Altpapier vom 19.06.2018
Bildrechte: panthermedia / imago / MEDIEN360G

Das Altpapier am 19. Juni 2018 Internet ist teuer

Eine weitere gedruckte Zeitung stellt ihr Erscheinen ein. Die Groko hat festgestellt: Digitalisierung senkt keine Kosten und die Zuschüsse müssen erhöht werden. "Ver-1767-facht" wurden Ausgaben für Bundesregierungs-Imagearbeit in den sog. soz. Medien. Wird der Iconic Turn überschätzt und kommt jetzt das "öffentlich-rechtliche Blogsterben?" Außerdem: auch mal was, das die ARD eher selten hört ("bitte damit unbedingt weitermachen!"). Ein Altpapier von Christian Bartels.

Altpapier vom 19.06.2018
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Die werktägliche Reise durch die Medienlandschaft beginnt heute ganz unten. Womit natürlich nicht die B.Z. gemeint ist, die Berliner Boulevard-Lokalzeitung, die sich der Springer-Konzern noch leistet, auch wenn gedruckte Zeitungen über schreiende Titelseiten wie diese (abonnieren ließe sich die B.Z. also auch ...) zu verkaufen, kein leichtes Brot ist. Die B.Z. berichtete bloß als erste sowie mit Online-Aktualisierungen bis 22.08 Uhr gestern Abend von der jüngsten Zeitungseinstellung. Die betrifft eine der zwei bis drei Berliner Obdachlosenzeitungen, den Straßenfeger:

"'Einige Verkäufer hatten Tränen in den Augen, als sie vom drohenden Aus erfahren haben', sagt Andreas H. 'Für viele ist es die einzige Einnahmequelle. Sie haben nichts anderes.' Durchschnittlich 15 Euro sollen Verkäufer mit dem Verkauf der Zeitung verdienen, manche schaffen auch bis zu 50 Euro an einem guten Tag."

Die Gründe sind die gewohnten ("Auflage geht zurück" hieß es zunächst, der Herausgeber "will sein weniges Geld woanders investieren" ...). Der unmittelbare B-Z.-Mitbewerber Berliner Kurier, und dann auch ausführlich der Tagesspiegel sowie der RBB berichteten ebenfalls:

"Aktuell erscheint der 'Strassenfeger' alle drei Wochen in einer Auflage von 12.000 Stück. Von den 1,50 Euro Verkaufspreis darf der Verkäufer 90 Cent behalten. Im Moment leben rund 300 Menschen in Berlin davon."

Wer manchmal eine Obdachlosenzeitung kauft, weiß, dass Verkäufer oft nur wenige Exemplare oder eines dabei haben, das sie gar nicht unbedingt verkaufen wollen, weil sich mit so einer Zeitung etwas leichter (nur im Sinne von: selbsterklärender) vereinzelte kleine Spenden sammeln lassen.

Digitalisierung senkt keine Kosten (weiß die Bundesregierung)

Damit an eine ganz andere Ecke der Gesellschaft, in den Deutschen Bundestag. Internet ist teuer, das hat er vergangene Woche offiziell mitgeteilt:

"Rund um die Uhr erwarteten Bürger Antwort in Foren und sozialen Netzwerken ... . Datenschutz im Netz werde schwieriger, Hacker müssten abgewehrt werden. Auch Mitgliederbefragungen der Parteien seien teuer. ... Und Freiwillige, die  ehrenamtlich mitarbeiteten, seien schwerer zu finden".

So lauteten Wortbausteine beim Plädieren fürs Gesetz, das den deutschen Parteien insgesamt künftig "25 Millionen Euro mehr" pro Jahr an staatlichen Zuschüssen, dann "190 Millionen Euro statt wie bisher 165 Millionen", einbringen wird. Eigentlich sollte dieser Beschluss wohl der Faustregel folgen, dass Beschlüsse, die viel Kritik erregen, am besten zu Beginn eines großen Fußballturniers durchs Parlament gejagt werden, weil sie schneller als üblich auf der Agenda runterrutschen, sobald der Ball rollt. Womöglich hat das nicht ganz geklappt, da letzte Woche zur selben Zeit ja auch die Bundesregierungskrise ausbrach.

Jedenfalls: Die Behauptung, die Digitalisierung würde gegenüber der Analogära, in der die Bürger vor allem Postwurfsendungen erwarteten, Kosten senken, ist nun regierungsoffiziell widerlegt.

In der Digitalära fließt viel Geld ja auch in Kanäle, in denen geheime Algorithmen kalifornischer Konzerne bestimmen, wer überhaupt was zu sehen bekommt. "Wie der Staat massiv für Reichweite in sozialen Medien bezahlt und welches Targeting die Behörden einsetzen" und wieviel "sich die Regierung die Kampagnen auf Facebook, Instagram, YouTube, Twitter und weiteren Sozialen Netzwerken" kosten lässt, nämlich "insgesamt 4,98 Millionen Euro" allein im Jahr 2017, analysierte passgenau motherboard.vice.com. Was die auch aus netzpolitik.org-Zusammenhängen bekannte Anna Biselli und ihr Kollege Sebastian Meineck in mehreren Artikel dort zusammengetragen haben, ist sehr lesenswert: Gegenüber 2010 hätten haben sich "die Social Media Ausgaben der deutschen Regierung ver-1767-facht".

Auch aufschlussreich ist, was Vice lieber nicht erwähnt, sondern solchen Lesern zu entdecken überlässt, die in die verlinkte 96-seitige Bundestags-Drucksache klicken: Die eben genannten Zahlen hat Vice aus der Antwort auf eine Anfrage eines AfD-Abgeordneten im April. Zum Glück interessieren sich zwar nicht die Schwergewichte, aber die Nerds aller Fraktionen fürs Thema, daher zitiert Vice dann eben einen Abgeordneter einer anderen Fraktion:

"Ginge es nach der Bundesregierung, würde sie die Anzeigen und Posts, die auf ihren eigenen Kanälen veröffentlicht werden, nicht Werbung nennen. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des linken Bundestagsabgeordneten Jan Korte hervor, die Motherboard vorliegt. Demnach betreibe die Bundesregierung ihrer Meinung nach hier gar keine Werbung 'im allgemeinsprachlichen Sinne des Wortes'. Stattdessen nutze man die sozialen Medien, um den 'verfassungsmäßigen  Informationsauftrag zu erfüllen'. Dass diese Posts auch als Werbung auf dem Netzwerk verbreitet werden und Instagram, Facebook und YouTube dafür Geld kassieren, ist für die Regierung offenbar kein Problem ..."

Um jetzt nicht übermäßig zu skandalisieren: Solche knapp fünf Millionen Euro sind eine sehr relative Zahl – eher wenig im Vergleich eben erwähnten Mios für die Parteien-Werbung (die die Parteien natürlich auch nicht "Werbung" nennen und die auch nicht mit der Bundesregierungs-Werbung verwechselt werden darf – auch wenn das ziemlich viel Bundesregierungs-Werbung genau das beabsichtigen dürfte ... ). Viel ist's im Vergleich mit dem Obdachlosenzeitungs-Umsatz. Eher wenig ist's im Vergleich mit den Rundfunkbeitrags-Einnahmen. Und damit zur weiteren Analyse des Verteilungskampf-Friedensvertrags, um die es in allen Altpapieren der vergangenen Tage ging.

Medienpolitik-Flughöhe? Öffentlich-rechtliches Blogsterben??

Die Anwesenheit des "Stargasts" (Altpapier) Mathias Döpfner bei der Pressekonferenz am Donnerstag wunderte im Deutschlandfunk-Interview für "@mediasres" Heiko Hilker, der auch Mitglied im Rundfunkrat des MDR ist [bei dem das Altpapier ja erscheint]. Indem Döpfner als Zeitungsverbands-Präsident, also Lobbyist, den mit den Intendanten erzielten Konsens "selbst mit vortragen" konnte, habe "die Medienpolitik zumindest in diesem Bereich ihre Hoheit aufgegeben."

Da ließe sich zwar einwenden, dass die deutsche Medienpolitik noch niemals und im laufenden Jahrzehnt schon gar nicht größere Flughöhe beansprucht hat. Aber dem Anschein, Interessen mehrerer Interessenverbände abgewogen zu haben, und nicht allein der Verleger, wäre eine PK ohne Döpfner gewiss zuträglicher gewesen. Und es scheint ja durchaus so, dass etwa Interessen der Filmproduzenten kaum berücksichtigt wurden (wie dann auch noch weiter Hilkers und "@mediasres"-Thema ist).

Eine starke Lanze für Text in öffentlich-rechtlichen Internetangeboten, von dem es künftig ja deutlich weniger geben soll, bricht ein Fernsehratsmitglied des ZDF. Bei netzpolitik.org nennt Leonhard Dobusch "8 Gründe für öffentlich-rechtliche Texte im Netz" und formulierte pointierte Thesen wie die, dass "der Textverzicht ... öffentlich-rechtliche Angebote im Netz zwangsverschlechtern" werde und "langfristig" "Textverzicht die Legitimität öffentlich-rechtlicher Angebote untergräbt".

Fast könnte es scheinen, als würden entgegen aller Iconic Turns und des Gedöns um erfolgreiche Quassel-Youtuber die Pendel ein wenig zurückschwingen und auf einmal wieder Vorzüge des guten alten Textes der Gutenberg-Ära entdeckt. Was im deutschen Internet-Diskurs eine ganz neue Farbe wäre ...

... und hier im beim MDR erscheinenden Altpapier natürlich auch unmittelbare eigene Interessen berührt, wie Dobusch dann auch unter der Zwischenüberschrift "Kommt es zum öffentlich-rechtlichen Blogsterben?" mit Bezug auf diese Kolumne sowie auf den WDR-Blog Digitalistan thematisiert. Wie die angekündigte "gemeinsame, paritätisch besetzte Schiedsstelle" der Verlags-Lobby und der Anstalten eventuelle Streifälle löst, könnten ziemlich spannend werden ...

Altpapierkorb (Ungewollte Will-Show, "weiter so, ARD!", "Break Google!", "Fernsehen à la Papa", wortgewaltigster deutscher Trump-Kritiker)

+++ Wenn turnierweise der Ball rollt, sind die ARD und ihr Gemeinschaftsprogramm Das Erste erst recht in fast aller Munde. Sehr viel Lob, zum Beispiel für ihr Krimiwiederholungs-Double Feature am Sonntag, gibt es selten. Aktuell wieder nicht. Am Wochenende herrschte dank der erwähnten Bundesregierungs-Krise "bester Stoff für eine politische Talkrunde", die Sonntags-Talkerin wollte auch "sehr gern" ran, durfte aber nicht. Das berichtet SPON unter der Überschrift "Anne will - aber darf nicht". +++

+++ Was die ARD-Programmplaner beim unermüdlichen Feilen am Audience Flow selten hören: ein "bitte damit unbedingt weitermachen!". Aber heute mal im Tagesspiegel. Da wirft sich Markus Ehrenberg für "ein Highlight im durchformatierten TV-Alltag", die heute abend erst mal endende Anwaltsserie "Falk" in die Bresche. +++

+++ Sehr schön animiert hat der Boston Globe seine Forderung "Break Google". Er argumentiert aber auch gut ("Never in the history of the world has a single company had so much control over what people know and think") und hat Vorschläge ("One of the most promising splits would be to separate Google search from the rest of the company’s ventures and open up the market for the advertising that goes along with search to other vendors ..."). Es müsste natürlich verantwortlich vorausschauende Entscheidungsträger zumal in den USA geben. +++

+++ Falls es noch eines Arguments mehr bedürfte: Googles Youtube startete nun auch hierzulande einen "Angriff auf Netflix, Spotify und Co" (horizont.net). +++

+++ Die Corporate-Sparte des Verlags der renommierten Wochenzeitung Die Zeit lässt sich das Verschicken von "Broschüren und Arbeitsblättern zum 'verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet'" an Lehrer unter anderem von Datenkraken wie Google und Facebook finanzieren (gutjahr.biz). +++

+++ Morgen wird der Rechtsauschuss des Europäischen Parlaments über den Entwurf zur EU-Urheberrechtsrichtlinie abstimmen, der heftig kritisiert wird. "Die EU will Uploadfilter einführen und überschreitet damit erstmals die Grenze zwischen Kontrolle und Zensur", zitiert der Standard den Geschäftsführer des deutschen Bitkom-Verbands (der selber ja BigBrotherAward-Preisträger ist). +++

+++ Auch der EU zu verdanken: eine künftige "Liberalisierung der Werbezeiten" im Privatfernsehen (dwdl.de). +++

+++ Ein Veteran der Kohl-Ära, Ex-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl, soll im komplexen Streit zwischen den neuen UKW-Antennenbesitzern, Sendenetzdienstleistern und Radiosendern vermitteln, berichten taz und die SZ. Allerdings geht auch das Münchener Blatt nicht auf die noch einen Tick absurdere Wendung ein, dass die bayerischen UKW-Antennen inzwischen der bayerischen Landesmedienanstalt gehören (siehe diesen Altpapierkorb und auch den Kommentar darunter). +++

+++ Wie in Frankreich dem öffentlich-rechtlichen "'Fernsehen à la Papa' – der 'télévision de papa' – der Kampf angesagt" wird, von der amtierenden Macron-Regierung, schildert Jürg Altwegg auf der FAZ-Medienseite ("Die öffentlichen Sender leiden an einer exzessiven Hierarchisierung und Bürokratisierung, die der Produktivität hinderlich sind und enorm viel kosten. Flachere Strukturen sind wünschenswert. Aber letztlich geht es um die politische Unabhängigkeit der Information, um die Qualität der einzelnen Sendungen und den Programmauftrag. Fußball gibt es kaum mehr zu sehen – aber noch immer viele Produktionen, die man genauso gut den Privaten überlassen könnte. Dazu braucht es auch den Mut zu geringeren Zuschauerzahlen"). +++

+++ Ab heute stimmen "angestellte und feste freie Zeitungsjournalisten" über einen "zeitlich unbefristeten" Streik ab, teilt die Journalistengewerkschaft DJV mit. +++

+++ Deren Zeitschrift journalist vergangene Woche Thema in der uebermedien.de-Kolumne "Bahnhofskiosk" war und Michalis Pantelouris zur Frage "Sind wir als Branche echt so scheiße?" veranlasste. +++

+++ Privatfernsehen wirkt? Ein bisschen über die RTL-Sendung, die dazu führte, dass "bis zu zehn Männer in die Wohnung eines Mannes" eindrangen und diesen so zurichteten, "dass er zeitweise in Lebensgefahr schwebte", schreibt Hans Hoff auf der SZ-Medienseite. +++

+++ "Die problematische Twitterei führender ARD-Journalistinnen" kritisiert meedia.de. Zumindest darin, dass Journalisten, die "Framing" kritisieren (und natürlich erklären müssen, was ungefähr das noch mal ist), dabei selbst zu kräftigem Framen tendieren, könnte ein Problem sein. +++

+++ Ebd. auch lesenswert: das Moritz-"hr tagesgeschehen"-Hürtgen-Interview ("Was war an der Aktion Satire?" - "Dass die, die der schlechten Fälschung aufgesessen sind, jetzt finden, dass es diesmal 'keine Satire mehr ist'"). Siehe AP gestern. +++

+++ Und der wortgewaltigste deutsche Donald-Trump-Kritiker dürfte Torsten Körner sein (vgl. Altpapier vom letzten Dienstag). In epd medien legte er – nicht mehr zum Merkel-Trump-Gegensatz, sondern zu Trump-Kim Jong Un-Gemeinsamkeiten noch eine Schippe drauf: "Die totale Verwandlung der Wirklichkeit in einen Film, die vollständige Derealisierung der Realität, die restlose Infantilisierung der Politik ... ", "die Ideologie des total entfesselten Marktes, die Erfolgssymbole eines Hyper-Kapitalismus, für den das einzelne Individuum nur ein lästiges oder willkommenes Insekt ist ...", ja, "Hitlers Germania-Projekt, die totale architektonische Unterwerfung Berlins unter den Reichs-, Volks- und Führergedanken, nimmt sich da fast bescheiden aus ...". +++

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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