Das Altpapier am 12. Juli 2018 Ruhe im Wilden Westen

Die Briten belegen Facebook mit einer quasi siebenminütigen Geldstrafe. Interessanter ist aber der dazugehörige Bericht der Datenschutzbehörde ICO. Die Printreichweiten sinken weiter. In Dänemark geht man davon aus, dass ein Bekenntnis zu Identität statt Neutralität eine Lösung dafür sein könnte. Und setzt das Sommerloch so langsam Patina an? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Wissen Sie noch, damals, als Facebook diesen Skandal am Hals hatte? Cambridge Analytica, irgendwas mit Mittelerde, Weitergabe von Millionen von Nutzerdaten… Bis auf ein paar Anhörungen, durch die Facebook-Chef Mark Zuckerberg sich ja recht gut hindurchmanövrieren konnte (wir erinnern uns z.B. hier und hier), ist bisher nicht allzu viel Konkretes in der Sache passiert. Außer natürlich, dass das Nachrichtenkarussell sich weitergedreht hat.

Aus der schlimmsten Image-Jauche ist der Konzern (jedenfalls vorübergehend) wieder aufgetaucht, Boykottdrohungen wie #deleteFacebook wurden kaum umgesetzt (allerdings haben wir vom Altpapier unseren Account gelöscht).

Mittlerweile gibt es allerdings doch erste konkrete Folgen für das Gewährenlassen des Daten-Staubsaugers in den Facebook'schen Landen: Die "Tagesschau" betitelt das mit "Höchststrafe für Facebook". Bei Netzpolitik ist von der "bisher schärfste Maßnahme einer Behörde" gegen den US-Konzern die Rede.


Die Sieben-Minuten-Strafe

Innerhalb der gesetzlichen Regelung ist das wohl auch korrekt. Wenn der Wind günstig steht, kann man die CEOs und CTOs im Silicon Valley aber wahrscheinlich lachen hören. Denn das Bußgeldchen von 500.000 Pfund ist für den US-Konzern wohl eher ein Trinkgeld. Sieben Minuten brauche Facebook, um das wieder reinzuholen, heißt es beim Handelsblatt. Die britische Datenschutzbehörde ICO konnte keine höhere Summe verhängen, weil die Staubsaugerei ja noch vor der DSGVO ausgetüftelt und umgesetzt wurde. Bei der Washington Post sehen Tony Romm und Elizabeth Dwoskin im schnellen Handeln der Briten allerdings auch den Auftakt für weitere Nachforschungen und höhere Strafen:

"The British findings highlight that the fallout from Facebook’s Cambridge Analytica scandal is only beginning. The U.K.’s early efforts could inform ongoing investigations elsewhere in Europe as well as in the United States, where a probe by the Federal Trade Commission could result in a penalty well into the hundreds of billions of dollars. The FBI and the Securities and Exchange Commission are also looking into Facebook’s ties to Cambridge Analytica."

In Großbritannien ist man damit wohl so fix, weil das Land sich ja durch eine eventuelle Beeinflussung des Brexit-Referendums direkter betroffen sieht als z.B. Deutschland. Das ICO will deshalb Heise zufolge rausfinden,

"inwiefern Datensammlungen wie jene von Cambridge Analytica genutzt wurden, um Wahlwerbung gezielt auf bestimmte Personen auszurichten und auf Facebook gezielt an kleinste Personengruppen zu richten – das oft kritisierte "Mikrotargeting". Denham fordert hierzu weiterhin eine Pause und eine Debatte über das Vorgehen. In Großbritannien gibt es dazu aktuell immer neue Enthüllungen: So untersuchen die Datenschützer, ob der Chef der Versicherung Eldon Insurance und Brexit-Befürworter Arron Banks tatsächlich Daten der dort Versicherten weitergegeben hat, damit sie für solche Zwecke genutzt werden konnten."

Facebook scheint allerdings nicht gerade daran interessiert, Transparenz in die Ermittlung rund um CA zu bringen. Das ergibt sich aus einem Bericht, den das ICO über den Datenmissbrauch bei politischer Werbung veröffentlicht hat, und der deutlich interessanter sein dürfte als die Peanut-Strafe. Es sei "ein dringender Weckruf für mehr Transparenz für politischer (sic!) Werbung – ein mutiger und wichtiger Schritt für eine Datenschutzbehörde", schreibt Alexander Fanta bei Netzpolitik:

"Der Bericht von ICO macht deutlich, dass der US-Konzern weiterhin die Ermittlungen im Fall Cambridge Analytica verschleppt. So habe Facebook erst vor wenigen Wochen bedeutende Informationen zu Datenabflüssen im Zusammenhang mit dem Fall an die Ermittler weitergegeben, heißt es in dem Bericht. Der Konzern bestreite zudem bei einer Untersuchung der Rolle der mit Cambridge Analytica verbundenen Datenfirma AggregateIQ und Wahlwerbung die Kompetenz der britischen Behörde und beantworte lediglich 'die Mehrzahl unserer Fragen', schreibt ICO in dem Bericht. Die Behörde bereitet nun ein bisher ausstehendes Treffen mit Facebook-Vertretern vor. Dort können sich die Briten wohl auf eine weitere Entschuldigung Facebooks gefasst machen."

Um solche Miseren in Zukunft von vornherein zu verhindern, sollen strengere Regeln für Wahlwerbung eingeführt werden. Deshalb will das ICO

"künftig strenger überprüfen, ob nötige Vorkehrungen zur Sicherung persönlicher Wählerdaten getroffen wurden und die Parteien auch ausreichend sicherstellen, keine illegal gesammelten Datensätze zu verwenden. Plattformen wie Facebook ruft ICO dazu auf, angekündigte Maßnahmen für mehr Transparenz bei politischer Werbung tatsächlich und in vollem Umfang umzusetzen und sich dabei mit Datenschützern und Wahlbehörden abzusprechen."

Gute Absichten reichen dem ICO allerdings nicht, denn:

"Allen voran müssten Regierung und Parlament tätig werden, einen verpflichtenden Verhaltenskodex für den Umgang mit persönlichen Daten bei politischen Kampagnen festzulegen und Regulierungslücken zu schließen. Es müsse etwa überlegt werden, ein verpflichtendes und frei zugängliches Archiv für politische Werbung zu schaffen. Damit wäre zumindest ein erster Schritt hin zur Zähmung des Wild-West-Verhaltens in sozialen Medien gesetzt."

Dazu empfehle ich, heute Abend ein paar Folgen "Westworld" zu schauen. Wer da wann und wie mit welchen Mitteln "gezähmt" werden soll, ergibt sich nämlich dort manchmal doch etwas anders, als erwartet.


Identity vs. Neutrality

Auch wenn die aktuelle Situation von Printmedien nicht so sehr lustig aussieht: Die Berichterstattung bei Horizont über die neuveröffentlichte Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA 2018), die ja die Verbreitung von Zeitungen und Zeitschriften in Zahlen abbilden will, ist schon irgendwie zum Schmunzeln. Roland Pimpl schreibt vom "Wechselbad im Exelchart". Das geht knapp an einer Vorlage für das "Gemischte Doppel" der Süddeutschen vorbei.

Die Ergebnisse sind natürlich nicht unerwartet: Im Großen und Ganzen verlieren die Print-Titel in Deutschland weiter an Reichweite, berichten auch die üblichen Branchendienste. Jens Schröder bemüht bei Meedia und dafür gar das Wort "Hiobsbotschaft". Trotzdem gibt es natürlich immer irgendwen, der es schafft, noch irgendwelche Jubelbotschaften (z.B. hier und hier) rauszuhauen.

Beim Harvard’schen Nieman Lab wirft man einen etwas realistischeren, aber nichtsdestotrotz konstruktiven Blick auf die Medienbranche und den Journalismus. Die beiden dänischen Journalisten Per Westergaard and Søren Schultz Jørgensen waren ein Jahr lang in 54 Newsrooms in neun verschiedenen (westlichen) Ländern unterwegs, um journalistischen Innovationen auf die Spur zu kommen und Lösungsansätze für die kränkelnde Branche zu finden (in Deutschland haben Sie sich z.B. die Arbeit von Correctiv, ze.tt und der Braunschweiger Zeitung angesehen). Dabei gehen sie grundsätzlich davon aus, dass die Krise des Journalismus nicht nur an technischen Veränderungen und Geschäftsmodellen festzumachen sei:  

"The crisis of journalism and legacy news media is structural, and not just a matter of technological challenges or broken business models. When citizens of Western societies, to a deeply disturbing extent, turn their backs on original news journalism, spend less time on news on radio and television, buy fewer newspapers, and express a growing distrust of media institutions, we need to submit the core content of the news media - journalism itself - to a critical review.

Alle Nachrichtenmedien, egal ob groß, klein, alt, neu, öffentlich-rechtlich oder privat, müssten sich deshalb folgende Fragen stellen:

"How can journalism regain its relevance, meaning, and trusted prominence in society? How can journalism reconnect with citizens?"

Am Erfolgreichsten werden künftig die Medien sein, die sich trauen, die journalistischen "Dogmen" des vergangenen Jahrtausends zu hinterfragen, prognostizieren die beiden Dänen:

"The news media most successful at creating and maintaining ties with their readers, users, listeners and viewers will increasingly be media that dare challenge some of the journalist dogmas of the last century: the dogma of arm’s length; the dogma of neutrality; the dogma of objectivity; the belief that journalists have a special ability to find and choose what is important for citizens. And not least: the basic idea, that journalism is primarily about transporting news and information from A to B."

Wem hier jetzt unwohl wird, bitte hier entlang. Für alle anderen haben Westergaard und Schultz Jørgensen neun Erkenntnisse zusammengefasst, wie neue Wege aussehen könnten. Denn die Besuche in den Newsrooms hätten gezeigt, wie neue Ideen in Bereichen wie "journalistic engagement, cooperation, listening, and activism" die Beziehung zu Bürgern, deren Zufriedenheit, aber auch die Reichweiten und Einnahmen verbessern könnten.

Der erste Punkt betrifft z.B. ein Thema, das auch in unserer deutschen Medienbubble in den vergangenen Wochen und Monaten viel diskutiert wurde. "From neutrality to identity", lautet die These (in Altpapier x, y und z sind einige Reflektionen zu dem Thema nachzulesen). Das "catch-all omnibus news ideal" funktioniere nicht mehr sonderlich gut.

"The need for a clear media identity grows when online news content is spread in small, unidentifiable bites across the Internet. Also, in order to make people relate to and identity with you, you must show them what you stand for. Show them who you are, and from which perspective - geographically, socio-demographically, or politically - you view the world."

Stattdessen müssten Medien sich eine Nische suchen (Punkt 2) und darin für ihre User/Hörer/Zuschauer relevant werden. So könne Interesse, aber auch Zahlungsbereitschaft generiert werden. Viele Medien zögerten hier allerdings:

"Maybe because the democratic value of niche media is somewhat controversial: creating strong bonds among a homogenous audience instead of bridging different communities."

Trotzdem gelinge es Nischenmedien wie z.B. ze.tt, GeekWire oder Information, dass Qualitätsjournalismus mit einem Wert für die Öffentlichkeit und die Konzentration auf eine bestimmte Zielgruppe vereinbar seien.

Für alle die dänisch sprechen und mehr in-debth-Infos wollen: Westergaard und Schultz Jørgensen haben ihre Ansichten über die Zukunft des Journalismus auch in einem Buch (Den journalistiske Forbindelse) veröffentlicht.


Altpapierkorb (NSU, Freien-Streik, Audio MA, Sky, Sommerloch)

+++ Wie die türkischen Medien den gestern mit einem Urteil (vorerst?) beendeten NSU-Prozess begleitet haben, hat Frank Nordhausen, Türkeikorrespondent der Frankfurter Rundschau aufgeschrieben. Die deutsche Justiz kam dabei nicht so gut weg, die deutschen Medien schon besser. Dass ausgerechnet ein anfangs belächelter Bürgerfunk eine große Rolle in der Berichterstattung gespielt habe, berichtet Henry Bernhard bei @mediasres.

+++ Für die FAZ hat sich Axel Weidemann die gestern hier bereits angesprochenen Sendungen zum Ende des NSU-Prozesses angeschaut und zeigt sich nicht sonderlich begeistert.

+++ Wenn 19 Mitarbeiter streiken, ist das nicht unbedingt eine große Sache. Wenn das aber die freien Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung (Eßlinger Zeitung) tun und dann auch noch geschlossen, darf man schon mal von einem "kleinen Wunder" sprechen. Das tut jedenfalls Kontext.

+++ An den Jubelmeldungen in Ihrem Postfach habe Sie es bestimmt gemerkt (negative Entwicklungen werden ja eher weniger per PM verschickt): Es gibt eine neue Audio MA. Vor allem WDR und SWR freuen sich, merkte man gestern bei Twitter. Bei dwdl und auf der SZ-Medienseite gibt’s einen Überblick.

+++ Zum Ersten, zum Zweiten: Wer sich für die gerade doch recht spannende Bieterei um Sky interessiert, bitte hier (Guardian) oder hier (SpOn) entlang.

+++ Bei Übermedien fragt sich Ali Schwarzer, wie sich die Kollegen in der Grafikabteilung von "Exakt" (im MDR, auf dessen Seiten ja auch das Altpapier erscheint) berauschen, um z.B. auf solche und solche Ideen zu kommen.

+++ Passend zum Sommerloch macht Arno Orzessek sich in einer "@mediasres"-Glosse Gedanken, ob der Sommer überhaupt ein Loch haben könne und ob der Begriff angesichts sekündlich aufpoppender Meldungen in den sozialen Medien nicht schon "nostalgische Patina" ansetzt.

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.