Teaserbild zur Medienkolumne Das Altpapier vom 7. August 2018
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia

Das Altpapier am 7. August 2018 Hier regiert die Regie

Die Filmproduktions-Debatte geht weiter: Die Forderungen der Drehbuchautoren seien "weit überzogen und nicht gerechtfertigt", findet ein Regisseur. Ein Autor schreibt, "das amerikanische Showrunner-Modell ist mit deutschen Budgets schlicht nicht zu realisieren". Tagesspiegel, Fernsehkritik-TV und faz.net suchen nach der Fernsehinnovation – und finden sie nicht. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teaserbild zur Medienkolumne Das Altpapier vom 7. August 2018
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Es ist Film- und Fernsehprogramm-Innovations- und Struktur-Tag in den Medienressorts! Ein Regisseur, ein Autor, ein Kinobetreiber, ein Kritiker – heute äußern sich recht viele zum Zustand der deutschen Film- und Fernsehproduktion (nur, upsi, Frauen fehlen dabei irgendwie).

Steigen wir ein mit der einiges zusammenbindenden großen Frage vom Vorsitzenden der AG Kino, Christian Bräuer, in einem Beitrag bei Spiegel Online: Brancheninsider und Kritik in Deutschland würden beklagen, schreibt er, "dass zu viel Mittelware hergestellt wird, Filme, die man ebenso gut sehen wie auch verpassen kann, die nicht überraschen oder Neues bieten. Also was läuft schief? Warum beschleicht manchen das Gefühl, dass allein Amazon- oder Netflix-Serien Innovationen wagen?"

Tja, warum?

Die Autorinnen

Zunächst einen kleinen Schritt zurück. Eine Antwort gaben schon im Juni 92 Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren, die damals ein Manifest veröffentlicht haben, "Kontrakt 18" geheißen (Altpapier), in dem sie über mangelnde Wertschätzung klagen, die sich etwa in der Einladungspraxis zu Festen der Filmbranche äußere, bei denen Autorinnen und Autoren bisweilen einfach vergessen würden, und in dem sie etwa ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Regisseurin oder des Regisseurs und kreative Kontrolle bis zum Schluss fordern. In einem Interview mit der FAS mit einigen Autorinnen und Autoren hieß es damals:

"Wir müssen jedes Wort in den Buch-Sitzungen tausendmal besprechen, jedes Komma wird noch mal verschoben. Dann geht das an den Regisseur, und der schreibt drin rum, und am Ende wird es dann abgenommen und gedreht, komplett am Autor oder der Autorin vorbei. Offensichtlich wird selbst dem Regisseur, was das Schreiben einer sogenannten Regiefassung angeht, mehr Kompetenz in Drehbuchschreiben zugestanden als uns. Und da liegt ein grundsätzlicher Fehler."

Der Regisseur

Nun nimmt DWDL die Fäden der Debatte auf und interviewt den Regisseur Marvin Kren ("4 Blocks"), der sagt, er könne zwar "die Gefühlslage der Drehbuchautoren zum Teil verstehen", halte ihre "konkreten Forderungen, die jetzt auf dem Tisch liegen", aber für "weit überzogen und nicht gerechtfertigt". Kren:

"Wenn Autoren ihre Bücher selbst umsetzen wollen, dann sollen sie halt Regisseure werden. Was manche gern vergessen: Film ist zwar Gemeinschaftsarbeit, aber keine Demokratie. Am Ende steht der Regisseur da draußen und muss die Schauspieler, die Drehorte, die Auflösungen finden, die seiner künstlerischen Sichtweise entsprechen. Dabei entsteht etwas ganz Eigenes und es gehört zum organischen Prozess des Filmemachens, dass diese Abnabelung stattfindet."

Für das US-amerikanische Prinzip mit starken Autoren, "die als Creator und Showrunner den Regisseuren sagen, wie sie ihre Episoden umzusetzen haben" (DWDL) – dessen Einführung die Autorinnen und Autoren aber freilich gar nicht unbedingt fordern (die Lektüre des erwähnten FAS-Interviews vom Juni sei hier noch einmal empfohlen) – sieht Kren in Deutschland denn auch nicht sehr große Chancen:

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier bei uns in den nächsten Jahren so kommen wird, weil wir eben ein regiegeprägter Kulturkreis sind. Das Showrunner-System im US-Markt lebt ja von Autoren und Produzenten, die ein extremes Verständnis für Film- und Regiearbeit haben, oftmals basierend auf jahrelanger eigener Erfahrung. Das stellen sich viele deutsche Autoren meiner Meinung nach zu einfach vor. Sie kommen eben aus der Schreibstube, während US-Showrunner vom Filmset kommen."

Der "Showrunner"

Weiter zur Ausdiffererenzierung des Bildes bei trägt ein Thread von Stefan Stuckmann, laut Twitter-Bio "Showrunner" der ZDF-Serie "Eichmann, MdB", dem in der deutschen Diskussion, frei zusammengefasst, zu viel Wind darum gemacht wird, "wer in einer Produktion das letzte Wort hätte". Das "eigentliche Geheimnis amerikanischer Produktionen" sei doch ein ganz anderes, so Stuckmann: "Zusammenarbeit."

Was natürlich schon auch eine verrückte Idee ist.

Regiegeprägt, autorengeprägt? Ihm zufolge ist der US-Film im Gegensatz zum deutschen vor allem budgetgeprägt:

"Das amerikanische Showrunner-Modell ist mit deutschen Budgets schlicht nicht zu realisieren. Als Autor exklusiv zu arbeiten und mit mehr Verantwortung, müsste weit über die eher mageren Buch-Honorare heraus vergütet werden."

Ergo:

"(S)olange sich finanziell nichts ändert, sind die meisten Gespräche über amerikanische Arbeitsverhältnisse entweder PR-Luftballons oder Ausdruck von enthusiastischer Selbstausbeutung."

Der Kinobetreiber

Kommen wir nun aber schließlich zu Christian Bräuer vom Vorstand der AG Kino, in der laut Verbands-Website "über 300 unabhängige Filmkunst- und Programmkinos in ganz Deutschland zusammengeschlossen" sind. Er schreibt:

"In Hollywood wäre es undenkbar, dass die Studios (oder Netflix) Filme produzieren, nicht aber zugleich deren Vermarktung mitdenken. In Europa ist dies anders: Während die Budgets der Filmproduktion steigen, sinken die Herausbringungsetats der einzelnen Filme. Das System ist außer Balance. Filme werden so immer öfter halbherzig in die Kinos gebracht, Marketing beschränkt sich auf Plakate und Trailer. Flops mit Ansage sind die Folge."

Das Fernsehpublikum

Für Nichteingeweihte, die sich nicht um die Verfasstheit aller Branchen kümmern können, ist die Frage natürlich mal wieder eher: Aber was läuft denn jetzt so in der Glotze?

Es läuft zum Beispiel "Kulenkampffs Schuhe", ein Dokumentarfilm über die Fernsehunterhaltung der sechziger Jahre von Regina Schilling (Mittwoch, 22.30 Uhr, ARD), am Sonntag schon von Harald Staun in der FAS besprochen, nun auch von Heike Hupertz in der FAZ. Staun:

"Was Schilling in den Archivbildern sucht, sind nicht nur die Klischees, die ihre Generation prägten, die Slogans der Werbespots, die zu Maximen der Nachkriegszeit wurden. Im Rückblick erkennt Schilling vor allem, was sie als Kind nicht sehen konnte: die Spuren jener Zeit, von der auch ihr Vater, der starb, als sie elf Jahre alt war, nie sprach. In den Unmengen von Material findet sie jene seltenen Momente, in denen sichtbar wird, was die Shows mit aller Kraft zu verbergen versuchten: die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit, die Traumata des Krieges."

Die Sender

Was wird in 30 Jahren über die Fernsehshows von heute zu sagen sein?, fragt man sich da fast unweigerlich. Senderverantwortliche melden sich heute in den Medienressorts nicht zu Wort. Dieser Tage erst hatte allerdings der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm in einem Tagesspiegel-Gastbeitrag – am Montag auch hier im Altpapier verlinkt – freundlicherweise zur Kenntnis gegeben, dass Innovation für die ARD kein Fremdwort sei.

"kaum jene 'Innovation' gemeint haben, die die Programmdirektion für den 3. September angekündigt hat. Dann verbünden sich Thomas Gottschalk, 68, Günther Jauch, 62, und Jörg Pilawa, 52, zum Format 'Ich weiß alles!' Es ist – festhalten! – eine Quizshow. Auf die Idee, dass eine derartige Sendung im Ersten Deutschen Fernsehen gefehlt hat, können nur die Unterhaltungsexperten der ARD kommen."

Hat da jemand Innovation mit Restauration verwechselt? Der Punkt geht wohl an den Tagesspiegel.

Der Kritiker

Und nochmal der Tagesspiegel, der heute von den hier regelmäßig verarzteten Zeitungen das größte Medienressort-Programm auffährt: Joachim Huber interviewt Holger Kreymeier zum Ende von Fernsehkritik-TV. Dessen Diagnose passt im Großen und Ganzen gut ins Altpapier-Programm von heute, also bitte, here you go:

"Allerdings muss ich leider wirklich feststellen, dass Fernsehen seit Jahren im Wesentlichen auf der Stelle tritt. Sicher gibt es vereinzelt auch mal eine Innovation – und die mache ich dann auch zum Thema. Aber das reicht nicht mehr, um zwei Mal pro Monat rund 45 Minuten Programm damit zu füllen. Bei den Privaten habe ich das Gefühl, dass sie sich nichts mehr trauen. Sie sind im Würgegriff von großen Medienkonzernen, die möglichst ein Maximum an Dividende rausholen wollen. Da setzt man lieber auf Bewährtes, anstatt auch mal was zu riskieren und Geld zu verlieren. Und bei den Öffentlich-Rechtlichen ist es schlimmerweise genauso, obwohl die doch nun wirklich alle Freiheiten hätten, fortdauernd zu experimentieren."

Die Masche

Und wir gleiten nun nochmal, indizienbeweishalber, smooth hinüber in den Politikbereich der Öffentlich-Rechtlichen: Sommerinterviews. Auch hier wird Innovationsbedarf konstatiert, von Hans Hütt bei faz.net, der sich mehrere angesehen hat. Es gab mehrere gute Fernseh-Einzelinterviews mit Politikerinnen und Politikern in den vergangenen Wochen – etwa mit Angela Merkel bei "Anne Will" oder mit Horst Seehofer bei "Maischberger".

Die alljährlichen Sommerinterviewrituale, findet Hütt, stehen nicht in dieser Reihe. Er moniert die Zahnlosigkeit der Interviews: "Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios wirkte erstaunlich zahnlos" / "Keine weitere Frage dazu." / "Das Frage-Antwort-Spiel wirkt zu choreographiert." / "Das Interview wirkt erstaunlich unernst." / "Riexinger begnügt sich mit Pauschalbegriffen, ohne Rückfragen befürchten zu müssen." / "Beide Fragen bleiben ungestellt." / "Auch dazu fällt Herrn Baumann keine Frage ein." / "Aber auch dazu fällt Thomas Baumann keine Rückfrage ein." / "Baumann interessiert sich nicht dafür." / "Keine Nachfragen."

Kurz: "Die Sommerinterviews von ARD und ZDF sind in die Jahre gekommen. Aus dem Format ist eine Masche geworden. Sie geben sich zufrieden mit Politik-Ersatz. Das braucht niemand. Da kann man es auch gleich lassen."

Dazu fällt uns doch jetzt tatsächlich keine Rückfrage ein.

Altpapierkorb (Haltungsdebatte, "Infowars", "Tatort"-Quoten, weitere Fernsehkritiken)

+++ Die Debatte über Journalismus und vermeintlichen Aktivismus führt Meedia fort. Stefan Winterbauer arbeitet sich an einem Interview mit Georg Restle im Magazin journalist ab, in dem Restle etwa sagt: "Relevanz entscheidet sich in vielen Redaktionen nicht mehr danach, was viele betrifft, sondern danach, worüber viele reden.” Winterbauer findet: "Dahinter steckt ein gehöriges Maß an Verblendung und auch Arroganz, dem Publikum diktieren zu können, was es zu interessieren hat. Das hat noch nie funktioniert, in Zeiten von Social Media funktioniert es heute erst recht nicht." In der Winterbauer-Logik müssten morgen natürlich dann alle Zeitungen noch mehr über Jan Ullrich schreiben.

+++ Die SZ schreibt über die ultrarechte US-Plattform "Infowars" von Alex Jones: "Firmen wie Apple und Spotify ziehen nun Konsequenzen und entfernen Inhalte". Zeit wird’s.

+++ Ein großer Teil des Fernsehpublikums hat dem ziemlich gut besprochenen Schweizer "Tatort" (Altpapierkorb vom Montag) am Sonntag "die kalte Schulter gezeigt", meldete am Montag dpa – nachzulesen etwa in der FAZ, online bei der Stuttgarter Zeitung oder bei Meedia. Die "kalte Schulter" ist in dem Zusammenhang vielleicht ein eher schiefes Bild, weil die Leute – so lautet der gängigste Erklärungsansatz – auch deshalb vom Fernseher weggeblieben sein sollen, weil es zu heiß fürs Herumsitzen im Wohnzimmer war. Wobei: Auch der Marktanteil war nicht übertrieben hoch.

+++ Weitere Fernsehkritiken: in der SZ zur Arte-Doku "The Bomb" (20.15 Uhr) und zur BBC-Serie "Clique" (ab 8. August immer mittwochs, 21.15 Uhr, Sony-Mediatheken), bei Spiegel Online zum ZDF-Mittwochsfilm "Für meine Tochter" und im Tagesspiegel zu "The Program – um jeden Preis" über Lance Armstrong (ZDF, 23 Uhr).

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

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