Teasergrafik zum Altpapier vom 12.Oktober 2018: Zeitungen protestieren mit dem Wechsel von Schriftarten für Pressefreiheit
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 12. Oktober 2018 Taraf und Myriad

Jamal Khashoggi scheint ermordet worden zu sein. Schriftarten demonstrieren für die Pressefreiheit. Europa sucht die Super-Plattform. Tom Buhrow hat eine bahnbrechende Erkenntnis. Unendlicher Lesestoff für Besucher abgelegener Südseeinseln (mit Internetanschluss). Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik zum Altpapier vom 12.Oktober 2018: Zeitungen protestieren mit dem Wechsel von Schriftarten für Pressefreiheit
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Gestern war es noch das entscheidende Detail, das bei den Ermittlungen zum Verbleib von Jamal Khashoggi fehlte: "ob der Journalist noch lebt oder tot ist." Heute früh meldet die Washington Post, die türkische habe der US-Regierung Ton- und Videomaterial vorgelegt, dass Khashoggi nach Betreten des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul ermordet worden sei.

"The audio recording in particular provides some of the most persuasive and gruesome evidence that the Saudi team is responsible for Khashoggi’s death, the officials said.

'The voice recording from inside the embassy lays out what happened to Jamal after he entered,' said one person with knowledge of the recording who, like others, spoke on the condition of anonymity to discuss highly sensitive intelligence.

'You can hear his voice and the voices of men speaking Arabic,' this person said. ;
You can hear how he was interrogated, tortured and then murdered."

Da ist er wieder, der House-of-Cards-Effekt: Man denkt, diese Serien überzeichnen die Realität, bis man merkt: Gegen die Realität sind diese Serien nichts.

Mit Schriftarten für die Pressefreiheit

Am 28. September hat Springers Welt es anlässlich des Besuchs des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vorgemacht. Heute zieht die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Medienseite nach und nutzt für ihre Überschriften die Schriftart der mittlerweile verbotenen türkischen Zeitung Taraf.  (Da ein solcher Font-Wechsel in der Online-Version nicht möglich ist, bietet sie die ganze, gedruckte Seite als PDF zum Download an.) Damit schließt sich die SZ der Aktion "Fonts for Freedom" der Reporter ohne Grenzen an, die ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen möchte. Deren Geschäftsführer Christian Mihr erzählt im Interview mit Carolin Werthmann:

"Taraf ist eine liberale Zeitung in der Türkei gewesen, auch liberal gegenüber dem, was die AKP gemacht hat, die Partei von Erdoğan. (…) Verboten wurde Taraf dann wenige Wochen nach dem Putschversuch Ende Juli 2016, weil ihr Verbindungen zur Gülen-Bewegung unterstellt wurden, was im Prinzip nicht belegbar ist. Wie in den allermeisten Fällen. (…) Der Chefredakteur Ahmet Altan wurde im Frühjahr dieses Jahres zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm wurde aufgrund seiner publizistischen Tätigkeit als Chefredakteur Beteiligung an dem Putschversuch unterstellt. Das ist ein tragischer Fall, weil Altan 68 Jahre alt ist und weil lebenslange Haft ein Urteil von unfassbarer Brutalität ist."

Wie schlecht es um die Pressefreiheit und die Lage der Journalisten in der Türkei steht, kann man nicht oft genug zum Thema machen. Dennoch gehört zur Kampagne auch Kritik, die Jürgen Siebert bereits anlässlich der Welt-Aktion Ende September im Fontblog vorgebracht hat. Er beschwert sich, dass nicht nur der Name der Schriftart ("Myriad, eine humanistische Sans, 1992 von Robert Slimbach und Carol Twombly für Adobe entworfen") unterschlagen wird, sondern die Welt diese nicht einmal nutzte:

"Myriad ist stark beeinflusst von Frutiger, lässt sich aber durch den runden i-Punkt zuverlässig unterscheiden. Seltsamerweise sind die i-Punkte auf der Titelseite der WELT gar nicht rund, sondern eiförmig. Und sowieso: die Proportionen der Myriad auf der WELT sind zerstört, die Spationierung unterirdisch, weil das Blatt gar nicht die Myriad verwendet, die Taraf nutzte, sondern sich eine Notlösung bastelte. (…)

Ich finde, dass alle an der Aktion Fonts for Freedom Beteiligten – also Reporter ohne Grenzen, die begleitende Agentur und die mitwirkenden Medien – die typografischen Inszenierungen nicht mit Taschenspielertricks durchführen sollten. Gerade wenn man im Namen der gedruckten Schrift die Stimme erhebt, für eine freie, unabhängige und glaubwürdige Presse, verbieten sich derartige Fakes."

Ob in Zeiten spurlos verschwindender und wahllos weggesperrter Journalisten solche Details wichtig sind, kann man natürlich diskutieren (mir fehlt die typografische Fachkenntnis, inwieweit die SZ einen besseren Job gemacht hat. Ich kann nur erkennen: die Seite wirkt nicht rund). Andererseits sollten wir schreibenden Journalisten, die mit Worten meinen die Demokratie verteidigen zu können, dem Werk von Typografen, ohne die wir nicht arbeiten könnten, den nötigen Respekt entgegenbringen - zumal bei einer Aktion, die "Fonts" im Namen trägt.

Schreiben verhindern geht, zum Lesen zwingen nicht

Einsperren und verbieten, das können Politiker, denen demokratische Prinzipen ziemlich schnurz sind. Was sie aber nicht vermögen, steht heute auf der Medienseite der FAZ () in Form einer (bearbeiteten) Rede, die Can Düdars gestern Nachmittag auf der World Conference of Screenwriters in Berlin gehalten hat.

"Die Zeitungen, die Sie aufkaufen ließen, drucken nur noch Ihr Foto, aber aus diesem Grund liest sie keiner. Sie haben Filme drehen lassen, die Ihre Ideologie verherrlichen, aber keiner schaut sie an. Von den Plätzen haben Sie Denkmäler entfernen lassen, die Ihrer Meinung nach sündhaft sind, doch keiner dreht sich nach den hingestellten Springbrunnen um. Fernsehserien, die Sie für 'unmoralisch' halten, haben Sie absetzen lassen, doch die anstelle ausgestrahlten 'sittsamen' verfolgt niemand. (…) In Politik und Wirtschaft des Landes, das Sie regieren, haben Sie Vorherrschaft, doch aller Unterstützung zum Trotz ist es Ihnen nicht gelungen, Ihre Fahne bei kultureller Hegemonie zu hissen. (…) Weil die Machtinhaber eine religiöse Erziehung genossen haben. Sie haben nicht gelernt zu hinterfragen, sondern zu gehorchen. Sie sind weit entfernt von dem kritischen Blick, den es für Kunst braucht."

Macht ist begrenzt, und das macht doch an dieser Stelle dringend benötigte Hoffnung.

Europas Facebook und Ulrich Wilhelms Beitrag

Und die deutschen Medien so?

Zwei Intendanten-Interviews hat die Nachrichtenlage zu bieten. Ein sehr langes hat Diemut Roether für die aktuelle Ausgabe epd medien (leider derzeit nicht online verfügbar) mit Ulrich Wilhelm, BR- und ARD-Chef geführt. Darin geht es u.a. um den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender (Wilhelm spielt den Klassiker "Dazu gehören neben Information, Kultur und Bildung auch Sport, Fiktionales und Unterhaltung" und betont die Bildungsaspekte von "Weissensee" und "Babylon Berlin", wobei mich ja mehr interessiert hätte, was ich von diesen Nonnen lernen soll, nur beispielsweise), aber auch um Wilhelms neueste Idee: eine europäische Super-Plattform, die gleichzeitig Youtube, Facebook und so manche Mediathek ersetzen soll.

"Zum einen geht es um qualitativ gute Inhalte der genannten Institutionen, also von Medien, Verlagen, Museen, Bildungseinrichtungen, Universitäten, zum anderen auch um die Möglichkeit für Bürger, sich zu beteiligen. (…) Es gibt große Einigkeit, dass Europa ein Gegengewicht zu den amerikanischen Monopolanbietern braucht und damit unsere Werte auch im digitalen Raum stärker durchsetzen kann. Die Frage ist nur, wer ergreift die Initiative und wem kann man eine solche Unternehmung anvertrauen? (…) Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es bisher keinem Start-up in Europa gelungen ist, auch nur annähernd ein Gegengewicht zu schaffen, weil der Marktvorsprung und die Kapitalkraft der Amerikaner riesig sind. Sie verfügen über Datenprofile von Milliarden Menschen. Das wird aus eigener Kraft kein Konkurrent schaffen, das braucht einen Anschub."

Wenn er das noch ein paarmal erzählt, könnte vielleicht schon im Jahr 2028 eine Kommission gegründet werden, die ein Arbeitspapier dazu erstellt. Die Menschheit wird sich derweil vermutlich mit Hilfe US-amerikanischer Plattformen durch die Gegend beamen und in Serien hineinmorphen.

Der zweite interviewte Intendant arbeitetet für den WDR, heißt Tom Buhrow und hat mit Christian Krug für die aktuelle Ausgabe des Irgendwie-auch-Nachrichtenmagazins Stern () gesprochen. Inhaltlich geht es um die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe im Sender. Neue Erkenntnisse gibt es jedoch nicht - außer, dass Buhrow schön umschreibt, was wohl das Problem vieler Chefs ist:

"Der eigentliche Schock für mich war die Unzufriedenheit der Beschäftigten in bestimmten Bereichen, speziell dem Programmbereich. Bisher bin ich davon ausgegangen, dort herrschten die besten Arbeitsbedingungen. Ich habe schließlich jahrelang selbst dort gearbeitet."

Von Führungspositionen aus betrachtet sieht Arbeit anders aus als von Perspektiven weiter unten in der Hierarchie. Donnerwetter, wer hätte das gedacht! Aber schön, wenn Buhrow jetzt mal die getönten Dienstwagenfenster herunterlässt und schaut, warum das Fußvolk eigentlich keinen Kuchen isst.

Altpapierkorb (Bayernwahl, Projekt Gutenberg-DE, AfD versus Republica)

+++ Am Sonntag wird in Bayern gewählt. Da kann man ruhig heute schon mal überlegen, was nach 18 Uhr diejenigen sagen werden, die die Schuld für schlechte Ergebnisse lieber bei vermeintlich unfairer Berichterstattung suchen als bei sich und ihrer politischen Performance. Im Gespräch mit Antje Allroggen von "@mediasres" hat das Michael Watzke, Deutschlandradio-Korrespondent in Bayern, übernommen.

+++ Welche Falschnachrichten vor der Wahl in Bayern am Sonntag durchs Netz geistern, sammelt Karten Schmehl bei Buzzfeed.

+++ Allen, die spontan ohne Lesestoff in der Südsee oder auf einem deutschen Provinzbahnhof stranden, dem hilft das Projekt Gutenberg-DE weiter. Altpapier-Kollege Christian Bartels hat für evangelisch.de den Machern in Hamburg einen Besuch abgestattet.

+++ Klaus Brinkbäumer lässt sich bei seiner Scheidung vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel von Christian Schertz vertreten. "Ausgerechnet Schertz. Beim 'Spiegel' ist nicht jeder glücklich darüber, dass der Chefredakteur den Anwalt beauftragt hat, der dem Magazin so viele Scherereien bereitet. Zumal Brinkbäumer, so oder so, weich fallen dürfte: Er hat sich vertraglich zusichern lassen, nach seinem Ausscheiden aus der Chefredaktion als Korrespondent nach New York zurückkehren zu dürfen." (Kai-Hinrich Renner in seiner Funke-Medienkolumne, u.a. Berliner Morgenpost)

+++ Nachhaltig will jeder sein, auch Sendungsproduktionen. Wie das klappt, beschreibt Timo Niemeier bei DWDL.

+++ Neues von der AfD: Sie möchte, dass die Republica keine staatlichen Förderungen mehr bekommt, weil sie in diesem Jahr keinen Bundeswehr-Stand auf ihrem Gelände wünschte (Altpapier), meldet Joachim Huber im Tagesspiegel.

+++ "Eine lokale Online-Newsseite brauchte Kapital, um die Plattform zu erweitern, und gab Anteilsscheine aus. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen: Statt der erhofften 600 000 Dollar kamen mehr als eine Million zusammen." Nein, das ist kein Märchen, sondern die wahre Geschichte der kalifornischen Healdsburg Tribune (aus der DSGVO-EU leider nicht erreichbar), aufgeschrieben von Walter Niederberger für die Medienseite der SZ.

+++ Die Zeitschrift Lisa berichtet etwas zu euphorisch über Homöopathie, findet Hinnerk Feldwisch-Drentrup bei Übermedien.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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