Das Altpapier am 1. Oktober 2018 Im Promo-Modus

Die ARD bewirbt bis in die Nachrichten hinein die Zweitausstrahlung von "Babylon Berlin". Wurde der Aufstieg der AfD auch durch Filmprojekte wie "Unsere Mütter, unsere Väter" mitgeebnet? Ein ehemaliger BamS-Chef findet: Zwei bis drei Prozentpunkte der AfD-Stimmen gehen auf das Konto der "Bild". Und: Warum kam "konkret" nicht in den Handel? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 1. Oktober 2018: Schriftzug Babylon Berlin mit Portraitfoto von Volker Herres und goldene Luftballons drumherum.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/Panthermedia/dpa/MDR/MarcoProsch

Na, auch gefeiert gestern? Es ist Tag 1 nach dem ARD-Start von "Babylon Berlin" – da wird einiges los gewesen sein am Sonntagabend in den Wohnzimmern der Republik. Die ARD hat jedenfalls alles dafür getan, dass die Serie auffällt.

Nicht nur hat sie den sonntäglichen "Tatort" geopfert. Sondern sie hat auch intensiv im eigenen Programm auf die Ausstrahlung hingewiesen. Auch der Tagesspiegel hat das beobachtet und hat das Vorab-Interview mit Programmdirektor Volker Herres so begonnen: "Lieber Herr Herres, wer in den vergangenen Wochen die ARD eingeschaltet hat, kam an den Werbeeinblendungen für 'Babylon Berlin' nicht vorbei".

Herres sprach dann in Superlativen: Er "gehe "davon aus, dass 'Babylon Berlin' am Sonntag den meistgesehenen Serienstart des Jahres hinlegt", sagte er. Auch die ARD-Pressestelle hat, rechtzeitig zum Beginn am Sonntag um 20.15 Uhr, von Großem getwittert: "Es ist das TV-Ereignis des Jahres", "Free-TV-Premiere", "Fernseh-Highlight" usw. usf. Und auch die "Tagesthemen" vom Samstag stimmten auf die Serienprogrammierung mit einem längeren Festbeitrag (ab Minute 9:20) ein: "'Babylon Berlin' beginnt morgen um 20.15 Uhr hier im Ersten", schloss Pinar Atalay am Ende.

Der "Serienstart des vergangenen Jahres"

Wer am Sonntag also nicht eingeschaltet hat, kann eigentlich nur ein Banause sein.

Oder hat das "TV-Ereignis des Jahres" 2018 halt doch schon 2017 beim Projekt-Partner Sky gesehen. Dass "Babylon Berlin" dort bereits gelaufen ist, hat man zwar auf Medienseiten in Rezensionen, historischen Einordnungsversuchen und Interviews am Wochenende noch einmal lesen können. Etwa bei der Frankfurter Rundschau, wo online, korrekterweise, vom "Serienstart des vergangenen Jahres" die Rede ist.

Die ARD selbst allerdings verfolgte im Vorfeld eine eher hausinterne Logik. Dass die Serie preisgekrönt ist, ging definitiv nicht unter. Dass die ARD-Ausstrahlung eine Wiederholung ist, dagegen schon. Hier bei "Tagesschau24" war davon jedenfalls so wenig die Rede wie in den erwähnten "Tagesthemen" vom Samstag; hier in der "Tagesschau" auch nicht, als es zwischen Straßenkindern und Formel 1 um die "ARD-Serie" ging.

Das könnte daran liegen, dass es, mutmaßt die taz, einen gewissen Quotendruck bei diesem Projekt halt doch geben dürfte: "Zumindest die ersten Folgen der Serie müssen ankommen". Dass deshalb nicht nur der Programmdirektor "im Promo-Modus" (taz) ist, sondern auch journalistische Programme, werden viele Fernsehleute sicher nachvollziehbar finden. Aber um es friedlich zu sagen: Ideal ist es nicht.

(Falls Sie wirklich wissen wollen, wie Marktanteile und Quoten waren, kennen Sie sie längst. Aber natürlich kann man sie z.B. hier auch nochmal nachlesen.)

Wegbereiter "Unsere Mütter, unsere Väter"?

Auf ein anderes öffentlich-rechtliches Großprojekt – den ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" aus dem Jahr 2013 – kommt noch einmal der Publizist Georg Diez zu sprechen. In einem vorab veröffentlichen Text aus einem neuen Buch heißt es:

"'Unsere Mütter, unsere Väter' war die grosse nationale Aufgabe zur Selbstfindung, es war irgendwie staatsbürgerliche Pflicht (…). Und der Satz, auf den alles hinauslief, war: 'Täter sind Opfer, und Opfer sind Täter.'"

Diez sieht den Ursprung des rechten Auftriebs, den wir erleben, und der Sagbarmachung des zuvor Unsagbaren deshalb nicht etwa nur bei Thilo Sarrazins Bestseller, er sieht ihn (unter anderem) auch hier. Der Dreiteiler sei "eine nationale Aufgabe und nie einfach ein Film" gewesen; es sei um eine These gegangen: "Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten hätten, und deshalb sollten wir nicht urteilen. Der Historiker Arnulf Baring als der rechte und revisionistische Zausel durfte dann in der Talkshow von Markus Lanz sagen, das Grossartige an dem Film sei gerade, dass 'die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut'."

Diez' These:

"Der Aufstieg der AfD, Anfang 2013 gegründet, wurde begleitet von einem bürgerlichen Basso continuo, mit dem erst Ressentiments in den verschiedensten Formen kultiviert und mehr und mehr generell fortschritts- oder vernunftfeindliche, antiindividualistische oder antidemokratische Gedanken in gepflegter Form unters gebildete Volk gebracht wurden."

Ergänzend zu diesem Komplex – und ergänzend auch zum Altpapier vom Donnerstag, in dem von Georg Seeßlens Kritik an einem Vielfalts-Missverständnis die Rede war ("Die meisten großen Medien leisten sich – möglicherweise verstehen sie das als demokratisch – ein Nebeneinander von links- liberalen und rechten Mitarbeitern und Contents. Süddeutsche oder Spiegel wirken wie ein absurdes Ineinander von Widersprüchen, als wollten sie zugleich den Rechtsruck der Gesellschaft und den Widerstand der Zivilgesellschaft bedienen"), sei hier auch noch auf die DWDL-Kolumne von Hans Hoff verwiesen: "Immer mehr eigentlich liberale Medien halten sich einen Rechtsaußen-Kolumnisten, der mit gezielten Provokationen für erwartbare Entrüstung sorgt. (…) Seine Aufgabe ist es, jene Leser bei der Stange zu halten, die ihre Alternative sonst bei irgendwelchen Verschwörungsblättchen fänden."

Wobei es bekanntlich auch Medien gibt, die es ganz anders handhaben. Und damit zur Bild-Zeitung, einer…

"Vorfeldorganisation der AfD"

Bei Markus Lanz äußerte sich dieser Tage Michael Spreng, der ehemalige Chefredakteur der Bild am Sonntag, zur Rolle der Bild-Zeitung unter Julian Reichelt. Und zwar in der Deutlichkeit doch eher überraschend. In seinem Blog Sprengsatz hat er seine Kritik von mündlicher in Schriftsprache übersetzt:

"Wenn keine Gewalttat eines Flüchtlings zu vermelden ist, konstruiert BILD immer wieder Aufmacher gegen die angeblich zu lasche Justiz, gegen den angeblich untätigen Staat und die angeblich unfähigen Politiker. Eine Kampagne, wie sie in BILD seit den Studentenunruhen der 60er Jahre nicht mehr zu beobachten war. BILD zersetzt mit dieser Kampagne systematisch den Respekt vor den Institutionen und Repräsentanten des Staates und delegitimiert die liberale deutsche Demokratie. Die Zeitung macht sich damit freiwillig oder unfreiwillig zur Vorfeldorganisation der AfD. Ich gehe davon aus, dass zwei bis drei Prozentpunkte der AfD in den Meinungsumfragen auf das Konto von BILD gehen."

Warum es nicht ein oder fünf Prozent sind, das wüsste man nun zwar schon noch gerne. Aber der qualitative Teil der Analyse steht für sich.

Wo konkret ist "konkret"?

Eine Angelegenheit, in der es noch Aufklärungsbedarf gibt, betrifft die linke Zeitschrift konkret. Auf ihrer Website (wo man auch das aktuelle Cover sieht, um das es geht) heißt es:

"Die Oktober-Ausgabe der Monatszeitschrift ist nicht am 28.9. in den Handel gekommen. Das Pressegrosso, Monopolist für die Auslieferung von Zeitschriften, weigerte sich, die Zeitschrift, die auf dem Titelbild die Schlagzeile 'Deutschlands Nazis' und den Untertitel 'Die Schläfer erwachen' mit Hakenkreuzen auf der Krawatte eines Naziführers illustriert, auszuliefern. Begründung: 'Der Gebrauch des Kennzeichens einer verfassungswidrigen Organisation verstößt gegen § 86 a StGB. Für den nicht politisch bewanderten, das Magazin nicht kennenden Beobachter ist nicht auf Anhieb eine eindeutige Gegnerschaft zu der Organisation und die Bekämpfung ihrer Ideologie zu erkennen.'"

Der Anwalt des Magazins hat eine Stellungnahme verfasst:

"Auch wenn unbefangene Interessentinnen und Interessenten am Kiosk die Zeitschrift 'konkret' und deren – grundsätzlich gegen jede Art von Rechtsextremismus gerichtete – politische Orientierung nicht kennen, wird hier durch die Titelschlagzeile des Hefts deutlich, dass mit dem Hakenkreuz nicht für den Nationalsozialismus geworben werden soll. Im Gegenteil".

Konkret schreibt online: "Das Gesetz, beschlossen um die Werbung für nationalsozialistische Organisationen mit NS-Kennzeichen zu verhindern, wird hier gegen Kritiker und Gegner von Nazis in Stellung gebracht."

Der weitere Gang der Geschichte: Das Heft sei für den Verkauf nun doch freigegeben, heißt es bei konkret; es liege aber im Ermessen des Händlers, ob er dem folge.

Eine Frage, über die noch zu reden sein wird, lautet: Hat das Presse-Grosso die eigene Neutralität verletzt ("…muß sowohl alle Verlage als auch alle durch ihn belieferten Einzelhändler prinzipiell gleichbehandeln. Es stellt den freien Marktzutritt aller Anbieter sicher und sorgt für die Überallerhältlichkeit der Ware")? Oder wurde das Magazin-Cover hier so lässig und ohne Kontextbeachtung geprüft, wie Social-Media-Reinigungskommandos bisweilen Postings checken und am Ende die falschen löschen? Oder gab es einen anderen Grund dafür, das Heft nicht auszuliefern?


Altpapierkorb (Deutsche Welle, Oliver Polak, Bambi-Reform)

+++ Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle, wurde für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Die Medienkorrespondenz hat den einordnendsten Text dazu – also auch zu Budgetfragen und zur Limbourg-Strategie, den "Fokus nun auf redaktionelle Inhalte in Englisch, der Lingua franca der internationalen Entscheider" zu legen.

+++ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bespricht das Buch "Gegen Judenhass" des fernsehbekannten Comedians/Künstlers Oliver Polak: "Das Buch ist nicht zuletzt eine Abrechnung mit erstarrter Erinnerungskultur, mit dem Einweihen von Denkmälern, mit dem floskelhaften Sprechen". Allerdings, "nicht ganz nachvollziehbar bemängelt er den Umstand, vornehmlich als jüdischer Künstler wahrgenommen und vermarktet zu werden (…). Und so sehr man den Ärger über derlei marketingtechnische Eindimensionalität auch verstehen kann, haben wir es hier tatsächlich nur mit den banalen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie zu tun, die stets auf das Griffigste, das Naheliegendste verweist."

+++ In der SZ (hier €, hier eine Zusammenfassung) steht heute ein Interview mit Burda-Manager Philipp Welte, der die (üblicherweise von der ARD übertragene) Bambi-Verleihung reformieren wolle: "Bambi soll 2019 offener werden, wir denken nach über ein Ereignis mit vielleicht 10 000 Zuschauern in einer Arena." Ein "größerer Teil der Preisträger" könnte "in Zukunft von vielen Menschen gewählt werden." Und Welte sagt: "Die ARD findet unsere Ideen gut."

+++ Besprochen – etwa von SZ und Tagesspiegel – wird u.a. die Doku "Honeckers unheimliche Pläne" (ARD, 23.30 Uhr).

Neues Altpapier kommt am Dienstag.