Teasergrafik Altpapier vom 15.10.2018 zur Illustration der Kritik an der CSU als Schatten der AfD nach der Landtagswahl in Bayern
Bildrechte: MEDIEN360G

Das Altpapier am 15. Oktober 2018 Alte Hegemonie, neue Kostümierung

War die Landtagswahl in Bayern wirklich ein "historisches Ereignis"? Warum soll sich die AfD eigentlich von Rechtsextremisten "distanzieren"? Ist Boris Palmer "nur noch kaputt"? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 15.10.2018 zur Illustration der Kritik an der CSU als Schatten der AfD nach der Landtagswahl in Bayern
Bildrechte: MEDIEN360G

"Das Ergebnis dieser Wahl wird Bayern verändern - und Deutschland auch", schreibt Spiegel Online unter der maximal alliterationsreichen Überschrift "Bayerisches Bundesbeben". Und "eine vollständig durcheinander gewirbelte Landschaft", hat Anne Will entdeckt, wie sie gestern zu Beginn ihrer Talkshow mitteilte. Man kann die Ergebnisse der Landtagswahl in Bayern freilich auch anders einschätzen, jedenfalls, wenn man mehr in den Blick nimmt als bloß die Verluste von CSU und SPD und die Gewinne der Grünen.

Welt-Redakteur Robin Alexander sprach noch recht früh am Wahlabend in einer Talkrunde beim Springer-Fernsehen von einer "Zwei-Drittel-Mehrheit" für die "migrationsskeptischen Parteien" (inclusive FDP). Später am Abend twitterte er fürs internationale Publikum:

"Conservative/right-wing parties (CSU+FW+FDP+AfD) increased support to 64.5% (60% in 2013)."

Michael Hanfeld, Hans Hütt und Frank Lübberding stellen dies in ihrer Betrachtung der "Bayern-Wahl bei ARD, ZDF, BR" für faz.net ebenfalls heraus. Die Überschrift "Als die Grünen fast allein gewannen" lässt bereits darauf schließen, dass das Trio der Ansicht ist, dass die "Fakten" teilweise nicht zu dem passten, was am Sonntagabend so gesagt wurde. Im Vorspann heißt es:

"Im Fernsehen hören wir am Wahlabend andauernd: Das ist ein 'historisches' Ereignis! Doch wie lautet das Ergebnis überhaupt?"

Zum Beispiel so:

"Was die CSU in Bayern gestern Abend tatsächlich verloren hat, ist ihre Hegemonie im Mitte-Rechts-Lager (…) Es ist gerade nicht das Ende der Hegemonie des Mitte-Rechts-Lagers in Bayern, sondern dessen Bestätigung in neuer Kostümierung."

Tatsächlich ist es ja (siehe Alexander) so, dass dieses Lager sich jetzt nicht nur "in neuer Kostümierung" präsentiert, sondern auch nennenswert stärker geworden ist. 56,7 Prozent der Stimmen hatten CSU und Freie Wähler bei den Wahlen 2013 geholt. Jetzt haben die Freien Wähler 2,6 Prozent dazu gewonnen, die AfD war bei der Wahl 2013 erst knapp sieben Monate alt und stand noch nicht auf den Stimmzetteln, und die FDP schaffte damals gar nicht den Einzug ins Parlament.

Man könnte auch sagen: Das Wahlergebnis bestätigt den allgegenwärtigen Rechtsruck was Robin Alexander und die FAZ freilich nicht so formulieren würden. Wer sich links von der CSU verortet und sich vorher über das prophezeite "Debakel" der CSU gefreut hat, hat offenbar recht wenig darüber gedacht, unter welchen Umständen sich das Debakel abspielen wird.

Was dem zitierten FAZ-Trio auch noch aufgefallen ist (und was wir gern wiedergeben, weil die meisten Altpapier-Leser außerhalb Bayerns gestern nicht den BR eingeschaltet haben dürften):

"Die Freien Wähler werden vom Interviewpersonal des Bayerischen Rundfunks mit Samthandschuhen angefasst. Niemand kommt auf die Idee, sie auf ihre Kirchturmspolitik anzusprechen, der schon Probleme eines Nachbarorts so fern wie der Mond vorkommen können. Ihr Charakter als Landespartei hat etwas von einem Scheinriesen."

Drogen im Wahlkampf

Auf das knackigste Zitat in der Sendung der oben schon erwähnten Anne Will, geliefert von der Spiegel-Redakteurin Melanie Amann, geht Alexander Jürgs bei welt.de ein:

"National gesinnte Wähler (…) hätten sich noch viel mehr Entschiedenheit in der Flüchtlingsfrage gewünscht – und haben deshalb lieber gleich das Original, also die AfD, gewählt. Amann benutzt ein drastisches Bild, um diesen 'desaströsen Wettlauf' der CSU mit der AfD zu illustrieren – sie vergleicht die Parteien mit Drogendealern: 'Die AfD gibt ihren Wählern Crack, die CSU will mitziehen und bietet ihnen Cannabis an.'"

Bei allem Verständnis dafür, dass so etwas möglicherweise leicht mal daher gesagt ist in einer Live-Sendung: Das Bild stimmt nicht. Anders gesagt: Amann verharmlost die CSU diskreditiert Cannabis. Wenn das Bild hätte stimmen sollen, hätte sie der CSU eine ähnlich harte Droge wie Crack zuordnen müssen. Nicht dass das jetzt mein Fachgebiet wäre: Aber statt Cannabis hätte hier wohl Crystal Meth gepasst.

Arno Frank (Spiegel Online) schreibt über die Sendung:

"Anne Will (verstrickt sich) in eine endlose Diskussion mit Jörg Meuthen darüber, wann, wie und ob überhaupt sich denn die AfD endlich einmal von den Rechtsextremen in ihren Reihen zu distanzieren gedenkt. Mit Bayern hat diese Sendung über weite Strecken nichts zu tun."

Was die Frage aufwirft, ob Anne Will auch vom Papst verlangen würde, dass er sich vom Katholizismus distanziert.

Es gibt keine Masken

Beim Thema AfD irrlichtert auch Katja Auer in einem Wahl-Kommentar für sueddeutsche.de:

"Das neue Parlament muss die AfD demaskieren",

lautet die Überschrift. Und im Fließtext heißt es:

"Der Parlamentarismus bietet die Chance, die AfD zu enttarnen."

Was wiederum der freie, unter anderem für den MDR tätige Journalist Silvio Duve so kommentiert:

"Hallo @SZ, die #AfD ist keine Chance, sondern eine Bedrohung: für #Geflüchtete, #Linke, #LGBTI und alle anderen, die nicht in das Weltbild der Rechten passen. Kritische Journalist.innen gehören übrigens auch dazu."

Hinzuzufügen wäre noch: Es gibt bei der AfD nichts zu "demaskieren" oder "enttarnen", weil dort niemals jemand eine Maske oder Tarnkappe getragen hat, das haben sich viele Journalisten bloß eingebildet bzw. unbedingt einbilden wollen.

Ärger noch ist folgende Formulierung Auers:

"Es ist zum ersten Mal seit 50 Jahren, dass Rechtspopulisten im bayerischen Parlament vertreten sind. Seit die NPD von 1966 an – mit damals 7,4 Prozent. – für vier Jahre im Landtag saß, war das nicht mehr der Fall."

Ex post die Neonazis der 1960er Jahre zu "Rechtspopulisten" zu deklarieren, weil man ins niedliche Narrativ von den "Rechtspopulisten" so vernarrt ist das ist schon ein starkes Stückchen.

Selbstgespräche

Die Versessenheit von Journalisten, in ihren Beiträgen sogenannte Experten zu Wort kommen zu lassen, ist schon oft bespöttelt worden. Mit einem noch relativ neuen Subphänomen befasst sich Tobias Rüther im Teletext" der FAS. Ausgehend davon, dass der heute bereits erwähnte Robin Alexander von der Welt in sehr, sehr vielen Talkshows hockt und das "Heute-Journal" als Terrorexperten oft E.T. interviewt, also einen Mann aus dem eigenen Haus, schreibt Rüther:

"Der Journalist (...) als Experte im Fernsehen, der Kollege als Experte im Fernsehen: Das ist, in dem Ausmaß, neu, und auch wenn gute Leute dabei zu Wort kommen, verstärkt es den Eindruck, dass die Medien am liebsten mit sich selbst reden."

Framing mit dem Presslufthammer

Eine Sendung, deren ausdrückliches Prinzip es ist, dass die Medien mit sich selbst reden, ist bekanntlich der "Presseclub". Am Sonntag lautete, in Anspielung auf eine Äußerung des heute oben in einem flapsigen Ton bereits erwähnten Oberhaupts der katholischen Kirche, der Titel dort: "Ist Abtreibung Auftragsmord?" Dieser Framing-mit-dem-Presslufthammer-Stil erinnert an "Missbrauch in der katholischen Kirche: Aufklären oder vertuschen?", eine kürzlich gesendete Ausgabe der ebenfalls vom WDR verantworteten Talkshow "Maischberger".

Ich habe vor einigen Wochen die neue WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni für die taz interviewt, sie ist für "Maischberger" und "Presseclub" zuständig. Im Gespräch ging es unter anderem um die, wohlwollend formuliert, Zuspitzungen in den Titeln von Talkshow-Sendungen. Ehni dazu:

"Natürlich kann man mit dem Titel – Stichwort Framing – der Debatte eine Richtung geben. Das ist immer eine Gratwanderung, denn ein verschlafener Titel hilft einer Sendung nicht. Es darf aber nicht auf einen effektheischerischen Titel hinauslaufen. Wir müssen verbal etwas abrüsten, um eine sachliche Debatte zu ermöglichen."

Mir scheint, dass Ellen Ehni noch viel Arbeit hat als Abrüstungsbeauftragte beim WDR.

Drittklassige Meinungen

Noch zu den Novizen im Genre der Medienkritik gehört der Innenverteidiger Mats Hummels:

"Kritisiert ruhig liebe 'Journalisten', aber zitiert wenigstens richtig @ZDFsport und @SkySportDE. So hat das mit Seriosität nichts zu tun",

twitterte er am Samstag nach der DFB-Elf-Pleite in Amsterdam. Jörn Meyn (Funke-Mediengruppe, u.a. Hamburger Abendblatt) kommentiert:

"Es ist jetzt also schon soweit gekommen, dass ein Spieler bereits empört ist über Kritik, bevor sie überhaupt erhoben wurde."

Dass es an der Fußball-Berichterstattung im Fernsehen tatsächlich einiges zu kritisieren gibt, insbesondere beim vom Hummels in seinem Tweet erwähnten Pay-TV-Sender Sky, macht aktuell Max Dettmer (Cavanis Friseur) deutlich:

"Mich verwundert es wenig, dass die Attraktivität der Bundesliga nachlässt. Dies liegt (…) (auch) an der Tatsache, dass es mittlerweile gefühlt um alles geht, außer um Fußball. Die ganze Berichterstattung ist zu einem riesigen Tamtam aufgebauscht. Wenn es mal wirklich um Fußball geht, wird oft nur nach Fehlern gesucht, um diese zu kritisieren und drittklassige Meinungen einzuholen. Fragen von Journalisten zielen vielfach darauf ab, Schlagzeilen zu provozieren und Dinge aus dem Zusammenhang zu reißen. Dies geschieht nicht nur bei Sky, sondern auch in anderen Formaten, die es offensichtlich nötig haben, sich auf diese Weise zu profilieren, weil sie sonst nichts Interessantes zu bieten haben. Daraus resultieren negative Effekte, die sowohl auf die öffentliche Meinung als auch auf die Spieler und Verantwortlichen selbst abfärben."

Altpapierkorb (Eine spontane Sprechzettelabweichung, ein Mediensatireversuch aus Tübingen, ein gähnend langweiliges Dokudrama, ein Geschäftsbericht)

+++ "Viele neue Indizien", die Aufschluss darüber liefern könnten, welche Verbindungen "Hintermänner" aus der Politik zu den Mördern der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia sowie des slowakischen Journalisten Ján Kuciak haben, präsentiert Tim Röhn in der Welt am Sonntag.

+++ "Ein politisch-ökonomisches Motiv" für den Mord an der bulgarischen Moderatorin Viktoria Marinova, "die in ihrer letzten Sendung Recherchen über vermuteten Betrug mit EU-Fördergeldern in Bulgarien Öffentlichkeit verschafft hatte" (siehe Altpapier), sei trotz der Verhaftung des mutmaßlichen Täters "noch nicht ausgeschlossen", betont Ambros Waibel in seiner "Geht's noch"-Kolumne für die Samstag-taz und widerspricht damit dem bulgarischen Ministerpräsident Boiko Borissow.

+++ Dass es sich bei der Behauptung des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Reul, ummittelbar nach dem Todessturz des freien Journalisten Steffen Meyn im Hambacher Forst hätten Aktivisten Schmähgesänge angestimmt, um eine Falschdarstellung handelt, hat nun das Innenministerium eingeräumt. Das berichtet Der Spiegel (€): "Reul sei während seines Berichts im Landtag 'spontan von seinem Sprechzettel abgewichen', teilt ein Ministeriumssprecher mit. Es handle sich 'offenbar um ein Missverständnis', das der Minister bedauere." Eberle meint: "Einiges deutet darauf hin, dass die Landesregierung nach dem Unglück Halbwahrheiten in die Welt setzte, um die Frage nach der Schuld so weit wie möglich von sich zu schieben." Eine online freie Kurzfassung des Spiegel-Artikels findet sich hier. Hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass "spontan vom Sprechzettel abgewichen" ein bisschen nach #mausgerutscht klingt.

+++ Ist Boris Palmer "nur noch kaputt"? Letzteres meint laut Tagesspiegel jedenfalls Sven Kindler, der haushaltspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. Die Diagnose bezieht sich auf eine Art Mediensatireversuch des Kommunalpolitikers. Dass Palmer dabei unter anderem das Kürzel der dpa verwendet hat, fand man bei der Nachrichtenagentur nun gar nicht lustig. dpa-Chefredakteur Sven Gösmann dazu: "Wir hätten gewünscht, dass sich ein Amtsträger entsprechend verantwortungsvoll verhält. Möglicherweise lernt er ja aus diesem Vorgang." LOL!

+++ Zehn Jahre alt wird dieser Tage das feministische Missy Magazine. Inga Barthels hat aus diesem Anlass für den Tagesspiegel mit Stefanie Lohaus, einer der Gründerinnen der Zeitschrift, gesprochen: "Anfangs sei Lohaus ängstlich gewesen, dass die Missy obsolet werden könnte. Für sie ist das Gegenteil eingetreten. 'Wir sind Teil eines Diskurses, der relevanter geworden ist.' Das neue Mainstream-Interesse am Feminismus ermögliche es der Missy, avantgardistischer zu werden. 'Wir wollen die Gesellschaft ja verändern', sagt Lohaus. Ob die derzeitige Sichtbarkeit feministischer Themen wie MeToo einen wirklichen Wechsel bringt, wird sich zeigen."

+++ "Ein gähnend langweiliges Dokudrama mit gänzlich redundanten, gelegentlich hochnotpeinlichen Spielszenen und mäßig erhellenden Interviewpassagen", sei der Film "Der Aufschneider", der den eigentlich ja längst rauf und runter erzählten Fall des einstigen "Baulöwen" Jürgen Schneider aufarbeitet. Das kritisiert Heike Hupertz in ihrer FAZ (€)-Rezension. Ähnlich ungnädig äußern sich andere Kollegen: "Ins schwarze Herz des Kapitalismus dringt 'Der Aufschneider' nicht vor. Die Einheit von Ethik und Wirtschaft existiert nur in den Lore-Romanen der Sonntagsreden. In jeder Investition steckt Gewalt und produktive Zerstörung. Geld ist immer Wette auf Zukunft. Sie unterliegt dem Risiko. Glaube ist stärker als Wahrheit. Die Dokumentation ist nur der Abbildung verpflichtet, nicht einem Weiterdenken. Das macht sie harmlos" (Nikolaus von Festenberg, Tagesspiegel). Und schließlich Hans Hoff in der SZ: "Wenn (…) die öffentlich-rechtliche ARD ein Doku-Drama zum Thema (Buch und Regie Christian Hans Schulz) auf dem prominenten 20.15-Uhr-Sendeplatz präsentiert und dafür gleich 90 Minuten Zeit spendiert, stellt sich die Frage nach dem Warum. Aus welchem Anlass geschieht das? Hat dieser Film etwas Neues beizutragen? Hat er nicht. Er verbrät mit viel Fleiß gesammelte Fakten und Interviews mit Richtern, Staatsanwälten, Fahndern und Journalisten zu einem überlangen Werk, das Doku-Drama zu nennen verboten sein sollte, weil das alle Doku-Dramen diskreditiert, die es kunstvoll geschafft haben, Spannung und Realität zu vereinen."

+++ Wer wissen möchte, wie es um die Republik steht, eines der interessantesten Projekte im deutschsprachigen Journalismus, findet bei der Medienwoche die wichtigsten Ergebnisse aus dem Bericht "zum ersten langen Geschäftsjahr vom Januar 2017 bis Juni 2018". Spoiler: "Zum Überleben" braucht die Republik langfristig 30.000 Abos. Derzeit hat sie 22.123.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.