Teasergrafik zum Altpapier vom 26. Juni 2018: Rote Karte für Angela Merkel von ARD-Kommentator
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia / dpa

Das Altpapier am 26. Juni 2018 Deutsches Gold am Amazonas

... wird es jetzt doch noch gehoben (oder wenigstens gesucht)? Die Idee der "Riesen-Mediathek" wirft neue Schatten. Die Bundeskanzlerin wird mitten auf tagesschau.de von einem Journalisten kritisiert. Was Deutschlands teuerste Podcasterin mit dem FC Bayern gemeinsam hat. Der Qualitätsjournalismus lebt (wenn das Privatfernsehen feiert), und RTL wirkt. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik zum Altpapier vom 26. Juni 2018: Rote Karte für Angela Merkel von ARD-Kommentator
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Gestern morgen wurde im Altpapier "die Kritik an der vermeintlichen Einseitigkeit der Öffentlich-Rechtlichen" abgewogen. Umfassende Eingkeit wird sich auf dem weiten Feld der unterschiedlichen Meinungen über schon auch unterschiedliche Meinungen natürlich nicht erzielen lassen. Was den in Teilen der sonstigen Öffentlichkeit bestehenden Eindruck größerer "Merkel-Nähe" der Öffentlich-Rechtlichen aber mal kraftvoll widerlegen würde, wäre etwas Merkel-Kritik der Öffentlich-Rechtlichen. Und schwups, ebenfalls gestern morgen ging solche on air und online (bei tagesschau.de):

"Geschätzte Angela Merkel, nach fast 13 Jahren Kanzlerschaft gibt es auf europäischer Ebene für Sie, außer spürbarer Abneigung, nichts mehr zu gewinnen. Das haben alle Treffen der letzten Monate gezeigt. Helfen Sie deshalb mit, den scheinbar unabwendbaren Trend nach europäischer Spaltung statt Einigung endlich aufzuhalten! Räumen Sie das Kanzleramt für einen Nachfolger, dessen Name nicht so belastet ist, wie es der Ihre ist",

sprach und schrieb Malte Pieper, der vom MDR [bei dem ja auch das Altpapier erscheint] entsandte ARD-Korrespondent in Brüssel. Darauf folgte großes Bohei, das vor allem die verbliebenen Springer-Medien nach allen Regeln des Gewerbes gestalteten. Also: "die schärfsten Sätze" und "was der ARD-Chefredakteur zu dem Kommentar sagt" zum Bezahl-Inhalt zu machen bzw. eine ungefähr genau so lange Gratis-Zusammenfassung des Kommentars mit einem Fernsehsendungs-Ausschnitt zusammenzuspannen, in dem (bei min. 3:05) von "Herrn Habeck von der SPD" die Rede ist ...

Unabhängig davon, welche individuelle Meinung man eventuell zum Bohei hat oder sich bildet: Würden die ausdrücklich zum Drüberstreiten einladenden Kommentar-Sendeflächen der keineswegs wenigen öffentlich-rechtlichen Kanäle einfach wieder mehr unterschiedliche Meinungen aus mehr unterschiedlichen Richtungen enthalten, könnten die Öffentlich-Rechtlichen vermutlich allerhand Akzeptanz zurückgewinnen.


Neue, alte "Super-"/ "Riesen-Mediatheks"-Pläne

Die Öffentlich-Rechtlichen wurden gerade auf eine coole Party eingeladen! Und zwar vom neuen, bekanntlich von einem "Technologieunternehmen" (einem der Staubsauge-Technologie) gekommenen ProSiebenSat.1-Chef Max Conze.

Conze plant gemeinsam mit dem US-amerikanischen Discovery-Konzern den Aufbau einer "führenden lokalen Streaming-Plattform für Deutschland". Die Ankündigung enthält nicht nur große Zahlen ("zehn Millionen Nutzer in den ersten zwei Jahren", "Team von über 200 Experten") und Worte ("mit hochkarätigen deutschen Inhalten" – "Two and a Half Men"- und "Simpsons"-Synchronfassungen, oder was hat ProSieben da noch in der Schublade?). Sondern auch die ausdrückliche Einladung an RTL, ARD und ZDF, "die Ärmel hochzukrempeln" und "mit uns gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen".

Was ja durchaus jüngeren Ideen des amtierenden ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm entspricht und auch im aktuellen Zusammenhang des Telemedien-Staatsvertrags eine Rolle spielt (was auch Thema meiner aktuellen evangelisch.de-Medienkolumne ist). Thomas Lückerath von dwdl.de freut sich bereits:

"Das VoD-Rennen ist eröffnet. Nach Jahren in denen sich die beiden großen kommerziellen Sendergruppen weitgehend auf eine Fragmentierung im linearen Fernsehen konzentriert haben, während SVoD-Plattformen den Markt aufmischten, erwacht der deutsche Markt aus seinem VoD-Schlaf." [Falls Sie mit dem Slang fremdeln: Die Abkürzungen stehen für ("Subscription"-) "Video-on-Demand" ...]

Er reißt aber auch die Vorgeschichte an, die im Falle von Einladungs-Annahmen wieder wichtig würde:

"Wird das Kartellamt, dessen Wege und Argumentationen im Medienpolitischen schon oft unergründlich waren, einer Allianz der großen deutschen Privatsender überhaupt zustimmen? Dort wurden schon zwei Versuche, VoD-Allianzen zu schmieden, zerschmettert: Das öffentlich-rechtliche Projekt 'Germany’s Gold' und die Privatsender-Allianz mit dem damaligen Arbeitstitel 'Amazonas'".

Womit das in Medien-Dingen äußerst unglückselige Kartellamt für internationale Datenkraken ohne große Verpflichtungen gegenüber deutschen Datenschützern (und Finanzämtern) so richtig den roten Teppich ausgerollt hatte, hierzulande in Monopolistenrollen hineinzuwachsen. Ob eine deutsche "Super-" oder "Riesen-Mediathek", wie es Deutschlandfunks "@mediasres" im Gespräch mit Lückerath formuliert, jetzt doch noch Youtube, Netflix und Amazon (ohne "-as"!) Konkurrenz machen können, ob womöglich Sportrechte, die Discovery ja en gros und global einkauft, einen Ausschlag geben (wie Brigitte Baetz fragt), das wird durchaus spannend. Es wird auch bereits im breiten Spektrum zwischen Tageszeitungen und App-Portalen (mobiflip.de: "Es werden harte Zeiten für die alten Platzhirsche, die sich momentan noch auf dem linearen Fernsehen ausruhen können") engagiert diskutiert.

Ob ARD, ZDF und RTL so einer Einladung folgen wollen würden, wäre nur eine der Anschlussfragen. Wer Einladungen folgt, begibt sich ja an den vom Gastgeber bestimmten Ort. Was das Kartellamt denn heutzutage sagen würde, wäre eine weitere – es handelt sich ja um eine dem Bundeswirtschaftministerium zugeordnete Behörde, die sich an Gesetzen orientiert, die von Parlamentsmehrheiten gegeben wurden und verändert werden könnten. Bloß müsste eine Bundesregierung sich halt darum kümmern. Besitzt die aktuelle Chefin der aktuellen Regierung überhaupt ein größeres Interesse an Medienfragen als das, sich bei Bedarf in "Was nun?"- oder Anne-Will-Shows an die Wählerinnnen und Wähler wenden zu können?


Merkel & Bayern München (deutsche Champions online)

Aber hallo! Angela Merkel ist Hardcore-Podcasterin und hat "bislang ... rund 480 Episoden von 'Die Kanzlerin direkt' veröffentlicht."

Diese Zahl und viele weitere entstammen einer lesenswerten Recherche, die Marcus Engert, u.a. detektor.fm-Mitgründer, fürs deutsche buzzfeed.com angestellt hat. Und die bereits von der SZ-Medienseite durch eine Zusammenfassung geadelt wurde:

"In den Jahren 2006 bis 2017 hat das Bundespresseamt insgesamt mehr als eine Million Euro dafür ausgegeben, das ergibt im Schnitt Kosten von 750 Euro pro Minute. Zum Vergleich heißt es, das Programm des Deutschlandradios koste statistisch gesehen 470 Euro pro Minute, eine Sendeminute bei NDR Info lediglich 63 Euro."

Natürlich ist auch interessant, wer von diesen blendenden Produktionsbedingungen profitierte und profitiert: "Den Zuschlag für die Produktion des Merkel-Podcasts erhielt bislang jedes Jahr" außer 2008 "die Evisco AG aus München". Mit diesem Unternehmen sind eine Menge großer Namen verknüpft, die buzzfeed.com gerne nennt. Da wären etwa Edmund Stoiber (seines Zeichens einst auch Vorsitzender des ProSiebenSat.1-Beirats ...), dem Evisco angeheiratet verwandtschaftlich verbunden ist, und der ewige deutsche Champion FC Bayern München, dessen "offiziellen Web-Fernsehsender" die AG auch produziert.

Zwei angrenzende Themenfelder beackter Engert überdies. Zum einen hochkomplexe rundfunkrechtliche und -definitorische Fragen:

"Livestreams im Internet sind nach den Vorgaben des 'Rundfunkstaatsvertrags' dann Rundfunk, wenn sie an einem Sendeplan orientiert und journalistisch-redaktionell gestaltet sind. ... Über Einzelheiten und die genaue gesetzliche Herleitung gibt es Diskussionen - zuletzt, als die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen einige Gamer zu einer Lizenz verpflichtete. Ein Sendeplan beispielsweise ist dann gegeben, wenn der Stream regelmäßig erfolgt und zeitlich planbar ist, also ein Programmschema existiert. Von einer redaktionellen Gestaltung spricht man, wenn Themen und Inhalte vorab redaktionell bearbeitet und aufbereitet werden. Publizistische Relevanz ist dann gegeben, wenn ein Stream die Meinung einer größeren Gruppe von Menschen beeinflussen könnte. Auf die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeskanzlerin trifft vieles davon zu ..."

Zum anderen bespricht Buzzfeed mit Juristen "die Frage, ob die Kanzlerin zu wenig mit Journalisten spricht":

"Das muss man, rein juristisch gesehen, für unproblematisch halten, da die Journalisten als Gatekeeper durch die technischen Entwicklungen der letzten 10 Jahre zunehmend überholt wurden. Die Funktion, die sie lange Zeit exklusiv hatten, ist so nicht mehr ungeteilt da, weil man sich heute als Sender direkt an die Rezipienten wenden kann",

sagt der Passauer Professor Kai von Lewinski. Das sind Zeilen, die buzzfeed.com, das vor allem ja mit Berichten wie "Extrem geil: Käse-Kartoffeln" oder "15 Dinge, die du garantiert nicht so oft wäschst, wie du solltest" erfreut, gewiss lockerer zitiert als es zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung täte. Nicht unwahrscheinlich, dass die Bundeskanzlerin genau so denkt ...


Qualitätsjournalismus und Eiweiß-Drinks (Screenforce)

Wobei ihr ehemaliger Vizekanzler aber gerade "mit Verve die Bedeutung des Qualitätsjournalismus hervor" hob (und für seine "Bemerkung, als Europabefürworter müsse man nun Angela Merkel stützen", "einen satten Applaus einheimste")! Ein bisschen stand Sigmar Gabriels Rede wohl "in einem, sagen wir, angespannten Verhältnis zu allem, was danach folgte". Aber das muss ja nicht gegen den Qualitätsjournalismus, sondern kann auch gegen das sprechen, was danach folgte. Dabei handelte es sich um die "regelmäßig in Glitterregen endenden Eigenpräsentationen" der deutschen Privatsender, die Oliver Jungen mit viel Freude an ihrer Abstrusität in der FAZ vom Samstag schilderte. Inzwischen steht der Artikel frei online.

Bei der Kölner Veranstaltung unter dem Power-Namen "Screenforce" handelt es sich um die inzwischen einzige große Programmpräsentation der Privatsender, die die Gewohnheit, in größerem Stil Pressekonferenzen zu veranstalten, inzwischen aufgegeben haben. Und sowohl, weil sie ja kürzlich positiv auffielen (durch Abwesenheit ihrer Lobbyisten bei den Telemedienvertrags-Verhandlungen), als auch, weil es künftig im Rahmen von Super-/ Riesen-Mediatheken vielleicht noch wichtiger wird, lohnt es sich, die FAZ-Bilanz zu lesen. Falls Sie bloß öffentlich-rechtlich gucken, lohnt es sich aber auch, denn die gute alte ARD war ebenfalls am Start: Sie,

"die auf Werbegelder kaum angewiesen ist, lehnte sich beim Anbiedern übrigens besonders weit aus dem Fenster. Linda Zervakis ließ es sich nicht nehmen, zu bekennen, sie habe selbst den Eiweiß-Drink Almased im Schrank: Werbung im Ersten wirke also."


Altpapierkorb (RTL wirkt, Hausdurchsuchungen wg. Hasskommentaren, "lindernder Kommentator", Offenbach im Fokus, Dellings Fragetechnik)

+++ RTL wirkt aber auch! Und wie! Wie genau vergangene Woche ein, nun ja, Bericht der RTL-Sendung "Punkt 12" dazu führte, dass ein ebenso unbeteiligter wie unschuldiger Bremer von engagierten Zuschauern beinahe gelyncht worden wäre, hat Boris Rosenkranz im instruktiven Zusammenspiel von Wort (RTL-Presseabteilungs-Verlautbarungen wie "Wir haben weder den Ort (Bremen) genannt ... noch haben wir Straßennamen oder einzelne Häuseransichten mit erkennbaren Nummern gezeigt") und Bild in Form von Screenshots für uebermedien.de rekonstruiert. +++

+++ Wie sich "RTL, der WDR und die Rheinische Post mit der LfM", also den nordrhein-westfälischen Medienwächtern, "und der Kölner Staatsanwaltschaft zusammengetan" haben und "ein vereinfachtes Verfahren, mit dem Redaktionen Kommentare, bei denen sie den Verdacht der Strafbarkeit haben, der Verfolgungsbehörde melden können", initiierten, wodurch bereits "etwa 30 Fälle" von justiziablen Hasskommentaren bei der Staatsanwaltschaft landeten und "erste Hausdurchsuchungen" nach sich zogen, schildert Hans Hoff auf der SZ-Medienseite. +++

+++ Wie das Konzept des "lindernden Kommentators", "der die Hörer und Zuschauer an die Hand nimmt", in die elektronischen Medien gelangte, schildert Diemut Roether bei epd medien. Es war anno 1969 und hatte mit dem Hörspiel "Die Falle - oder: die Studenten sind nicht an allem schuld" des damaligen SDR zu tun ... +++

+++  Leipzig ist "immer noch eine großartige Stadt für Reporterinnen und Reporter", seitdem dort anno 1650 die erste deutsche Tageszeitung gedruckt wurde. Doch gibt die taz nun ihre Leipzigseite auf, schreibt Chefredakteur Georg Löwisch. +++

+++ Die FAZ-Medienseite ... gibt's heute nicht, denn neun Seiten ihres zehnseitigen Feuilleton-Buchs widmet die Frankfurter Allgemeine heute ihrer Nachbarstadt Offenbach: "Jeder hat seine Meinung zu Offenbach, doch die meisten liegen mit ihr falsch: Ehrenrettung für eine tolerante, entspannte, fortschrittsverliebte Stadt, die zum Vorbild für Deutschland werden könnte, weil sie mit ihren Problemen zu leben gelernt hat – und die uns eine komplette Feuilleton-Ausgabe wert ist." Nur das Fernsehprogramm-Listing blieb davon unberührt. +++

+++ Gab es nicht mal dellingsen oder so ein Verb, das nach Gerhard Dellings Name gebildet wurde? Wenn nicht, könnte es Zeit sein, eins zu bilden. Delling ist in der Form seines Lebens. Seine "eigentümliche Interview-Technik ..., die darauf fußt, gar keine Fragen zu stellen", und zum schon legendären Wortwechsel "Gratulation. Sie schulden uns eine Packung Beruhigungsmittel." – "Ja. Was soll ich sagen?" führte, anaylsiert Alexander Becker bei meedia.de. +++

+++ Aber "att wallraffa" gibt's (im Schwedischen). Nun übergab "der legendäre Investigativjournalist ... den mit 5.000 Euro dotierten", nach ihm benannten Preis sowie einen Strauß Blumen an Markus Beckedahl und "lobte die Selbsteinordnung von netzpolitik.org als Haltungsmedium, das sich mit journalistischen Mitteln für digitale Freiheitsrechte einsetzt." +++

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