ARD-Prinzessin küsst Verleger-Frosch.
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 12. Juni 2018 Medienpolitisches Sommermärchen

Sendungsbezug und Sendungsbewusstsein sind jeweils Teekesselchen. War der vergangene Sonntag ein denkwürdiger Fernsehabend? Merken Sie sich den Namen Jesco Denzel! Immer noch lädt niemand die Drehbuchautoren ein. Außerdem: Hat der Berliner Verlag, den es streng genommen gar nicht mehr gibt, noch mal ein Eigentor geschossen? Und die Medienwächter kaufen Antennen. Ein Altpapier von Christian Bartels.

ARD-Prinzessin küsst Verleger-Frosch.
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"Da dachte man schon, in der deutschen Rundfunkpolitik tue sich gar nichts, da ..." (FAZ-Medienseite) scheint es "nach zähem Ringen" "plötzlich zum Greifen nah zu sein": das "Sommermärchen" einer "Großreform der öffentlich-rechtlichen Sender", "ihres Auftrags, ihrer Finanzen, und der Frage, was sie im Netz dürfen" (Claudia Tieschky, SZ-Medienseite).

Es geht hier um die gestern im Altpapierkorb via horizont.net erwähnte mutmaßliche Verleger-Intendanten-Einigung zu ungefähr allen offenen rundfunkpolitischen Fragen.

Der Ansatz stoße "bei vielen der buntgemischten Landesregierungen offenbar auf breitere Zustimmung", heißt's in der FAZ. Die Rundfunkanstalten wüssten "noch nicht genau, was sie davon halten sollen", und auch Michael Hanfeld, der den Text unter der Überschrift "Inflation ist machbar" (45 Cent bei Blendle) natürlich verfasste, scheint sich dieser Position vorerst anzuschließen. Schon weil sie verhindern würde, dass die Anstalten die höhere Rundfunkbeitrags-Erhöhungen kriegen würden, die sie sich wünschen.

Scharf Kritik äußerte aber auch jemand: die grüne Medienpolitikerin Tabea Rößner gegenüber dem epd am geplanten Verbot der sogenannten Presseähnlichkeit in öffentlich-rechtlichen Internetauftritten. Wie es heißt, würden die Sender "ein Verbot 'presseähnlicher' Angebote akzeptieren, also von [Internet-]Seiten, in denen die Verlage unlauteren Wettbewerb sehen; eine Schiedsstelle soll in Streitfällen entscheiden", wie die SZ schreibt. Das nannte Rößner "Eingriff in die Programmhoheit" und sogar "verfassungswidrig".

Andererseits könnte neben anderen Gerichtsurteilen eine Bundesgerichtshofs-Entscheidung aus dem Dezember 2017 zur "Tagesschau"-App zur veränderten Anstalten-Haltung beigetragen haben, meint "Zapp":

"Die Klagen der Verleger und vor allem deren Ausgang dürften zu einem Strategiewechsel bei den Intendanten hin zu einem Kompromiss beigetragen haben. Benjamin Hoff, Minister für Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei des Freistaats Thüringen, zeigt sich auf Twitter erleichtert. Ob der Kompromiss allerdings auch im Sinne der Nutzer ist, sei dahingestellt."

Bei "Zapp" handelt es sich ja um eine Fernsehsendung. Falls Sie sich fragen, was das alles für eine derzeit öffentlich-rechtlich finanzierte Medienkolumne bedeuten könnte, die sich zwar oft auf Sendungen bezieht (gleich im nächsten Abschnitt schon wieder auf Talkshows ...), aber nicht zu einer Sendung gehört, und die außerdem den Vorwurf der Textlastigkeit so was von verdient: In seiner extremen Länge und mit der Vielzahl externer Links ist das Altpapier immerhin nicht im geringsten "presseähnlich". Und dass es großen Wettbewerb um das Format gab, kann auch niemand behaupten. Was die sommermärchenhafte Entwicklung jedoch für Telemedienkonzepte wie das der "Medienkompetenz" bedeutet, dürfte dann im Kleingedruckten stehen, über das in dieser Woche debattiert wird.

Frisches Framing rund um Talkshows (Merkel bei Will)

Ebenfalls gestern hier kurz erwähnt: Angela Merkels überraschender Solo-Auftritt bei "Anne Will" am Sonntagabend.

Er war kurzfristig anberaumt, "nach einem anstrengenden Transatlantikflug ohne anschließende Ruhepause", wie es nachts in der sueddeutsche.de-Besprechung hieß, die sehr viel mehr Inhaltsangabe als Fernsehkritik ist. Schauen Sie spaßeshalber mal, wie oft "will" im Text vorkommt, wie oft es der Name der Moderatorin ist und wie oft es sich auf das bezieht, was die Kanzlerin ankündigte. Auch andere Nachtkritiken waren auffällig deskriptiv – was kein Vorwurf sein soll. Wen interessiert die Dramaturgie einer Sendung oder so etwas, wenn die Regierungschefin eine überraschende Regierungserklärung abgibt?

Dann aber bat der Tagesspiegel doch einen Fernsehkritiker um eine richtige Fernsehkritik. Torsten Körner, ausgewiesener Merkel-Kenner, betont erst mal mit Recht, dass "Merkel stets dann zu Will geht, wenn sie in der Defensive ist, wenn sie Wichtiges mitzuteilen hat, wenn sie publizistische Durchschlagskraft sucht und dem Volk die Welt und ihre Innenwelt erklären will". Zeitweise scheinen dann, beim Beschreiben des Gegensatzes zu Donald Trump, die Gäule seiner Schreiblust ein bisschen mit Körner durchgegangen zu sein ("... hier die zähe Langstreckenläuferin, dort der globale Twitter-Pfau, hier die lautlose SMS-Schreiberin, dort der infantile Weltrisikospieler"). Doch damit leitet er zum "ikonisch gewordenen Bild des Regierungsfotografen Jesco Denzel" über, das der Tsp. natürlich auch zeigt: "Diese Bildbotschaft war visuelles Framing, global Angie is the message". Womit Torsten Körner ja wieder voll beim Thema ist: Framing ist schließlich der Trend-Schlüsselbegriff der Talkshow-Kritik in jedem Sinne.

"Der Talk war eine Win-Win-Situation für den Gast und die Gastgeberin", bilanziert er, um mit diesem schönen Bild auszusteigen:

"Sie zieht Raute, keinen Colt. Selten sah man Merkel, sah man eine deutsche Kanzlerin so selbst- und sendungsbewusst, eine außenpolitische Zäsur, ein denkwürdiger Abend."

Wobei "sendungsbewusst" ja ein Teekesselchen ist und Merkel sich Anne Wills Sendung gewiss nicht nur ausgesucht hat, weil der Regierungsflieger halt am Sonntag landete, sondern bewusst. In die Show des als krawallig geltenden Frank Plasberg (der vielleicht nicht einmal ihre flüchtlingspolitischen Ansichten teilt, obwohl das unter Journalisten streng verpönt ist ...), würde die Bundeskanzlerin sich sicher niemals einladen. Insofern war diese "Anne Will"-Ausgabe für die Gastgeberin eine Win-Situation im internen Wettbewerb der vielen öffentlich-rechtlichen Polit-Talker um Stargäste und das leider begrenzte Themenspektrum. Ob sich das Fernsehgenre Polit-Talkshow, dem zurzeit viel Kritik gilt, aber kaum der Vorwurf zu großer Distanz zur Bundesregierung, einen Gefallen damit tut, sich auf Wunsch rasch zur Regierungserklärungs-Show umfunktionieren zu lassen, ist eine andere Frage.

"Zu den vielen Formaten, die sich im Fernsehen überlebt haben, gehört die Audienz der Kanzlerin bei einer ihr genehmen Journalistin. Angesichts einer im Facebook-Zeitalter ohnehin schwindenden Relevanz sollten sich die Sender die Courage zurückerobern, Selbsteinladungen mit eingebautem Bedingungsbündel abzulehnen", schreibt Alexander Kissler in einer auch im fernsehkritischen Sinne ("Insgesamt 32 Mal schnitt die Regie auf das Studiopublikum ...") instruktiven Kritik bei cicero.de.

Merken Sie sich den Namen Jesco Denzel!

Womöglich war der G7-Gipfel eine Lose-Lose-Situation für weite Teile des sog. Westens – außer für Jesco Denzel, den Rembrandt des Augenblicks. Der Fotograf ist in aller Munde. Die FAZ verehrt ihm eine komparatistisch-kunstwissenschaftliche Betrachtung mit humanistischem Mehrwert ("Jedes der Bilder erzählt eine andere Geschichte, aber keines ist so perfekt fotografiert wie das Denzels. ... Seinen Standpunkt hat er mit Bedacht gewählt – wie seine Kollegen auch. Ist das schon Manipulation? Es ist eine Perspektive. Es gibt mehrere. Es ist immer gut, möglichst viele zu sehen ..."), an deren Ende Ursula Scheer Denzels Foto auch noch mal als besonders "ikonisch" lobt. Die Süddeutsche hat ihn sogar ans Handy gekriegt:

"Der gebürtige Bremer Denzel ist gerade in New York aufgewacht, als die SZ ihn telefonisch erreicht. Er würde gerne reden, sagt er, nur habe er dafür nicht das Okay des Bundespresseamtes".

Auftritte bei Sandra Maischberger und natürlich Markus Lanz dürfte Steffen Seibert aber längst abgesegnet haben.

Schon wieder nicht eingeladen: die Autoren (Kontrakt18)

Den Erfolg und das Renommee hat Denzel natürlich unbedingt verdient. Schließlich haben es Fotografen im Medienalltag alles andere als leicht. Wer es auch nicht leicht hat: Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren.

Gerade haben 92 ein kämpferisches Manifest veröffentlicht, das auf den Namen "Kontrakt 18" hört und am Wochenende großes Thema war. Die FAS interviewte die Initiatoren unter der (nicht nur einmal verwendeten) Überschrift "Aufstand der Autoren". Darin tat Annette Hess, die außer "Der Kommissar und das Meer"-Krimis auch viel Gutes geschrieben hat ("Weissensee"!), was gute Autoren tun, und beschrieb in Worten eine Szene, die das Problem bildhaft verdichtet:

"Auf dem Weg hierher habe ich in der Zeitung Fotos vom gestrigen Fest der Produzenten-Allianz gesehen und gedacht: Wir hätten mit unserem Kontrakt ein paar Tage vorher rauskommen müssen. Damit hätten wir für Gesprächsstoff gesorgt. Aber warum wussten wir nicht, dass das Fest stattfindet? Wir waren nicht eingeladen. Produzenten, Schauspieler, Senderverantwortliche, Regisseure, Agenten haben ein großes 'Familienfest' gefeiert. Ein entscheidendes Familienmitglied dabei aber vergessen. Wir haben uns mal spaßeshalber die Gästeliste angesehen: Der Anteil der geladenen Autoren lag bei weniger als zwei Prozent."

Den Hintergrund der Nischen-, also Autoren-Aufregung um die Nicht-Einladung von Drehbuchautoren zum bekannten "Deutschen Fernsehpreis" (Vgl. aktuell taz) braucht es da gar nicht mehr zum Verständnis. Immerhin können sich Autoren und andere hier nachträglich einen Eindruck vom Sommerfest verschaffen.

Altpapierkorb

+++ In meiner evangelisch.de-Medienkolumne (zum Thema Lokaljournalismus, u.a. aufbauend auf Ralf Heimanns im Altpapier-Thesen) hatte ich ein etwas älteres SZ-Interview (€) mit dem DuMont-Chef verlinkt, das nur unter Randaspekten erwähnenswert wäre – hätte Christoph Bauer da nicht die Sätze "2017 war die Berliner Zeitung zum ersten Mal nicht mehr in der Verlustzone. 2018 soll der gesamte Berliner Verlag operative Gewinne machen." Schließlich heißt der Laden ja offiziell "Berliner Newsroom GmbH" statt "Berliner Verlag", auch um arbeitsrechtlich einen Betriebsübergang zu vermeiden (siehe dumontschauberg.wordpress.com). Insofern könnte es sich beim Interview um ein Eigentor gehandelt haben, meinte zumindest ein aufmerksamer Leser. +++

+++ Sommermärchenhafte Wendung auch im Streit ums UKW-Radio? Die bayrischen Medienwächter haben zumindest alle bayerischen UKW-Antennen gekauft, teilten sie per Pressemitteilung mit. +++

+++ Der spanische Fußball ist technisch Weltspitze, stößt Gegenspielern aber auch schon mal grenzwertig an Kopf und Schultern. Das gilt auch beim Zugriff von Android-Apps auf Mikrofone und natürlich Standortdaten angeht (heise.de: "wie die Tageszeitung El País berichtet, kam die Praxis erst mit dem Wirksamwerden der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ans Licht"). +++ Spanische politische Krisen tauchen in der deutschen Berichterstattung manchmal auf. Aber bei RTVE? "Dem öffentlichen spanischen Fernsehen Televisión Española ist etwas passiert, das keinem Sender passieren darf. Es ist irrelevant geworden" (Hans-Günter Kellner, epd medien). +++

+++ Wg. DSGVO gilt ein erhöhtes Mindestalter für Whatsapp-Nutzung, doch "die Schwelle, die es zu überwinden gilt, um den Messenger weiterhin zu nutzen, ist denkbar niedrig. Wer mit elf in einen Film ab zwölf Jahren will, muss immerhin auf Zehenspitzen an der Kinokasse stehen. Wer mit fünfzehn am Kiosk ein Bier kaufen möchte, muss markant gucken und das Glück haben, dass die Frage nach einem Altersnachweis dem leichtgläubigen Verkäufer unsinnig erscheint. Bei Whatsapp reicht ein Tippen auf den Smartphone-Bildschirm, schon hat der Nutzer bestätigt, dass er mindestens sechzehn Jahre alt ist." Diese Kritik und viele weitere am Gebaren des Whatsapp-EIgentürmers Facebook übt das FAZ-Feuilleton. +++

+++ Der Deutschlandfunk überlegt angesichts entschlossener Schritte des Österreichische Rundfunks, ob er bei Facebook eigentlich noch gut aufgehoben ist. +++

+++ "Das ist das Stockholm-Syndrom der deutschen Presseverlage": Da umreißt Ingo Dachwitz auf netzpolitik.org "die schizophrene Situation, dass in den Print- und Online-Ausgaben vieler Zeitungen weiter abstrakt vor den Auswüchsen des Datenkapitalismus gewarnt wird, während die Verlage selbst massiv gegen dessen Regulierung arbeiten". Und die Lobbyschlachten um die geplante europäische "ePrivacy-Verordnung" zuzüglich neuer Leistungsschutzrecht-Bemühungen (über die auch uebermedien.de berichtete: "Es gibt Berichte, wonach die Union", nämlich die CDU, "außerordentlichen Druck auf Abgeordnete ausübe, im Sinne Springers abzustimmen"). +++

+++ Zu "einem Einzel-Coaching, ... um solch einen schweren Fehler künftig auszuschließen", muss NDR-Moderator und -Warmupper Hinnerk Baumgarten (Süddeutsche). +++

+++ "Sippenhaft", "Boykott", "Aushungern": Starke Worte fallen im Konflikt zwischen dem u.a. für ARD-Sendungen berichtenden freie Journalisten Daniel Bouhs und ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky (uebermedien.de, Tagesspiegel, dwdl.de ...). +++

+++ Und das Gruner+Jahr-Druckerzeugnis Beef hat "das erste Restaurant zur Zeitschrift" in Frankfurt eröffnet (meedia.de). +++

Das Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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1 Kommentar

12.06.2018 22:09 Kai Ludwig 1

Was die BLM da gestern verschickt hat, ist keine sommermärchenhafte Wendung, sondern eine schlichte Vollzugsmeldung. Man hatte es hier von vornherein nicht auf eine Versteigerung ankommen lassen. Zu bedenken ist dabei die besondere Rolle der BLM, die eben nicht nur Wächter, sondern öffentlich-rechtlicher Träger des sogenannten privaten Rundfunks ist.

Der Kauf selbst ist auch kein Einzelfall. Programmveranstalter in anderen Bundesländern sind diesen Schritt ebenfalls gegangen. Einige finden sich nun in der Lage der Media Broadcast wieder, gefälligst andere Betreiber zu kleinen Preisen auf ihre Antennen lassen zu sollen. Was auch der BMT noch blühen kann, ironischerweise von Seiten des technischen Dienstleisters des Deutschlandradios.

Es gibt da allerlei interessante Feinheiten, die man aus der PR der Beteiligten natürlich nicht erfahren wird. Recht geschickt darin, Journalisten vor ihren Karren zu spannen, sind sie jedenfalls.