Das Altpapier am 29. Mai 2018 Datenschutz als Lebensgefühl?

Bei allem "Jammern und Barmen", es muss auch aus Fehlern gelernt werden! Hinkt der deutsche Medien-Föderalismus nicht nur der digitalen Echtzeit Medien, sondern sogar der EU hinterher? Der neue Konkurrent für SZ Plus und F.A.Z. Plus heißt Spiegel+. Ist "Gutes lesen" endlich die gute Idee, um Journalismus online zu verkaufen? Außerdem: "Wow", deutsche Karikaturen wirken auch international. Der WDR überlegt sich seine Angaben vorbildlich zurückhaltend. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Lernen manchmal auch Journalisten aus Situationen, in denen sie sich, im Rückblick betrachtet, hätten besser verhalten können? Ja!

"Es bleibt allerdings die Frage, ob wir uns hier denselben Fehler leisten sollten, den wir uns zur Datenschutz-Grundverordnung DSGVO geleistet haben: erst zu berichten, wenn alles schon beschlossen ist – und sich nichts mehr ändern lässt",

fragt Dennis Horn im WDR-Blog Digitalistan, was fast schon eine eine rhetorische Frage ist. Zumindest folgert er:

"Vielleicht ist genau jetzt der Moment sich einzumischen – und nicht wie bei der DSGVO erst in zwei Jahren, wenn wir mit Uploadfiltern und einem neuen Leistungsschutzrecht aufwachen."

Womit der WDR-Blog also auf eine neue, vorerst bloß drohende, neue, aber noch abwendbare "enorme Gefahr für ein freies Netz" aufmerksam macht.

Was aktuell gerade geschah: Der Rat, eines der weder wenigen noch stark beachteten Organe in der komplexen Gewaltenteilung der EU, fand nach "langwierigen Verhandlungen über ein neues Urheberrecht" eine neue "gemeinsame Verhandlungsposition", zu der "umstrittene Vorschläge, die die Freiheit im Internet einschränken könnten", gehören. Das berichtete netzpolitik.org (und dass der Artikel "durchgehend korrigiert" werden musste, da die deutsche Bundesregierung sich doch anders verhalten hatte, als zunächst drinstand, zeigt schon, wie kompliziert auch dieses Thema längst ist).

Nur der Vollständigkeit halber: Um die E-Privacy-Verordnung, die sich auch "ePrivacy" schreiben ließe und die auf dem weiten Weg durch das legislatorische Dickicht der EU schon weiter vorangeschritten ist (und die New York Times gerade, angefeuert von US-amerikanischen Handelskammern, "even stricter than the data privacy law that went into effect last Friday" nannte), geht es dabei überhaupt nicht!

Ein kleines Update zur letzten Freitag in Kraft getretenen DSGVO: Während die FAZ-Medienseite sich freut, dass das ganz neue EU-Organ namens "Europäischer Datenschutzausschuss" gleich eine herausfordernde "frühe Bewährungsprobe" gestellt bekam, nämlich den skandalösen Whatsapp-Facebook-Datenaustausch, von dem am Freitag hier die Rede war, kommentiert Constanze Kurz bei netzpolitik.org etwas traurig (dass auch "Leute, die der Datenschutzgrundverordnung tendenziell positiv gegenüberstehen", "verärgert" wurden. Und übers "Blogsterben"), aber tapfer:

"In der Welt jenseits von Europa gelten die neuen Regeln überwiegend als progressiv und manchmal vorbildhaft, obgleich die Europäer insgesamt wohl noch etwas Spott ertragen müssen. So beidseitig geifernd wie in Deutschland geht es allerdings nirgendwo anders zu. Womöglich ist das ureigene deutsche Abmahnwesen ein Grund dafür, aber sicher auch die Tatsache, dass Jammern und Barmen irgendwie zur hiesigen Volksseele gehört."

Ein nicht kleiner Teil des Problems besteht darin, dass die deutsche Bundesregierung (die sich um Datenschutz kaum schert, solange es die Meinungsumfragen nicht dringend nötig machen) und die deutschen Landesregierungen (die für das meiste, was mit Medien zu tun hat, dummerweise immer noch zuständig sind) die EU-Verordnung maximal ungeschickt und desinteressiert umgesetzt haben. Wie die "deutsche Föderokratie", also "die Ineffizienz eines Medien-Föderalismus, der zunehmend aus der Zeit gefallen scheint", mit dem DSGVO-Ärger zusammenhängen, beschreibt Michael Ridder im hier bereits erwähnten, nun frei online verfügbaren epd medien-Kommentar anhand des Subsubaspekts namens "Medienprivileg".

Spiegel+ macht SZ Plus und FAZ Plus Konkurrenz

Adé, Spiegel Daily. Eines der einst "am gespanntesten erwarteten Projekte des deutschen Onlinejournalismus (in dem allerdings nicht seehr viel sehr gespannt erwartet wird)", wie vor gut einem Jahr im Altpapier stand, also die "digitale Tageszeitung", die "einmal am Tag", immer so gegen 17.00 Uhr, "die Welt anhalten" wollte, gibt es seit Freitag nicht mehr.

Stattdessen gibt es "Spiegel+". An Claims herrscht natürlich kein Mangel, darunter so sympathische wie "Gutes lesen, mehr verstehen" und, ein ganz neuer Baustein im Werben-für-Journalismus-Geschäft: "geprüft von der berühmten SPIEGEL-Dokumentation"!

"So wird Spiegel Daily, eine Art kostenpflichtige digitale Tageszeitung, die erst im vergangenen Jahr gestartet war, wieder eingestampft – mit insgesamt nur etwa 5500 Abonnenten gilt das Projekt als gescheitert. Übrig bleibt nur der Name, der künftig für kostenlose Newsletter und Push-Dienste verwendet wird",

schreibt auf der SZ-Medienseite Angelika Slavik (die aus Wien kommt, für die Süddeutsche nach Norddeutschland ging und dem nicht nur selbsternannten "Sturmgeschütz der Demokratie" die Etiketten "altes Schlachtschiff" und "Dickschiff" anhängen möchte).

Lesenswert ist daneben das Interview, das meedia.de mit Spiegel-"Produktchef" Stefan Plöchinger führte, der zuvor ja bei sueddeutsche.de einer der Inbegriffe des Hoodiejournalismus war (Altpapier). Er trägt übrigens weiterhin Kapuzenpulli, wenn das meedia.de-Foto nicht sehr alt ist. Plöchinger hat nicht nur Binsen parat, die jeder Digitalexperte in sein Repertoire übernehmen sollte, falls sie nicht schon drin sind ("Ich sage immer: Beim Geschäftsmodell kommt man am besten von der Marke über den Inhalt zum Angebot"), und noch unverbrauchte Anglizismen ("Recommendation-Engine"), sondern auch gute Sprachbilder ("möglichst großen Reichweiten-Trichter, damit am Ende möglichst viele Menschen in Ihr Abo-Modell purzeln"). Und als Interviewer Marvin Schade nach Starbucks-Kaffee fragt, haut er eine für den deutschen Onlinejournalismus, in dem an Thesen ja kein Mangel herrscht, ziemlich revolutionäre These raus:

"Dass wir um Qualitätsjournalismus herum ein Lebensgefühl erfinden müssen, ist nicht unsere Herausforderung."

Wobei es später, als es dann um Netflix (und seine Recommendation-Engines) geht, fast scheinen könnte, als würde Plöchinger beiläufig dialektisch doch eine Art Lebensgefühl formulieren:

"Natürlich sehe ich als Produktchef staunend die Möglichkeiten, die US-Medien haben, wenn sie sich große Datenmengen über ihre Zielgruppen anschaffen und durch Verkaufsanalysen in Echtzeit das Pay-Geschäft so verfeinern, wie es hier gar nicht möglich ist. Als halbwegs datenbewusster deutscher Verbraucher freilich bin ich nicht unfroh, dass das hier größere Grenzen hat."

Könnte solch ein moderates Datenbewusstsein nicht auch Lebensgefühl sein? Wenn man die Konsum-Statussymbole, die nicht zuletzt die Werberahmen um die Medieninhalte den Verbrauchern immerzu einhämmern oder -trichtern, wegdenkt? Kleine Utopie am Rande ...

Streitpotenzial gibt es beim neuen "+" natürlich wie immer beim Spiegel. "Zudem sollen Redakteure des gedruckten Magazins künftig ihre Texte für die Website oder die App aktualisieren, wenn es die Nachrichtenlage notwendig macht. Das aber erfordert intensive Zusammenarbeit zwischen Print- und Online-Leuten, also zwischen zwei Redaktionen mit bislang konträrem Selbstverständnis", hofft sich die Süddeutsche, die mit ihrem eigenen Bezahlangebot (das übrigens "SZ Plus" heißt, während das der FAZ "F.A.Z. Plus" heißt) ja Mitbewerber um die einstweilen bescheidene Onlinejournalismus-Bezahlbereitschaft der Deutschen ist.

Schauen wir mal. Wieder ein bisschen mehr Wettbewerb unter den alten Dick-und Schlachtschiffen des Journalismus wäre ja gut für alle.

Altpapierkorb (europäischer Karikaturen-Streit, "Political Directness", Neues vom WDR, "Demonstrationsarithmetik", ARD mal "ohne Quotendruck"!)

+++ Vergangene Woche wurde auf speziell deutsche Weise viel über deutsche Karikaturen debattiert (Altpapier). Haben deutsche Karikaturen jetzt auch international gewirkt? Zumindest entfuhr dem FAZ-Haudegen Jasper von Altenbockum auf Twitter ein "Wow" wegen eines Tweets von Matteo Salvini, der wiederum Karikaturen der FAZ-Woche und auf SPON teilte ("Giornali e politici tedeschi insultano ..."). +++ Die heutige FAZ-Titelseitenkarikatur des "Strichmännchenzeichners Cavandoli" versöhnt trotz der Überschrift "Wie schön ist ein sonniger Tag" nur bedingt.

+++ Französische Karikaturen sind krasser. "Was ist wirklich  gewonnen, wenn Politic Correctness gegen Political Directness eingetauscht wird, wenn Instinkte gefüttert werden statt Intellekt bedient? Beleidigen ist eine Währung für Aufmerksamkeit geworden", fragt Joachim Huber ein bisschen steinmeierhaft im Tagesspiegel angesichts der jüngsten Charlie Hebdo-Aufregung. +++ Sind auch französische Debatten krasser als das, was unser Böhmermann anstellt? Wie das Magazin Le Point wegen Erdogan-Kritik und eines Leitartikels mit der Frage: "Ist Erdogan der neue Hitler?" bedroht wird, meldet der Standard. Aktuell in die Debatte eingeschaltet hat sich via eingebundenem Tweet Emmanuel Macron ("La liberté de la presse n’a pas de prix : sans elle, c’est la dictature").

+++ Neues aus dem WDR, zuerst vermeldet vom Stern, der gemeinsam mit correctiv.org als erstes berichtet hatte: Der weiterhin ungenannte Korrespondent, der sich "Alpha-Tier" genannt haben soll (siehe dieses Altpapier) und der sexuellen Belästigung beschuldigt wird, wurde fristlos entlassen. +++ "Der WDR hatte in den letzten Wochen neue Hinweise mehrerer Betroffener erhalten. Auch nach Anhörung des Mitarbeiters stufte der WDR die Vorwürfe nach eigenen Angaben als 'glaubhaft und so gravierend' ein, dass er nun die entsprechende Konsequenz gezogen hat", gibt wdr.de an, wobei der Artikel nicht angibt, wer genau im eigenen Haus diese Angaben angegeben hat. Der WDR formuliert also sehr vorsichtig, und das ist ja auch gut so. +++ "Der Sender bat um Verständnis, dass zum Schutz von Persönlichkeitsrechten und aus arbeitsrechtlichen Gründen keine weiteren Angaben gemacht werden können." (Tagesspiegel).

+++ Wissenswertes zur "Demonstrationsarithmetik" der Teilnehmerzahlen, die die Polizei einfach von Veranstaltern übernimmt, wie den Berliner Demos am Wochenende (Altpapier gestern), bietet der Deutschlandfunk.

+++ Im russischen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen den wegen Spionage angeklagten ukrainischen Journalisten Roman Suschtschenko forderte die Staatsanwaltschaft 14 Jahre Gefängnis (Standard).

+++ Immer wenn es am heißesten ist, Talkshow-Gastgeber Sommerpause machen und gerade kein Fußballturnier läuft, zeigt die ARD "zu später und sehr später Stunde" auch mal Filme, die "ohne Quotendruck und Regeln" entstanden. Altpapier-Autor René Martens informiert auf der SZ-Medienseite (und online im Plus-Bereich) über die neue "Debüt im Ersten"-Staffel. +++ Den heutigen ersten Beitrag bespricht mit gewohnter Wortgewalt, die zu einer "Boxerpassion" besonders gut passt ("Der Schauspieler Peter Kurth ... holt aus seinem Leib, was an Rausch, Rage und Ruin herausholbar ist"), Nikolaus von Festenberg im Tagesspiegel.

+++ "Der große Marktcheck – Verbrauchermagazine in den Dritten. Brauchen wir die alle?": Da hatte Hans Hoff auf dwdl.de noch eine Einsparidee für die ARD.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.