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Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 20. August 2018

Ich hab seriöse Polizei

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verteidigt lieber seine Polizei als die Pressefreiheit. Die "Tagesschau" wird mal wieder für ihre Nichtberichterstattung über eine Gewalttat kritisiert – aber es ist halt auch recht durchsichtig. Und warum ist die Doku "Kulenkampffs Schuhe" nicht mehr in der Mediathek? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Klaus Raab

Glückwunsch an Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen hat es mit einem Facebook-Post in die Bild-Zeitung geschafft: Er hat darin die "Tagesschau" dafür kritisiert, nicht über den mutmaßlich von einem Asylbewerber begangenen Mord an einem Arzt in Offenburg berichtet zu haben.

"Nicht über so einen tragischen und ungewöhnlichen Fall zu berichten erweckt den Eindruck, man wolle wie in Köln eben nicht berichten, weil der Tatverdächtige ein Asylbewerber ist. Das nährt die These von den Systemmedien und macht die Empörung im Netz um so größer", so lautet eines seiner drei Argumente.

Während Palmer mit dem zweiten Satz so tut, als würde er die Stimmung gegen Medien nicht mittragen, sondern nur wahrnehmen, schürt er sie im ersten, indem er die Chiffre "Köln" – gemeint wird wohl die Neujahrsnacht 2016 sein – als vermeintlichen Beleg journalistischen Versagens in der Berichterstattung über Geflüchtete aufruft.

Es sekundiert im Bild-Bericht: "Rainer Wendt (61), Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft" – da hat die Bild-Redaktion sicher lange überlegt, wen man zur Sache noch befragen könnte. "Boris Palmer hat recht", schreibt er selbstredend. "Natürlich hätte man berichten müssen. Jetzt haben Verschwörungstheoretiker und rechte Populisten wieder neue Munition bekommen!"

Diese Logik ist so bekannt wie zermürbend. Damit "Verschwörungstheoretiker und rechte Populisten" keine neue Munition bekommen, muss man sich ihrem Willen fügen? Ich glaube nicht. Es wäre die Kapitulation des Nachrichtenjournalismus vor deren medialen und social-medialen Kampagnenversuchen. Und wenn Resonanz und gesamtgesellschaftliche Relevanz identisch wären, könnte die "Tagesschau" ja auch unter dem Namen "Brisant" laufen.

Und dass die Bild, die es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen scheint (Bildblog), das Ganze hochzieht, ist im Rahmen ihrer flüchtlingskritischen Berichterstattung eh durchsichtig. Ausbleibende "Tagesschau"-Berichterstattung über Morde deutscher Männer an ihren Ehefrauen macht sie jedenfalls selten zum Thema.

"Das Publikum bestimmt die Nachrichtenagenda"

Aber die Debatte ist da, und "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke hat sich am Samstag im Sendungsblog selbst dazu verhalten:

"Wir berichten in der Tagesschau über Dinge von gesellschaftlicher, nationaler oder internationaler Relevanz. Dinge, die für die Mehrzahl der rund 83 Millionen Deutschen von Bedeutung sind. Dabei können wir nicht über jeden Mordfall berichten". (…) Wo die Meinungen auseinander gehen, ist die Frage, ob wir darüber berichten sollten, wenn es sich beim Tatverdächtigen um einen Asylbewerber handelt. Aus meiner Sicht sollten wir das dann tun, wenn Asylbewerber überproportional an Tötungsdelikten beteiligt wären. Das ist, soweit wir es recherchieren können, nicht der Fall. Deshalb haben wir uns gegen die Berichterstattung entschieden."

Die über der Diskussion schwebende Medienfachfrage ist: Sind die Kontroversität eines Themas und seine emotionale Beladung ein nachrichtenjournalistisches Relevanzkriterium oder nicht?

Auch hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen. In der taz klingt im Rückblick auf die ähnlich gelagerte Debatte über den Mord in Freiburg die Position an, eine Nachrichtensendung solle sich nicht in die Agenda quatschen lassen:

"In der Tagesschau wurde der Fall tagelang nicht erwähnt. Als sich Internetnutzer darüber beschwerten, erklärte der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke, im Netz, dass Freiburg ein 'abscheulicher Einzelfall' gewesen sei, der keine gesamtgesellschaftliche Relevanz habe. Schließlich gab der Sender aber nach und berichtete doch. Das Publikum bestimmte die Nachrichtenagenda, Einzelfall hin oder her."

Im Tagesspiegel dagegen kommt Kurt Sagatz im aktuellen Fall zum Schluss:

"Relevanz ergibt sich nicht allein aus Grundsätzen, sondern auch aus der Resonanz, die Ereignisse in der Bevölkerung auslösen. Über den Mordprozess in Freiburg berichtete später auch die 'Tagesschau'. Doch um diese Form der Relevanz zu beurteilen, braucht es eine gewisse Zeit. Diese sollte – wie allen Medien – auch der 'Tagesschau' gegeben werden."

Zeit zur Recherche und zur internen Beobachtung der gesellschaftlichen Dynamik – zumindest das könnte schon auch Boris Palmer von den Grünen zugestehen, bevor er bei Facebook losledert.

Ein ZDF-Team, Pegida und die Polizei

Das sächsische Innenministerium fordert das doch schließlich auch: ein bisschen Zeit. "Wir sollten keine geschnittenen Filme voreilig bewerten, sondern in Ruhe das gesamte Rohmaterial anschauen", teilte das Ministerium mit.

Zu dem Zeitpunkt lag das Kind aber schon im Brunnen. Worum geht es?

"Am Rand des Besuchs von Bundeskanzlerin Merkel in Dresden ist ein Kamerateam, das im Auftrag des #ZDF unterwegs war, etwa eine Dreiviertelsrunde von der Polizei festgehalten worden. Das Team war vorher von einzelnen Pegida-Demonstranten verbal angegriffen worden", twitterte das ZDF.

Ein zweiminütiges Video des ZDF-Journalisten Arndt Ginzel – der besagte "geschnittene Film" – zeigt die Auseinandersetzung des Teams mit einem mit Deutschlandhütchen bekleideten Demonstranten und schließlich mit Polizisten, die eine "Maßnahme" durchzuführen ankündigen – und zwar gegen das Fernsehteam. Ginzel erhob den Vorwurf, sächsische Polizeibeamte würden "sich zur Exekutive von #Pegida/#AfD-Anhängern" machen.

Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer twitterte daraufhin schließlich zunächst: "Die einzigen Personen, die in diesem Video seriös auftreten, sind Polizisten."

Zu den Personen, die in der Kommentierung der Sache seriös auftreten, gehört Kretschmer damit allerdings nicht. Katja Thorwarth wird in der Frankfurter Rundschau deutlich: Seine

"Aussage diskreditiert Journalisten, indem sie sie mit Wutbürgern gleichsetzt. Sie kann nur als eine Anbiederung an das Pegida-AfD-Klientel gewertet werden – es wäre nicht die erste. (…) Tatsächlich scheinen Teile der sächsischen Polizei vom Pegida-Geist schon so weit durchdrungen, dass sie sich zu Helfern der rechten Pöbler machen und das geltende Recht zu Ungunsten des Rechtsstaates auslegen. Die Presse wird am Ausüben ihres Informationsauftrags gehindert, die Bedrohung durch die Rechte in Recht, das Recht in eine mögliche Straftat umgedeutet.(…) Sogenanntes Volksempfinden wiegt scheinbar mehr als die objektive Einschätzung einer Situation."

Und taz-Chefredakteur Georg Löwisch kommentiert Kretschmers Seriösitätsbegriff:

"Ja, was ist denn seriös? Seriös ist das Grundgesetz, in dessen Artikel 5 es heißt: 'Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.' Seriös ist es da selbstverständlich, wenn Journalisten Demonstranten filmen. Seriös wäre es, wenn die Polizei sie davor schützt, an ihrer Arbeit gehindert zu werden. Stattdessen veranstaltet die Polizei eine Maßnahme, deren Begründung fadenscheinig und deren Umständlichkeit sagenhaft sind. Seriös wäre es, wenn die Polizei die Behauptung eines Mannes, bei einer Demonstration nicht gefilmt werden zu dürfen, ins Verhältnis setzt gegen das öffentliche Interesse an der Berichterstattung. Das ZDF muss sich wehren. Gut, dass es Aufklärung verlangt. Und Sachsens Ministerpräsident muss sich zur Pressefreiheit bekennen. Das wäre seriös."

Dass wir von der Angelegenheit noch hören werden, ist wahrscheinlich. Weitere Reaktionen gibt es etwa bei t-online.de, faz.net, spiegel.de, sueddeutsche.de, der Leipziger Volkszeitung und auch drüben bei mdr.de.

Wo sind Kulenkampffs Schuhe?

Enden wir etwas leichter: mit der Samstagabendunterhaltung.

"Die große Show ist tot – es lebe die aufgeblähte", schreibt David Denk in der Süddeutschen Zeitung über die am Wochenende erstmals ausgestrahlte RTL-Show mit dem wegweisend aufgeblähten Titel "Denn sie wissen nicht, was passiert. Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show", der selbst als Akronym – DSWNWPDJGSS – seine Längen hat:

"Knapp vier Stunden – reichlich Werbung inklusive – dauerte die Premiere. Zeugte es früher von der Fülle des Ablaufplans und der Ausnahmestellung Gottschalks, dass er bei Wetten dass..? gottgleich überziehen durfte, ist Länge im Showfernsehen längst zum Selbstzweck geworden. Um bis Mitternacht senden zu dürfen, muss noch nicht mal viel passieren."

Vielleicht ist es da kein Wunder, dass der Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe" im August gut angenommen wurde. "Er machte klug, er war unterhaltsam und mit 12,6 Prozent Marktanteil und 1,93 Millionen Zuschauer sehr erfolgreich für eine Dokumentation, die um 22.30 Uhr begann und satte 90 Minuten dauerte", schreibt Hans Hoff bei DWDL – und womöglich hat sich mancher zudem auch einfach gern an die großen Zeiten der Unterhaltungsshows mit Kulenkampff oder Hans Rosenthal erinnert.

Warum aber ist der Film schon jetzt, nach ein paar läppischen Tagen, nicht mehr in der ARD-Mediathek? Trommelwirbel:

"Ein Anruf beim produzierenden SWR bringt rasch Klarheit. Dort weiß man, dass eine längere Verweildauer der Doku schlicht und einfach an den Rechtekosten scheitert. Weil der Film nämlich komplett aus Archivmaterial besteht, das eben nicht nur aus den Regalen der Sendeanstalten stammt, müssen für jeden Schnipsel die Rechte verhandelt und, ganz wichtig, bezahlt werden."

Ja, natürlich irgendwie blöd. Andererseits:

"Es macht im Umkehrschluss das Fernsehen wieder zu etwas Exklusivem, vergleichbar vielleicht zu den Kunstwerken von Christo. Die kann man auch immer nur zu einer bestimmten Zeit erleben. Wer nicht da war, hat sie halt verpasst."

Altpapierkorb (Talkshows, #beHype, Julian Reichelt, Dunya Hayali)

+++ Die Talkshows kommen nach und nach aus der Sommerpause zurück. Joachim Huber stimmte das Tagesspiegel-Publikum mit Auszügen aus einem dpa-Interview mit Anne Will ein.

+++ Die SZ rezensiert das neue Egmont-Ehapa-Magazin #beHype ("ja, im Ernst, mit Hashtag und topmoderner Klein/Großschreibung").

+++ Und bespricht "Wir sind alle Astronauten" (Arte).

+++ Christian Stöcker schreibt bei Spiegel Online über die gestiegene Angst der Eltern, dass ihren Kindern etwas zustößt. Und weist auf ein paar mögliche mediale Zusammenhänge hin: "Früher wurden die entführten Kinder im Kino am Ende meist gerettet. Heute ist ein ermordetes Kind als maximal emotionalisierender Ausgangspunkt einer TV-Serie ein gängiges Stilmittel. (…) Ich glaube, dass die Unterhaltungsbranche hier von einer ähnlichen Motivation angetrieben wird wie der Journalismus, und ähnliche Mechanismen bedient wie soziale Medien, die Inhalte algorithmisch sortieren: Maximale emotionale Wucht verspricht maximale Aufmerksamkeit. Und was könnte emotionalisierender sein als ein entführtes oder gar ermordetes Kind?"

+++ Mehr über die lieben Kleinen: Frank Rieger auf der FAS-Medienseite über Handys in der Schule: "Eine sinnvolle Strategie für die Digitalisierung des Unterrichts wäre, die dafür nötigen Apps und Konzepte in kundiger öffentlicher Regie als freie Software zu entwickeln, begleitet von entsprechender Forschung und Evaluierung. (…) Die wichtigste Lehre ist jedoch: Digitalisierungsstrategie bedeutet auch immer Aufmerksamkeits-Management-Strategie."

+++ Ebenfalls in der FAS: Harald Staun über Bild und Chef Julian Reichelt: "In der Debatte um die Abschiebung des Tunesiers Sami A. vergeht kaum ein Tag, an dem die "Bild"-Zeitung nicht versucht, neue Maßstäbe an Bösartigkeit und Perfidie zu setzen."

+++ Und Stefan Kuzmany glossiert im Spiegel (€) die Begründung Dunya Hayalis, sie habe im Sommer eine Veranstaltung der deutschen Glücksspielbranche moderiert, "um sich ihren eigenen Vorurteilen zu stellen" (Altpapier): "Mit ihr lässt sich praktisch jede Handlung rechtfertigen. Jeder Ausrutscher und jedes moralisch fragwürdige Geschäft wird so zur mutigen Expedition in die eigene Seele. Im Bordell gewesen? Crack geraucht? Oder, Gott bewahre,für ein Foto mit Erdoğan posiert? 'Ich habe es nur getan, um mich meinen eigenen Vorurteilenzu stellen.' Darauf hätte der Özil mal kommen müssen."

Frisches Altpapier kommt am Dienstag.