Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 8. November 2018
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Altpapier am 8. November 2018 Die absurde Gesellschaft und ihre Freude

Donald Trump schmäht einen Reporter. Das Weiße Haus entzieht ihm Akkreditierung. Ein ganz normaler Streit? Aber was ist schon normal? Inzwischen zum Beispiel, dass jeder dritte Deutsche rassistischen Aussagen zustimmt. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 8. November 2018
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Zuallererst wollte ich hier tatsächlich darauf hinweisen, dass man sich die Szene mit der Trump-Pressekonferenz gestern Abend in dieser Form als Drehbuchautor vor fünf Jahren nicht hätte ausdenken können, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, da sei die Fantasie wohl mit einem durchgegangen. Das Problem ist leider: Genau das hat man ja nun schon so oft gelesen.

Ständig passieren Dinge, die man sich so vor wenigen Jahren noch nicht hätte vorstellen können. Man hält diese Dinge immer noch für unglaublich, aber man hält sie nicht mehr für überraschend. Die Frage ist: Wie reagiert man dann?

Falls Sie die Szene, von der ich spreche, noch nicht kennen, können Sie sich diese hier ansehen. Kurz zusammengefasst:

Donald Trump will eine Nachfrage von CNN-Hauptstadtkorrespondent Jim Acosta nicht beantworten. Er wendet sich von ihm ab, um dem nächsten Frager das Wort zu geben. Doch Acosta bleibt beharrlich. Trump sagt: "Es ist genug", wiederholt das mehrfach, fordert Acosta auf, das Mikrofon herunterzunehmen, schließlich lässt er es ihm wegnehmen. Als das passiert ist, schiebt er noch hinterher, CNN solle sich schämen, dass Acosta für den Sender arbeite. Er sei ein unverschämter, schrecklicher Mensch. Auch das wiederholt er. Als NBC-Kollege Peter Alexander seinem Kollegen beispringen will, sagt Trump: "Von Ihnen bin ich ehrlich gesagt auch kein Fan."

Spiegel Online beschreibt den Vorfall hier mithilfe von dpa-Material noch etwas detaillierter.

Nach der Pressekonferenz entzog das Weiße Haus Acosta seine Akkreditierung. Auf Twitter begründete Trumps Sprecherin Sarah Huckabee-Sanders das mit seinem Verhalten einer Praktikantin gegenüber. Er habe ihr Gewalt angetan, womit offenbar der Moment der Pressekonferenz gemeint ist, in dem Acosta das Mikrofon zurückgeben soll. Spiegel Online schreibt, er habe einer Mitarbeiterin das Mikrofon aus der Hand genommen. In dem Ausschnitt, den ich gesehen habe, ist das nicht zu erkennen; er weigert sich lediglich, es abzugeben. Möglicherweise gibt es eine andere Aufnahme, die ich nicht kenne. Acosta antwortete auf Twitter auf die Anschuldigungen lediglich mit einem einzigen Satz: "Das ist eine Lüge."

Interessant sind daran mehrere Dinge: Wenn man von Peter Alexanders zaghaftem Versuch, Acosta in Schutz zu nehmen, absieht, regt sich doch erstaunlich wenig in diesem Saal voller Journalisten. Keine Zwischenrufe, niemand verlässt den Raum.

Trump kann sich anscheinend darauf verlassen, dass keiner der dort sitzenden Reporter riskieren möchte, am Ende nichts liefern zu können. Und wenn man nur auf Jim Acosta schaut, mag es klug sein, dass er sich nicht provozieren lässt, dass er heharrlich weiterfragt, ohne auf die Beleidigungen des Präsidenten zu reagieren.

Im Gesamtbild entsteht allerdings der Eindruck, dass eine Pressekonferenz, in der ein US-Präsident Journalisten in dieser Art behandelt – in der er sie auffordert, den Mund zu halten und sie persönlich beleidigt, inzwischen weitgehend zur Normalität geworden ist.

Wie sehr das bereits passiert ist, wird vor allem deutlich, wenn Medien wie die FAZ titeln: "Donald Trump streitet mit Jim Acosta von CNN" (Inzwischen aktualisiert zu: "Trump lässt CNN-Reporter nach Streit aussperren"). Als wäre das alles Teil einer gewöhnlichen Auseinandersetzung zwischen Politikern und Journalisten.

Sobald diese ständigen Grenzüberschreitungen nicht mehr als solche benannt werden, weil sie nichts Besonderes mehr sind, und sobald Medien Angriffe wie diesen in den Nachrichten-Duktus eingemeinden, verschiebt sich die Grenze des Tolerierten unweigerlich weiter in Normalität. Und in unmittelbarer Nähe befindet sie sich auf jeden Fall schon.

Muss man rechtes Denken kennen?

Eine ähnliche Sorge in einem anderen Zusammenhang hat vor einigen Tagen Margarete Stokowski dazu bewegt, eine Lesung in München abzusagen (Altpapier). Die Buchhandlung verkauft Werke der "neuen Rechten". Und auch das ist ein interessanter Fall, wenn es um das Phänomen geht, dass die Normalität sich nach und nach vieles einverleibt, was sich mit dem deutschen Grundgesetz nicht in Einklang bringen lässt.

Die Frage war, ob es vertretbar ist, diese Bücher zu verkaufen. Margarete Stokowski hatte zwar nicht gefordert, das nicht zu tun, aber ihre Lesung mit der Begründung abgesagt, sie wolle in diesem Umfeld nicht auftreten. Der Buchhändler reagierte auf die Frage nach dem Normalisierungsvorwurf im SZ-Interview Anfang der Woche mit dieser Antwort:

"Das Argument kenne ich schon von vor 30 Jahren. Aber erstens sind wir bei Lehmkuhl nicht in der Position, gesellschaftliche Gruppen auf- oder abzuwerten. Und zweitens glaube ich, dass wir dringend wissen müssen, wie diese Leute denken und argumentieren, sonst ist die Debatte so hilflos, wie wir es gerade erleben. Das ist mir auch deshalb so wichtig, weil die Rechten heute nicht mehr so dumpf sind vor 30 Jahren. Götz Kubitschek und seine Autoren fordern einen richtig heraus. Die haben Gramsci, Carl Schmitt und Ernst Jünger gelesen, sie diskutieren Marx von rechts und schreiben Artikel auf einem Niveau, bei dem man erst mal ins Schleudern kommt. Das Wort vom Rechtsintellektuellen ist da schon richtig. Die haben auch eine Lesebegeisterung, die manchen Linken heute abgeht. So kommen wir nicht weiter. Deshalb finde ich, dass wir sie genau studieren sollten."

Die Philosophin und #metoo-Kritikerin Svenja Flaßpöhler antwortet im Interview mit dem Standard auf die Frage nach der Absage der Lesung mit der Gegenfrage: "Darf man dann auch keinen Carl Schmitt mehr verkaufen? Und wie kann man eigentlich ‚gegen rechts‘ sein, wenn man das rechte Denken überhaupt nicht kennt."

Den ersten Teil der Frage hatte Stokowski allerdings gleich im zweiten Satz ihres Briefs an den Buchhändler beantwortet. Und das nur als Randbemerkung: Dieses Reden über Dinge, von denen man nur im Vorbeigehen gehört hatte, ist vielleicht auch ein Symptom der Debatten, die darüber geführt werden.

Zur Frage, wie man mit dem etwas paradoxen und in unterschiedlichen Zusammenhängen auftretenden Problem umgeht, dass man rechtsextremes Denken schon in Umrissen kennen muss, um eine Gegenposition entwickeln zu können, aber mit den Themenregalen in Buchhandlungen und Einladungen von Protagonisten dieser Denkrichtungen zu Diskussionsveranstaltungen der Normalisierungsprozess unweigerlich einsetzt, hat Jonatha Freedman einen interessanten Text im Guardian geschrieben, der zwar schon Ende Oktober erschienen ist, den ich aber trotzdem hier gerne zitieren möchte.

"The point here is that the struggle against normalisation is not quite as clear-cut as some of its most righteous warriors would have you believe. One rule of thumb might be useful though. If you give space to the far right, then ask yourself if you’re interrogating them – or echoing them."

Vor allem autoritäre Menschen denken rechts

Nun steht aber dem Anliegen, rechtes Denken nicht zur Normalität werden zu lassen, die Tatsache gegenüber, dass genau das in Deutschland passiert. Die Universtät Leipzig untersucht in einer Langzeitstudie, inwieweit rechtsextreme und antidemokratische Einstellungen in Deutschland verbreitet sind. Ihre aktuellen Ergebnisse haben die Forscher am Mittwoch vorgestellt:

"Rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland weiterhin auf hohem Niveau und steigen teilweise an. Sechs Prozent der Deutschen vertreten ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, fast jeder dritte Deutsche stimmt ‚ausländerfeindlichen Aussagen’ zu",

Die Studie gibt auch Antworten darauf, welche Faktoren dieses Denken begünstigen. In den Ergebnissen zeigt sich, "dass autoritäre Charakterzüge eine Hauptursache für rechtsextreme Einstellungen sind", schreibt Rita Sauer für Zeit Online.

"Nicht nur der Wohnort spielt eine Rolle dafür, ob jemand mit rechtsextremem Gedankengut sympathisiert. Auch Erwerbsstatus, Alter und Bildungsgrad sind wesentliche Faktoren. Demnach sind Arbeitslose deutlich stärker autoritär, chauvinistisch, ausländerfeindlich und antisemitisch eingestellt als der Rest der deutschen Bevölkerung. Und je älter die Befragten waren, desto eher teilten sie antisemitische und chauvinistische Ansichten. Am eindrücklichsten, so schreiben die Autoren, sei der Zusammenhang von Bildungsgrad und rechtsextremen Einstellungen." 

Zusammen mit dem folgenden Zitat könnte man darauf auch durchaus Schlüsse für die mediale Themensetzung ziehen. Immer noch Rita Sauer:

"‚Einstiegsdroge‘ in den Rechtsextremismus sei die Zustimmung zur Aussage, dass Deutschland durch Ausländer in gefährlichem Maße ‚überfremdet‘ sei, sagt der Studienleiter Oliver Decker."

Danach folgen im Text Zahlen zur Verbreitung rechtsextremer Haltungen in Deutschland. Im Grunde könnte an der Stelle aber auch einfach stehen: Schöne Grüße in Richtung Springer!

Altpapierkorb (Negatives an Negativpreisen, Polak-Böhmermann – nächste Runde, Klischees in deutschen Serien, die gut gelaunte Zukunft des Lokaljournalismus)

+++ Arno Orzessek erklärt in seinem Kommentar für den Deutschlandfunk, wo das Problem der Negativpreise liegt. Sie hätten eine "Tendenz zum boulevardesken Schmutzwäsche-Waschen" – mit der Folge, dass die Dinge, die man eigentlich rügen wollte, bloß noch ein zweites Mal Aufmerksamkeit erhielten.

+++ Nachdem Jan Böhmermann nun doch noch etwas zu Oliver Polaks Antisemitismus-Vorwürfen gesagt und ein Mosaik-Stückchen zur Diskussion hinzugefügt hat, nämlich dass Oliver Polak damals als Autor am Sketch beteiligt gewesen sei, hat die Diskussion (Altpapier) noch mal einen neuen Spin bekommen. Die taz berichtet, Hilmar Klute hat sich in dieser Woche auf der Seite 3 der SZ (€) mit der Frage beschäftigt, warum der Sketch eine so lange Zündschnur hatte. Auch Serdar Somuncu, bei dessen Bühnenjubiläum der Sketch damals stattfand, teilt in einem Blogbeitrag noch mal ordentlich aus. Chajm Guski schreibt in seinem Blog: "Die Showsituation bei Somuncu scheint innerhalb des Diskurses stattgefunden zu haben, den er sonst auch fährt: Alle werden beleidigt, aber die Ebene auf der das stattfindet ist allen bewusst. Die Beleidigungen dienen dazu, die Armseligkeit des Beleidigenden zu demonstrieren und die Lächerlichkeit des sinnlosen Hasses. Soweit ist das ja wohl auch in Ordnung. Wenn das mit Polak abgesprochen war und keine Verabredung dazu, eine Person zu mobben, dann steht es schlecht um die Glaubwürdigkeit von Oliver Polaks Schilderungen. Damit natürlich auch um das, was Polak eigentlich mit dem Buch erreichen wollte."

+++ Thema auf den Medienseiten von SZ und FAZ heute: der Cyberkrimi Hackerville. Kathrin Hollmer schreibt in der SZ: "Das alles ist spannend, real und dicht erzählt. (…) an Hacker-Stoffen sind schon viele gescheitert. Meistens deshalb, weil das Thema ziemlich abstrakt ist. Hackerville aber ist nicht gar abstrakt, sondern hochdramatisch, oft beklemmend und sehr politisch." Anna-Lena Niemann in der FAZ (45 Cent bei Blendle): "Die Stärke liegt in den Figuren. Beim Staat wie bei Kriminellen wecken Hacker Begehrlichkeiten. Genau das ist der Gegenstand von ‚Hackerville’."

+++ Im deutschen Fernsehen wird anscheinend ständig getrunken und geraucht. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie der Uni Würzburg, die gerade erschienen ist. Joachim Huber fasst die Studie für den Tagesspiegel zusammen.

+++ Ein gutes Argument gegen Zitate auf Bildern, die durchs Netz gereicht werden, liefern Patrick Gensing und Andrej Reisin in ihrem Beitrag für den Tagesschau-Faktenfinder über Gruppenvergewaltigungen in Deutschland. Der Anteil der verdächtigten Ausländer hat tatsächlich zugenommen. "Das heißt, die wachsende Zahl der ausländischen Tatverdächtigen hängt offenkundig mit der Zuwanderung seit 2015 zusammen." Aber es ist dann doch alles etwas komplizierter.

+++ Drei Produzenten und zwei Drehbuchautoren diskutieren über Serien in Deutschland. Torsten Zarges und Thomas Lückerath haben das Gespräch für DWDL dokumentiert. Und im Grunde erzählt schon diese kleine Geschichte des Drehbuchautors Volker A. Zahn über die ganze Sache sehr viel: "Vor drei Jahren hatten meine Frau Eva und ich dem ZDF eine Medical-Serie angeboten, die mit den klassischen Klischees vom mild lächelnden Halbgott in Weiß brechen und die Odyssee eines Patienten durch den Wahnsinn unseres Gesundheitssystems erzählen sollte. Daraufhin erhielten wir einen Ablehnungsbrief, in dem wortwörtlich stand: ’Ihre Serie bedient leider keines der Klischees, die wir in den vergangenen Jahren mit unseren Arztserien gesetzt haben. Deshalb verspricht sie kein Publikumserfolg zu werden.’ (Gelächter in der Runde) Ich bin überzeugt, dass das ZDF so einen Brief heute nicht mehr schreiben würde. Und auch kein anderer Sender."

+++ WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrok skizziert für Kress die aus Umfragen extrahierte Zukunft des Lokaljournalismus. Wenn das alles wirklich so stimmen sollte, wäre das natürlich toll für die Branche. Nur ein Problem könnte sein: Man bräuchte für den Lokaljournalismus einen neuen Namen. Mein Vorschlag wäre: Gute-Laune-PR.

Neues Altpapier gibt’s am Freitag.

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