Teasergrafik Altpapier vom 31. Juli 2018: Donald Trump wird von Medienberichten zusätzlich "aufgeblasen"
Bildrechte: dpa / panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 31. Juli 2018 Nach hinten los

Wichtiger als das, worüber genau mit Donald Trump geredet wurde, ist, was die Parteien hinterher draus machen. Könnte weniger Empörung helfen? Warum spielt in der großen, breiten Özil-Debatte Deniz Naki eine so kleine Rolle? In Erfurt stand plötzlich "ein hässlicher Moment in der Tür" (und führte zu einer guten Reaktion). Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 31. Juli 2018: Donald Trump wird von Medienberichten zusätzlich "aufgeblasen"
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Zeitungssterben – das Wort ist so geläufig, dass es niemanden mehr groß aufregt. Vielleicht dauert es noch lange, oder Zeitungen überleben in einer anderen Form. Der deutsche Begriff bedeutete ja noch bis in die Neuzeit hinein eher Nachricht an sich. Die Form bedruckten Papiers ist darin gar nicht enthalten, anders als im Englischen.

Von der "dying newspaper industry" sprach bzw. twitterte nun auch wieder die meistbeachtete Persönlichkeit der Welt.

"Sad!" twitterte Donald Trump, der natürlich weiß, wie wichtig es ist, nicht empathielos rüberzukommen, ebenfalls im selben Zusammenhang, aber später und in einem anderem Sinn. Der Reihe nach: Mit folgendem Tweet machte Trump am Wochenende ein eigentlich vertraulich geführtes Gespräch mit dem New York Times-Verleger A.G. Sulzberger vor anderthalb Wochen öffentlich, inklusive eines – raffinierten? infamen? beides? – Spins: 

"Had a very good and interesting meeting at the White House with A.G. Sulzberger, Publisher of the New York Times. Spent much time talking about the vast amounts of Fake News being put out by the media & how that Fake News has morphed into phrase, 'Enemy of the People.' Sad!"

Darauf fühlte sich der erwähnte, nicht twitternde Sulzberger mit Recht veranlasst, richtigzustellen, dass es nicht ums Morphen, um die traurige Begriffsverschiebung gegangen sei, sondern darum, wer die Begriffe verschiebt:

"I told him that although the phrase 'fake news' is untrue and harmful, I am far more concerned about his labeling journalists 'the enemy of the people.' I warned that this inflammatory language is contributing to a rise in threats against journalists and will lead to violence."

Woraufhin Trump zurückkeilte, von sterbenden Zeitungen und der "failing" NYT twitterte (was geschäftszahlenmäßig gar nicht zutrifft).

Diese Begebenheit wird auch auf deutsch mit immer etwas anderen Nuancen oft nacherzählt. Trump ist ja nun mal – nicht mit dem, was er so äußert, sondern dadurch, ob oder dass er wieder was geäußert hat – der gemeinsamste Nenner des, äh, Westens. Die Basisversion von dpa gibt's bei meedia.de. Springers Welt, deren Überschrift "Wie der stille New-York-Times-Verleger Trump in Rage bringt" impliziert, dass ansonsten vor allem laute Zeitgenossen Trump erregen würden, imponiert besonders Sulzbergers Verzicht auf die sogenannten sozialen Medien. Die taz stellte sich das "Gespräch vor ..., bei dem zwei Männer stundenlang aneinander vorbei geredet haben", informiert aber auch, in welchem Ausland Journalisten bereits physisch angegriffen würden (Sulzberger zufolge wegen Trumps Wortwahl; Spoiler: auf den Philippinen). Im Deutschlandfunk erzählt Washington-Korrespondent Thilo Kößler, dass Journalisten in den USA noch nicht in körperlicher Gefahr schwebten, auch wenn Trump schon mal seine Fans "CNN sucks!" "johlen" lasse.

Und "Trumps Treffen mit Chef der 'New York Times' ging nach hinten los", findet der österreichische Standard. Aber für wen?

Auf der heutigen Meinungsseite der Süddeutschen findet sich das energischste Stück:

"Dass Trump entgegen der Absprachen über das Treffen berichtet und eine fundamental andere Lesart des Gesprächs in die Welt setzt wie sein zum öffentlichen Widerspruch genötigter Besucher ist ein Beleg für das größte Übel, das die Politik in den USA befallen hat und von dort aus wie ein Krebsgeschwür die Welt überzieht: den Verlust der Wahrheit",

kommentiert Stefan Kornelius. Mit schwingt die Hoffnung, dass, sobald die Mehrheit der US-Amerikaner die "Staatskrise", in der sie "längst leben", erkannt haben, der Spuk vorbei sein kann – aber auch die Gewissheit, diese Staatskrise deutlich vor ihnen analysiert zu haben. Und ob das die US-Amerikaner antörnt, steht auf einem anderen Blatt.

Ein passender Kommentar stand, noch ohne Sulzberger/ NYT-Bezug, am Montag vorne auf der FAZ.

"Im Fernsehen wird der Präsident 24 Stunden am Tag an den Pranger gestellt. Nicht nur MSNBC, das linke Spiegelbild des Trump-hörigen Senders Fox News, sondern auch CNN lässt sich von Ereignissen ohne Trump-Bezug kaum noch stören. Lieber werden Richter zu Helden erhoben, wenn die Regierung eine juristische Niederlage einstecken muss. Oder es werden republikanische Altpolitiker hofiert, die von konservativer Warte aus bestätigen, dass Trump ein Verrückter, Versager, Verbrecher und/oder Verräter sei. Niemand trägt stärker zum Machterhalt des Präsidenten bei als seine Gegner. Das gilt unabhängig davon, wie gerechtfertigt ihre Kritik in der Sache ist. Wer in Endlosschleife jeden Fehltritt zur Staatskrise, jede Peinlichkeit zur nationalen Schande und jede Normabweichung zur Todsünde erklärt, der schweißt diejenigen zusammen, die Trump ihre Stimme gaben",

schrieb da Andreas Ross (und die deutsche Berichterstattung spiegelt diese US-amerikanischen Berichterstattung ziemlich getreu). Dass die Schüsse der Gegenseite meistens stärker nach hinten losgehen als die eigenen, und dass die Empörung der anderen die eigene, ebenfalls (über anderes) empörte Community immer noch stärker zusammenschweißt oder vergrößert, scheint ein zentraler Faktor des Trumpschen Erfolgsrezeptes zu sein. Sich darüber zu empören, hilft gewiss – aber ihm.

U19-Europameister an Mesut Özil

Die Özil-Debatte läuft und läuft (zuletzt Altpapier gestern). "Rassismus der anderen" (45 Cent bei Blendle) heißt der aktuelle Michael-Hanfeld-Beitrag von der heutigen FAZ-Medienseite dazu.

"Eben waren wir noch das Land der Willkommenskultur, nun sind wir eines, das der Zuschreibung des türkischen Präsidenten Erdogan entspricht – im Kern faschistisch. Wie twitterte der AKP-Abgeordnete Kerem Abadi? 'Seit Adolf Hitler hat sich nicht vieles geändert in Deutschland. Rassismus wurde nur zeitgenössisch modernisiert.'",

heißt es darin. Lesenswert ist der Text, weil er einen Diskurs-Teilnehmer einführt, der in weiten Teilen der so großen wie breiten Debatte leider selten vorkommt. Vielleicht weil seine Punkte vielen anderen Teilnehmern nicht in den Kram passen. Vielleicht weil in St. Pauli und Diyarbakir anderer Fußball gespielt wird als in Madrid und London. Auch daher jedenfalls avancierte Deniz Naki, der 2008 mit der deutschen Nationalmannschaft U19-Europameister wurde, nicht zum A-Nationalspieler wie Mesut Özil. Diyarbakir ist ein hierzulande wenig beachteter Brennpunkt des Bürgerkriegs, den das Erdogan-Regime gegen die Kurden in der Türkei führt. Naki ist seit Anfang dieses Jahres durch die türkische Fußballföderation TFF lebenslänglich gesperrt. Auf Facebook postete er an Özil (was Hanfeld zum Teil zitiert):

"Bitte denk dran; diejenigen die dich bei der nächsten Reise in die Türkei mit offenen Armen empfangen, werden genau dieselben sein, die mich rassistisch angreifen. Zwischen Faschisten unterscheidet man nicht, diese sind überall, in jedem Land gleich. Du kannst diesen Menschen von mir ausrichten: 'Schöne Grüsse von dem sein Land liebenden, aus Dersim stammenden Kurden Deniz Naki mit deutscher Staatsbürgerschaft, der die Türkei zu einem bunterem Ort macht.'"

Vermutlich trägt eine häufige eine Verwendung des Attributs "faschistisch" nicht zur Debattendifferenzierung bei; aber dass das kürzlich in relativ freien Wahlen auch dank der Unterstützung deutscher Fußballnationalspieler knapp bestätigte Erdogan-Regime vor gar nicht langer Zeit "islamofaschistische Diktatur" genannt wurde (von Günter Wallraff, siehe Altpapier), könnte durchaus mal wieder Erwähnung verdienen.

Ehrenwerte Entschuldigung aus Erfurt

Ebenfalls verdient sie, nicht nur, weil das Altpapier ja beim MDR in Erfurt erscheint, eine ehrenwerte Entschuldigung der Thüringer Allgemeinen, einer Funke-Zeitung ebenfalls aus Erfurt. Unter der schönen Überschrift "Die gläserne Redaktion" bloggt dort Chefredakteur Johannes M. Fischer recht regelmäßig meistens über schöne Dinge ("das kultigste Zeitungsmoped der Welt"). Das hatte er vergangene Woche auch wieder vor, wie der etwas gewundene Einstieg andeutet. "Aber da stand plötzlich so ein hässlicher Moment in der Tür", bzw. waren es "hässliche Wörter".

Dabei geht es um eine Konzert-Rezension der Thüringer Allgemeinen (Blendle-Link in der meedia.de-Zusammenfassung) zum Eröffnungskonzert des "Yiddish Summer" in Weimar. Dieser Text weist antisemitische Züge in solcher Eindeutigkeit auf wie kaum ein anderer Aufreger der Gegenwart. Die Jüdische Allgemeine schrieb von der "Wiedergeburt der Auschwitzkeule", und dass die Thüringer Zeitung "vor Scham im Boden versinken sollte". Ist sie nicht, aber der Chefredakteur hat das Problem zunächst klar analysiert:

"Wenn sich ein ausgezeichneter Musiker wie Alan Bern im kleinen Deutschland ansiedelte, 'dann doch wohl (...) weil alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten; zum zweiten, weil hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.' Es ist ziemlich klar, was gemeint ist, es muss nicht einmal groß interpretiert werden. Eine Denkfigur, die sich in der antisemitischen, neonazistischen und rassistischen Demagogie schon über viele Jahrzehnte hält und immer wieder diabolische Auferstehung feiert ..."

und sich dann in ungewohntem, sperrigen Sound ("Wörter. Ich werde mich nicht von meinen Begleitern trennen und hoffe, dass sie mich nicht verlassen. Sie wurden besudelt und es fühlt sich eklig an. Aber es sind meine wichtigsten Freunde ..."), aber dadurch umso bemerkenswerter entschuldigt. Das verdient in echtzeit-daueraufgeregten Zeiten auch Respekt.

Altpapierkorb (Brauner dreht, Ranküne-Folklore, RTVE erstickt, Filmorchester-Aus? SPD-Medienkommission wieder da)

+++ Das Jiddische ist eine Jahrhunderte alte, im Kern westgermanische Sprache, die weithin leider – nicht ausgestorben ist, sondern ermordet wurde. Ab morgen genau ein Jahrhundert alt ist der Berliner Filmproduzent Artur Brauner (Thema meiner aktuellen evangelisch.de-Medienkolumne). Aktuell interviewt hat ihn die Berliner Zeitung, und zwar in seinen Filmstudios in Spandau. Dort "wird gehämmert und zwischendurch auch laut geflucht". Vielleicht auch, weil just der neueste CCC-Film, inszeniert von Dror Zahavi, mit Peter Simonischek als Dirigent israelisch-palästinensisches Jugendorchesters, in Dreh ging.

+++ "Abermals" steht "eine führende Figur der amerikanischen Medienbranche unter dem Verdacht sexueller Belästigung", berichtet Nina Rehfeld auf der FAZ-Medienseite.

+++ Falls Sie Freund von "Ranküne-Folklore" (AP gestern) unter immer noch großen Hamburger Medien-Marken sind: Die aktuelle zwischen Spiegel und Zeit erzählt meedia.de nach, auch mit Blick auf die Leserbriefseite der aktuellen Zeit-Ausgabe ("Es scheint fast, die Leser können andere Sichtweisen besser aushalten, als es mancher Medienschaffende für möglich hält").

+++ Vorzüge der Finanzierung öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch einen "Beitrag", der keine Steuer ist, erkennt Diemut Roether (epd medien) beim Blick nach Spanien: RTVE wird "zu einem guten Drittel aus dem Staatshaushalt finanziert und dafür hat die Politik den Sender so fest im Griff, dass sie ihn zu ersticken droht".

+++ Das Deutsche Filmorchester Babelsberg "macht laut Intendant 60 Prozent seines Umsatzes mit Musikeinspielungen für Filmproduktionen" – aber nicht mehr lange. Jetzt macht es dicht, wegen einer langwierigen und lauten Baustelle direkt neben seinem teuren Studio. Das kündigte der Intendant Klaus-Peter Beyer der Märkischen Allgemeinen an.

+++ Falls Sie zufällig Mesut Özil aufs Brandenburger Tor oder Axel-Springer-Hochhaus projiziert gesehen haben: Das war die jüngste Aktion der Jan-Böhmermann-/ "Neo Magazin Royale"-"Reconquista Internet", informiert der Tagesspiegel.

+++ Die neue ZDFneo-Stitcom namens "Tanken – mehr als Super" findet Runa Behr auf der SZ-Medienseite (€) auch unter #metwo-Aspekten grenzwertig ("Statt feinem, hintergründigen Humor feuert die neue Tankstellensendung einen platten Minderheitenwitz nach dem anderen ab, viele davon sieht man weit im Voraus anrollen"). +++ "Insgesamt aber ... Lust auf mehr" äußert hingegen Heike Hupertz auf der FAZ-Medienseite.

+++ "Für Verdachtsberichterstattung gelten in Deutschland strenge Regeln, zum Beispiel muss ein 'Mindestbestand an Beweistatsachen' vorliegen". Texte, die überhaupt nicht in den Verdacht geraten können, Berichterstattung zu sein, sind davon aber ausgenommen, urteilte das Oberlandesgericht Köln in der Sache Richard Gutjahr gegen Gerhard Wisnewski (uebermedien.de, €).

+++ Die SPD-Medienkommission ruht nicht mehr, wie sie es seit Marc Jan Eumanns Abschied tat (Altpapier), sondern hat ein neues Vorsitzenden-Team (Medienkorrespondenz).

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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1 Kommentar

31.07.2018 20:46 Kai Ludwig 1

Von 1993 bis 2007 hatte das Deutsche Filmorchester Babelsberg als Ausweichquartier den Saal 1 im Funkhaus Nalepastraße genutzt und saß so auf einem Dampfer, bei dem sich jeder fragte, wann er vollends untergehen wird. Entsprechend froh dürften sie gewesen sein, als sich die Möglichkeit eröffnete, in das Babelsberger Musikatelier zurückzukehren. Und nun das ...

Erinnert zumindest auf den ersten Blick an den Fall der einstigen Althoff-Ateliers in Alt Nowawes, dem späteren Sitz des DEFA-Dokumentarfilmstudios, zuletzt als „Park-Studios“ bekannt. Das letzte, was man dazu findet, von 2016: Verkauf, Umbau in Wohnraum ...