Teasergrafik zum Altpapier vom 30. Oktober 2018: Kaiser Wilhelm II. legt seinen Arm um Angela Merkel
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 30. Oktober 2018 Der Mantel der Geschichte

Angela Merkel teasert stilvoll ihren Abschied an, und die Medien haben großes Kino vorbereitet. Dem Abschied des letzten Kaisers vor 100 Jahren gelten bloß Kostüm-Dokudramen. Das "Twitter für Rassisten" zeigt beispielhaft ein eskalierendes Dilemma. Und immer mehr Apps bieten jede Menge Vorteile – bloß für Nutzer nicht so. Außerdem: Lob für bento.de (!); nie mehr nicht Barbara Schöneberger hören. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik zum Altpapier vom 30. Oktober 2018: Kaiser Wilhelm II. legt seinen Arm um Angela Merkel
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Weite Teile der deutschen Medienlandschaft stehen heute unter dem Eindruck der gestrigen Hammer-News, dass Bundeskanzlerin Merkel nun also nicht bis ins Jahr 2025 regieren möchte. Auch wenn, ähm günstigstenfalls?, noch einige Jahre des Rückblicks bevorstehen könnten, drängen die gewiss nicht erst gestern angelegten Rückblicke auf "Die Ära Merkel" auf die Titel- und Startseiten.

Der taz-Chefredakteur Georg Löwisch alliteriert über "uckermärkische Umstandslosigkeit" und hat "großes Kino" gesehen. Das vorerst wohl größte (Kino) geschrieben hat jedoch Jürgen Kaube unter der Überschrift "Anders als alle anderen" fürs FAZ-Feuilleton (45 Cent bei Blendle). Es endet mit den Worten

"In einem Satz ihrer Erklärung, der dem über ihre persönlichen Ansprüche folgte, merkte sie an, dass mit einer solchen Arbeit auch Würdefragen einhergehen. Man wird es in Erinnerung behalten – man sollte es jedenfalls –, dass ihre Art des politischen Rückzugs der Würde von Amt und Person hoch angemessen war. Er hatte, das darf man in einem Feuilleton über die feuilletonistisch unergiebigste Politikerin seit Menschengedenken sagen: Stil."

Was bedeutet ja auch, dass den klassischen Feuilletons künftig, wenn dann wieder feuilletonistisch ergiebige Politiker am Ruder sind, blühende Landschaften offenstehen, und den Qualitätszeitungen natürlich von Herzen zu wünschen wäre.

Wer vor 100 Jahren ging (Kaiser Wilhelm II.)

Kann es reiner Zufall sein, dass die offizielle Ankündigung vom Ende der Ära der ersten deutschen Kanzlerin nahezu zusammenfällt mit dem 100. Jahrestag des Sturzes des – trotz aktueller Ungewissheiten wohl: für immer – letzten deutschen Kaisers? Jedenfalls ist letzteres ein Datum, das natürlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verarztet gehört. Die unvermeidlichen Dokudramen dazu stehen vor der Ausstrahlung. Zwei Medienseiten-Besprechungen widmen sich ihnen. Und fallen auf, weil sie beide unbegeistert sind.

"Nur in der Qualität der Kostüme und Kulissen herausragend" nennt Andreas Kilb den ZDF-Film "Kaisersturz" auf der FAZ-Medienseite, und dekliniert dann die Gattungsbezeichnung "Fernsehdokumentarspiel" durch, als würde er die ZDF-Redakteure (die den Begriff im laufenden Jahrtausend bestimmt nicht mehr in den Mund genommen haben) zur Weißglut reizen wollen. Analytischer ist Thomas Gehringers Tagesspiegel-Doppelbesprechung des ZDF-Films und der heute abend bei Arte gezeigten NDR-Produktion "1918 – Aufstand der Matrosen". Er lässt es an "Respekt etwa für das nuancierte Spiel auch von Sylvester Groth als verstocktem, realitätsfremdem Herrscher" mit angeklebtem Schnurrbart und erst recht für Sunnyi Melles als letzter Kaiserin ("minimalistisches und zugleich ausdrucksstarkes Spiel ...") nicht mangeln, findet das "wilhelminisch kostümierte Kammerspiel" aber dennoch eher doof:

"Besonders schlecht kommt Prinz Max von Baden (Hubertus Hartmann) weg. ... Der letzte Reichskanzler der Monarchie wird hier als schlapper Trottel vorgeführt, dem politisches Gespür völlig fehlt. Besonders problematisch ist, dass seine Homosexualität in direkten Kontext mit seiner Entscheidungsschwäche gestellt wird."

Jawohl, Kanzler gab es zu Kaisers Zeiten auch schon, bloß mit weniger Macht, (und Sozialdemokraten!), insofern mangelt es nicht an Anknüpfungspunkten zur Gegenwart. Als "Kaisersturz"-Hauptproblem benennt Gehringer aber, dass "der dokumentarische Anteil und damit die zweite, einordnende und hinterfragende, Ebene auf ein Mindestmaß beschränkt" wird:

"erscheint ... bedenklich, dass es Historisches, und sei der Anlass noch so epochal, in die Fernseh-Primetime nur noch als 'Dokudrama' schafft – mit Betonung auf 'Drama'."

Tatsächlich war Wilhelm II. ja zumindest ein "Medienkaiser". Dazu lässt sich vieles im Internet googeln oder anders suchen. Schon anno 1900 gab er den Befehl, "alle wichtigen Ereignisse zu kinematographieren", weshalb sich in der Riesenmenge Medienmaterial mit ihm auch viele bewegte Bilder finden lassen, bloß in schwarzweiß und nicht in HD. Warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen alles, was alt ist, seinem (ja auch älteren) Publikum praktisch ausschließlich von gegenwärtigen Schauspielern in aktueller Fernsehästhetik nachgestellt zumuten zu können glaubt, ist eine Frage, die häufiger diskutiert gehörte.

Eskalierendes Dilemma (am Beispiel von gab.com)

In die unmittelbare Gegenwart:

"You can’t stop an idea."

Das klingt erst mal sympathisch, nach ... Antoine de Saint-Exupéry? Eher wohl Victor Hugo. Es ist aber nicht so sympathisch, wie bereits der unmittelbare Kontext "No-platform us all you want. Ban us all you want. Smear us all you want" beim Blick auf gab.com andeutet. Wohlklingende und bedrohlicher klingende Phrasen von Andrew Torba sind alles, was derzeit dort zu sehen ist.

Was dieses gab.com ist, beschreibt der österreichische Standard ausführlicher als die Süddeutsche: das "Twitter für Rassisten", das durch den antisemitischen Massenmord in Pittsburgh in den USA in den Fokus großer Öffentlichkeiten geriet. Beziehungsweise, derzeit ist gab.com das nicht, denn:

"Nachdem Google im Vorjahr die App aufgrund fehlender Moderation hasserfüllter Nachrichten aus dem Play Store warf – Apple hatte den Store-Zutritt stets verwehrt –, entzogen nun auch Webhosting- und Domainnamenprovider sowie sämtliche Bezahldienste Gab deren Unterstützung. Das Netzwerk wird daher vorerst für einige Zeit offline bleiben".

Was natürlich Torba Gelegenheit gibt, sich in attraktive Posen ("We are the most censored, smeared, and no-platformed startup in history, which means we are a threat to the media and to the Silicon Valley Oligarchy") zu werfen und für ein Dilemma steht, auf das es keine einfachen Antworten gibt. Es umreißt Patrick Beuth in einem bemerkenswerten SPON-Kommentar, der sich wegen eines "beinahe unerträglich heuchlerischen Statements" vor allem gegen Paypal (ein weiteres Mitglied dieser Oligarchie, was ja kein schlechter Begriff ist ...) richtet:

"Wir leben in einer Zeit, in der erstens soziale Netzwerke und die für ihren Betrieb nötige Infrastruktur das Schlechteste im Menschen sichtbar machen, verstärken und sogar belohnen. Und zweitens darf es niemanden mehr überraschen, dass dieses Schlechteste aus dem Netz in die physische Welt übertragen wird."

Wobei man Beuth rasch zurufen könnte, dass niemand gezwungen ist, die sogenannten sozialen Netzwerke/Medien mit dem werblichen Gattungsbegriff zu bezeichnen, den sie selbst für sich verwenden. Weiter im Zitat:

"Unternehmen, die diese Infrastruktur bereitstellen, haben nun die unangenehme Wahl, entweder glaubhaft gegen Hass, Hetze und Gewalt einzutreten und dafür die lange gehegte neutrale Position zu verlassen, die da lautet: 'Wir stellen nur die Technik zur Verfügung und sind nicht dafür verantwortlich, was die Nutzer damit anstellen'. Das hieße: weniger Geschäfte und mehr Zensurvorwürfe. Oben drauf gibt es garantiert medialen, politischen oder juristischen Ärger ... Oder aber sie verteidigen die Meinungsfreiheit und die Unschuldsvermutung ihrer Kunden und nehmen dafür in Kauf, nach einem Verbrechen wie dem in Pittsburgh in einem Atemzug mit dem Täter genannt zu werden."

Das Dilemma ist nicht neu. Das deutsche NetzDG etwa ist ein, zumal vor diesem Hintergrund, respektabler Versuch, damit umzugehen. Aber es eskaliert.

Sie spionieren und werden immer mehr (Apps)

Wobei das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bekanntlich u.a. das Problem hat, dass die angesprochenen Unternehmen, die eben die Infrastrukturen bereitstellen, praktisch ausschließlich US-amerikanische sind und sich wenn, dann eher an dortigen Gesetzen, Regeln und Maßstäben (Beuth: "Die Meinungsfreiheit geht gerade in den USA sehr weit") orientieren.

Und auch dieses Problem verhält sich dynamisch. Mobile Geräte und Apps spielen eine immer größere Rolle bei der Internetnutzung. Das mag Vorteile haben (aus Googles "Play Store" flog gab.com ja früh raus). Strukturelle Nachteile in gewaltigem Ausmaß hat es auch. Darauf machte gerade das FAZ-Feuilleton doppelt aufmerksam:

"Anders als es viele Menschen auf ihren Computern zu Hause oder im Büro halten, können Smartphone-Nutzer wenig gegen die Tracking-Übermacht der amerikanischen Tech-Branche unternehmen. Einerseits wissen sie in der Regel nichts davon, andererseits ist es auf den Mobilgeräten weitgehend unmöglich, das Tracking auf einfachem Wege abzustellen",

schrieb Constanze Kurz in der "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne unter der Überschrift "Der Spion, der mit dem Smartphone kam" über eine frische Studie aus Oxford, die zuvor Axel Weidemann so zusammenfasste: "90 Prozent von über 959.000 Apps in Googles Play-Store verfolgen das Verhalten ihrer Nutzer und liefern die Daten an ein Netzwerk von Drittanbietern." Wobei diese Spione nicht allein aus Mobiltelefonen kommen, sondern aus quasi allen Geräten, die Nutzern als "smart" verkauft werden.

Und dass nicht bloß die Verbreitung von Apps zunimmt, sondern auch die Abhängigkeit der Nutzer von ihnen, macht heute wiederum die SZ-Medienseite deutlich. Sie steigt zwar mit feinem Witz ein:

"Wer an diesem Dienstagabend um 20.45 Uhr die Liveübertragung des DFB-Pokal-Highlights 1. FC Heidenheim gegen SV Sandhausen sehen will, ist auf die Dienste des Pay-TV-Senders Sky angewiesen",

macht dann aber eine technische Ankündigung von Sky zum Thema. Die Pay-TV-Plattform will ihren Streamingdienst, der noch "über jeden beliebigen Webbrowser abgerufen werden" kann, "spätestens Anfang Dezember nur noch per App zur Verfügung ... stellen". Also auf dem Wege, auf dem Nutzer noch viel weniger gegen das Verfolgen und anschließende Verkaufen ihrer Daten tun können als im klassischen, auf Browsern konsumierten Internet.

Constanze Kurz setzt da zwar noch ein paar Hoffnungen auf die heftig umkämpften ePrivacy-Regeln (Altpapier), die noch immer zwischen den Entscheidungsebenen der EU zirkulieren – doch dass sich die EU oft nicht einigen kann, oder wenn doch, dann in derart oft abgeänderten Kompromissformeln, dass die Resultate kaum abzusehen sind, ist ja eines der Kennzeichen der Merkel-Ära.


Altpapierkorb ("Dual Use Leaks", Lob für bento.de, Ausweisungs-Missverständnis, Militär-Zeitschriften, Blaubeermuffins und Chihuahuas) 

+++ "Aufgrund des hohen öffentlichen Interesses an der Thematik veröffentlicht Reporter ohne Grenzen gemeinsam mit netzpolitik.org sämtliche Papiere im Volltext": So annoncieren die ROG die "Dual Use Leaks" bei netzpolitik.org. Es geht um zwar von deutscher Seite (als Sigmar Gabriel noch Vizekanzler war ...) für die EU gewünschte, später aber, also in der jetzt laufenden Phase der Merkel-Ära, von deutscher Seite hintertriebene Forderungen nach Regeln für den "Export von Überwachungstechnologien".

+++ SPONs Junge-Leute-Portal bento.de kriegt selten gute, äh, Presse. Jetzt aber dank seines Berichterstatters Jannis Große, der im Hambacher Forst die Kamera abgenommen bekam und "etwa zehn Stunden" in einer "Gefangenensammelstelle" verbringen musste. Die taz berichtet und hat auch den Link zum Twitter-Video.

+++ Adil Yigit wird doch nicht aus Deutschland ausgewiesen (Altpapier gestern). Er oder alle haben den durchaus üblichen Wortgebrauch der Hamburger Ausländerbehörde missverstanden. "Aus rechtlichen Gründen könne Yigit eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen nur erteilt werden, wenn eine Aufenthaltsgenehmigung aus anderen Gründen abgelehnt werde, sagte der Sprecher" dem epd. "Yigit habe daher eine Abschiebeverfügung erhalten, die aber nicht in Kraft treten werde. Dies steht so auch in der Abschiebeverfügung." +++ Der für Tagesspiegel-"Causa" bloggende Rechtsanwalt Heinrich Schmitz hält es für sinnvoll, Yigit "Fakenews in eigener Sache" vorzuwerfen.

+++ Auf der FAZ-Medienseite glossiert Michael Hanfeld unter der Überschrift "Rührt euch" die Hessenwahl- und Merkel-Berichterstattung zusammen (nicht ohne Seitenhiebe gegen "Journalisten und Kommentatoren, die sich gar nichts anderes mehr als den Status quo vorstellen können, der mit Blick auf die Union seit Jahren darin bestand, dass die Bundeskanzlerin jede Diskussion in ihrer Partei im Keim erstickte und eine Politik machte, für die sie von der größten Oppositionspartei im Bundestag häufiger gelobt denn kritisiert wurde ...").

+++ Wo es stabil läuft für Gedrucktes: im Segment der Militär-Zeitschriften. "Magazine wie 'Clausewitz' (35.000 Exemplare) oder 'Militär & Geschichte' (28.000 Stück) haben treue, überwiegend männliche Leser im Alter von 40 bis 59 Jahren mit Abitur oder Hochschulabschluss...", schreibt Mey Dudin in epd medien und nennt auch den erfolgreichen Nachfolge-Titel des anno 2013 (Altpapier) scharf attackierten Landser.

+++ Zeitschriften-Wunderwaffe Barbara Schöneberger macht endlich auch Radio, wie u.a. meedia.de meldet, und zwar scheinbar gleich neun Kanäle auf barbaradio.de. +++ Wie bitter es für einst ambitionierte Verlage wie etwa den Jahreszeiten-Verlag sein muss, nun Zeitschriften um so'ne und solche Influencer sowie natürlich Lust, Genuss und Achtsamkeit vermarkten zu müssen, schrieb ich meine aktuelle evangelisch.de-Medienkolumne.

+++ Ein freundliches Porträt des Mannes, "der gefühlt schon unendlich viele Galas moderiert hat und eine Zeit lang als der Mann galt, der immer dann randarf, wenn Barbara Schöneberger nicht kann", schrieb Hans Hoff für die SZ. Merkwürdigerweise gilt Jörg Thadeusz noch keine Zeitschrift.

+++ Der größte private deutsche Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 "will bei der Produktion von Filmen und Fernsehsendungen künftig mehr Augenmerk auf den deutschsprachigen Markt legen" (Standard sowie mit viel Lob fürs alte und neue Personal dwdl.de).

+++ Einer mittelkleiner Aufreger vor kurzem: "dass die ähnlich umtriebige wie wirkungsvolle Medienarbeit der AfD ... gerne Inhalte aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen übernimmt, durch ins Bildfeld gesetzte Botschaften weiterverarbeitet ... und unter AfD-Logo für eigene Zwecke weiterverbreitet" (Altpapier, über t-online.de-Recherchen). Jetzt hat t-online.de weiter recherchiert und festgestellt, dass es alle Parteien so halten. "Besonders die Linke verwendet das Material der Sender offenbar systematisch – sogar in viel größerem Umfang als die AfD".

+++ Und wenn wir auf der linken Seite sind: Den besten deutschsprachigen Text über künstliche Intelligenz, der mir begegnete, hat Timo Daum für die dezidiert linke, aber schön weltoffene Monatszeitung Oxi geschrieben. Inzwischen steht er frei online: "Blaubeermuffins oder Chihuahuas: Warum sich die Linke mit künstlicher Intelligenz beschäftigen sollte".

Neues Altpapier gibt's nach dem morgigen (nicht Halloween-, sondern Reformations!)-Feiertag wieder am Donnerstag.

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