Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 10. Oktober 2018: Titelseiten der Sonderausgabe des Spiegel #frauenland
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 10. Oktober 2018 Früher waren mehr Bademäntel

Hat Alexander Gauland der FAZ eine Hitler-Rede "untergejubelt"? Außerdem auf der Agenda: Sigmar Gabriels Autorenhonorare; das Geschlechterverhältnis beim Spiegel zu Augsteins Zeiten und heute. Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 10. Oktober 2018: Titelseiten der Sonderausgabe des Spiegel #frauenland
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Wird der 9. Oktober zwischen 17.50 Uhr und 18.36 Uhr als eine der ganz großen Dreiviertelstunden in die Geschichte der Faschismus-Forschung oder zumindest die des Tagesspiegels eingehen?

Um zehn vor sechs am Dienstagabend macht der Tagesspiegel jedenfalls zunächst auf einen "Twitter-User" aufmerksam, dem "Parallelen" zwischen einem am Samstag in der FAZ erschienenen Beitrag (siehe Altpapier von Montag und Dienstag) und einer Rede aufgefallen waren, die Adolf Hitler vor fast genau 85 Jahren in Berlin-Siemensstadt gehalten hatte. Der Tweet zur Erstentdeckung der Parallele findet sich hier.

"Die drei Abschnitte, die Ähnlichkeiten mit der Rede Hitlers aufweisen, nehmen in Gaulands Kommentar in der FAZ übrigens etwa ein Drittel ein",

schreiben Tilmann Warnecke und Anja Kühne am Ende ihres Tagesspiegel-Textes, und da fragt man sich dann, ob dieses "übrigens" nun andeuten soll, dass das eher viel ist oder eher wenig.

Ebenfalls um 17.50 Uhr erscheint "eine Antwort auf Alexander Gauland", verfasst von einem, der zwar ebenfalls "Twitter-User" ist, aber darüber hinaus noch ein bisschen mehr, nämlich "Autor des Tagesspiegels", wie unter dem Text gravitätisch vermerkt ist.

"Gauland (oder sein Redenschreiber) hat (…) unübersehbar die Sprachbilder einer hetzerischen Rede Hitlers vor den Arbeitern der Siemenswerke in Berlin benutzt",

schreibt Sigmar Gabriel, dem wir natürlich niemals mittels einer neckisch eingestreuten Klammer unterstellen würden, die unter seinem Namen erschienenen Artikel hätten andere geschrieben.

Kurzer Exkurs: Anne Fromm hat für die taz mal nachgeschaut, was Gabriel so verdient bei diversen Holtzbrinck-Medien und hat auf der MdB-Biographie-Seite Gabriels unter "veröffentlichungspflichtige Angaben" entdeckt, dass dort unter "publizistische Tätigkeit" aufgelistet ist:

"'Dieter-von-Holtzbrinck Media Group, Stuttgart, monatlich, Stufe 4'. Stufe 4 bedeutet: Einkünfte zwischen 15.001 und 30.000 Euro."

Zum Vergleich: "Knapp ein Drittel der freiberuflichen Journalisten" verdient weniger als 1.800 Euro pro Monat - obwohl sie etwas mehr schreiben dürften als Gabriel, der laut einer Online-Recherche der taz seit Ende Juni '13 Beiträge für die Dieter-von-Holtzbrinck Media Group verfasst hat (wenn man einen Buch-Vorabdruck mitrechnet).

Um zur Gauland-Hitler-Sache zurückzukommen: Den Schotter bekommt Gabriel auch für unfassbare Quatsch-mit-Soße-Formulierungen wie folgende:

"(Gauland) ist der Wiedergänger des Biedermanns, der die Brandstifter ins Haus bittet."

Dabei ist ja nun Gauland selbst ein Brandstifter beziehungsweise, um im Bild zu bleiben, ein Feuerteufel.

Um 18.14 Uhr lautet das Motto dann: Der Tagesspiegel proudly presents Wolfgang Benz. Der NS-Forscher konstatiert:

"Trotz der auffälligen Übereinstimmung von Argumentation und Diktion handelt es sich aus formal-juristischen Gründen wohl nicht um ein Plagiat. Denn nicht der Wortlaut stimmt überein, sondern 'nur' die vorgetragene Ideologie."

Puh, was für ein Glück, wird da manch AfD-Wähler denken: Der Gauland ist kein Gutti! Benz weiter:

"Gaulands Text ist ganz offensichtlich eng an den Hitlers angeschmiegt. Es handelt sich um eine Paraphrase, die so wirkt, als habe sich der AfD-Chef den Redetext des Führers von 1933 auf den Schreibtisch gelegt, als er seinen Gastbeitrag für die "FAZ" schrieb. Dabei modernisierte er die Kritik an der 'wurzellosen internationalen Clique', indem er sie 'globalistische Klasse' nennt, für den heutigen Sprachgebrauch."

Um 18.36 Uhr kommt dann schließlich ein vierter Artikel zum Thema, hier wird nun Benz’ Beitrag paraphrasiert, außerdem kommt mit Michael Wolffsohn ein weiterer Historiker zu Wort.

"Wer die Hitler-Rede (…) nicht kenne, dem juble Gauland 'Adolf Hitler light' unter",

zitiert der Tagesspiegel Wolffsohn indirekt. Die Frage, die man jetzt stellen könnte: Kannten sie bei der FAZ die Rede, als sie Gaulands hitleristische Buchstabensuppe auf ihre Samstags-Menükarte setzten oder hat der Alte ihnen was "untergejubelt"? Oder ist das mittlerweile sowieso wumpe?

Gauland selbst sagt, er kenne "keine entsprechende Passage von Adolf Hitler", und vielleicht ist da sogar was Wahres dran, denn:

"Der schreibt den nicht ab, der channelt den quasi urwüchsig",

So verdienstvoll all die historisch fundierten Textexegesen sind, zu hoch hängen sollte man sie auch nicht: Dass der Tagesspiegel Gauland "entlarvt" hat (wie zum Beispiel Sawsan Chebli schreibt), setzt voraus, dass es da noch irgendwas zu "entlarven" gab - als hätte er, um nur mal sehr junge Beispiele aufzugreifen, Anfang September nicht das "Leute aus den Medien aus der Verantwortung vertreiben"-Interview gegeben (siehe etwa dieses Altpapier) und zwei Wochen später nicht eine "Umvolkungs"-Rede in Frankfurt gehalten.

Interessant ist an dem Gauland-Hitler-FAZ-Komplex nicht zuletzt, dass man Anfang September noch kurzfristig den Eindruck haben konnte, in Frankfurt hätte man den Ernst der Lage begriffen - als nämlich Herausgeber Berthold Kohler das eben erwähnte, in seiner Zeitung erschienene "Leute aus den Medien aus der Verantwortung vertreiben"-Interview zum Anlass nahm, in einem Kommentar (€) davor zu warnen, dass Gauland "Parteien und Presse säubern" wolle. Am Samstag durfte der mutmaßliche Säuberer in spe bei den Säuberungsopfern in spe aber plötzlich publizieren. Scheint also Todessehnsucht eingekehrt zu sein bei den allgemeinen Frankfurtern.

Welt gegen Werder

Das befremdliche Verhältnis zwischen Medien und AfD, ganz andere Baustelle: In der Welt ist gerade ein Text erschienen, der zumindest den Eindruck erweckt, die Autoren hätten sich von einem AfD-Anhänger und Werder-Bremen-Fan instrumentalisieren lassen, der, so formulieren’s die Springer-Nasen, "nach 30 Jahren Mitgliedschaft aus dem Verein ausgetreten (ist), weil er sich über dessen AfD-kritische Haltung aufgeregt hatte". Dieser AfD-Anhänger habe den Welt-Leuten einen "persönlichen Briefwechsel" mit Hubertus Hess-Grunewald, dem Präsidenten des SV Werder Bremen, zukommen lassen, den die Journalisten dann nutzten, um, so die Kritik von Eisen.Bremen bei Facebook, einen "reißerischen Beitrag zu konstruieren" und zum Ausdruck zu bringen, dass sie den supersoften Antifaschismus des SV Werder auch nicht so toll finden.

Der Autor des Facebook-Posts - Eisen ist übrigens eine Kneipe in Bremen - greift auch auf ein Statement Arnd Zeiglers (Radio Bremen, WDR) zurück:

"Wenn ich den Artikel richtig verstehe, dann geht es hier tatsächlich um EINE E-Mail, die ein anonym bleiben wollender Schreiber mitsamt der vermutlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Antwort an den Welt-Mitarbeiter lanciert, der damit eine größtmögliche Eskalation erreichen möchte, was nun ja auch ansatzweise gelingt. Zwischen der möglichen sinngemäßen Aussage 'Wenn Sie sich nicht mit Werder Bremen und seinen Werten identifizieren können, wäre die Dauerkarte vielleicht bei jemandem besser aufgehoben, der das anders sieht' und der Überschrift "Werder will AfD-Anhängern (Mehrzahl!) die Dauerkarten ENTZIEHEN (also WEGNEHMEN, wovon in Hess-Grunewalds Mail scheinbar gar keine Rede ist), liegen Welten."

Der betroffene Verein hat übrigens die "irreführende Berichterstattung" gegeißelt.

Das Geschlechterverhältnis beim Spiegel 

Außer der Reihe erscheint heute eine gedruckte Ausgabe des Spiegel, es ist ein #frauenland-Sonderheft. Die Anlässe dafür?

"100 Jahre ist es her, dass das Frauenwahlrecht verabschiedet wurde, 50 Jahre, dass durch den Tomatenwurf einer Studentin auf Studenten die neue Frauenbewegung begann, 1 Jahr, dass die #MeToo-Bewegung auch hierzulande startete",

heißt es dazu in der Hausmitteilung. Im Heft gibt es dazu einen In-eigener-Sache-Beitrag, in dem sich Susanne Beyer mit dem "Verhältnis zwischen den Geschlechtern" im Spiegel-Reich gestern und heute befasst:

"Im Laufe meiner Recherche habe ich Kolleginnen gebeten, mir anonymisierte Berichte zukommen zu lassen, über das, was sich heute zuträgt in der gesamten Spiegel-Gruppe."

Erhalten hat sie unter anderem Schilderungen "von jungen Kolleginnen, die nach ihren Beziehungen gefragt werden und sich dann Andeutungen gefallen lassen müssen, dass der Freund ja nichts wissen müsse von Affären. Von zweideutigen nächtlichen SMS, die wiederum junge Frauen hier bekommen". Insgesamt

"(gibt) gut ein Drittel der Teilnehmenden (…) an, in den vergangenen zwölf Monaten eine sexuelle Belästigung, unangemessene Witze eingeschlossen, erlebt zu haben".

Darüber hinaus hat Beyer versucht, anhand von Recherchen bei Zeitzeug*innen herauszufinden, wie die Verhältnisse waren, als Rudolf Augstein regierte, der recht vielen glaubhaften Überlieferungen zufolge im Umgang mit Frauen recht viele Grenzen überschritten hat. Gesprochen hat Beyer unter anderem mit Aria­ne Barth (Jahrgang 1942, von 1967 bis 2002 beim Spiegel):

"(Sie) würde Augstein immer verteidigen. Dass er Leute, 'Frauen ebenso wie Männer', im Bademantel empfing, empfindet sie als 'amüsantes Spielen von Häuslichkeit'. 'Der Bademantel war damals das, was heutzutage die Jogginghose ist. Rock Hudson sieht man in den alten Filmen mit Doris Day im Bademantel. Das war kein erotisches Kleidungsstück. Das war bequem.'"


Altpapierkorb (Schweigsamer Innenministerkonferenzchef, Jamal Kashoggi, Sigi Maurer, Chris Tall, "4 Blocks")

+++ Der Deutschlandfunk hat sich in der Sendung @mediasres am Dienstag mit den wachsenden Gefahren beschäftigt, denen sich Journalisten bei rechtsradikalen Aufmärschen ausgesetzt sehen "Gerne hätten wir mit dem Chef der Innenminister-Konferenz, dem sachsen-anhaltischen CDU-Innenminister Holger Stahlknecht gesprochen, zum Umgang der Polizei mit den Journalisten. Auch hätten wir gerne erfahren, ob man Journalisten empfiehlt, auf Demonstrationen nur noch mit Bodyguards aufzutreten, weil es die Polizei nicht mehr schafft, Journalisten ausreichend zu schützen. Doch trotz mehrfacher Anfragen war IMK-Chef Stahlknecht aktuell zu keinem Interview bereit", lautet ein Satz aus der verschriftlichten Fassung, zu Wort kommt unter anderem Annegret Oster, ZDF-Studioleiterin des Landesstudios Sachsen-Anhalt in Magdeburg.

+++ "Gut eine Woche" nach dem Verschwinden des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi in Istanbul (siehe Altpapier) sei "noch immer nicht klar", was ihm zugestoßen sei – "nur, dass es etwas Ernstes ist. Denn sonst hätte sich Khashoggi gewiss bei seiner Verlobten gemeldet", schreibt Carolina Drüten (Die Welt). Während "türkische Behörden glauben, er sei in der saudischen Botschaft ermordet worden", hält der von Drüten zitierte Sebastian Sons, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), dies "für unwahrscheinlich". Die Washington Post hat mit Hatice Cengiz gesprochen, der erwähnten Verlobten Kashoggis.

+++ Die frühere österreichische Politikerin Sigi Maurer, die obszöne Nachrichten eines Gastronoms auf Facebook und Twitter veröffentlicht hat, um auf diese Weise auf die verbalen Übergriffe aufmerksam zu machen, wurde nun genau dafür verurteilt, weil der Wirt behauptet, er habe die inkriminierten Nachrichten nicht geschrieben. Verurteilt wurde Maurer, obwohl der Richter dem Kläger nicht glaubt, und vergessen sollte man auch nicht, dass der Richter ihr vorwirft, sie habe die "journalistische Sorgfaltspflicht" vernachlässigt, obwohl sie gar keine Journalistin ist. Über die komplett verrückte Angelegenheit berichten u.a. Eva Reisinger fürs Zeit-Online-Jugendportal und Hasnain Kazim für Spiegel Online.

+++ Welchen Beitrag zur Entzivilisierung und Barbarisierung der Gesellschaft möglicherweise Chris Talls RTL-Comedy-Sendung "Darf er das?" leistet, eruiert Samira El Quassil für Übermedien (€): "Chris Tall (…) konstruiert (…) mit seinem treuherzigen 'Darf ich das?' eine milde Form des 'Das wird man ja wohl noch dürfen!'. Andere Karosserie, selbe Bauteile. Denn im Herzen dieser komisch gemeinten Ergründung steht die Lieblingsfrage aller durch soziale Umwälzungen verunsicherten, meist männlichen, meist weißen, meist heterosexuellen Gesellschaftsdetektive: 'Was darf man denn heute denn überhaupt noch?!' Übersetzt: 'Wie steht es um meine Privilegien?' Mit dem verlautbarten Versuch, die Grenzen von Tabus und Comedy mal wieder genauer ergründen zu wollen, erteilt Tall in seinem 'Darf er das?'-Rahmen all denjenigen Absolution, die aufgrund von Herkunft, Ethnie oder Sozialisierung seiner Meinung sein könnten."

+++ Am Donnerstag startet die zweite Staffel der Serie "4 Blocks". Was hat sich geändert gegenüber der ersten Staffel? Dazu Kathrin Hollmer in der SZ: "Bei der Grimme-Preisverleihung im April thematisierte die Kalila-Darstellerin Maryam Zaree auf der Bühne, dass die Frauenrollen in der Serie noch ‚nicht ganz so ausgeschöpft’ worden sind. 'Das liegt natürlich an den Strukturen, und deshalb brauchen wir ganz dringend Autorinnen, Regisseurinnen und Filmemacherinnen, weil wir 2018 haben", sagte sie. Buch, Regie und Kamera sind zwar in Männerhand geblieben, die Frauenfiguren, die in der ersten Staffel nur angeschnitten worden sind, sind dennoch größer. Die Frauen dürfen stärker sein, zumindest vorübergehend. Kalila arbeitet als Übersetzerin in einer Flüchtlingsunterkunft und beeinflusst Toni. Seine Schwester Amara (Almila Bagriacik) geht heimlich boxen."

+++ Mehr Serien: Oliver Jungen berichtet auf der FAZ-Medienseite, was ihm bisher beim noch bis Freitag andauernden Film Festival Cologne gefallen hat und was nicht. Freuen dürfe man sich auf die deutsch-französische Koproduktion "Eden", "Dominik Molls Miniserie zur Flüchtlingskrise". "Deren erste Bilder (werden) den Vorschusslorbeeren voll gerecht (…) Die immerhin 7,2 Millionen Euro teure Produktion (…) wurde zum Teil in echten Flüchtlingslagern gedreht. Auch das trägt zu ihrer Authentizität bei."

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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