Teasergrafik zur Illustration der Medienkolumne Altpapier vom 11. Oktober 2018: In Saudi-Arabien sind mehrere Journalisten unter dubiosen Umständen inhaftiert
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 11. Oktober 2018 Mit Knochensäge nach Istanbul

Der Fall Jamal Khashoggi erinnert an "Pulp Fiction", und nein, das ist keine gute Nachricht. Bulgariens Ministerpräsident ist sauer, denn Viktoria Marinowa wurde wohl nicht ermordet, weil sie Journalistin war. Je jünger, je länger: Die neue ARD/ZDF-Onlinestudie ist da. Bei wem Alexander Gauland noch abgeschrieben hat (außer Adolf Hitler). Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik zur Illustration der Medienkolumne Altpapier vom 11. Oktober 2018: In Saudi-Arabien sind mehrere Journalisten unter dubiosen Umständen inhaftiert
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Es ist kompliziert.

"Offiziell weist Riad jeden Verdacht zurück, etwas mit seinem Verschwinden zu tun zu haben. Den Ermittlern fehlt offenbar das entscheidende Detail: ob der Journalist noch lebt oder tot ist. Ob er entführt wurde, wohin auch immer, eine Version, die Sabah (eine türkische Tageszeitung, wir kommen gleich darauf zurück, Anm. AP) aufbrachte, wie auch die Verwicklung eines Geheimdienstes eines weiteren Landes, oder ob Khashoggi im Generalkonsulat ermordet wurde, wie die Ermittler vermuten."

So fassen Paul-Anton Krüger und Christiane Schlötzer heute auf Seite 2 der SZ den aktuellen Stand im mysteriösen Fall des Journalisten Jamal Khashoggi zusammen, der vor über einer Woche das saudische Konsulat in Istanbul betreten hat und seitdem verschollen ist (zuletzt Altpapier gestern).

Bei den Details den Überblick zu behalten, ist gar nicht so einfach. Sabah berichtet etwa von einem 15-köpfigen Team aus Agenten, Nationalgarde und Forensikern, die am Tag von Khashoggis Verschwinden in zwei Privatjets aus der saudischen Hauptstadt Riad nach Istanbul gereist sein sollen.

"The details of the alleged hit squad were listed on flight manifests leaked to Turkish media on Tuesday night. Social media profiles of some of the alleged suspects link them to elite arms of the Saudi security apparatus",

steht in der ausführlichen Zusammenfassung im britischen Guardian. Eine Knochensäge im Gepäck und ein Van mit abgedunkelten Scheiben spielen in der Geschichte, die ein türkischer Offizieller in dem Text mit "It was like Pulp Fiction" kommentiert, auch eine Rolle. Die Washington Post, Khashoggis Arbeigeber im US-amerikanischen Exil, schreibt zudem von Diskussionen innerhalb der saudischen Regierung, Khashoggi zu entführen, von denen man vom US-Geheimdienst erfahren haben will.

Warum der Journalist, dessen Name man auch Dschamal Chaschukdschi schreiben kann, überhaupt in den Fokus der saudischen Offiziellen geraten sein könnte, erklärt in einem Gastbeitrag bei Zeit Online der Terrorismusforscher Guido Steinberg.

"Seit diese (die Muslimbruderschaft, Anm. AP) in Ägypten und Tunesien zum großen Gewinner des Arabischen Frühlings zu werden schien, arbeitete Riad an der Eindämmung der Orga­nisation (…) und (…) setzte die Organisation im März 2014 auf seine Terrorismusliste. Dies betrifft den Fall Chaschukdschi insofern, als der Journalist zu vielen Muslimbrüdern freundschaftliche Beziehungen unterhält, auch weil er ihr als junger Mann zumindest nahestand.

Wahrscheinlich sieht die neue Führung in Riad in ihm auch ein mögliches Bindeglied zwischen den Islamisten und Gegnern des Kronprinzen in der Herrscherfamilie. Denn Chaschukdschi wurde in der Vergangenheit von führenden Prinzen der Familie Saud protegiert, zuletzt von dem Unternehmer Walid bin Talal, mit dem er noch 2016 plante, einen Fernsehsender auf­zubauen. Dieser wurde aber zu einem der prominentesten Opfer der Antikorruptionskampagne des saudischen Kronprinzen. Seit der Entmachtung vieler ehemals führender Prinzen dürften diese eine Rechnung mit dem Kronprinzen offen haben. Dass Chaschukdschi darüber hinaus in der liberalen Opposition hohes Ansehen genießt, hat ihn in den Augen der Herrschenden in Riad zu einer Gefahr gemacht."

Wie gesagt: Es ist kompliziert. Und doch auf eine einfache Formel zu bringen, wenn auch einfach erschreckend.

"Die Sicherheit unserer Journalisten steht vor allem anderen. Wir sagen ihnen: Keine Geschichte ist es wert, sich zu opfern. Weil dann niemand mehr da ist, der diese oder ähnliche Geschichten erzählt."

Das sagt Rana Sabbag, jordanische Journalistin und Leiterin der Arab Reporters for Investigative Journalism (Arij) heute im Interview mit Michael Hanfeld und Axel Weidemann auf der Medienseite der FAZ () über Journalismus im arabischen Raum.

Die Reporter ohne Grenzen erinnern in ihrer englischsprachigen Sektion, dass der Fall Khashoggi keine Ausnahme sei (eine deutschsprachige Zusammenfassung hat Der Standard aus Österreich):

"In the current crackdown, more than 15 journalists and bloggers have been arrested in a completely opaque manner in Saudi Arabia since September 2017. In most cases, their arrests have never been officially confirmed and no official has ever said where they are being held or what they are charged with."

Viktoria Marinowa: Täter gefasst, Bulgariens Präsident empört

Irgendwie soll das wohl eine gute Nachricht sein: Viktoria Marinowa wurde am Samstag beim Joggen in der nordbulgarischen Stadt Russe vermutlich nicht überfallen, missbraucht und ermordet, weil sie Journalistin ist (s. Altpapier am Dienstag). Das erklärte Bulgariens Generalstaatsanwalt Sotir Zazarow, nachdem am Dienstagabend in der deutschen Stadt Stade ein Verdächtiger festgenommen worden war. "Aber wir untersuchen weiterhin alle Hypothesen", zitiert Clemens Verenkotte bei tagesschau.de Zazarow weiter und hält zudem die Empörung des bulgarischen Ministerpräsidenten Boiko Borissow fest, dass weltweit darüber spekuliert worden sei, in seinem Land bestände für Journalisten Lebensgefahr:

"In den vergangenen drei Tagen habe ich scheußliche Sachen über Bulgarien gelesen und keine einzige, die der Wahrheit entsprach. Passiert so etwas in anderen Ländern denn nicht? Oder ist das ein Einzelfall? (…) Wir führen jede Ermittlung mit äußerster Aufmerksamkeit durch, wir nehmen jedes Signal äußerst ernst. Wir haben es auf keinerlei Weise als Land verdient, nur in einigen Tagen so verleumdet zu werden. Und das, während wir alle nicht mit 100 Prozent, sondern mit 1000 Prozent an dem Fall gearbeitet haben."

Natürlich sollte man nicht vorverurteilen. Doch der mittlerweile so oft zitierte Platz 111 auf der Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen hat Gründe, wie Helene Bubrowski und Michael Martens heute auf S. 2 der FAZ () schreiben.

"Zwar war Marinowa keine landesweit bekannte investigative Journalistin in Bulgarien, doch hatte sie in ihrer Fernsehsendung bei einem Lokalsender in Russe zuletzt Recherchen anderer Reporter aufgegriffen, die sich mit EU-Subventionsbetrug befasst hatten. Da viele maßgebliche bulgarische Medien indirekt von der Regierung des bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borissow und mit ihr verbandelten Unternehmern kontrolliert werden, haben es kritische Recherchen dieser Art in Bulgarien oft schwer, überhaupt ein größeres Publikum zu erreichen. So wird der Markt für gedruckte Zeitungen und den damit verbundenen Internetseiten von dem Unternehmer Deljan Peewski dominiert, der in zahlreiche Korruptionsfälle verwickelt war, ohne dass dies seiner politischen und geschäftlichen Karriere merklich Abbruch getan hätte. (…) Es ist bezeichnend für die Zustände in der bulgarischen Me­dienlandschaft, dass viele der von Oligarchen kontrollierten Zeitungen oder Sender zwar den Tod Marinowas vermeldet haben, aber nicht erwähnten, dass die Ermordete über Fälle von Subventionsbetrug in großem Stil berichtet hatte."

Ähnliches konnte man in den vergangen Tagen auch anderswo lesen. Ein neuer, weiterer Aspekt findet sich ganz zum Schluss des aus Agenturmeldungen bestehenden Berichts bei Zeit Online:

"In dem südosteuropäischen Land ist auch Gewalt gegen Frauen weit verbreitet."

ARD/ZDF-Onlinestudie: Video first

And now for something completely different.

ARD und ZDF haben mal wieder gut 2.000 Menschen ab 14 Jahre befragen lassen, was sie den ganzen Tag im Internet tun, und die Ergebnisse als ARD/ZDF-Onlinestudie veröffentlicht.

Für Freunde des snackable content gibt es diese als hübsche Infografik. In Worten fassen sie, nur u.a., Uwe Mantel für DWDL und Joachim Huber im Tagesspiegel zusammen. Falls Sie nicht klicken mögen, merken Sie sich:

  • Über 90 Prozent der Deutschen über 14 Jahre sind online - so viele wie noch nie. Je jünger, je länger.
  • Knapp 40 Prozent nutzen das Netz täglich für Medien. Der Rest shoppt, whatsappt und spielt.
  • Bewegtbild ist King. Wer jünger ist als 29 Jahre, guckt mehr On Demand als live und mehr Youtube und Facebook als ARD-Mediathek.
  • Der Podcast-Boom ist weiter eine urbane Legende: Nur drei Prozent der Befragten hören mindestens einmal in der Woche einen Podcast.

Der sich hier abzeichnende digitale Graben zeigt sich auch schön innerhalb der ARD in der Art und Weise, wie über die Studie berichtet wird.

"Was waren das noch für Zeiten, als das Modem unterm Schreibtisch fiepte. Sich auf diese Art einen Kinofilm für zuhause zu besorgen, kam damals einer Fantasterei gleich. Der Weg in die Videothek und ein abgenudeltes Magnetband, das sich später im Videorekorder verheddert, waren die einzige Möglichkeit, der Vorstellung von "Video on Demand" gerecht zu werden",

hält Juri Sonnenholzner, SWR-Reporter mit Xing-Profil, sonst keiner zumindest schnell ergoogelbaren persönlichen Präsenz im Netz, für einen zeitgemäßen Einstieg ins Thema bei tagesschau.de.

"Ich habe die ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 gelesen, damit ihr es nicht müsst",

lautet derweil die Überschrift im WDR-Blog Digitalistan über dem Text von Dennis Horn (Twitter, Facebook, Instagram, eigene Website).

Dass ZDF-Intendant Thomas Bellut und HR-Intendant Manfred Krupp daraus den die Verleger und Filmemacher sicher sehr erfreuenden Auftrag ablesen, noch mehr Inhalte auch zum On-Demand-Abruf ins Netz zu stellen (s. Pressemitteilung), muss wohl nicht extra erwähnt werden. (Offenlegung: Das Altpapier erscheint bei mdr.de.)

Altpapierkorb (Copycat Gauland, Reden mit der AfD, Journalisten-Honorare)

+++ Alexander Gauland hat für seinen umstrittenen Gastbeitrag in der FAZ von Samstag nicht nur bei Adolf Hitler abgeschrieben (Altpapier gestern), sondern auch bei, äh, Michael Seemann aka @mspro. "Das sind eindeutige Plagiate. Wie ein Fingerabdruck. (…) Mein Text rekonstruiert die Gesellschaft aus Sicht der Rechtspopulisten. Offenbar erkennt Gauland sich darin wieder – und übernimmt dieses Feindbild", so Seemann im Interview mit Jonas Mueller-Töwe von T-Online.

+++ "Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, und ZDF-Chefredakteur Peter Frey werden mit AfD-Vertretern über das Thema 'Medien und Meinung' diskutieren", meldet der Tagesspiegel.

+++ Was verdienen Journalisten und warum sollte man das auf einer gleichnamigen Internetseite zusammentragen? Das hat Bettina Köster für "@mediasres" Carola Dorner von den Freischreibern gefragt.

+++ BTW: DJV und DJU sind ganz schön auf der Palme, weil in der Montagsausgabe von "Hart aber fair" ausgerechnet freie Journalisten als Beispiel für praktizierende Steuerhinterzieher herhalten mussten, berichten Daniel Bouhs & Andrej Reisin auf der Website von "Zapp".

+++ Journalisten-Honorare III: Gemma Pörzgen bei Übermedien über die Auslandskorrespondenten von DuMont, die nun ihre Jobs verlieren bzw. nur noch zu Spaßhonoraren Texte abgenommen bekommen, weil die DuMont-Medien ja jetzt auf Hauptstadtredaktionsgemeinschaft mit Madsack machen (Altpapier).

+++ "Nach Wunsch der Abgeordneten soll künftig jegliche Form politischer Werbung im Netz einfach zugängliche und verständliche Information darüber enthalten, wer dafür gezahlt hat und wer rechtlich verantwortlich ist. Ähnlich ist es in vielen EU-Mitgliedsstaaten für gedruckte Wahlwerbung bereits Gesetz, im digitalen Raum werden solche Vorgaben aber allzu gerne ignoriert." Alexander Fanta bei Netzpolitik.org über eine aktuelle Resolution von EU-Parlamentariern.

+++ "(D)as Ziel auf dem Platz an diesem Abend ist fraktionsübergreifend: für die Pressefreiheit einzutreten, für die 262 Journalisten, die 2017 weltweit inhaftiert waren, die meisten davon in der Türkei. Und an zweiter Stelle will man vielleicht noch gewinnen." Veronika Wulf war für die Medienseite der SZ beim Fußballspiel FC Bundestag gegen eine Auswahl türkischstämmiger Exiljournalisten.

Das nächste Altpapier erscheint am Freitag.

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