Teasergrafik zum Altpapier vom 21. Juni 2018: Illustration des Shitstorms aus sexistischen Kommentaren, in dem sich Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann während der WM 2018 wiederfindet
Bildrechte: ZDF/Svea Pietschmann / panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 21. Juni 2018 Rettet doch mal das Internet

Was war nochmal der Unterschied zwischen Kritik und Sexismus? Brauchen wir einen Artenschutz im Internet? Beim Thema Leistungsschutzrecht wird über tendenziöse Berichterstattung gestritten. Und hat eigentlich mal jemand die Korrelation zwischen WM und Sexismus errechnet? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik zum Altpapier vom 21. Juni 2018: Illustration des Shitstorms aus sexistischen Kommentaren, in dem sich Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann während der WM 2018 wiederfindet
Bildrechte: ZDF/Svea Pietschmann / panthermedia / MEDIEN360G

Müssen wir echt immer noch über Frauen im Sportjournalismus reden bzw. schreiben, als sei ein Okapi ins Tigergehege eingedrungen? Anscheinend ist das für viele noch vergleichbar, denn diese sexistische Kackscheiße – anders lässt es sich leider wirklich nicht ausdrücken – scheint ja immer wieder von vorn zu beginnen. Wie gestern an dieser Stelle schon kurz angesprochen, gibt es ja mal wieder einen hübschen Shitstorm, der sich immer wieder von neuem anbahnt, wenn die ZDF-Reporterin Claudia Neumann bei großen Fußball-Ereignissen am Mikro steht.

Die Art des Umgangs mit Neumann unterscheide sich deutlich von der Art, mit der über ihre männlichen Kollegen geurteilt werden, schreibt z.B. Julian Dörr in einem sichtbar fassungslosen Kommentar bei SZ.de:

"Niemand spricht ihm (Anm. AP: Béla Rethy) aufgrund seines Geschlechts die Fähigkeit ab, 90 Minuten lang zu beschreiben und zu analysieren, was auf dem Feld vor ihm passiert. Claudia Neumann hingegen 'soll beim ZDF den Flur wischen' statt Fußball zu kommentieren, um einen der weniger expliziten Tweets zu zitieren. Das ist keine Kritik an der Arbeit einer Kommentatorin. Das ist Sexismus. 2018 ist tatsächlich eine irre Zeit. Frauen dürfen wählen, Auto fahren und Fußballspiele kommentieren. Sie dürfen das gut oder schlecht machen. Und ob sie das gut oder schlecht machen, hat nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Wahnsinn, dass man das immer noch sagen muss."

Nicht sehr treffend formuliert sind in dem Zusammenhang die Überschriften einiger Artikel, z.B. der Rheinischen Post:

"ZDF-Sportchef ärgert Kritik an Claudia Neumann"

Das suggeriert einerseits, dass Neumann ganz normal und auf halbwegs sachlicher Ebene kritisiert worden sei. Andererseits steht ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann so da, als wolle er keinerlei Beanstandungen an seiner Kommentatorin zulassen.

Bei Meedia.de (dpa-Meldung) wird in der Überschrift von "Kritik" an der Sportjournalistin, bei dwdl.de von "Kritikern" in den sozialen Netzwerken gesprochen. Ähnlich sieht’s bei den Stuttgarter Nachrichten, der Augsburger Allgemeinen und anderen aus, die wohl die Formulierung der dpa übernommen haben. In den Texten wird später auch auf Hass und Sexismus eingegangen, aber als Leseanreiz werden zunächst falsche Assoziationen geweckt.

Das trifft sprachlich so wenig den Kern der Sache, wie wenn sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung als "Sex-Skandal" dargestellt werden. Denn bloße Kritik war ja keineswegs Grund für die Aufregung und die Äußerungen ("unterste Schublade", etc.) Fuhrmanns.

Fehler hat sie mit der Verwechslung japanischer Spieler und daraus entstandenen falschen Einordnungen natürlich gemacht. Und das stellt ja auch niemand in Frage. Aber wer bei den Äußerungen, die die Empörung eigentlich verursacht haben – den Fragen nach Neumanns Fähigkeiten, Kartoffelsuppe zu kochen und Flure zu wischen oder bei Beschimpfungen wie "Donnerfotze" – noch von Kritik, statt von Hass, Hetze oder Sexismus spricht, verfehlt den Kern der Sache scheunentorweit.

So zeichnen diese Überschriften ein Bild von einer Fußballkommentatorin, die keine Kritik vertragen kann und einem Sender, der kritische Rückmeldungen seiner Zuschauer nicht annehmen möchte. Ob das nun gewollt war (Klickfänger, ahoi) oder einfach unpräzise, sei mal dahingestellt.

Neumann selbst äußert sich bisher nicht zu den Anfeindungen. Im Interview zum WM-Start sagte die Sportjournalistin aber bei Watson bzw. t-online (beides Ströer) über ihre Erfahrungen mit den Shitstorms:

"Ich weiß gar nicht, ob es mich überrascht. Aber ich würde es nicht Kritik nennen, weil Kritik für mich immer etwas Konstruktives ist. Das ist eher Genörgel und Gemecker. Das passt zu der grassierenden Erregungskultur und wird durch die Netzkommunikation extrem leicht gemacht. Es ist nicht diese Art der Kritik, die für uns relevant ist. Feedback ist wichtig, um sich zu verbessern und sich auch selbst zu hinterfragen. Den sogenannten Shitstorm erlebt man ja heutzutage für eine Lächerlichkeit."

Digitaler Artenschutz

Auch ziemlich aufgeheizt ist die Debatte um ein neues EU-Urheberrecht. "Toxische Vorschläge" (netzpolitik.org) oder "So kann Journalismus überleben" (taz.de) und "Der Weg ist frei für ein europaweit einheitliches Copyright" (welt.de): Zwischen diesen Polen bewegt sich die Berichterstattung über die Entscheidung des EU-Parlaments (genauer: erstmal dessen Rechtsausschusses) zur anstehenden Reform des Urheberrechts (Dienstag schon kurz im Altpapier angesprochen).

Die Abgeordneten des Ausschusses stimmten nun knapp (13 zu 12 Stimmen) für den Entwurf, der Uploadfilter und ein europäisches Leistungsschutzrecht (in Deutschland ja nicht so ein smoothes Thema, siehe Altpapier) ermöglichen würde.

"Künftig muss nach dem Gesetzesentwurf jeder Upload auf Internet-Plattformen wie Youtube gefiltert werden, um Urheberrechtsverletzungen zu verhindern. (…) Upload-Filter bedeuten das Ende für viele Formen des Ausdrucks im Internet. Als prominentes Opfer würden künftig wohl etwa Millionen von Memes aus dem Internet gefiltert werden, auch wenn sie als wichtiger Bestandteil der Netzkultur gelten",

schreibt Alexander Fanta bei netzpolitik.org. Deshalb schallt es jetzt aus allen Ecken des Netzes (z.B. hier und hier und bei Twitter sowieso): "Rettet die Memes!" Eine Kampagne, die wohl mehr Engagement erzeugen kann, als jeder Schnabelbrust-Schildkröten-Schutzverein. Ob das Anlass zum Lachen oder Weinen ist – ich kann mich noch nicht recht entscheiden.

Wie auch immer, um die vom Aussterben bedrohte Art (also, jetzt die Memes) zu retten, müsste Paragraf 13 aus dem grade eben vom EU-Rechtsausschuss abgesegneten Vorschlag der Urheberrechtsrichtlinie gestrichen werden.

Allerdings wäre es wohl fatal, diesen Paragrafen und seine potenziellen Auswirkungen lediglich auf das Meme-Sterben zu reduzieren und damit zu verharmlosen. In einem Kommentar bei SpOn schreibt Patrick Beuth über weitere mögliche Auswirkungen:

"Solche Uploadfilter aber bedeuten die Abkehr vom sogenannten Providerprivileg, das die Plattformbetreiber von einer Haftung für Urheberrechtsverletzungen in ihren Diensten befreit. Zumindest solange sie diese nachträglich beseitigen, sobald sie davon erfahren. Artikel 13 ist so etwas wie das Ende der Unschuldsvermutung für die Anbieter und ihre Nutzer. Stattdessen bekommen große Teile des Internets eine Filter-Infrastruktur verordnet. Existiert sie erst einmal, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Politiker nach einer Ausweitung rufen. Das war bislang bei allen neu eingeführten Internet-Überwachungs- und Kontrollinstrumenten so. Wer sich trotz des Rechtsrucks in Europa nicht vorstellen kann, welches Missbrauchspotenzial eine solche Infrastruktur mit sich bringt, muss politisch kurzsichtig sein."

Was für ein Chaos und Unsicherheiten solche meist im Netzalltag als ziemlich unscharf erweisenden Regelungen, die eigentlich zum "Schutz" verschiedenster Rechte angepriesen werden, verursachen können, haben wir ja schon gesehen (NetzDG und DSGVO lassen grüßen). Die Vorstellung von einer umfassenden Kontroll-Infrastruktur eröffnet da ganz neue Gruseldimensionen. Die im Netz abrufbaren Inhalte filtern, wie Klamotten im Onlineshop, das wär doch sicher was für die Trumps und Gaulands dieser Welt.

Wer lobbyiert hier wo?

Positiv gestimmt ist hingegen die Grünen-EU-Abgeordnete Helga Trüpel, vor allem was das in Paragraf 11 geregelte Leistungsschutzrecht angeht. Im taz-Interview mit Anne Fromm nennt sie z.B. folgende Begründung:

"Ich will, dass Journalisten angemessen für ihre Arbeit bezahlt werden. Bisher ist es so, dass Google die Arbeit von Journalisten nutzt um damit Geld zu verdienen. Der, der die eigentliche Arbeit hatte, der Journalist, bekommt davon nichts. Das ist doch nicht gerecht. Der digitale Kapitalismus – und das sind in diesem Fall die digitalen Giganten Google und Facebook – muss genauso reguliert werden, wie alle anderen Firmen. Ich bin keine Feindin der Digitalisierung, ich möchte einfach, dass Journalisten von ihrer Arbeit leben können."

Das ist jedenfalls eine Sichtweise. Ob das nicht, angesichts der vielen zähen Rechtsstreits, die das Leistungsschutzrecht bisher allein in Deutschland verursacht hat, etwas naiv erscheint? Die Frage darf durchaus gestellt werden. Wobei ich der taz jetzt nicht ihren Binnenpluralismus absprechen will, denn hier gibt’s (wie z.B. auch bei Heise) noch einen kritischen Artikel zum Thema und Fromms Fragen stellen die Ansicht ebenfalls auf den Prüfstand. Auch Hendrik Widuwilt sieht den Vorschlag eines EU-Leistungsschutzrechts bei FAZ.net kritisch.

"Neue Rechte für die Presse? Das sollten das Journalistenherz eigentlich höher schlagen lassen: Mehr Geld für Texte, das kann doch nur gut sein! Natürlich ist es traurig, wenn manche Menschen sich nur noch durch Überschriften bei Facebook oder Google News scrollen. Richtig ist allerdings auch, dass ein Großteil der Leser erst über die Internetgiganten zu den Webauftritten der Presse finden, was jeder Verlag technisch verhindern könnte. Dass ein Leistungsschutzrecht vor allem kleinere Medien träfe, die auf die digitale Laufkundschaft angewiesen sind, zeigte sich in Spanien, das ein ähnliches Konzept bereits ausprobiert hat."

Auch in Deutschland gibt es ja ein solches Gesetz, das wegen mangelnder Funktionsfähigkeit und seines leblosen Dahinvegetierens bei netzpolitik.org gerne als "Zombiegesetz" bezeichnet wird. Widuwilt schreibt dazu:

"Es ist eine Tatsache: Bisher hat das Gesetz in Deutschland vor allem Kosten verursacht. Viele große Verlage haben Google eine Gratislizenz erteilt. So, wie das Leistungsschutzrecht in Deutschland eingeführt wurde, konnte Google die Verlage unter Druck setzen – entsprechend hat so mancher Verlag inzwischen darauf verzichtet, es durchzusetzen."

Die Welt sieht das als Springer-Kind, einem der größten Befürworter der Regelung, natürlich anders. Christian Meier ärgert sich dort vor allem über die Berichterstattung im Deutschlandfunk:

"Der öffentlich-rechtliche Deutschlandfunk berichtete gerade, in Brüssel werde schlichtweg ein 'erfolgloses deutsches Gesetz kopiert.' Dem deutschen Leistungsschutzrecht war in der Tat bisher kein finanzieller Erfolg beschieden. Zumindest von Google gibt es kein Geld. Die Einschätzung selbst liest sich aber tendenziös, denn hier wird der Idee eines Schutzrechtes für Inhalte – es geht ja keineswegs nur um Google, sondern um alle möglichen Weiterverwertungen von Inhalten – von einem beitragsfinanzierten Medium für letztlich wertlos erklärt."

Aber auch bei dieser Einordnung ist man gut beraten, sie wiederum einzuordnen. Denn schon 2012 hatte Stefan Niggemeier die Berichterstattung über die Einführung des Leistungsschutzrechts in Deutschland als tendenziös kritisiert, vor allem auch die der Welt (z.B. hier und hier auf seinem damaligen Blog). Und dass hier auch bei der Berichterstattung über die EU-Regelung ein Interessenskonflikt zwischen "objektiver" (oder sagen wir lieber multiperspektivischer) Berichterstattung im öffentlichen Interesse und Darstellung ausgewählter Tatsachen und Sichtweisen, die den Zielen des eigenen Hauses dienen, besteht, kann wohl niemand leugnen.

Die Neuregelung soll voraussichtlich Anfang Juli auch im ganzen EU-Parlament debattiert werden und dann gegen Ende des Jahres endgültig ausgestaltet und auf den Weg gebracht werden. Bis dahin dürfen wir also weiter ganz genau hinschauen, wer hier was vor welchem Hintergrund berichtet.

Altpapierkorb (Sexismus bei Verlagen, Theodor-Wolff-Preis, UKW-Streit, Journalistenstreiks, Türkei)

+++ Bei Buzzfeed gibt‘s den Abschluss-Bericht der Sexismus-Umfrage des Spiegel Verlags zu lesen. Als Reaktion auf die #metoo-Debatte will man dort sexuelle Belästigung und Sexismus im eigenen Haus erkennen und künftig verhindern. Aber: "Ein halbes Dutzend Verlage, von Axel-Springer bis zur Funke Mediengruppe, sehen keinen Bedarf für Veränderungen", kritisieren Juliane Löffler und Pascale Müller.

+++ Wer seit gestern Abend einen Theodor-Wolff-Preis auf dem Schreibtisch stehen hat ist z.B. bei Zeit Online und beim Tagesspiegel nachzulesen.

+++ Hintergrund zur abgewendeten UKW-Abschaltung gibt’s bei taz.de und FAZ.net.

+++ Beim kommenden Streik wohl noch dabei, dann aber raus aus dem Betriebsrat: Im Kontextmagazin berichtet Thomas Ducks, der u.a. 2011 den längsten Journalistenstreik der deutschen Nachkriegsgeschichte mitinitiierte, über seine Erfahrungen und seinen Adrenalinspiegel.

+++ Mesale Tolu appelliert weiter an die deutsche Öffentlichkeit, die Lage der Presse in der Türkei nicht aus dem Blick zu verlieren. Bei FAZ.net heißt es dazu: "Nur weil die deutsche Botschaft ihren Prozess verfolge und sich die Bundesregierung regelmäßig nach ihr erkundige, ist Mesale Tolu überzeugt, ergeht es ihr – noch – anders als türkischen Kollegen, die verhaftet würden ohne den Grund dafür zu kennen. Ihr Prozess ziehe sich zwar hin, doch wäre es ihrer Überzeugung nach 'kritisch, wenn der Druck jetzt nachlässt.' Türkische Journalisten wiederum, etwa den Mitarbeitern der Zeitung Cumhuriyet, würden im Windschatten der internationalen Aufmerksamkeit zu langen Haftstrafen verurteilt, wie die Brüder Ahmet und Mehmet Altan, und die Publizistin Nazli Ilicak."

+++ Kritik an der Nachrichtengestaltung des konservativen US-Nachrichtensenders Fox, vor allem wegen einseitiger Berichterstattung über Trump, gibt es ja schon seit einiger Zeit. Jetzt wenden sich auch Serienmacher ab, berichtet Zeit Online.

+++ Ach ja, apropos Frauen und Fußball. Auch Medienjournalisten haben da wohl einige Probleme, beides ohne Sexismus in einem Text zusammenzukriegen. Bei Meedia.de hat Stefan Winterbauer sich ein ganz entzückendes Thema rausgepickt: Spielerfrauen bei Instagram. Das führt dann zu medienjournalistischen Meisterwerken wie folgendem: "Das Social Network Instagram ist wie geschaffen für Spielerfrauen. Die Herzdamen unserer Bundeskicker können nach Lust und Laune Klamotten bewerben, Babies und Hunde zeigen, ihre Charity bekannt machen oder einfach ihrem Model-Life frönen." WTF? Alle Möglichkeiten aus dem Handbuch "Wie ich möglichst viele Stereotype in einen Text packe" wurden mit Konzeption und Formulierung des Artikels vollends ausgeschöpft. 10/10!

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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