Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 5. Juni 2018: Was genau Framing ist, ist nicht leicht zu erklären. Stilisierte Politiker, Journalisten und Familie haben verschiedene Bilderrahmen in der Hand und tauschen diese aus.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/panthermedia

Das Altpapier am 5. Juni 2018 Alles bleibt in den Rahmen

Heute mit den Klicktreibern Gauland und Plasberg! Was genau Framing ist, ist nicht leicht zu erklären. Aber in Framing-Erklärbeiträgen kann es jedenfalls auch vorkommen. Außerdem: "Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!" Dazu die Kritiken! Außerdem: Die neueste EU-Dystopie (und Horst Seehofer ist dabei), Neues aus den Russland-Ukraine-Konflikten, der MDR ist emanzipiert und jetzt "Analyst". Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 5. Juni 2018: Was genau Framing ist, ist nicht leicht zu erklären. Stilisierte Politiker, Journalisten und Familie haben verschiedene Bilderrahmen in der Hand und tauschen diese aus.
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Topthema in den Medienmedien ist tagesaktuell die ARD- Montagabends-Talkshow "hart aber fair". Daher stürzen wir uns heute, ungewöhnlich im Altpapier, auch in die Talkshow-Onlinebesprechungen, die im Allgemeinen nicht gedruckt werden (weil sie, wenn sie in der Zeitung erscheinen würden, längst schon zu alt wären, um noch zu interessieren) – aber nicht ohne den Rat, die Titelseite des Tagesspiegels von gestern, falls Sie sie auf Papier haben, nicht zu entsorgen, sondern als gelungenes Stück gedruckte Zeitung von anno 2018 aufzubewahren.

Auf dieser Titelseite ging es darum, worum es bei der vorsorglichen Alexander-Gauland-Ausladung durch "hart aber fair" auch geht: um die spektakulär unsägliche "Vogelschiss"-Äußerung des AfD-Politikers. Am ausführlichsten auch bei weiteren Talkshow-Redaktionen rumgefragt, ob sie Gauland denn noch mal einladen würden, hat ebenfalls der Tagesspiegel.

Allerdings macht die vorsorgliche Gauland-Ausladung weniger richtig große Schlagzeilen als die gestrige "hart aber fair"-Ausgabe "Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!". Die ARD zeigte sie sozusagen im Rahmen eines Themenabends. Zuvor lief die Reportage "Was Deutschland bewegt: Das Mädchen und der Flüchtling", in der es unter anderem um die Mordtat im rheinland-pfälzischen Kandel Ende 2017 geht. Darüber, wie die "Tagesschau" damit umging, ist schon viel gestritten worden. "Tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten", stand damals auf blog.tagesschau.de.

Jetzt also die Reportage, zu der es eher wenige Kritiken gibt ("Man darf sich sein Urteil selbst bilden, dafür stellen die Journalisten ausreichend und weitestgehend ausgewogen Informationen zur Verfügung, erst am Ende legen sie einen "Eindruck nahe", schrieb Michael Hanfeld in seiner FAZ; "Bei aller Objektivität und professioneller Distanz hätte man sich eine klarere Positionierung gewünscht", meinte der Rezensent der Funke-Zeitungen).

Und im Anschluss die Talkshow unter der Überschrift "Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!", so, als sei ein Bestseller-Buch endlich auch fürs Kino verfilmt worden. Darf man das? Jedenfalls waren die üblichen Darf-man-das?-Diskussionen pünktlich vor Sendebeginn voll im Gange (Funkes abendblatt.de mit allerlei Tweets, Dumonts ksta.de mit Facebook-Zitat von Lorenz Meyer, "ein Journalist und Hochschullehrer"), fast so, als hätten die Talkshow-Macher es darauf angelegt. Deutschlandfunks "@mediasres" fasst zusammen: "Insbesondere dem Vorwurf eines negativen Framings widerspricht die Redaktion".

Ja, was ist denn das für ein anglizistisches Fremdwort? Falls Ihnen das Erklär-Kästchen unterm eben verlinkten DLF-Beitrag nicht ausreicht, hat "@mediasres" noch was über "Framing in den Medien" vorbereitet.

"Immer wieder fallen Politiker durch unbedachte oder rechtspopulistische Äußerungen auf. Für Journalisten ist es schwierig darauf adäquat zu reagieren ...",

heißt es im Vorspann des zu hörenden wie zu lesenden Beitrags. Und weil es so schwierig ist, hat der DLF ein paar Experten gefragt, die auch ein paar nicht gerade tiefschürfende, dafür leicht verständliche Ratschläge ("Grundsätzlich müssten Journalisten Wörter heute sehr viel mehr hinterfragen") zur Hand haben. Allerdings jubelte einer der eloquenten Experten dem Deutschlandfunk dann Sätze unter wie:

"Manche Akteure wie Boris Palmer oder Horst Seehofer mögen politisch so ticken wie die AfD, das muss man konstatieren. Andere, da habe ich schon den Eindruck, dass sie dieser Aufmerksamkeitsgeschichte hinterherlaufen. Und dann immer wieder die gleichen Themen bespielen, weil sie glauben, dass das das eigentliche Problem ist, mit dem man heute noch die Wahlen gewinnt. Die SPD ist das beste Beispiel ...".

Was natürlich legitime Meinungsäußerungen sind, denen man im deutschen Medien-Mainstream auch keineswegs selten begegnet. Aber plumpes linkes Framing ist es auch, das allen in die Hände spielt, die gerne das Narrativ verbreiten, dass alle Journalisten links stehen und das in jedem, aber auch jedem, aber auch jedem Beitrag gerne zeigen, weil die Filterblase, die solche Beiträge überhaupt noch liest oder hört, das ja goutiert (außer denen, die o.g. Narrativ manchmal aktualisieren wollen; aber die lesen oder hören ja eh keine vollständige Beiträge). 

So hilft der Deutschlandfunk zwar wenig beim Definieren von Framing. Aber er zeigt anschaulich und selbstlos, was journalistischen Medien droht, wenn sie Framing anderer unreflektiert weitertragen, weil es jemand ins Mikro gesagt hat und es ins eigene Format und vielleicht auch Weltbild passt: Bei Zuhörern und Lesern, die andere politische Ansichten oder auch nur, besonders bei öffentlich-rechtlichen Medien, höhere Ansprüche an Meinungsvielfalt haben, kostet es Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Insofern bewegt sich alles in den gewohnten Rahmen: Die Journalisten bestätigen einander ziemlich genau so, wie in den sog. soz. Medien alle aus allen Shows das rausziehen, was zur eigenen Ansicht passt. Und die Talkshowmacher profitieren von der Aufregung, weil in ihrem Business ja nur keine Aufregung ein Problem wäre.

Ach so, die Show selbst ... War gar "nicht so schlimm wie erwartet", bedauert SPON. Sie bilde "dabei nur die Frontlinie ab, die seit Jahren Deutschland spaltet", und die Gäste belegten "sich mit den üblichen gegenseitigen Feindbildern" (sueddeutsche.de). Was gesagt wurde, "war weder neu noch überraschend" (welt.de). "Es war eine Diskussionsrunde ohne allzu große Kontroversen oder neue Erkenntnisse" (Dumonts). Und während der Tagesspiegel die Höchststrafe verhängte, keine Besprechung, so dass am Morgen immer noch die zu "Anne Will" auf Platz 3 im Medienressort steht, machte Ex-Altpapier-Autor Frank Lübberding bei faz.net mit Carl Schmitt, "einem der Totengräber der ersten deutschen Republik", und aufschlussreichen Details ("Ansonsten warnte Frau Schayani noch davor, die Fehler der früheren Gastarbeiterpolitik bei 'Türken und Portugiesen' zu wiederholen. Nun hat aber noch niemand von Problemen mit Portugiesen gehört ..."), noch das relativ größte Kino draus.

Die neueste EU-Dystopie 

Wie Horst Seehofer denn nun tickt ... das zeigt, ein bisschen, netzpolitik.org, indem es einen Gemeinsamen Brief von Horst Seehofer und Gerard Collomb aus dem April an die EU-Kommission veröffentlicht.

"Online-Plattformen wie Facebook, Youtube oder Twitter sollen verpflichtend 'rechtswidrige terroristische Inhalte' innerhalb einer Stunde entfernen",

lautet die wohl problematischste Forderung. Schon weil "die Fülle an beständig hochgeladenem Material zuverlässig zu überprüfen und einschlägige Inhalte auszusieben", die Plattformen so schnell selbst dann nicht könnten, wenn sie alle wie Facebook Löschkräfte in vierstelliger Anzahl beschäftigen würden. "Die Folge dürfte massives Overblocking der Plattformen sein". Der schon häufig gewitterte "Aufbau einer europaweiten Zensurinfrastruktur" drohe aber ebenfalls. Kurzum: Eine weitere Internet-Dystopie, mit der die EU assoziiert wird, ist in der Welt.

Bevor Sie aber nur über den deutschen Innenminister schimpfen oder sich über den Heimatminister lustig machen: Der Brief-Co-Unterschreiber Gerard Collomb ist der Innenminister der französischen Macron-Regierung, die in der deutschen Vereinfachungs-Berichterstattung ja meistens blendend wegkommt. Es bleibt kompliziert.

Altpapierkorb (strenge Lagerhaft, MDR-Lob, wo mitten in Europa Tageszeitungen gedeihen, Innere Pressefreiheit, SPD-Medienkommission ruht)

+++ Der "aktuell wohl berühmteste Untote", der russische Journalist Arkadi Babtschenko lebt zum Glück, in der Ukraine (Altpapier). In Russland wurde der ukrainische Journalist Roman Suschtschenko zu zwölf Jahren Lagerhaft (zeit.de), und zwar zu "strenger" (Standard), verurteilt.

+++ Heute auf der SZ-Medienseite: große Analyse des MDR von Antonie Rietzschel, die einst für den Spiesser schrieb. Die Anstalt habe eine "Geschichte der Emanzipation ... hinter sich": "Von der Ostalgie-Schleuder zum Analysten ostdeutscher Verhältnisse". Das verlinken wir natürlich gern hier. Bloß die Online-Illlustration ist vielleicht nicht ganz optimal. In der gedruckten Zeitung ist das Foto eines von vier Bildern, die den "MDR im Wandel" illustrieren. Online könnte es dagegen wirken, als hätte sueddeutsche.de gar nicht mitbekommen, dass Achim Mentzel vor zwei Jahren gestorben ist. +++ Anlass des Texts: die heute abend zur Ausstrahlung im MDR anstehende Doku "Wer braucht den Osten?", die "auch im Westen diskutiert werden" sollte.

+++ "So etwas nennt man, selbst auf unterstem journalistischen Niveau, denunziatorischen Rufmord". "Deutschlandfunk und Tageszeitung lassen Texte passieren, die so genannte 'Empörung' völlig fiktiv, aus sich selbst heraus und unter irreführender Zitierung aufschäumen": Da regt sich der virtuos kolumnierende Richter Fischer gehörig auf (meedia.de). Gegolten habe der "Rufmord" u.a. ihm.

+++ "Das Modell der umfassenden Tageszeitung, die über alle Bereiche berichtet, hat sich als gültig erwiesen", zitiert Joseph Hanimann auf der FAZ-Medienseite den Le Monde-Chefredakteur Jérôme Fénoglio. So apokalyptisch Frankreichs Medienlandschaft schien oder noch ist, so gut gehe es dort inzwischen den Tageszeitungen, ließe sich der lesenswerte Artikel (45 Cent bei Blendle) zusammenfassen. +++ Um die "große Reform der öffentlichen Medienanstalten" in Frankreich geht's wiederum auf der SZ-Medienseite: "Unter Emmanuel Macrons Reformen ist diese die zögerlichste".

+++ Vom Eilverfahren, das die Bundesnetzagentur eröffnete, um eine UKW-Abschaltung zu verhindern, berichtete zunächst die FAZ. Frei online tut's die taz.

+++ Zu den engen Freunden von Facebook, mit denen der Datenkrake die Daten von Nutzern und natürlich deren Freunden teilte und offenbar noch teilt, gehören Hersteller sog. Smartphones wie Apple und Samsung, aber auch der kleine Blackberry, fasst futurezone.at New York Times-Berichte zusammen.

+++ Die Idee österreichischer Pro Sieben-Manager, gegen Facebook und Youtube hülfe eine "zusammengeschlossene Qualitäts-Medienlandschaft in Europa", hat es Hans-Peter Siebenhaar, dem Handelsblatt-"Medienkommissar", angetan.

+++ Spiegel-Titel wirken, zum Beispiel indem sie im Ausland Ärger auslösen. Ob das aktuelle Spaghetti-Cover "zu drastisch" ist, loten Levin Kubeth und Thomas Borgböhmer differenziert bei meedia.de aus.

+++ Über "die sogenannte Innere Pressefreiheit" müsste wie einst in den 1970ern und 80ern auch wieder diskutiert werden, meint Diemut Roether (epd medien).

+++ Marc Jan Eumann, Deutschlands bekanntester Medienwächter, hat den Vorsitz der SPD-Medienkommission niedergelegt, den er seit 2006 innehatte, meldet die Medienkorrespondenz (S. 19, zurzeit nicht online). Was nicht so schlimm ist, denn "die Arbeit der Medien- und netzpolitischen Kommission der SPD ruht derzeit", wie auch die Arbeit aller "weiteren Kommissionen, Arbeitskreise und Foren der Partei", die sich ja gerade, äh ... erneuert?

+++ Und ein noch topperes Topthema als "hart aber fair" ist streng genommen natürlich die Til Tschweiger-"Tatort"-Frage (Standard).

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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