Das Altpapier am 17. Oktober 2018 65/169/157 von 180

Malta, Saudi-Arabien und die Türkei haben ihre hinteren Platzierungen auf der Rangliste der Pressefreiheit wahrlich verdient. Wo die Champions-League-Spiele laufen, interessiert nun auch das Kartellamt. "Deutschland 86" startet, auch in begehbarer Form in Berlin-Mitte. Helmut Markwort hat nun den gleichen Job wie Richter Alexander Hold. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Teasergrafik zum Altpapier vom 17. Oktober 2018: Notizzettel mit den Ländern Malta, Türkei und Saudi-Arabien
Bildrechte: Collage MEDIEN360G




Definitiv tot. Wahrscheinlich tot. Lebendig, reisefähig, aber von langjähriger Haftstrafe bedroht. Lebendig, aber im Exil und für Interpol-Fahndungslisten vorgesehen. Das sind die aktuellen Nachrichten zur Lage von Journalisten, geordnet nach körperlicher (Un)versehrtheit. Gehen wir einmal durch.

Daphne Caruana Galizia

Der Mord an der Investigativjournalistin aus Malta (Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen: 65 von 180) jährte sich gestern zum ersten Mal. Die Untersuchungen zur Aufklärung laufen bzw. verlaufen, und zwar im Sand, berichtet Iris Rohmann im Deutschlandfunk bei "@mediasres". An der schlechten Lage für Journalistinnen und Journalisten im, wir erinnern uns: EU-Mitglieds-Land habe sich auch nichts geändert.

"Gegen Daphne Caruana Galizia lief bis zu ihrem Tod eine jahrelange, von der Regierung gesteuerte Kampagne in Facebook und anderen Medien. Bis heute wird sie offiziell als Lügnerin und Hass-Bloggerin bezeichnet. (…) Die maltesische Regierung hat einen der höchsten Social-Media-Etats weltweit, im Vergleich zu Kanada ist die Reichweite ihrer Posts sechsmal höher. Zwei der drei Fernsehsender im Land gehören ebenfalls der Regierung, sowie mehrere Zeitungen. (…) (Die Journalistin, Anm. AP) Caroline Muscat ist das nächste Ziel der Trolle. Dies geschieht mit Wissen und Unterstützung der Regierung. Sie wird – wie ihre ermordete Kollegin – als Hexe bezeichnet, und wurde vor Kurzem aus einem Geschäft verjagt."

Ähnliches erzählt auch der grüne EU-Parlementarier Sven Giegold im Interview mit Julia Wasenmüller in der taz:

"Über die systematischen Rechtsverstöße in Malta wird hinweg gesehen. Stattdessen werden die Vorfälle als Einzelfälle abgetan. Das ist das Gegenteil von dem, was das internationale Journalist*innenteam im Daphne Project mittlerweile herausgefunden hat."

Zum Daphne-Project haben sich 45 Journalisten aus 15 Ländern zusammengeschlossen, um die Recherchen von Daphne Caruana Galizia fortzuführen. Dabei geht es auch um illegitime Verstrickungen von denjenigen, die für die Aufklärung des Mordes zuständig sind.

Den fehlenden Druck aus der EU in der Sache erklärt sich Giegold mit guten Kontakten zwischen dem maltesischen Premier Joseph Muscat mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und seinem Stellvertreter Frans Timmermans.

"Es fehlt das politische Interesse an einer umfassenden Aufklärung."

Neben der oben zitierten Kurzform für das Medienmagazin hat Iris Rohmann auch ein 45-minütiges Feature über den Mord in Malta produziert, das gestern Abend im Deutschlandfunk lief und hier nachgehört werden kann.

Jamal Khashoggi

Die Frage, was mit dem Journalisten aus Saudi-Arabien (Platz 169 von 180) passiert ist, nachdem er im Konsulat seines Heimatlandes in Istanbul verschwunden ist, wächst sich immer mehr zur diplomatischen Krise aus und entwickelt sich dabei in den Details so pulpfictionesk, wie es die Sache mit dem 15-köpfigen Spezialistenteam und der Kettensäge in der vergangenen Woche (Altpapier) vorgab.

Anders als noch gestern an dieser Stelle vermutet, hat sich die saudische Regierung bislang nicht dazu entschlossen, ihre Rolle im Fall Khashoggi zu erläutern. Dafür hat die türkische Polizei in der Nacht zu Dienstag über neun Stunden lang das Konsulatsgelände gefilzt.

"Ein Polizeihund war während der Durchsuchung im Garten des Generalkonsulats unterwegs, auch Erde wurde abgetragen, so türkische Medien. Ob es so viel war, dass man dafür die zwei Müllwagen brauchte, die in der Nacht vor dem Konsulat vorfuhren, ist nicht bekannt.

Die Polizei hatte vor der Durchsuchung die Journalisten weggeschickt, die seit Tagen vor dem Konsulat ausharren. Montagnachmittag hatten Kameras aber noch aufgenommen, wie zwei Putzfrauen in weißen Kitteln und ein Mann einer Reinigungsfirma mit Eimer und Wischmopp das Gebäude betraten. Wie ein Team von Tatortreinigern sah der Putztrupp nicht aus, aber um Spuren zu beseitigen hätten die Saudis auch vorher genug Zeit gehabt",

berichten Paul-Anton Krüger und Christiane Schlötzer auf S. 7 der SZ.

Tagesschau.de zitierte gestern Abend aus einer AP-Meldung, die türkische Polizei habe "gewisse Beweise" für die Ermordung Khashoggis gefunden. Mehr wissen wir an diesem frühen Mittwochmorgen nicht - außer, dass Donald Trump beschlossen hat, den Fall mit dem des sexuellen Missbrauchs verdächtigen Richters Brett Kavanaugh zu vermischen und zu behaupten (Quelle: Washington Post):

"Here we go again with, you know, you're guilty until proven innocent. I don't like that. We just went through that with Justice Kavanaugh and he was innocent all the way as far as I'm concerned."

Mesale Tolu, Suat Corlu, Can Dündar, Dilek Dündar

Bei der Aufklärung des Verschwindens von Jamal Khashoggi kann sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan als Kämpfer für die Pressefreiheit inszenieren. Wenn es um ihn selbst und sein Land (Platz 157 von 180) geht, ist sein Interesse daran aber weiterhin mäßig.

"Ihre Familie sei 'geschädigt' worden, weil sie monatelang mit ihrem dreijährigen Sohn in Untersuchungshaft gesessen habe und ihr Mann nicht ausreisen dürfe. 'Ich fordere im Namen meines Mannes die Aufhebung der Ausreisesperre und unseren Freispruch.'"

Für diese Aussage, zitiert im österreichischen Standard, ist die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu gestern trotz aller Gefahren zum Prozess gegen sie und ihren Mann Suat Corlu nach Istanbul gefahren (Altpapier).

Am Ende des Tages wurde die Ausreisesperre gegen Corlu aufgehoben, sodass der türkische Staatsbürger nun mit seiner Frau nach Deutschland ausreisen darf. Der Prozess wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation sowie Terrorpropaganda geht aber im Januar weiter. Es drohen bis zu 20 Jahre Haft. (Weitere Agenturberichte u.a. bei Tagesschau.de, Zeit Online, Spiegel Online).

Der im deutschen Exil lebende ehemalige Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar soll derweil auf die internationale Fahndungsliste von Interpol gesetzt werden, wenn es nach einem Gericht in Istanbul geht.

"Schon im April hatte das Gericht einen solchen Fahndungsbefehl für Dündar angeordnet. Der (Dündars, Anm. AP) Anwalt Utku sagte, die endgültige Entscheidung liege jedoch beim Justizministerium. (…) Wenn ein Mitgliedsland einen Verdächtigen zur Fahndung ausschreiben will, informiert Interpol mit einer 'Red Notice' und steuert die länderübergreifende Kooperation. Jedes Land entscheidet selbst, ob es dem Fahndungsaufruf nachkommt",

Dündars Frau Dilek lebt weiterhin in der Türkei, weil sie das Land nicht verlassen darf. Karin Senz hat sie für "@mediasres" (Bericht ab verbleibender Minute 5.33) getroffen und sich von ihrer guten Laune und Stärke beeindrucken lassen.

"Mein Land hält mich als Geisel",

sagt Dilek Dündar. Dass sich mittlerweile ausländische Staatschefs mit ihrem Fall auseinandersetzten, mache sie andererseits aber fast ein wenig stolz.

Altpapierkorb (Champions-League-Rechte, "Deutschland 86", Zeitschrift mit Cliffhanger)

+++ Wie Sky und DAZN bei der Übertragung der Champions League kooperieren, interessiert nun auch das Kartellamt (Spiegel Online, DWDL, Tagesspiegel).

+++ "Irgendjemand muss nach der Bayernwahl Verantwortung übernehmen und personelle Konsequenzen ziehen, und nachdem ich gestern Abend 'Was nun, Herr Seehofer' gesehen habe, fände ich die Hauptstadtbüroleiterin und den Chefredakteur des ZDF nicht die schlechteste Wahl", meint Stefan Niggemeier bei Übermedien.

+++ Auch ohne öffentlich-rechtliche Schützenhilfe (Altpapier) zieht Helmut Markwort für die FDP in den bayerischen Landtag ein. "Wie es aussieht, werde ich ja Alterspräsident im neuen Landtag sein und in dieser Rolle kommt mir die Aufgabe zu, die konstituierende Sitzung zu eröffnen. Jetzt sammle ich schon mal Material für eine Grundsatzrede…", erzählt er im Interview mit dem Münchner Merkur. Weitere Medienprominenz im Parlament: Richter Alexander Hold (Freie Wähler). DWDL hat's entdeckt.

+++ Was tun, wenn im kommenden Jahr Europawahl ist und im Vorfeld Hacker, Fake-News-Schleudern und sonstige zwielichtige Gestalten aus ihren Löchern kriechen? "Bei solchen Fragen tat die EU nun das, was sie am besten kann: Sie organisierte eine große Konferenz. (…) Die Antwort: Es ist kompliziert." (Alexander Fanta, Netzpolitik.org)

+++ Am Freitag geht "Deutschland 83" mit "Deutschland 86" und damit das "Wir-können-auch-Serien-Festival" in die nächste Runde, diesmal bei Amazon Prime statt bei RTL. Zur Bewerbung eröffnet morgen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte ein 1980er-Revival-Pop-up-Store (Horizont). Inhaltliches Lob für die Serie hat Sidney Schering bei Quotenmeter: "(W)ie die Wingers (Anna und Jörg, Macher der Serie, Anm. AP) dieses Mal minutiös recherchierte, wahrlich nicht zur Allgemeinbildung zählende Fehltritte der DDR in die Staffelhandlung weben und damit auch das Heute reflektieren, ist bei aller künstlerisch freien, narrativen Verdichtung ebenso spannend wie erhellend."

+++ Ein Phänomen wie aus einer anderen Zeit: Drittsendezeiten, die Meinungsmacht im Fernsehen begrenzen sollen. Es gibt sie noch, und was da läuft, dokumentiert Benedikt Frank auf der Medienseite der SZ.

+++ Die Hamburg Media School nimmt für ihr Digital Journalism Fellowship Geld von Facebook, was man als Problem ansehen kann, erklärt Daniel Bouhs bei NDR Info.

+++ Wer Witze über die polnische Regierung macht, riskiert seinen Job. Zwei aktuelle Beispiele hat Ste­phan Stach auf der FAZ-Medienseite ().

+++ Cliffhanger funktionieren bei Serien. Warum das Prinzip nicht auf Zeitschriften übertragen? Fragt sich das Gesellschaftsmagazin Shift und versucht selbiges nun mit Crowdfunding zu ermöglichen. Horizont berichtet.

Neues Altpapier gibt es morgen wieder.