Teasergrafik Altpapier vom 1. August 2018: Facebook sperrt bei 2,23 Milliarden monatlich aktiven Nutzern 32 Fake-Accounts.
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 1. August 2018 Das Problem liest mit

Facebook sperrt 32 Fake-Accounts mit Wahl-Beeinflussungs-Absicht - und entdeckt wie viele nicht? Youtube lehrt: Michelle Obama ist ein Mann. Gwyneth Paltrow hält viel von Kaffee-Einläufen, aber nichts von journalistischen Standards. Roadmovie mit Elvis. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik Altpapier vom 1. August 2018: Facebook sperrt bei 2,23 Milliarden monatlich aktiven Nutzern 32 Fake-Accounts.
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Acht Facebook-Seiten und 17 -Profile, dazu sieben Instagram-Accounts. 9.500 Posts. 150 Anzeigen für ungefähr 11.000 Dollar. 290.000 Follower.

Das ist laut Facebook die Bilanz der jüngst aufgedeckten Kampagne innerhalb des Netzwerks mit dem Ziel, den Ausgang der US-Halbzeit-Wahlen im Herbst zu beeinflussen.

"It’s clear that whoever set up these accounts went to much greater lengths to obscure their true identities than the Russian-based Internet Research Agency (IRA) has in the past. We believe this could be partly due to changes we’ve made over the last year to make this kind of abuse much harder. But security is not something that’s ever done. We face determined, well-funded adversaries who will never give up and are constantly changing tactics. It’s an arms race and we need to constantly improve too",

heißt es in der Veröffentlichung, in der auch die nun gesperrten Accounts mit schönen Namen wie "Mindful Being" oder "Resisters" genannt werden und über die Schwierigkeiten, solche Aktivitäten zu entdecken, informiert wird.

Verbindungen nach Russland sind nicht bewiesen, werden aber vermutet, schreibt die als erstes berichtende New York Times:

"Lawmakers from both parties quickly set aside questions of who had perpetrated the influence campaign and said Facebook’s disclosure only clarified what they had feared since the extent of Russian involvement in 2016 became clear more than a year ago: that social media companies would be unable to keep up with the pace and scope of malicious efforts to abuse their platforms."

2,23 Milliarden monatlich aktive NutzerInnen. Dem gegenüber stehen nun gesperrte 32 Fake-Accounts.

Vielleicht sollte man den Laden doch besser abreißen und komplett neu bauen? Dabei sieht die Lage bei Facebook noch gut aus. Immerhin hat diese ominöse Gesellschaft, von der man immer hört, die dort eben auch schlummernde Bedrohung ihrer selbst erkannt.

Unterschätztes Youtube

Nicht behaupten kann man das von einem sozialen Netzwerk, welches viele bis heute nicht als solchiges, sondern als Abspielstation illegal hochgeladener Mitschnitte aus RTL-1990er-Talkshows ansehen: Youtube.

Die Gefahr hockt in der Nächstes-Video-Box am rechten Rand bzw. dem Algorithmus, der diese bespielt. Er unterscheidet nicht zwischen Qualitätsjournalismus, Bibis Beauty Palace und Verschwörungstheorien, sondern orientiert sich an Interessen und Verweildauer der NutzerInnen und setzt zudem auf Steigerung, um diese nicht zu verlieren.

"Wer sich für Vegetarismus interessiert, erhält am nächsten Tag Veganismus-Empfehlungen. Wer sich Tipps für regelmässiges Jogging holt, bekommt später Marathonläufe angepriesen.

Die Konsequenz: Wer nur Youtube konsumiert, glaubt nach einigen Wochen, Michelle Obama sei in Wirklichkeit ein Mann, die Erde flach, der Klimawandel inexistent und etliche Schulmassaker in den USA bloss 'Inszenierungen'",

schreibt Adrienne Fichter im Schweizer Online-Magazin Republik.

Gerade steht überall, dass Spotify mächtig Gegenwind bekommt, weil dort seit ein paar Tagen der "Infowars"-Podcast des rechtspopulistischen US-Journalisten Alex Jones (aktueller Folgen-Teaser: "Islamic Invasion Ships Slam Into Spain". Mein bisheriger Favorit beim morgendlichen Durchscrollen ist aber "Pope Calls For Worldwide Ban On 'All Weapons'. Will Vatican Guards Lay Down Theirs?") angeboten wird.

Bei Youtube betreibt der Mann seinen Kanal mit mittlerweile gut 2,4 Millionen Abonnenten seit 2008.

Nochmal Fichter in der Republik:

"Youtube ist im Kontext der US-Wahlen die am meisten unterschätzte Plattform, sagt Internet-Soziologin Zeynep Tufekci. Nach Angaben von Google wurden in den Swing States – also in den Staaten, die am Ende den Ausschlag für die Wahl von Trump gaben – stundenweise Trump-Videos verschlungen."

Probleme in Print

"Wir haben es ja schon immer gesagt: Information im Netz ist der Teufel; abonnier lieber mal wieder Print" (ungefähr jedes Mitglied des BDZV, zitiert aus dem Gedächtnis). Blöd nur, dass das auch nicht die Rettung ist.

Problem 1 ist schon lange bekannt als redaktionelle Linie, und die führt etwa bei der Bild-Zeitung in nicht wesentlich weniger bedenkliche Blasen und Extremmeinungen als Algorithmen bei Youtube oder anderswo. Ein aktuelles Beispiel (Achtung! Link führt zu bild.de) aus dem großen Themenfeld "Weiße Männer kennen keinen Rassismus"  hat Boris Rosenkranz bei Übermedien.

Problem 2 hockt zumindest in den USA in einer unerwarteten Ecke: den Papierpreisen, die neue Zölle der Trump-Administration um 30 Prozent in die Höhe trieben. Bei Zeitungen, denen es eh finanziell mies geht, wird daraus ein existenzielles Problem, wie Sebastian Schreiber im Deutschlandfunk bei "@mediasres" thematisiert.

"Die Beschwerde einer einzigen Papierfabrik im Bundesstaat Washington führte dazu, dass die Regierung entschied, die Zölle auf das Papier einzuführen. (…)

Dass es gerade die Zeitungen sind, die unter Präsident Trumps Handelspolitik so leiden, ist für Margot Susca (Journalismus-Professorin der American University in Washington, Anm. AP) kein Zufall. 'Das ist ein direkter Angriff auf die Zeitungen, deren Aufgabe es ist, die Regierung zu hinterfragen. Das ist Trumps Weg eine Industrie zu bestrafen, von der er glaubt, dass sie seiner Regierung schadet.'"

Politisch regt sich nun aber Widerstand gegen diese - nennen wir es ruhig auch Infowars-Strategie, und zwar von allen Zeiten.

Bleibt noch Problem 3: Man kann auch in gedruckter Form den allergrößten Bullshit behaupten. Die Leute kaufen, lesen und glauben es, wenn der/die AbsenderIn nur beliebt und bekannt genug ist.

Nein, hier geht es ausnahmsweise weder um Barbara noch Joko noch Daniela und auch nicht Birgit, sondern um Gwyneth, Nachname Paltrow, Schauspielerin, verlachte Erfinderin des Conscious Uncouplings, dadurch aber nicht weniger erfolgreiche Unternehmerin.

Goop heißt ihre Firma, die einen mit allem versorgt, von 650-Dollar-Leggings über Snack-Tips bis zur Warnung vor Handy-Strahlung, und seit September auch mit einem Print-Magazin.

Darüber wird nun ausgedruckt der gleiche wissenschaftlich nicht bewiesene Schmarrn verbreitet wie auf der Website und im angeschlossenen Newsletter - Jürgen Schmieder, Medienseite der SZ:

"Die Fans lesen mit religiösem Eifer, dass eine Frau ihr allgemeines Wohlbefinden und ihre sexuelle Energie dadurch verbessern könne, wenn sie mit einem sogenannten 'Jade Egg' ihren Unterleib trainieren würde. Oder dass man sich Kaffee auch anal einführen könne. Oder dass ein Elixier mit dem Namen Psychic Vampire Repellent dafür sorgen könne, schlechte Schwingungen zu entfernen. Vielleicht muss man Goop tatsächlich eher mit einer Religion vergleichen als mit einem Unternehmen - es geht auch dort vor allem darum, woran die Leute glauben."

Condé Nast, wo die Zeitschrift zunächst erschien, hat die Zusammenarbeit mittlerweile beendet,

"weil der Verlag auf journalistische Standards bestanden hätte. Das habe Paltrow nicht gefallen, die September-Ausgabe soll nun ohne Condé-Nast-Hilfe erscheinen".

Auch auf Papier können also alle alles behaupten. Sie brauchen nur ausreichend Geld bzw. ein genügend große Leserschaft. Was uns dazu führt, dass die Publizierenden immer nur ein Teil des Problems sind. Das größere hat bei "Infowars" oder "Registers" gefällt mir gedrückt bzw. die Bild-Zeitung oder Goop abonniert und glaubt, dass die Meinung weißer, älterer Herren nicht ausreichend Aufmerksamkeit erfährt, der Papst erstmal die Schweizer Garde entwaffnen soll bzw. gesundes Kochen nur mit einem 755-Dollar-Topf erfolgen kann, der praktischerweise auf der selben Seite wie diese Information im Angebot ist.

Altpapierkorb (Edward Snowden, Philipp Lahm, Elvis Presley)

+++ Die Journalistin, die über ein jüdisches Musikfest in Weimar nur mit antisemitischer Untermalung zu berichten wusste (Altpapier gestern), wird nicht länger für Zeitungen der Funke Mediengruppe arbeiten, meldet Meedia. "Offen bleibt, warum keiner der verantwortlichen Redakteure den Fehler bemerkte."

+++ Was macht eigentlich… Edward Snowden? Das klärt im fünften Jahr seines Exils die APA (via Der Standard).

+++ Über immer aufgeregtere Medien und Populismus macht sich Michael Kraske in der aktuellen Ausgabe des DJV-Magazins Journalist Gedanken.

+++ "So wurden in Aden, Sitz der Exilregierung, schon des Öfteren kritische Medienredaktionen geschlossen und Journalisten festgenommen und gefoltert. Einige wurden sogar hingerichtet; verurteilt von einem offiziellen Gericht. Andere wurden von der Regierung zur Selbstzensur gezwungen oder des Landes verwiesen." Tobias Müller berichtet auf der Medienseite der FAZ (€) vom vergessenen Krieg im Jemen und seinen Folgen für JournalistInnen.

+++ Philipp Lahm ist nicht länger ARD-Experte, steht (u.a.) auf der Medienseite der SZ.

+++ Der Roadmovie "The King – Elvis und der amerikanische Traum" macht sich auf die Spurensuche nach beiden (ARD, 23.30 Uhr). Im Tagesspiegel rezensiert Thilo Wydra.

+++ In der aktuell laufenden DWDL-Reihe "Wunschkonzert für ARD und ZDF" darf nun auch die FDP ("will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erhalten, fordert aber eine große Reform") ran.

Taufrisches Altpapier gibt es morgen wieder.

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