Teasergrafik zum Altpapier vom 17. Juli 2018: Macron als Marionette von Putin während der Fußball-WM in Russland
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 17. Juli 2018 Das Spannende ist der Zusammenhang

Die Fußball-WM wirkt visuell noch nach: mit dem dieses Mal leisen Pathos von Pussy Riot, dem (klar besser sichtbaren) Jubel Emmanuel Macrons sowie mit Putins Regenschirm. Hoffentlich musste Claude Lanzmann nicht die französische Geschichts-Doku anschauen, die ZDF-Info ab heute zeigt. Glückwunsch, meedia.de! Außerdem: Heinz Buschkowsky bei RTL, Döpfners "Waterloo". Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik zum Altpapier vom 17. Juli 2018: Macron als Marionette von Putin während der Fußball-WM in Russland
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Der kurze Auftritt von Pussy Riot im FIFA-Weltbild vom Fußball-WM-Finale, gestern hier bereits Thema, hat laut @pussyrrriot bislang zu – vergleichsweise milden – Strafen von "15 days of administrative arrest" für die beteiligten, äh, FlitzerInnen geführt.

"'Pussy Riot haben auf einer der größten Bühnen der Welt ein Abbild von ungerechter und willkürlicher Autorität geschaffen, mit der 145 Millionen Russen Tag für Tag leben müssen', schreibt Masha Gessen im New Yorker", übersetzt Holger Gertz in der vermutlich letzten "Fußball-WM 2018"-Sonderbeilage der Süddeutschen. Die Welt hat einen Manager der inzwischen auch Männer enthaltenden, als "Pussy Riot Theatre" firmierenden Band am Telefon gehabt und entfaltet sozusagen eigenes Pathos:

"Tatsächlich umgab Russlands Protestbewegung bis zum Finale jedoch eine unheimliche Stille. Mehrere Gruppierungen, darunter Aktivisten der 'Linksfront', wollten Anfang Juli in Moskau demonstrieren. Ihre Anträge wurden abgeschmettert. Den Mut, einfach ohne Genehmigung auf die Straße zu ziehen, schien aktuell niemand zu haben. Dann kam das Finale – und Pussy Riot."

Der Zeitdruck-Aspekt auf der Weltbühne der WM – das Finale wäre in einer Dreiviertelstunde zuende gewesen, falls die Kroaten nicht schon wieder eine Verlängerung herbeigeführt hätten ... – macht die Aktion umso brisanter. So wurde ganz kurz vor Schluss "für einen ersten Riss in der perfekt inszenierten WM-Fassade" gesorgt. Überdies nennt die Welt den Namen Oleg Senzow ("2015 wurde er wegen Terrorverdachts zu 20 Jahren Haft verurteilt. Seit mehreren Wochen befindet sich Senzow nun im Hungerstreik ... 'Oleg', schwärmte Alechina, 'ist einer der mutigsten Männer auf der ganzen Welt'", zitiert sie Pussy Riots Maria Alechina), oder englisch transkribiert: Sentsov, der bei SZ und New Yorker jetzt gar nicht auftaucht.

Grund, die Aktion zu überschätzen, besteht also auch nicht. Bewegtbilder etwa auf Youtube sperrt die FIFA natürlich. Und Russlands Präsident ist ja längst nach Helsinki weitergereist, wo er unter den gespannten Blicken einer kaum kleineren Welt- und einer wohl noch größeren Reporter-Öffentlichkeit seinen US-amerikanischen Kollegen traf. Vielleicht hat die Aktion Wladimir Putin oder seinen Regenschirm-Halter bzw. die eigentlich für ausländische Honoratioren eingeteilten Regenschirm-Halter irritiert, was zwischenzeitlich für weitere, für Putin unvorteilhafte Bilder sorgte (Standard), bevor die vorteilhafteren neben Donald Trump folgten.

Aber auch unbewegte Bilder gab es viele von der Fußball-WM. Noch eines steht im Fokus der interessierten Öffentlichkeit: das des kraftvoll jubelnden, in einem Augenblick idealer Bewegung festgehaltenen französischen Präsidenten, das Springers Welt überkandidelt schon "legendär" nennt. Hinklicken lohnt dennoch, da der Artikel weitere, teils weltbekannte Arbeiten des Fotografen Alexei Nikolsky zeigt. Und jetzt "jubelt das Netz über das 'ikonische Foto'" schreibt das Werbermedium wuv.de und trägt Attribute zwischen "Asterix" und Leni Riefenstahl zusammen, und das unter der Überschrift "Die PR-Show des Präsidenten". Welches Präsidenten jetzt, des russischen (dessen "Hof-Fotograf" Nikolsky laut schweizerischem Tages-Anzeiger ist) oder des französischen?

Oder: beider Präsidenten. Vielleicht liegt darin die größte Brisanz. Gab es im sog. Westen oder in der EU nicht mal die Übereinkunft, dass keine Regierungschefs zum Jubeln bei der WM reisen wollten? Immerhin könnte dieses Dilemma das einzige dieses Jahres gewesen sein, in das die deutsche Regierungschefin nicht geriet ...

Lanzmann und sein diametrales Gegenteil

Mehr Fußball-Stoff im Korb, wir bleiben bei Frankreich, das jenseits von Anschlägen und Staatsbesuchen im deutschen Nachrichtenalltag kaum eine Rolle spielt. Tagesaktuell lassen sich französische Geschichts-Visualisierungen gut vergleichen.

Zum Einen steht bei epd medien nun Fritz Wolfs Nachruf auf den großen Regisseur Claude Lanzmann frei online.

"'Shoah', 1985 im Forum der Berlinale gelaufen, ist ein Film über den historischen Zivilisationsbruch der Vernichtung der Juden – und als Film ein Monument des 20. Jahrhunderts. Nicht nur das Schlüsselwerk des Filmemachers Lanzmann, sondern auch  filmgeschichtlich einmalig: ein Maßstab für jegliche filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust".

Aus steigt Wolf unmittelbar in der digitalen Gegenwart:

"Er war ein streitbarer und öffentlicher Intellektueller, wie sie heute auch in Frankreich immer seltener anzutreffen sind. 'Shoah' ist jedoch sein Schlüsselwerk geblieben. Lanzmann starb am 5. Juli im Alter von 92 Jahren in Paris. Arte hat am 7. Juli den ganzen Film gezeigt, er steht noch bis zum 4. September in der Mediathek."

Zum Anderen hat der Tagesspiegel mal wieder den Veteranen der ehemaligen Spiegel-Fernsehkritik, Nikolaus von Festenberg, um einen Text gebeten. Auch darin geht's um, nun ja: Geschichts-Fernsehen, jetzt aus aktuellem Programmanlass. Heute abend startet bei ZDF-Info die neue Reihe "Entscheidende Momente der Geschichte" (zu der ich im doch arg unübersichtlichen ZDF-Internetauftritt gerade nichts finde). Und Festenberg lässt seine hochdrehende Wortgewalt funkeln, um sie zu kritisieren:

"Wie ein Mähdrescher reißt die Powerpräsentation alles mit, was sich links und rechts des Themas innerhalb von 30 Minuten in Bilderchoreografien, Sachkästen, hämmerndes Musik-Stakkato und in jagende Erklärtexte verwandeln lässt. Dabei soll auf dem Schirm eigentlich Mittelalter stattfinden, nicht Videophantasy."

Das lässt sich gut lesen (und das Kunstwort "Videophantasy" könnte die ZDF-"History"-Redaktion glatt zu einem werblichen Genrebegriff ummünzen). Unklar bleibt, ob Festenberg bewusst war, dass "Entscheidende Momente ..." ebenfalls eine französische Produktion ist. Das zeigt sich, wenn man im ZDF-Presseportal unter "Sendetermine und Stab" nachschlägt. Und oben über der Webseite zeigt sich ein Hitler-Reenactor, der natürlich mehr Aufmerksamkeit zieht als solch hochmittelalterlichen Könige, um die es in der Startfolge geht. Hoffentlich hat sich Claude Lanzmann, der "alle filmischen Annäherungen, die mit Abbildern arbeiten, als blasphemisch abgetan hat", in seinem letzten Lebensjahr diese Produktion von 2016 erspart.

Gegenwärtig hält das Fernsehen das diametrale Gegenteil von seinen puristischen Idealen hoch und fertigt von allem, auch dem, wovon es genug mehr oder minder dokumentarische Abbilder gibt, immer noch neue inszenierte Nachstellungen historischen Geschehens aller Art nach dem vermeintlichen Geschmack des aktuellen Publikums. Die komplette Aushöhlung des Begriffs "Dokumentation" ist nur einer der Kollateralschäden.

Holocaust im Faktencheck

Wo könnte das hinführen? Dahin, wovon Reinhard Wolff, der Skandinavien- und Baltikum-Korrespondent der taz, berichtet?

Das schwedische öffentlich-rechtliche Fernsehen, SVT ist wie viele andere Rundfunkanstalten und weitere Medien dem Trend zum Faktenchecken gefolgt. Und nun hat sein "Faktakollen" gecheckt, ob es den Holocaust gegeben hat und ob Zyklon B zum Massenmord von Menschen verwendet wurde. Wolff:

"Mit ausführlichen Belegen werden beide Fragen natürlich bejaht – dennoch war 'Faktakollen' umgehend Ziel scharfer Kritik. Dafür, dass man solche Selbstverständlichkeiten überhaupt einer Kontrolle unterzogen hatte."

Und da gibt's Argumente dafür ("Wir müssen mit unwiderlegbaren Fakten argumentieren. Immer und immer wieder und für immer neue Generationen", sagen die Checker) und dagegen ("Es werde vor allem hängen bleiben, dass 'die Diskussionstür zu den ideologischen Sümpfen des äußersten rechten Rands geöffnet wurde'", zitiert die taz das Sydsvenska Dagbladet). Könnte sein, dass die Zahl der kaum auflösbaren Dilemmata weiter gestiegen ist.

Der Sinn der Medienkritik

Bevor jetzt der Pessimismus überhand nimmt, verdient auch ein gut gelauntes Nordlicht noch zitiert zu werden (das dann auch die Überschrift dieses Altpapiers auflöst). Und es muss gratuliert werden: Meedia.de feiert Geburtstag und wird auch schon zehn Jahre alt. Aus diesem Anlass u.a. hat Stefan Winterbauer mit Bernd Gäbler, u.a. seit Anfang dieses Jahrtausends Grimmeinstituts-Chef, "über Sinn oder Unsinn von Medienkritik" interviewt.

Winterbauer hat sich schön fein gemacht und in seinen Fragen Behauptungen aufgestellt wie "Der Medienjournalismus saß schon immer zwischen diesen beiden Stühlen: Wirtschaft auf der einen Seite, Feuilleton auf der anderen" (so als ob bei manchen Mediendiensten nicht auch mindestens 50 Prozent Entertainment/ Panorama/ Buntes zum Erfolgsrezept dazugehörten ...). Gäbler gibt sich, obwohl Professor und als solcher angeredet, erst mal bodenständig und steigt mit einem leicht verständlichen (nicht ungeheuer witzigen) Niklas Luhmann-Witz ein. Dann gibt er aber auch gehaltvolle Definitionen ("Medien sind selbstständige intermediäre Instanzen") zum Besten – und große Sätze, die durch eine begründet optimistische Sicht auf laufende Entwicklungen erfreuen. Zum Beispiel:

"Ich finde, das Besondere und Einzigartige von Medienkritik ist, dass sie einen sehr umfassenden Anspruch hat, einen ganzheitlichen Ansatz. Medienkritik umfasst eine große Palette von Themen: Das geht los mit einer politischen Ökonomie der Aufmerksamkeit, über Technikentwicklung und Organisationssoziologie bis hin zur Rezeptionsforschung und Filmästhetik. Dazu gehören Fragen wie: Wird Twitter von der Fußball-WM profitieren? Wie geht der WDR mit der Metoo-Debatte um? Gibt es eine Krise des Dokumentarfilms? Wie wird der nächste 'Tatort'? Das ist eine große Bandbreite. Aber darin besteht der Reiz von Medienkritik und das ist der Grund, warum es Medienkritik als besonderes Ressort und besondere Spielart des Journalismus gibt. Ich sehe aber die Tendenz, dass der Medienjournalismus zerfällt in Ökonomie einerseits und feuilletonistische Kritik andererseits. Das eigentlich Spannende ist aber der Zusammenhang: Was hat die Ästhetik eines Medienprodukts mit der dahinter liegenden Ökonomie zu tun?"

Das unterschreiben wir hundertprozentig. Glückwunsch auch, meedia.de!

Altpapierkorb (Buschkowsky bei RTL, Henke nicht mehr beim WDR, Berliner Journalisten besonders verunsichert, Tichy-Kritik, Döpfners "Waterloo")

+++ Ein Beispiel für die Aushöhlung des Begriffs "Dokumentation"? "In einer RTL-Doku gibt der Neuköllner Ex-Bürgermeister Hartz-IV-Empfängern einen Koffer voller Geld", schreibt der Tagesspiegel (der dabei "RTL nicht vorwerfen" würde, "dass es sich der Sender zu einfach macht"). Die Sendung mit Heinz Buschkowsky läuft ebenfalls heute um 20.15 Uhr.

+++ Nicht mal 400 Zeichen Text enthält die Meldung des WDR, dass er "und Prof. Gebhard Henke ... sich auf eine gütliche Beilegung des Arbeitsrechtsstreits geeinigt" haben. Siehe vor allem dieses Altpapier. Da "über den weiteren Inhalt der Vereinbarung keine Auskünfte" gegeben wurden, macht weitere Meldungen (wohl als erster: SPON) bloß die Vorgeschichte länger. "Henke, Jahrgang 1955, macht nicht den Eindruck, als wolle er sich in den vom WDR forcierten Ruhestand fügen. Es ist davon auszugehen, dass man noch von ihm hören wird", glaubt Hans Hoff in der SZ. +++ Da wir gestern zur Kölner Kunsthochschule für Medien verlinkten (zu deren "Professor für Live-Regie"): Dort ist Gebhard Henke im Fachgebiet "Kreatives Produzieren" weiterhin Prof. und es steht vieles über seine Vita.

+++ Mehr Fußball-Stoff: Einen respektablen Versuch, Bela Réthys Leistung im WM-Finale möglichst objektiv zu kritisieren ("hier geht es nicht um Réthys Beurteilung strittiger Schiedsrichterentscheidungen"), doch scharf ("Das ist nicht nur deplatziert. Das ist respektlos") zu kritisieren, unternahm Philipp Awounou bei SPON.

+++ Die FAZ-Medienseite ärgert sich über den "Fortnite"-Tanz des Weltmeisters (und Schwalbenkönigs ja auch) Antoine Griezmann im WM-Finale. +++ Und freut sich am Rande über das, was Arte unterdessen zeigte ("Die Maîtrise des Hauts-de-Seine, der Kinderchor der Pariser Oper, sang in der Sainte-Chapelle das 'Stabat Mater' von Pergolesi. Nach vier Wochen mit den Veitstänzen von Fußballern war es eine Wohltat, wie bescheiden die jungen Sänger auf den donnernden Applaus reagierten").

+++ Mehr zum zuletzt gestern hier angesprochenen umstrittenen Die Zeit-Pro und Contra: Der Wochenzeitung "dankbar" zeigt sich Franz Sommerfeld, "Ex-Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers und ehemaliger Publizistik-Vorstand bei DuMont", als Gastautor bei meedia.de. +++ Der gestern hier erwähnte Georg Diez sprach im Deutschlandfunk über Verunsicherung vieler Journalisten "vor allem in Berlin". +++ "Wer den Median der Kritik an Berlin und Brüssel aber dahin verschiebt, dass 'man' Nothilfe 'lassen kann', privat oder staatlich, also Leben und Tod zu Fragen der Güterabwägung macht, darf sich nicht wundern, wenn später die 'eigenen' Kinder, Alten, Kranken und andere, die nur (und sehr indirekt) mächtig sind, solange die Macht mit ihnen pokert, Verhandlungsmasse werden", schreibt Dietmar Dath heute im FAZ-Feuilleton.

+++ Auf der SZ-Medienseite lobt Detlef Esslinger Tichys Einblick erst ein bisschen ("nicht oft, aber manchmal" stünden dort "Stücke, die der Lektüre wert sind"), um den Blog dann umso gründlicher zu zerlegen ("Auf Präzision wird wenig Wert gelegt, stattdessen dienen – schlampige – Einzelbeobachtungen als Untergrund für pauschalisierende Urteile und zur Pflege von Ressentiments"). +++ Und das Handelsblatt legt nach gegen Tichy, der dort ja lange tätig war.

+++ Erdem Gül von der Cumhuriyet wurde in Istanbul vom Vorwurf des Geheimnisverrats freigesprochen, steht jedoch weiter in anderen Angelegenheiten vor Gericht (FAZ).

+++ Und im epd medien-Leitartikel, der einstweilen nicht frei online steht, zeichnet Michael Ridder die Abstimmung am 5. Juli im Europaparlament (bei der die Urheberrechtsreform und was drangekoppelt war, überraschend scheiterte) und ihre Vorgeschichte nach – mit einer Menge großer Vergleiche ("Straßburger Sommermärchen", "Sternstunde der parlamentarischen Demokratie in Europa", und Mathias Döpfner habe "sein Waterloo erlebt").

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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