Teasergrafik Altpapier vom 17. August 2018: Donald Trump vor einem zerbrechenden Spiegel auf dem #FreePress steht.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 17. August 2018 Verteidigt oder verrannt?

Die US-Presse hätte gerne Thomas Jefferson zurück. Demonstrieren die Zeitungen mit dem Aufruf #FreePress Stärke und Entschlossenheit oder heben sie Trump nur wieder unnötig ins Rampenlicht? Und es gibt Beweis Nr. 1728 dafür, dass doch nicht jeder Mensch mit Handykamera investigative Rechercheskills drauf hat. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 17. August 2018: Donald Trump vor einem zerbrechenden Spiegel auf dem #FreePress steht.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Wenn rund 350 Zeitungen in den USA sich zusammenschließen und gleichzeitig Editorials zu einem Thema veröffentlichen, kann es eigentlich nur um eines gehen: Den US-Präsidenten Donald Trump und seine (verbalen) Angriffe auf die Presse (gestern kurz im Altpapierkorb angeschnitten, siehe z.B. auch dieses Altpapier).

Der Boston Globe, der die Aktion initiiert hatte, unterfüttert seinen Appell an die Unterstützung einer freien Presse im Land mit Zahlen einer Ipsos-Umfrage aus den USA. Daraus ergibt sich: 29 Prozent der US-Amerikaner sehen die Presse tatsächlich als "Feind des Volkes" an, was in dem Editorial auch als "central pillar of President Trump’s politics is a sustained assault on the free press", bezeichnet wird:

"Journalists are not classified as fellow Americans, but rather 'the enemy of the people.' This relentless assault on the free press has dangerous consequences."

26 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Trump Medienhäuser schließen dürfen soll, die "schlechtes Verhalten" an den Tag legen (wie auch immer sie das definieren). Und 13 Prozent befürworten tatsächlich die Schließung von "Mainstream-Medienhäusern" wie CNN, Washington Post oder The New York Times durch Trump. 

Das Committee to Protect Journalists (CPJ) hat zu diesem Anlass einen Hintergrundbericht über die Situation US-amerikanischer Journalisten veröffentlicht. Daraus ergibt sich, dass in diesem Jahr vier Journalisten und ein Media Worker in den USA ermordet wurden, bei der Attacke auf die Redaktion der Capital Gazette in Annapolis (siehe dieses und jenes Altpapier). Ein weiterer Journalist, Zack Stoner, sei getötet worden. Die genauen Hintergründe sind aber bisher nicht ganz klar. Das bedeutet laut CPJ:

"This is the deadliest year for journalists in the United States since CPJ began keeping records in 1992. At this point in 2018, the United States is the third deadliest country globally after Afghanistan and Syria."

Und der US Press Freedom Tracker ergibt, dass in diesem Jahr bisher 31 Journalisten körperlich angegriffen worden. In der Tagesschau berichtet auch Jan Philipp Burgard, Washington-Korrespondent der ARD, von Drohungen und Angriffen gegen Journalisten. Diese hätten in seinem Arbeitsalltag deutlich zugenommen und Trump hetze die Menschen nicht nur online, sondern auch bei Veranstaltungen gezielt gegen Journalisten auf:

"Bei einer Veranstaltung in Kentucky da antwortete mir ein Unterstützer Trumps auf eine ganz normale Frage mit den Worten: ‚Solche wie dich sollte man erschießen.‘"

Kurz zur Erinnerung für diejenigen, die verwirrt sein sollten: Hier geht es nicht um eine Episode "House of Cards", sondern um die Realität.

Teufelskreis

Die New York Times schrieb "The Free Press Needs You" und holte sich für diese Aufforderung Hilfe bei Thomas Jefferson und dem Supreme Court. Ihre Leserinnen und Leser forderte die Graue Lady auf:

"If you haven’t already, please subscribe to your local papers. Praise them when you think they’ve done a good job and criticize them when you think they could do better. We’re all in this together."

Nun hat die Aktion sicherlich eine große Symbolkraft. Ob die nun aber tatsächlich helfen kann, die Situation von Journalisten in den USA zu verbessern, dessen ist man sich weder in den USA noch in Deutschland einig. Im Interview mit Thorsten Schröder bei Zeit Online sagt Megan Schrader, sie leitet die Meinungsseiten der Denver Post im Bundestaat Colorado, etwa:

"Ich fürchte, dass wir beim Präsidenten selbst damit nichts bewegen können. Im Gegenteil, es ist sehr wahrscheinlich, dass er mit seinen Angriffen jetzt erst recht noch einmal nachlegt."

Stattdessen sei es ihr vor allem wichtig, die Nutzer und Leserinnen anzusprechen:

"Ich hoffe sehr, dass wir sie damit erreichen, und um sie geht es mir persönlich am meisten. Ich will ihnen vor allem versichern, dass wir wirklich bemüht sind, die Fakten zu liefern und sie richtig wiederzugeben. Wir haben keine Agenda, wir sind nicht darauf aus, den Präsidenten um jeden Preis zu stürzen. Ich will unseren Lesern hier in Colorado verständlich machen, dass wir unsere Sache ernst nehmen."

Schrader ist sich aber auch bewusst, dass Trump und dessen Provokationen durch eine solche Aktion immer weiter in den Fokus gerückt werden:

ZEIT ONLINE: Fragen Sie sich jemals, ob sie zu viel über Trump berichten und eine gewisse Müdigkeit einsetzt?

Schrader: Definitiv. Als Redakteurin habe ich selbst Momente, in denen ich merke, dass ich keine Lust habe, noch eine Geschichte über den Präsidenten zu lesen. Wir versuchen, nicht nur ständig auf das zu reagieren, was Trump tut und sagt. Denn das Ganze wird schnell zu einer Art Teufelskreis. Wir Journalisten schreiben über die jüngsten haarsträubenden Äußerungen von Trump. Aber anstatt sich das zu Herzen zu nehmen und sich vielleicht etwas zu zügeln, legt er nach und beschimpft uns als Fake-News. Das wiederum zwingt uns auf gewisse Weise, zu reagieren. Das ist ein gefährlicher Kreislauf, in dem wir uns befinden.

Vorschläge, um aus diesem Kreislauf auszubrechen, lieferte der US-Medienwissenschaftler Jay Rosen vergangene Woche im Interview mit der Zeit (siehe Altpapier). Er regt z.B. an, sich doch nach einer Agenda zu richten, das aber eben mit maximaler Transparenz.

So kann resümiert werden: Einerseits demonstrieren die US-Zeitungen durch diese Aktion Geschlossenheit und zeigen, dass es nicht bloß vereinzelte Journalisten sind, die sich von Trump ungerecht behandelt fühlen, sondern, dass hier die Vierte Gewalt an sich angegriffen und delegitimiert wird und damit auch die demokratische Ordnung. Andererseits ist es eben wieder Trump mit seinen destruktiven Aktionen und Provokationen, der die Schlagzeilen dominiert.

Heute Feind, morgen Tee

Auch in den USA sehen nicht alle die Initiative #FreePress durchweg positiv: Die Aktion unterstreiche die These aus republikanischen Kreisen, die Medien hätten sich gegen den US-Präsidenten verbündet, heißt es im Editorial der Baltimore Sun. Mit verschiedenen Akteuren eine bestimmte Botschaft zu verbreiten, sei eher Sache von Politik oder PR-Leuten, nicht von Journalistinnen und Journalisten, kritisierte James Freeman beim Wall Street Journal.

In der taz stellt Peter Weissenburger in Frage, ob Trump die Pressefreiheit in den USA überhaupt ernsthaft gefährdet oder Journalisten sich in einem "Trump-Antagonismus" verrennen:

"Es ist selbstverständlich die Aufgabe der Presse, einem reaktionären Demagogen wie Donald Trump täglich Kontra zu geben. Aber wenn nun der Boston Globe, Initiator der #FreePress-Aktion schreibt, der Präsident habe 'nach allen Kräften versucht, kritische Journalist*innen einzuschüchtern', müssten sich eigentlich alle totlachen, die gerade versuchen, in der Türkei, in Thailand oder auf den Philippinen ihre Arbeit als Jour­nalist*in zu machen. Nicht nur ist die Presse in den USA viel zu mächtig und gut vernetzt, um sich Sorgen um Repressionen machen zu müssen – der Präsident hat auch überhaupt kein Interesse daran, ihr zu schaden. Wen Trump heute zum Feind erklärt, mit dem trinkt er morgen Tee und andersherum."

FAZ-Medienhaudegen Michael Hanfeld schreibt heute eher moderat (es geht ja auch nicht um den Rundfunkbeitrag) und begrüßt positive wie auch negative Stimmen zu der Initiative.

"Mit dieser Meinungsvielfalt, zu der eben auch Pro-Trump-Stimmen zählen, zeigt die amerikanische Presse ihre Stärke. Die Leser starren nicht, wie Trumps Twitter-Fans, auf einen Text und hören nur eine Stimme, sie hören viele, denen aber eines gemeinsam ist: Sie lassen sich von Donald Trump nicht die Ehre nehmen. Und sie machen weiter ihren Job, was bedeutet, dass sie Reden und Handeln des Fake-News-Präsidenten 24/7 im Kleinen wie im Großen auf den Prüfstand stellen. So beweist die amerikanische Presse am allerbesten, was das Land an ihr hat."

Wer noch nicht genug von dem Thema hat, kann natürlich noch bis übermorgen weiterlesen: Bei den üblichen Verdächtigen gibt’s noch mehr, z.B. beim Spiegel und der SZ.

Gefakter Fake?

"Feind des Volkes" und "Fake News" schreien sie aber auch hier in Europa, zum Beispiel in Tschechien, aber auch in Deutschland. Hier kommt Beweis Nr. 1728, dass man das Journalistenhandwerk doch lieber den Journalistinnen und Journalisten überlassen sollte, statt einfach irgendwelche Behauptungen ungeprüft in die Welt zu setzen:

Denn seit einigen Wochen verbreitet sich ein Video in den sozialen Medien, das angeblich zeigen soll, wie Journalisten inszenierte Bilder von geflüchteten Menschen in Seenot drehen. "And that is exactly how it works, what they are playing at us on TV", sagt der Mann hinter der Kamera. Entstanden ist das angebliche Aufdeckungsvideo scheinbar durch einen Tschechen am Strand von Kreta.

"Czech films fake migrant drowning video off coast of Crete", heißt das Video bei Youtube. Bisher wurde es knapp 50.000 mal abgerufen. Correctiv ist aufgefallen, dass auch die deutschen Blogger David Berger von "Philosophia Perennis" und Oliver Janich von "Oliver Janich Investigativ" den angeblichen Beweis für Betrug durch Journalistinnen unter ihre Follower gebracht haben. (Kurzer Sevice-Einschub für Medienmenschen, die’s noch nicht kennen: Correctiv nutzt zur Archivierung dieser beiden Links die Wayback Machine. Damit können Webpages gespeichert und deren Abrufbarkeit gesichert werden, auch wenn der Betreiber sie ändern oder löschen sollte).

Jacques Pezet hat die Herkunft des Videos für den Correctiv-Faktencheck "EchtJetzt" nachgezeichnet und kommt zu dem Schluss: Es handelt sich um einen gefakten Fake, oder (falls ohne Absicht geschehen) zumindest eine vorschnelle Schlussfolgerung. Jedenfalls stimmen die Unterstellungen nicht. Denn über eine Onlinekarte, Anrufe bei zwei Restaurants, und Kontaktaufnahmen mit einem Kameramann und einer Regisseurin kam heraus: Bei den gefilmten Szenen handelt es sich um Material für einen Dokumentarfilm über griechische Flüchtlinge während des Griechisch-Türkischen Kriegs von 1919 bis 1922.

"In ihrer Antwort bestätigte die Regisseurin Eleni Vlassi, dass das im Internet kursierende Video den Dreh ihres Films 'Land of the Painful Mary' zeigt. Weiter schreibt sie, dass das kursierende Video ohne ihre Erlaubnis gedreht wurde und warnt davor, dass sie juristische Schritte gegen alle Personen, die Falschmeldungen über den Dreh ihres Films verbreiten, einleiten könnte. Die Regisseurin betont, dass die gefilmte Szene keinerlei Bezug zu heutigen Migranten habe, sondern die Situation griechischer Flüchtlinge aus Kleinasien im Jahr 1922 thematisiere."

Altpapierkorb (Rundfunkbeitrag, Zensur durch Google, Sonnencremelobhudelei, Onlinekommentare)

+++ Und täglich (naja, fast) grüßt der Rundfunkbeitrag: Seit gestern gibt es nun die Formulare, mit denen Beitragszahler sich von der vom Bundesverfassungsgericht gekippten (Link zum Altpapier) Gebühr für die Zweitwohnung befreien lassen können. Dafür muss man nun ausgerechnet selbst eine bzw. zwei Meldebescheinigungen einreichen. Das sorgt wegen anfallender Kosten (etwa 20 Euro) für Ärger. Klar, für den Beitragsservice ist das wohl deutlich weniger Aufwand, gleichzeitig aber für das sowieso schon bescheidene Image der Abgabe ein weiterer unkluger Move. Denn nach den Ankündigungen des Beitragsservices aus den vergangenen Monaten "könnte man glauben, dem Beitragsservice falle es leicht, an solche Nachweise zu kommen. Schließlich hat er erst im Mai zum zweiten Mal einen so genannten Meldedatenabgleich durchgeführt und seine Daten mit denen von knapp 71 Millionen volljährigen Personen, die bei den Meldebehörden vorliegen, verglichen – um danach jene anzuschreiben, bei denen unklar ist, ob sie beitragspflichtig sind oder nicht." Das schreibt Hans Hoff auf der SZ-Medienseite. Infos gibt’s auch in einer AFP-Meldung bei der FAZ.

+++ Dass Google plant, für China Suchmöglichkeiten inklusive Zensur zu bauen, hatten wir hier schon mal berichtet. Mitarbeiter stellen sich nun in einem Brief gegen das Vorhaben, berichtet die New York Times.

+++ Die Sache mit der Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten in Frauenzeitschriften bleibt weiter, ähm, verbesserungswürdig. In der Medienkolumne bei Deutschlandfunks "@mediasres" kritisiert Silke Burmester prominente Hinweise auf eine Sonnencreme in einem Interview der Brigitte: "Der Ausverkauf journalistischer Grundsätze bei Frauenzeitschriften an die Mode-, Gesundheits- und Kosmetikindustrie ist nicht neu. Auch nicht bei anderen Redaktionen. Doch selten kommt er so unverblümt daher."

+++ Mehr Senf zur Debatte um Onlinekommentare und deren Abschaltung bei der Deutschen Welle: Für Meedia.de hat Alexander Becker den Medienwissenschaftler Stephan Weichert interviewt. Er könne die Entscheidung von Chefredakteurin Ines Pohl zwar nachvollziehen, sagt der Hamburger Prof und Gründer des Think Tanks Vocer. "Aber finde das, was die Deutsche Welle machen möchte, sehr gewagt, weil es die Problematik nicht wirklich löst, sondern sich Hassprediger und Trolle einfach in andere Foren verziehen und dort weiter ihr Unwesen treiben. Gesellschaftlich gesehen wird das Problem damit also nicht gelöst, sondern nur verschoben und verlagert. Außerdem könnte diese Maßnahme, den Dialog zu unterbinden, eine Sackgasse sein für den Fall, dass das Publikum der Deutschen Welle den Eindruck hat, dass es nicht mehr gehört und wahrgenommen wird und sich im schlimmsten Falle abwendet."

+++ Bei Twitter wird mal wieder gehatet, von Julian Reichelt und gegen Julian Reichelt. Genaueres hat Moritz Tschermak beim Bildblog aufgeschrieben.

+++ Die Schweizer Wettbewerbskommission genehmigt die Gründung eines Joint Ventures von AZ Medien und der NZZ, trotz Bedenken. Zwar "bestünden Anhaltspunkte, dass die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens in den Lesermärkten eine marktbeherrschende Stellung begründe oder verstärke", berichtet persoenlich.com. "Allerdings sei nicht zu erwarten, dass die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens den beteiligten Unternehmen die Möglichkeit der Beseitigung wirksamen Wettbewerbs auf den genannten Märkten eröffnet."

+++ "Why Can’t Europe Do Tech?", fragen sich Jeremy Kahn und Stefan Nicola bei der Bloomberg Businessweek. Trotz guter Unis, Infrastruktur und großer Bevölkerungszahl bleibe Europa "the globe’s consumer-tech underachiever", wundern sich die Journalisten und begeben sich auf eine Reise durch die Europäische Start-Up-Szene.

+++ In der Medienkolumne bei evangelisch.de zieht Altpapier-Autor Christian Bartels ein Zwischenfazit zu DSGVO und NetzDG. Viel Kritik sei berechtigt. Kritiker, die Google und Facebook einfach mal rasch zu Infrastruktur erklären, verdienten aber ebenfalls welche. Dazu stellt er die Frage, ob eine Einladung, beim neuen Medienstaatsvertrag mitzumachen, tatsächlich zu besseren Gesetzen führen kann?

+++ Wieder ein Preis für den festen, flauschigen Jani, dieses Mal die Rose d’Or der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Eine dpa-Meldung dazu gibt’s bei der NOZ. Hier steht die Mitteilung der EBU.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Montag.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.