrieden" mit dem 85-jährigen Karikaturisten, für den Abdruck der Karikatur eigentlich aber Heribert Prantl zuständig gewesen sei. "Es ist nicht üblich, dass eine Zeitung wegen einer Zeichnung einen Karikaturisten rausschmeißt. Man kann ihn schimpfen, ihm eine Abmahnung geben. Aber Knall auf Fall rausschmeißen ist nicht die feine Art", sagte der spürbar enttäuschte Hanitzsch selbst der Madsack-Presse. Und im Deutschlandfunk kritisiert der Zeitgeschichtler und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz die "sehr windelweiche Entschuldigung der Chefredaktion der 'Süddeutschen Zeitung'" sowie den "schlechten Journalismus" der Bild-Zeitung, auch wenn die sich hier ja u.a. auf den offiziellen Antisemitismusbeauftragten der Groko-Bundesregierung berufen kann.

Bewiesen ist zumindest bereits: Über Antisemitismus wird in Deutschland weiterhin sehr engagiert und vielstimmig gestritten, zumal, wenn es sich eindeutig um nicht-islamischen Antisemitismus handelt. Der Streit darüber, ob der richtige Umgang mit einem nicht besonders ge- oder sogar krass missglückten Exemplar der uralten, im Normalfall wenig beachteten und naturgemäß besonders interpretationsoffenen Kunst- und Medienform Karikatur so aussehen sollte, ist eröffnet.

Facebook ist jetzt auch Journalismus-Sponsor

Jetzt was uneingeschränkt Schönes: "Facebook fördert Journalisten in Deutschland"! So lautete gestern eine Schlagzeile der Düsseldorfer Rheinischen Post. Im Text darunter geht es nach dem Riesen-Symbolfoto gleich konstruktiv im positiven Swing ("Facebook löst damit ein Versprechen ein ...") weiter.

Anlass ist ein neues Angebot der Hamburg Media School: eine "kostenlose, einjährige Fortbildung" für festangestellte und freie Journalistinnen und Journalisten inklusive eines "10-tägigen Innovation Field-Trip, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach New York City und ins Silicon Valley führen wird"! In der Pressemitteilung äußern sich der umtriebige Journalistik-Professor Stephan Weichert ("um die Innovationskultur in deutschen Redaktionen zu fördern" ...) sowie ein Facebook-"Head of News Partnerships Central Europe" ("entwickeln wir kollaborativ neue Produkte, fördern Medienkompetenz und ...") ausgelassen und ausgiebig.

Und weil Weichert nicht nur umtriebig ist, sondern natürlich klug genug, "das Narrativ ..., dass Facebook jetzt Journalisten in seinem Sinne ausbildet", drohen zu sehen, hat er sich und den Head, Guido Bülow, gleich auch noch bei meedia.de interviewen lassen.

Da gibt's weiteres Geblurbe im kalifornischen Happy-Sound ("Bewerber sollten vor allem eines haben: Leidenschaft für den digitalen Journalismus und ...", "Chance, ihren Job-Skills ein komplettes Update zu verpassen"). Außerdem möchte der Facebook-Head rasch das Narrativ unterjubeln, dass Facebook seine deutschen Gewinne ja bereits hierzulande versteuere, was wegen der Knappheit der Auskunft ("Wir zahlen heute schon unsere Steuern in Deutschland") nicht vollständig überzeugen mag. Eher stärkt Bülow das Narrativ, dass noch kein deutscher Facebook-Mitarbeiter jemals einen relevanten Satz öffentlich geäußert hat, schon weil dazu in Europa allenfalls irische Facebook-Mitarbeiter befugt wären.

Festzuhalten bleibt: Facebook tritt nun auch in Deutschland, mit einer Euro-Summe mit gleich "mehreren" (Bülow) Nullen, als Journalismus-Sponsor auf. An dieser Stelle passt der Hinweis, dass auch die deutschen Ur-Faktenchecker von correctiv.org, die Anfang 2017 (Altpapier) ja kostenlos, also allein stiftungs- und spendenfinanziert, für Facebook checken wollten, inzwischen Geld annehmen, und zwar im Rahmen einer ausgebaut werden sollenden Zusammenarbeit. Das berichtete "Zapp" Ende April.

Dazu passt ferner, dass Facebooks "News Integrity Initiative" (deren Name noch etwas wohler tönt als das in Hamburg genannte "Facebook Journalism Project") und die "Google News Initiative" längst zu den allergrößten Journalismus-Spendern gehören, wie die Columbia Journalism Review berichtet:

"Taken together, Facebook and Google have now committed more than half a billion dollars to various journalistic programs and media partnerships over the past three years, not including the money spent internally on developing media-focused products like Facebook’s Instant Articles and Google’s competing AMP mobile project. The result: These mega-platforms are now two of the largest funders of journalism in the world".

Als Mäzene, die ihre Spendierhosen öffnen, sobald leidenschaftliche Journalisten frische Ideen gepitcht haben, gefallen sich die Datenkraken gewiss gut. "Interessenten können sich ab dem 15. Juni in einem offenen Verfahren auf insgesamt 20 Plätze bewerben" (HMS).

Schädliche Geduldsspielchen der Länder und Sender

Zurück in eines der Biotope, wo die Fronten verfahren und wohlklingende Sprechblasen kaum anwendbar sind. Nach der Verhandlung in Karlsruhe (Altpapier gestern) ist gerade Verschnaufpause in den Auseinandersetzungen um die Öffentlich-Rechtlichen.

Aktuell äußern sich nur einerseits natürlich noch mal Michael Hanfeld, der in einer fulminanten kleinen Kommentarglosse auf seiner FAZ-Medienseite sowohl seine Vorbehalte gegen "das weltweit einzigartige Modell des deutschen Rundfunkbeitrags" als auch seine Befürchtung, dass das Verfassungsgericht den "'Grundversorgungsauftrag' der Sender kaum neu definieren" wird, als auch seine Hoffnung, dass es doch "Unschärfen markieren" wird, unterzubringen versteht. Andererseits äußert sich unser Steffen Grimberg in seiner Videokolumne hier nebenan mit der Ansicht, dass der Beitrag keine Steuer ist, sondern so was wie eine "Kurtaxe" u.a. für "Bad ARD" (wobei in diesem Fall "Bad" unbedingt deutsch betont gehört!)

Die Verschnaufpause ließe sich nutzen, um sich noch mal die grundsätzliche Verfahrenheit der Lage vor Augen zu führen. Dabei hülfe der ausgeruhte Überblick aus der epd medien-Ausgabe der Vorwoche, der inzwischen frei online steht. Diemut Roether erklärt das mit zwei älteren Kinderspielen:

"Die Sender ... wollen den Schwarzen Peter für die Abschaffung eines beliebten Programms gern bei der Politik belassen und berufen sich darauf, dass die Programme beauftragt sind".

Denn auf die Abschaffung von irgendetwas dürfte es hinauslaufen, schon weil kein Politiker, der in irgendeinen Landtag einziehen möchte, ARD, ZDF und DLF die drei Milliarden Euro zusätzlich, die sie nach eigenen Berechnungen für die vierjährige Beitragsperiode ab 2021 brauchen, ganz zugestehen dürfte. Und

"während Sender und Länder also das schöne Spiel 'Wer sich zuerst bewegt, hat verloren' zu spielen scheinen, wächst der Druck auf das öffentlich-rechtliche System als Ganzes",

Das hänge mit einem "grundlegenden Problem der Medienpolitik" zusammen:

"Den 16 Ländern fällt es immer schwerer, sich auf einvernehmliche Entscheidungen zu verständigen. Dies ist umso gravierender, als angesichts der Digitalisierung grundlegende Neuorientierungen in der Medienpolitik anstehen. Die Trennung zwischen unterschiedlichen Mediengattungen ist längst obsolet, auch eine gemeinsame Aufsicht von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern muss erneut zur Diskussion gestellt werden, zumal das Duale System dank dem Metamedium Internet längst nicht mehr dual, sondern vielmehr multipolar ist. Doch je drängender die Probleme werden, je rascher die Digitalisierung voranschreitet, umso nachhaltiger scheinen sich die Länder gegenseitig zu blockieren. Bestes Beispiel dafür ist die Neufassung des Telemedienauftrags, der aus dem Jahr 2008 stammt ..."

Falls Sie kein Medienstaatssekretär sind: "Telemedien" ist sozusagen ein älteres Wort für Internet, das halt noch in den Rundfunkstaatsverträgen (und den Akten der Medienwächter) steht. Das unerfreuliche Ergebnis der beharrlich gespielten Geduldsspielchen besteht nicht zuletzt darin, dass das "Bild eines starren Staatsfunks" entsteht, woran Länder und Sender ungefähr gleich viel Schuld trügen. Wer sich über Pfingsten einen Überblick über die verfahrene Lage verschaffen möchte, sollte diesen Text lesen.

Altpapierkorb (Rebellischkeit; Wasserbüffel; gesunder Menschenverstand; Facebook-Reiter; Köcheln, dass es röchelt)

+++ Wird denn nun das Verfassungsgericht helfen? Ja!, würde Nikolaus Brender sagen. Allerdings ist der 2010 auf politischen Druck abgelöste ZDF-Chefredakteur ein bisschen sehr von der eigenen Bedeutung ("Für Merkel, Stoiber, Koch und Co wurde das allerdings ein Pyrrhussieg"...) befangen und wird vom Standard auch eher nach gutem Rat für die noch verfahrenere Lage im österreichischen Rundfunksystem gefragt.

+++ "Der rebellischste Laden" in der ARD oder überhaupt, ist immer noch der WDR. Sagte WDR-Chef Tommy Buhrow auf einer öffentlichen Rundfunkratssitzung im Wallraf-Richartz-Museum zu Köln, bei der es um die aktuellen WDR-Probleme ging. Dieter Anschlag schildert sie auf medienkorrespondenz.de akribisch.

+++ Auch vom WDR verantwortet: die neue ARD-Sendung "Live nach Neun", die vor allem der sehr vergleichbaren Sendung "Volle Kanne" des ebenfalls beitragsfinanzierten ZDF Zuschauer abluchsen zu wollen scheint. Alexander Krei hat für dwdl.de die Startfolge besprochen ("Dann geht’s noch um einen autistischen Jungen, Wasserbüffel auf der Autobahn, ein Treffen von Mops-Fans in Rheinland-Pfalz und – natürlich – das Wetter").

+++ Was die je näher sie rückt, desto immer noch umstrittenere DSGVO betrifft, riet die zuständige EU-Kommissarin Vera Jourova, sich einfach auf "gesunden Menschenverstand" zu verlassen (zeit.de-Interview), und bat ansonsten um E-Mails. Christian Buggisch, der glaubt, dass die neue Grundverordnung "die Blogosphäre killt", hat schon mal eine geschrieben.

+++ Vom Medienbranchentreffen in Hamburg, auf dem Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel sagte "Radikale haben besser verstanden, den Facebook-Tiger zu reiten", berichtet Altpapier-Autor René Martens auf der SZ-Medienseite (€). +++ Ebd. frei online: wie seltsam die slowakische Polizei im Fall des Mordes am Journalisten Ján Kuciak ermittelt.

+++ Während einer Radtour auf einer Brandenburger Landstraße bei einem Verkehrsunfall getötet wurde die Doku-Chefin der Welt, also des vormaligen Senders N24, Astrid Steinmeyer (welt.de).

+++ Manche sehen eine kommende "Heißzeit" drohen, andere bejubeln immer neue "Temperaturrekorde": Das u.a. ist Thema meiner gestern erschienenen evangelisch.de-Medienkolumne.

+++ Stefan Niggemeiers in diesem Altpapier erwähnte Kritik am aktuellsten Böhmermann-Aktivismus steht bei uebermedien.de inzwischen vollständig frei online.

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es um was bei Netflix ("Tote Mädchen lügen nicht") und was bei Amazon Prime ("You Are Wanted 2", "bis zum kleinsten Schweißtropfen wieder im edlen Kinolook produziert") sowie um einen Reporter ohne Grenzen-Erfolg gegen den BND.

+++ "Fernsehdeutschland köchelt, dass es nur so röchelt": Da schreibt Nikolaus von Festenberg (Tagesspiegel) lustvoll über die Schmonzette, die Bad ARD heute abend aufführt.

+++ "Mit dem Konzept Medienlogik kann ich erklären (und messen), was die Medien in Deutschland im Moment dominiert: Superlative, Sensationen. Dinge, die es so noch nicht gab. Das Spiel des Jahres, der Spieler des Jahrhunderts. Das, was wir so nicht erwartet haben. Geschichten statt Fakten. Atmosphäre statt Programmdiskussion. Konflikte zwischen Spitzenpersonal statt Streit um Inhalte. Schulz gegen Gabriel gegen Nahles ... Die Medienlogik hat sich verändert, weil traditionelle Anbieter heute mit Spielern wetteifern, die nur Aufmerksamkeit maximieren müssen und sonst nichts. Wer die Medienrealität ändern will, muss hier ansetzen und Verlage und Rundfunkanstalten entweder aus dieser Konkurrenzsituation befreien oder Internet und Social Media regulieren": Da wird Michael Meyen, Professor  von der LMU München, in seinem medienblog.hypotheses.org sehr grundsätzlich.

Das Altpapier erscheint am Dienstag wieder. Schöne Pfingsten!

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