Teasergrafik Altpapier vom 27. Juli 2018: Fragezeichen mit "Wordclouds" hängen in der Luft.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 27. Juli 2018 Im Zeichen der Frage

Den Anfängen wehren heißt "Lügenpresse"-Rufe nicht zu akzeptieren. Erfolgreiche Tennis-Spielerinnen nach ihrem Flirt-Verhalten zu befragen ist auch Sexismus. Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Störerhaftung ist eine gute Nachricht für Fans offener WLANs, oder auch nicht. Bodo Ramelow mag nicht zu kritisch interviewt werden. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik Altpapier vom 27. Juli 2018: Fragezeichen mit "Wordclouds" hängen in der Luft.
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Und nun: zum Wetter. Kleiner Scherz. Denn auch wenn spontan einberufene Brennpunkte und Fantastillionen Artikel über die unerwartete Hitzewelle mitten im Sommer etwas anderes suggerieren: Man kann das vermeintliche Sommerloch auch nutzen, um in Ruhe ein paar Fragen an den eigenen Job zu stellen. Folgende zum Beispiel.

Ist Journalismus in Deutschland lebensgefährlich?

Natürlich nicht, denkt sich jeder, der entspannt im Netz zu InstagramerInnen, neuen Blumenschmucktrends oder der Wasserqualität von Badeseen recherchiert. Andrea Röpke, die seit Jahren über die rechte Szene schreibt, sieht das anders.

"Wir, die wir investigativ in der Szene recherchieren, unangemeldet und ohne Polizei vor Ort sind, mussten immer damit rechnen, körperlich angegriffen zu werden. Dass es jetzt so ein breites Spektrum an Kollegen trifft, ist neu und eine ernstzunehmende antidemokratische Entwicklung. (…) Es mag dramatisch klingen: Aber nicht nur wir Fachjournalisten gelten in der Szene als 'Todfeinde'. Mehr als ein NPD-Chef sagte zu mir: 'Frau Röpke, wir haben eine Akte über Sie. Wenn wir an die Macht kommen, sind Sie dran.'"

Das erzählt sie im Interview mit Ulrike Nimz auf der Medienseite der SZ. Und wer jetzt denkt "Mir doch egal, schließlich bin ich nicht umsonst Copy-Paste-JournalistIn von Focus Online mit bequemem Bürostuhl und Hang zur Twitter-Nacherzählung", der liest nochmal seinen Martin Niemöller sowie Röpkes Satz mit dem breiten Spektrum an KollegInnen. Oder gleich das ganze Interview, auch wenn einem dabei das kalte Grausen kommt.

Hätte man den Anfängen wehren können? Röpke:

"Wir haben die Professionalität hinter der Entwicklung unterschätzt, hätten schon gegen das Wort 'Lügenpresse' vorgehen sollen. Ich will mal behaupten, dass dieser Beruf für die meisten Kollegen mehr ist als ein Job. Warum lassen wir uns so diffamieren? Wir sollten öfter den Rechtsweg beschreiten, uns für das einsetzen, wofür wir stehen. Wer 1000 Euro für eine Beleidigung zahlen muss, wird sich zweimal überlegen, ob er sie wiederholt. Statt uns zu wehren, haben wir uns daran gewöhnt, beschimpft zu werden."

Zumindest Letzteres ließe sich ab sofort ändern.

Nächste Frage, bitte.

Wie sexistisch ist die Branche?

Mehr, als mancher Mann es sich vorzustellen vermag. Das zeigt, Beweisstück A, ZDF-Sportreporter Martin Wolff.  "Getrunken?", "Geflirtet?", "Kamen die Verehrer in Scharen immer wieder mal an?" Das sind nur drei seiner Nachfragen aus einem Interview mit der frisch gebackenen Wimbledon-Gewinnerin Angelique Kerber vor gut einer Woche, die der Tennisspielerin sichtlich unangenehm sind.

Für den Deutschlandfunk und "@mediasres" hat Mirjam Kid das Thema aufgegriffen:

"Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts anzusprechen, ist für Sportlerinnen nicht immer leicht, meint Sport-Soziologin Hartmann-Tews: 'Die sind abhängig von den Medien. Also sie brauchen mediale Präsenz, um dann auch zum Beispiel für Sponsoren interessant zu werden. Und diese Abhängigkeit oder Kooperation mit den Medien mag bestimmt dazu führen, dass man auch bei unangenehmen Fragen milde ist. Man wird sicherlich keinem Journalisten so ohne Weiteres ins Wort fallen.'

Um so mehr ist journalistische Verantwortung gefragt. Und Reflexion fürs nächste Mal."

Genau dazu scheint Wolff aber nicht bereit. Vielmehr sieht er schon die Kritik an seiner Performance als Beleidigung der Majestät Reporter, wie man seinen Reaktionen gegenüber "@mediasres" wie "Das ist jetzt wirklich eine Unverschämtheit" oder "Mir gefällt die ganze Art ihrer Fragestellung nicht" entnehmen kann.

Der Mann weiß Unangenehmes brüsk zurückzuweisen. Da er selbst nicht lernfähig scheint, kann Kerber bzw. jede Frau vielleicht im Gegenzug das von ihm übernehmen.

Womit wir zu Beweisstück B kommen und den Sexismus-Vorwürfen beim WDR. Von über zehn Fällen, die der Sender gerade aufklärt, hätten sich die meisten als haltlos erwiesen, berichtet Kai-Hinrich Renner in seiner Medienkolumne im Hamburger Abendblatt. Ihren Job gekostet hätten sie hingegen einen ehemaligen Auslandskorrespondenten sowie Fernsehspielchef Gebhard Henke (Altpapier). Nun stehe eine dritte Entscheidung an.

"Besonders ist sein Fall deshalb, weil die halbherzigen Versuche des Senders, ihn bereits 2010 aufzuklären, sehr gut dokumentiert sind",

schreibt Renner. Betroffene hätten sich an den WDR-Auslandskorrespondenten Arnim Stauth und eine Personalrätin gewandt; auch WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn sei informiert worden, habe sich aber nur mäßig an Aufklärung interessiert gezeigt.

"Schönenborn ist, wie aus übereinstimmenden Quellen aus WDR-Kreisen verlautet, dafür, dass der Redakteur, der offiziell nie freigestellt war, wieder vor die Kamera darf. (…) Der direkte Vorgesetzte des Redakteurs lehnt dessen vollständige Rehabilitierung ab. Auch in diesem Punkt stimmen die Quellen aus dem Sender überein. Problematisch ist aber, dass sich die Aussagen der Frauen arbeitsrechtlich nicht verwerten lassen. Die Betroffenen sind nicht bereit, dem Sender gegenüber ihre Anonymität aufzugeben."

Was nun passiert, muss die höchste Instanz und damit natürlich ein Mann entscheiden: Tom Buhrow.

Sexismus nur als Sexismus zu ahnden, wenn Betroffene keine Öffentlichkeit scheuen, wäre ein weiteres Zeichen, dass das Kernproblem weder erkannt noch wirklich ernst genommen würde.

Sind unsere Redaktionen divers genug?

Die Debatte über Mesut Özil, Rassismus, den generell unfähigen DFB und alles, was allen dazu noch so einfiel, hat Weiteres offenbart:

"Erstaunlich viele Journalisten mit Migrationshintergrund haben sich in den vergangenen Tagen an der Debatte, die Özil ausgelöst hat, beteiligt. Wobei: Was ist erstaunlich? Dass es inzwischen dann doch eine nennenswerte Zahl Journalisten mit Migrationshintergrund in den Redaktionen gibt? Oder dass so viele von denen offenkundig das Gefühl hatten, dass sie sich zu Wort melden sollten? Oft auch, um von persönlichen Erfahrungen zu berichten".

Das schreibt Stefan Niggemeier bei Übermedien, wo sich viele dabei vorgetragene Argumente sowie die Ansichten von FAZ und Bild-Zeitung, die Bewertung eines möglichen Rassismus-Problems in diesem Land weißen, älteren Herren zu überlassen, wiederfinden.

Wir setzen den Schwerpunkt aber etwas anders und nehmen wahr:

"Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in den Medien arbeiten, darüber gibt es kaum aktuelle belastbare Daten. Von 2009 stammt die Zahl, dass in 84 Prozent aller Tageszeitungsredaktionen herkunftsdeutsche Journalistinnen und Journalisten unter sich seien. Von 2015 gibt es eine Schätzung, die von 4 bis 5 Prozent Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund ausgeht. Zum Vergleich: Insgesamt haben den rund 23 Prozent der Menschen in Deutschland."

Für eine Branche, die, um mal Angie Merkel zu zitieren, der gesamten Gesellschaft dienen möchte, bleibt einiges zu tun.

Ist Störerhaftung ein Altpapier-Thema?

Okay, okay, ich gebe es zu: Diese Frage ist nur eine schlechte Überleitung zu einem weiteren Thema des Tages und stellt sich an diesem Morgen nur mir. Bzw. stellte, denn die Folgen meiner Entscheidung sehen Sie hier.

Der Bundesgerichtshof hat gestern entschieden, dass AnbieterInnen offener WLANs nicht dafür belangt werden können, wenn darüber etwa illegal Filme heruntergeladen werden. Die entsprechende Änderung des Telemediengesetzes durch den Bundestag vor einem Jahr wurde damit bestätigt.

Ist damit alles gut? Man weiß es nicht.

Zwar kommentiert Heribert Prantl in der SZ

"Das Urteil des Bundesgerichtshofs zu Wlan-Hotspots macht das Leben in Internet-Zeiten einfacher; es bringt mehr Sicherheit in die digitale Welt. Deshalb ist es ein gutes Urteil",

und im WDR-Blog Digitalistan meint Jörg Schieb,

"(z)umindest für die WLAN-Kultur ist das gut: Das motiviert vielleicht mehr Menschen und Unternehmer, mehr offene WLANs anzubieten. Das könnten wir in Deutschland gut gebrauchen".

Andere stolpern jedoch über einen Satz in der Entscheidung des BGH:

"Der Anspruch auf Sperrmaßnahmen ist nicht auf bestimmte Sperrmaßnahmen beschränkt und kann auch die Pflicht zur Registrierung von Nutzern, zur Verschlüsselung des Zugangs mit einem Passwort oder im äußersten Fall zur vollständigen Sperrung des Zugangs umfassen."

Dass damit dann nicht mehr ganz so offene WLANs nur mit Passwort-Schutz zugänglich gemacht werden können, genau das wollte die Politik mit ihrem neuen Telemediengesetz eigentlich verhindern.

"Während der BGH damit der Störerhaftung von WLAN-Anbietern den finalen Todesstoß versetzt, schafft er also zugleich in anderen Bereichen neue Rechtsunsicherheit. Denn wer welche Sperrmaßnahmen ergreifen muss, ist auch nach der Entscheidung weitgehend unklar. (…) Neben den privaten WLAN-Anbietern könnten auch große Zugangs-Provider wie die Deutsche Telekom betroffen sein. Sie müsste möglicherweise in ihrem gesamten Netz den Zugang zu einzelnen Websites mit urheberrechtlich fragwürdigen Inhalten sperren",

erklärt Holger Bleich bei Heise. Für mehr Klarheit zu sorgen sei nun zunächst Aufgabe des Oberlandesgerichts in Düsseldorf, an das der BGH den Fall zurückverwiesen hat, so Simon Rebiger bei Netzpolitik.org.

Für Lisa Hegemann von Zeit Online steht derweil schon das Gegenteil von dem fest, was Prantl und Schieb meinen:

"Die Richterinnen und Richter in Karlsruhe zerstören mit ihrer Entscheidung wieder jegliche Hoffnung auf eine umfassende WLANisierung Deutschlands. Denn auch wenn eine Cafébesitzerin und ein Büchereichef nicht mehr für illegale Uploads einer Person haften, müssen sie ihr in bestimmten Fällen zumindest das Surfen erschweren. (…) Das alles dürfte viele Menschen und Unternehmen abschrecken, einen offenen WLAN-Zugang einzurichten, weil sie sich ja doch irgendwie um eine Sicherung kümmern müssen."

Altpapierkorb (Bodo Ramelow, Artur Brauner, "Hanna")

+++ Der MDR hat ein Sommerinterview mit Bodo Ramelow geführt, in dem nach Beschwerde des Politikers ein paar kritische Fragen fehlen (Marvin Schade, Meedia).

+++ Was Ramelows Partei, Die Linke, ganz generell von öffentlich-rechtlichen Sendern erwartet, steht bei DWDL.

+++ Einem bald Hundertjährigen, der der Shoa entkam und nach dem Zweiten Weltkrieg doch die deutsche Filmindustrie maßgeblich prägte, widmet Altpapier-Kollege Christian Bartels seine evangelisch.de-Kolumne.

+++ Drei jüdische Zeitungen aus Großbritannien warnen vor Antisemitismus in der Labour-Partei (taz).

+++ Am Budapester Set der für Amazon Prime produzierten, europäischen Action-Serie "Hanna", Ableger zum Film "Wo ist Hanna?", war Jörg Seewald für die FAZ-Medienseite ().

+++ Hermann Rotermunds im epd Medien formulierten Leitideen für den Rundfunk, hier Thema vor einer Woche und am Mittwoch, stehen nun online.

+++ In der aktuellen Ausgabe, und damit noch nicht online, präsentiert Michael Ridder Presseschau und Einordnung zum Rundfunkbeitrag-Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Altpapier).

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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