Teasergrafik zum Altpapier vom 13. Juli 2018: Ein Testament mit Social-Media-Symbolen symbolisiert den digitalen Nachlass zu regeln.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 13. Juli 2018 Nichts ist okay

Ein Vorkämpfer fürs Urheberrecht vergleicht Werke mit Klopapier. Ein Pro-und-Contra zur privaten Seenotrettung erhält Contra. Unser Klimawandel muss klickbarer werden. Facebook-Nachlass regeln: jetzt! Cliffhanger schaden Kinderschlaf. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik zum Altpapier vom 13. Juli 2018: Ein Testament mit Social-Media-Symbolen symbolisiert den digitalen Nachlass zu regeln.
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Lustiges first. Denn dieses Altpapier, gleich als Warnung vorweg, wird dem journalistischen Mythos von den nur schlechten als gute Nachrichten gerecht. Aber erstmal: Amüsement!

Folgender Fun Fact: Filter-Vosses Facebookseite nutzt Fotos, die dem Urheberrecht unterliegen. Das ist prinzipiell okay, schließlich ist Voss, Vorname Axel, Beruf CDU-Europaabgeordneter, Vorkämpfer für die nun erstmal abgesagte EU-Urheberrechts-Reform und damit Fan davon, im Internet Fotos, Musik und Texte zu nutzen, wenn man denn dafür bezahlt.

Aber hat er genau das auch gemacht? Dass er seit einer Anfrage durch die deutsche Buzzfeed-Redaktion nach und nach besagte Posts von der Seite löscht bzw. löschen lässt, legt nahe: eher nicht. Sowie, dass er den ganzen von ihm herbeilobbyierten Themenkomplex noch nicht völlig durchdrungen hat (Bericht und Nachklapp bei Buzzfeed). Ist ja auch nicht so einfach zu verstehen, daher hier noch einmal in Kürze:

Wahllos Fotos googeln und auf die eigene Seite stellen: Nicht okay!

Zwar liefert Buzzfeed nicht den ultimativen Beweis, dass für die Fotos von diversen Bild-Agenturen und der dpa nicht doch Vossisches bzw. damit unser Steuergeld ausgegeben wurde. Andererseits vergleicht dessen Büro in einer Antwort urheberrechtlich geschützte Werke mit Klopapier, und das ist, zweiter Teil dieses Telekollegs: auch nicht okay.

Und nun zum Weltuntergang.


Ertrinkende retten: Pro und Contra

Donald Trump? Nö.

Regenflut in Japan? Nö.

Horst Seehofer ist immer noch Minister? Ja, das auch, aber wir sind hier ja in einer Medienkolumne, und daher bezieht sich die miese Stimmung auf Zeitungen, die ihre Auflage damit zu halten versuchen, dass sie die Menschenwürde zur Diskussion stellen. So zumindest eine Lesart der Geschichte in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit, die zum Thema Seenotrettung mit privaten Schiffen "Oder soll man es lassen?" titelt und als Pro und Contra diskutieren lässt, was nicht so gut ankommt, wie u.a. SZ, Der Standard und Meedia dokumentieren.

"Das Ertrinken im Mittelmeer ist ein Problem aus der Hölle, ein politisches Problem, zu dessen Lösung die private Seenotrettung null und nichts beizutragen hat. Denn Politik besteht eben nicht darin, das vermeintlich Gute einfach mal zu machen, sondern darin, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten und auch die Nebenwirkungen gut gemeinten Handelns",

argumentiert darin Mariam Lau. Und auch wenn man natürlich in Frage stellen kann, ob es private Initiativen sein sollten, die Menschen auf wackeligen Schlauchbooten aus dem Mittelmeer fischen: Diejenigen, die in der Vergangenheit von privat organisierten Rettern aus dem Wasser gezogen wurden, werden nicht behaupten, dass "private Seenotrettung null und nichts" beizutragen habe gegen das Ertrinken. Ihnen hat diese schließlich das Leben gerettet.

Was haben sie diesen Katholiken eigentlich in die Hostien getan? Deren Indifferenz gegenüber Menschenleben geht mir jedenfalls gehörig auf den Zeiger und ist: ebenfalls nicht okay.


Kai Schächtele meint: bitte wenden!

Wann ist das eigentlich passiert? Wann wurden auch in den journalistischen Berichten aus Mitmenschen wie Alan Kurdi anonyme Asyltouristen, und: warum?

Diese Frage stellt sich Kai Schächtele bei Übermedien. Den Anlass bietet das auch hier schon diskutierte emotionale Mitfiebern bei der Rettungsaktion aus der Höhle in Thailand bei gleichzeitigem Schulterzucken zu den Toten im Mittelmeer.

"Die Debatte um Thailand ist ja nur das Symptom. Die Ursachen wurzeln tiefer und gehen dem Selbstverständnis des journalistischen Kosmos ans Mark. Wir stehen gerade an einem Wendepunkt unserer Geschichte. (…)

Wir müssten nun anfangen, auch in den Medien über die wirklich existenziellen Probleme unserer Zeit zu sprechen. Die wahren Bedrohungen unserer Zeit sind nicht Terror oder Migranten – es ist der Klimawandel, der den Planeten für unsere nachfolgenden Generationen schlicht unbenutzbar machen und Flüchtlingsströme auslösen wird, gegen die sich unsere Enkel wünschen werden, sie hätten unsere Probleme von heute",

schreibt Schächtele. Nur leider klicken abstrakte Themen so viel schlechter als zugespitzte Debatten im Sinne der Krawallköppe von der AfD. Laut Schächtele dürfe man sich davon aber nicht länger leiten lassen, und er schließt mit einem pathosgeladenen Aufruf für mehr journalistischen Aktivismus "für den Kampf um die Lebensverhältnisse auf diesem Planenten und Humanität".

"Been there. Done that. Ändert nichts", denkt sich da ungefähr jeder taz-Autor - außer halt Schächtele, den diese Erkenntnis erst jetzt ereilt.


Facebook ist erbbar

Bleibt noch der Hinweis auf das bereits am Mittwoch angeteaserte Urteil. Gestern entschied nun also der Bundesgerichtshof, dass der Zugriff aufs Facebookkonto und damit auch die Nachrichten vererbbar sind, so wie das bei Briefen und Tagebüchern bereits geregelt und der Fall ist. Geklagt hatte die Familie eines von einer U-Bahn erfassten und verstorbenen Mädchens. Der Einblick in dessen Facebook-Nachrichten soll klären helfen, ob es sich dabei um Suizid gehandelt haben könnte.

Details zum Urteil selbst bieten etwa Christian Rath in der taz, Nadine Leichter in der Frankfurter Rundschau sowie die Pressemitteilung des Gerichts.

Wir fokussieren uns hier kurz auf das bisschen Schadenfreude, das durch deutsche Redaktionen anlässlich der Niederlage für Mark Zuckerbergs Laden zieht.

Beweisstück A (Ursula Scheer, FAZ-Medienseite):

"Ausgerechnet der Konzern also, der in atemberaubendem Ausmaß Nutzerdaten sammelt, auf undurchsichtige Weise ausschlachtet (…), pocht auf Privatsphäre und Datenschutz, wenn es um den digitalen Nachlass geht. Nicht aus Pietät und auch nicht, weil Facebook ernsthaft besorgt um die persönlichen Botschaften anderer auf dem Account der Toten wäre. Sondern weil der Konzern mit den Daten Verstorbener tun möchte, was er auch bei den Daten Lebender für sein Recht hält: sie als sein Eigentum behandeln. (…) Nach fünfeinhalb Jahren Sperre muss der Konzern den Eltern nun Einblick gewähren, und ein kleiner Stein ist aus der Mauer gebrochen, die Facebook um das gezogen hat, was seinen Nutzern gehört."

Beweisstück B (Jörg Schieb, WDR-Blog Digitalistan):

"Nun ist klar: Nicht Facebook bestimmt die Regeln, wie sonst immer, sondern der Anstand und der gesunde Menschenverstand. (…) Facebook hat sich nicht aus Datenschutzgründen geweigert, den verzweifelten Eltern zu helfen und ihnen die Daten rauszugeben, sondern weil das Unternehmen auf diese Weise so tun kann, als ob Privatsphäre eine Rolle spielt. Wären die Eltern zahlende Werbekunden, hätten sie so ziemlich alle Daten erhalten (bitte im übertragenen Sinn verstehen)."

Beweisstück C (Joachim Käppner, SZ-Meinungsseite):

"Den Konzern interessierte diese Tragödie wenig, jedenfalls zu wenig. Ihm ging es um Datensicherheit im Sinne seines Geschäftsmodells. Und hier ist Geld das erste Gebot. (…) Es ist längst nicht mehr verblüffend, dass im Netz solche Selbstverständlichkeiten von höchsten Gerichten durchgesetzt werden müssen. Es ist leider zwingend notwendig."

Einen alternativen Dreh zum Thema bietet die Frage, ob und wie ich selbst meinen digitalen Nachlass regeln sollte, jetzt, da ich weiß, dass dieser ebenso wie alles andere vererbbar ist?

Bei Facebook wird dieses Anliegen im üblichen FAQ-Format bedient; allgemeinere Tipps bieten Futurezone.at, ein Angebot der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz mit der schönen URL www.machts-gut.de sowie ein Interview, das Angela Gruber für Spiegel Online mit der Bestatterin Juliane Mielau geführt hat.

Nein, das alles macht wahrlich keine gute Wochenendlaune. Aber ich hatte Sie vorgewarnt. Okay?


Altpapierkorb (Brainpool, Cyberangriff, Cat-Content, Cliffhanger)

+++ Wer hat bei Brainpool das Sagen? Das sollen die Streithähne (s. zuletzt Altpapier im April) erstmal untereinander zu klären versuchen, hat das Kölner Landgericht gestern entschieden (Uwe Mantel, DWDL / Catrin Bialek, Handelsblatt).

+++ Vermutlich russische Hacker fahren gerade einen Cyberangriff u.a. auf deutsche Medien-Unternehmen (Spiegel Online, Der Standard).

+++ Zwei Spiele fehlen noch, aber Altpapier-Kollege Christian Bartels macht in seiner evangelisch.de-Kolumne schonmal WM-Medien-Nachlese.

+++ Was folgt auf einen Einstieg mit Katzen? Genau, ein Text über Ex-Buzzfeed- und nun tagesschau.de-Chefin Juliane Leopold, und was sie bei ihrem neuen Arbeitgeber plant (Melanie Berger, Tagesspiegel).

+++ Damit Kinder nach dem Fernsehen noch einschlafen können, werden Cliffhanger lieber weggeschnitten (Runa Behr, SZ-Medienseite).

+++ Auf der Medienseite der FAZ () schafft es Matthias Rüb nicht, über eine durch die neue, italienische Regierung in den Raum gestellte Privatisierung eines Teils des öffentlich-rechtlichen Senders RAI zu berichten, ohne den Klassiker "mittels zwangseingetriebener Steuern oder Gebühren (mit)finanziert" zu spielen.

+++ Ex-Altpapier-Kollege und "@mediasres"-Kolumnist Matthias Dell ist konträrfasziniert, und zwar von ZDF-Sportkommentator Oliver Schmidt.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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