Teasergrafik Altpapier vom 9. August 2018: Gerd Ruge im Bilderrahmen und eine Geburtstagstorte
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 9. August 2018 Debattenklimawandel, menschengemacht

Der Mann, der in der Sowjetunion aus Bullis sprang und "Und?" fragte, wird 90 Jahre alt. Franz Josef Wagner hat doch ein Herz. "Reichweite verpflichtet" gehört als Artikel ins digitale Grundgesetz. Nachrichten aus den USA macht der Datenschutz unerreichbar. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik Altpapier vom 9. August 2018: Gerd Ruge im Bilderrahmen und eine Geburtstagstorte
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Eine Pelzmütze aufsetzen. Richtung China fahren. Unterwegs Menschen ein Mikrofon vor die Nase halten. Und einfach mal nichts twittern. Das erscheint angesichts der heutigen Medientextausbeute das, wonach vielen Journalisten gerade der Sinn steht.

"'Das weiße Kreidekreuz, das ein Polizist in der Küche auf den Boden malte, dort, wo Senator (Robert, Anm. AP) Kennedy gefallen war, das ist das Erste, was man eigentlich als Realität erkannte, weil da ein Mann seinen Berufspflichten nachging, nüchtern und sachlich. Und mit einem Mal wurde klar, dass das alles kein Albtraum war.' Heute gäbe es vermutlich wackelige Handybilder, weil das Fernsehen immer für alles Bilder braucht, und niemand würde sich bemühen, die richtigen Worte für etwas zu finden, was er gerade erst langsam begreift, während man ihm beim Begreifen zuschauen kann. Nein, man würde dem Nächstbesten ein Mikrofon hinhalten, ihn nach seiner Stimmung befragen und konstatieren, dass doch alles gerade recht emotional sei. So einfach hat es sich Ruge nie gemacht."

Zum heutigen 90. Geburtstag von Gerd Ruge, einst Korrespondent in Jugoslawien (als es das noch gab), Russland (als diese noch UdSSR hieß) sowie Beijing (zu dem man damals Peking sagte), porträtiert Andrea Diener diesen auf der Medienseite der FAZ (). Der Text klingt wehmütig, weil: Gegenwart.

In dieser unsrigen veröffentlicht SPD-Politiker, Neuköllner Ex-Bürgermeister, RTL-Kofferverteiler sowie Bild-Zeitungs-Autor Heinz Buschkowsky eine Kolumne, in der er Formulierungen wie "Belehr-Rechtsstaat", "Volkshochschulpolitik", "Moralimperialismus" und "früher war am Klimawandel ja die Atombombe schuld" bemüht, um von sich zu weisen, dass es einen Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und dem sich erwärmenden Klima gibt. Buschkowsky grillt nämlich gerne. Da will man sowas nicht hören.

"Manche sagen, es liege an den Technologien: Social Media sei schuld, dass das Debattenklima derzeit rau ist. Aber das stimmt nicht: Der Debattenklimawandel ist in erster Linie menschengemacht. (…) Tatsächlich geht es vielen in vielen Debatten weniger um Ausleuchtung von Erkenntnisräumen als darum, dass sie sich ihre Normalität nicht von Argumenten schlecht machen lassen wollen. Ihr Ärger ist eine Empörung zweiter Ordnung: Es geht nicht um das Debattenthema, sondern um die Frechheit, dass es für andere überhaupt eines ist."

Ermüdet von der Lautstärke, das ist Altpapier-Kollege Klaus Raab im Medientagebuch der Wochenzeitung Der Freitag.

Im Gegensatz dazu: Früher (TM), back in Gerd-Ruge-Land (Hans Hoff, Medienseite der SZ):

"Nach Sibirien ging es, nach China, aber auch nach Südafrika oder nach Afghanistan. Diese Filme hatten alle etwas gemeinsam: den Mann, der irgendwo in der Pampa aus einem Kleinbus ausstieg und dem nächststehenden Bewohner sein blaues Mikrofon unter die Nase hielt. Er fragte dann, wie das Leben so ist, und gelegentlich wurde man den Eindruck nicht los, dass seine Frage nur aus einem Wort bestand: 'Und?'

Das ist ihm oft als journalistische Naivität vorgeworfen worden, und in der Tat hätte man solch eine Herangehensweise jedem Volontär um die Ohren gehauen. Aber bei einem wie Ruge verfingen solche Vorwürfe nicht, weil er zeit seines Tuns ein großer Menschenöffner geblieben ist. In seiner Gegenwart war gut reden. Sein Gegenüber spürte immer, dass da jemand wirklich an der Sache, am Menschen interessiert war und nicht bloß O-Töne abgriff."

Interesse am Gegenüber, gar an seinen Meinungen, auch wenn diese konträr zu den eigenen stehen? Aber doch nicht heute, im nur so genannten sozialen Medienzeitalter!

Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne:

"Im Grundgesetz steht bekanntermaßen 'Eigentum verpflichtet'. Gäbe es ein digitales Grundgesetz, es müsste drinstehen: 'Reichweite verpflichtet'. Elon Musk hat das nicht nur nicht verstanden er missbraucht seine Reichweite sogar aktiv. (…) Wenn Frauen es wagen, Musk zu kritisieren, kriecht regelmäßig ein Hassmob aus den Löchern: 'ugly', 'unfuckable', 'bitch', 'cunt'. (…) Die digitale Gesellschaft hat mit den Mobmaschinen bisher keinen sinnvollen Umgang gefunden. Man sagt oft leichtfertig 'Trolle', aber darin liegt eine Beschönigung, denn während die halbmythische Figur im Netz in erster Linie nervt, sind digitale Mobs lebensgefährlich."

Letzteres meint Lobo wörtlich Mobbing, auch digital, sei in Deutschland unter Kindern und Jugendlichen einer der häufigsten Gründe für Suizid.

Hingegen das Bilden von Banden in Ruges Aus-dem-Bulli-Spring-Zeiten (Kurt Sagatz, Tagesspiegel):

"Boris Pasternak, den russischen Autor von 'Doktor Schiwago', hat Ruge 1958 in Peredelkino interviewt. Daraus entstand eine Freundschaft, aus der heraus er Pasternak und seiner Familie mit gewagten Geldübergaben half, als die sowjetische Staatsführung den Autor wegen seines Literaturnobelpreises kaltstellte. Jahrzehnte später, als Ruge während des Putsches gegen Boris Jelzin erneut in Russland tätig war, stellte er kurzerhand zwei in Misskredit geratene russische Fernsehjournalisten im Moskauer ARD-Büro ein."

Entschleunigung und Empathie. Wenn es das ist, was Journalisten sich heute wünschen, sollten sie sich nicht durch das Vorhandensein von Twitter von beidem abhalten lassen.

Franz Josef Wagner, der Menschenfreund

Ein Mann, der vom Journalismus eines Gerd Ruge in etwa so weit entfernt scheint wie Twitter von StudiVZ (grenzwertige Überleitungen: ich kann es noch) heißt Franz Josef Wagner und schreibt seit vielen Jahren im Auftrag der Bild-Zeitung Briefe, die ihm ein erkleckliches Archiv beim Bildblog eingebracht haben. Schlichtweg, weil Wagner sich dort als ignoranter Vollpfosten inszeniert.

Daher überrascht es sehr, wenn Stefan Winterbauer bei Meedia nun zu Wagners 75. Geburtstag schreibt:

"Wer Wagner für einen Menschenverächter und Reaktionär hält, hat sich vermutlich nie länger als eine Briefe-Kolumne mit ihm befasst. Tatsächlich ist er ein Menschenfreund, was er bisweilen sehr gut verbergen kann. Einer, der mit viel Zartheit von Schwächen und Gefühlen schreibt. Und er ist ein Romantiker von der rauen Sorte, wie es heute höchstens noch eine Hand voll gibt."

Und, noch überraschender: Wenn man dieses Interview mit Wagner liest, das Michael Bahnerth und Erik Ebneter für die Basler Zeitung geführt haben, kann man Winterbauers Einschätzung sogar nachvollziehen.

Da beweist das Flüchtlingskind aus Mähren, dass es statt auf 40 Zeilen draufzuhauen durchaus zu differenzieren vermag, wenn man ihn lässt.

"Es macht natürlich einen Unterschied, ob du Franz Josef oder Mohammed heisst. Die heutigen Flüchtlinge haben es schwerer, als ich es hatte. Aber ich glaube, du kommst durch, wenn du dich anstrengst. Wir Deutschen sind ja offenen Herzens. Wir wollen diesen Menschen helfen",

erzählt Wagner zum Beispiel, oder auch

"Vielleicht sollte Angela Merkel mit der AfD koalieren. Sie hat noch jeden Partner plattgemacht".

Um es mit Stefan Niggemeier zu sagen:

"Das hier ist ein erstaunlich schönes, interessantes Interview mit Franz Josef Wagner."

Sowie eine weitere Reminiszenz an eine vergehende Zeit.

Altpapierkorb (Verhaftete Journalisten, Trendsport Fact-Checking, DSGVO)

+++ In Weißrussland sind mehrere Journalisten, darunter einer der Deutschen Welle, festgenommen worden, weil sie sich illegal Zugang zu den Inhalten der staatlichen Nachrichtenagentur verschafft haben sollen. Die Reporter ohne Grenzen nennen das eine Einschüchterung kritischer Stimmen (tagesschau.de). In Bangladesh wurde der Blogger und Fotograf Shahidul Alam verhaftet. "Als Grundlage für seine Verhaftung zieht die Polizei den drakonischen Information Communications Technology Act heran. Das vor fünf Jahren überarbeitete Gesetz nutzt die Regierung seitdem zur Verfolgung von politischen Gegnern, Journalisten oder kritischen Bürgern. So reicht es, Inhalte zu veröffentlichen, die die Öffentlichkeit 'verderben oder korrumpieren', 'Recht und Ordnung' stören oder dem Image des Staates oder einer Person Schaden zufügen", schreibt Tomas Rudl bei Netzpolitik.org.

+++ "Man könnte meinen, die deutsche Medienlandschaft sei, was Vielfalt angehe, weiter als die Gesamtbevölkerung. Doch die Statistik zeigt: Das Gegenteil ist der Fall." Inga Mathwig und Sabine Schaper berichten bei "Zapp".

+++ Der Trendsport Fact-Checking und seine Herausforderungen sind das Thema von Bettina Köster im Deutschlandfunk bei "@mediasres".

+++ Was macht eigentlich unsere gute Freundin, die DSGVO? Dafür sorgen, dass aus Europa über 1.000 US-amerikanische Nachrichtenseiten nicht erreichbar sind, berichtet das Nieman Lab (deutsche Versionen bei Meedia und Heise).

+++ Filmproduzentin Regina Ziegler hat ihre Autobiografie geschrieben. Karl-Otto Saur rezensiert sie in der Medienkorrespondenz.

+++ Die Schüler der Deutschen Journalistenschule möchten für ihr Magazin Pronx nicht nur aus der Provinz berichten, sondern dieses gedruckt auch in selbige liefern und bedürfen dafür Crowd-Unterstützung bei Startnext.

Neues Altpapier gibt es morgen wieder.

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