Das Altpapier am 28. November 2018 Der König unter den Liveblogs

Die nun dummerweise endende Schach-Weltmeisterschaft hat ihren ganz speziellen Platz in den Medien. Das Grundgesetz erscheint am Kiosk – mit Alexander Gersts Fotos. In Berlin-Neukölln wird eine israelische Journalistin am Drehen gehindert. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 28. November 2018: aufgeschlagenes Laptop mit Schriftzug Blog und einem Schachbrett mit Figuren als Tastatur
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Migrationspakt, CDU-Vorsitz, FC Bayern – egal, worum es in den vergangenen Wochen ging: Beiträge über die Schach-WM liefen bei diversen deutschen Onlinemedien besser. Das ist keine riesige Überraschung; Schach-Onlinebeiträge gehören zu WM-Zeiten "zu den meistgeklickten", wie etwa "heute+" schon zum Start der Veranstaltung vor zweieinhalb Wochen wusste. Trotzdem ist es bemerkenswert. Gut angenommen wurden zum Beispiel speziell jene Beiträge von etwa sueddeutsche.de oder spiegel.de, in deren Rahmen man die Partien zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und Herausforderer Fabiano Caruana, die sich seit nun geschlagenen zwölf Spieltagen von einem Remis zum nächsten hangeln, selbst nachspielen bzw. in ihrer Entwicklung live mitverfolgen konnte.

Das Livetickerwesen des Onlinejournalismus ist in vielerlei anderer Hinsicht eine Pest. Ich halte es für sagenhaft unseriös, über nicht abgeschlossene und für viele Menschen existenzielle Ereignisse – Amok, Terror, Unglücke sind dazu zu zählen – in Echtzeit zu berichten. Die Berichterstattung über den Amoklauf von Newtown 2012, den Anschlag auf den Boston-Marathon 2013 oder über den Absturz der Germanwings-Maschine 2015 sind Beispiele für meines Erachtens in die Hose gegangenen Echtzeitjournalismus, die in ihrer exzessiven und nicht etwa auf Sicherheitshinweise beschränkten Form nicht nur niemand brauchte, sondern alle, die sie verfolgten, zwischenzeitlich auch auf einen falschen Stand brachte.

Aber die Schach-Liveticker – wobei jener von Stefan Kindermann auf den Onlineseiten der SZ meines Erachtens hervorzuheben ist – sind etwas anderes.

Unterhaltende begrenzte Ereignisse, die, einer Krimigeschichte ähnlich, auf eine Auflösung zusteuern, kann man mit einem Live-Format ohnehin sinnvoller begleiten als etwa Katastrophen und reale Verbrechen. Aber für Ereignisse wie den Eurovision Song-Contest oder Fußball-Bundesligaspiele gibt es Formen, die sich noch besser eignen als ein Echtzeitblog: die Übertragung von Fernsehbildern oder Tönen, zum Beispiel. Für die Schach-Berichterstattung dagegen ist der optisch reduzierte, ablenkungs- und geschwätzfreie Liveticker mit angeschlossener Spielbrett-Draufsicht womöglich die ideale journalistische Form. Vielleicht ist er sogar ausschließlich dafür die ideale Form.

Minuten kann es dauern zwischen den Zügen, viele Minuten. Man stelle sich nur mal vor, die würden von Béla Réthy vollgequatscht, weil er es nicht aushielte, keine Geschichten von Weltmeister Carlsens Nachbarshund zu erzählen. Nein, es gibt eine kurze schriftliche Einlassung des Experten – "Es ist schwer zu beurteilen, wie gefährlich ein langsam aufziehender Angriff mittels ...Ta6 , ...Ld7, Tfa8, Tb6 und so weiter werden könnte.", "Dieser Bauer ist tabu, denn würde Schwarz 12...Sxh4 spielen, so würde Weiß nach 13.Txh4 Dxh4 14.Sc7+ gewinnen" –, und dann hält er den Rand. Man ist allein mit dem Brett. Und weil Schach ein langsames Spiel ist, hat man, bevor der richtige Könner im richtigen Finale den nächsten Zug macht, die Chance, zu überlegen, was man selbst täte. Es heißt, viele Kinder, Jungs vor allem, würden davon träumen, ein Fußball-WM-Finale zu spielen. Die Schach-WM-Liveberichterstattung gibt es, weil Erwachsenen die Fantasie fehlt, sich in ein Finale zu versetzen, das nicht wirklich gerade stattfindet.

Der Reiz einiger nachbereitender Texte und, ganz aktuell, etwa dieses programmatisch "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts" betitelten Videokommentars von Ulrich Stock für zeit.de soll nicht geschmälert werden:

"Hinter Caruana sieht man einen älteren Herrn mit einer Kamera in einem hellen Trenchcoat. Gebückt arbeitet er sich zum Brett vor. Es ist Harry Benson aus Schottland, 88 Jahre alt. Er begleitete die Beatles auf ihrer ersten Amerika-Tournee. Er stand neben Robert Kennedy, als der erschossen wurde. Er fotografierte Bobby Fischer auf langen Wanderungen, als der 1982 in Reykjavik gegen Boris Spassky spielte. Jetzt sucht er die Pool-Position im Match Carlsen gegen Caruana. Er drängelt sich vor, das bleibt nicht unbemerkt. Der Hauptschiedrichter kommt, er schiebt ihn hinter die Absperrung zurück, so geht das ja nicht hier. Bitte. Die beiden Akteure verharren bewegungslos."

Aber im Liveblog ist man dem Geschehen noch näher; näher auch, als es durch die der Herstellung von Nähe dienende Form der Reportage möglich wäre. Man ist gedanklich wirklich ins Spielgeschehen involviert und sieht nicht nur zu. Ein zur Sesselrezeption von Sportereignissen gehörender Satz wie "Den hätte sogar ich besser gemacht!" sagt sich außerdem nur halb so leicht, wenn man soeben die Möglichkeit vergeigt hat, es zu beweisen. Kurz, unter den interaktiven Formaten und Echtzeitblogs ist das Schach-Liveblog der König.

Schön also, dass die WM von den beiden Spielern über zwölf Spiele und damit so weit wie möglich ausgedehnt wurde. Fast schade, dass sie heute Abend nach dem zum Mitdenken womöglich weniger geeigneten, da schneller gespielten Tiebreak vorbei ist.

Das Grundgesetz jetzt mit Gerst-Fotos

Was passiert noch an diesem Mittwoch? Die Verfassung kommt "als 124seitige Zeitschrift an den Kiosk" (Tagesspiegel), "100 000 Exemplare Grundgesetz pur zum Preis von zehn Euro", und das Ganze "rechtzeitig", wie Rezensent Markus Ehrenberg bemerkt, "vor dem Jubiläum am 23. Mai 2019" – also wirklich sehr rechtzeitig. Oliver Wurm und Andreas Volleritsch haben das GG als Magazin gestaltet, und sowohl Ehrenberg als auch Übermedien-Rezensent Michalis Pantelouris widerstehen der denkbaren Versuchung, von einem Coffee-table-Produkt zu sprechen.

Warum das Ganze?

"2011 hat Oliver Wurm das Neue Testament als Zeitschrift gestaltet, auch zusammen mit dem Designer Andreas Volleritsch. Wie kommt man darauf? 'Es gab den Impuls, das Grundgesetz zu lesen. Als ich es hatte, der gleiche Effekt wie beim Projekt mit dem Neuen Testament. Diese klugen, visionären Sätze. Dann dieser kostenlos erhältliche Mini-Billigdruck. Das tat mir fast körperlich weh.’"

Schreibt der Tagesspiegel. Pantelouris, der Wurm "Oli" nennt, also Transparenz über persönliche Beziehungen walten lässt, ist eigentlich zurückhaltend, während er das Magazin aber zugleich schwer feiert:

"Oli hat die sich mir nicht zu 100 Prozent erschließende Vorstellung, ein Magazin wäre einfacher zu lesen als ein Buch. Um das ganze noch ein bisschen windiger zu machen, kam ihm die Idee, nachdem er dem Hinweis von Ranga Yogeshwar in einer Diskussion gefolgt ist, man müsse sich die Verfassung immer mal wieder angucken. Er tat es, und findet jetzt auch, alle müssten das tun."

Und weiter, dann zum Fotokonzept:

"Er spürt in diesem Text, dieser Verfassung, diesem bindenden höchsten Recht, eine Klammer für das Land und seine Bewohner und eigentlich die ganze Menschheit, und offensichtlich findet er diese Qualität genauso in einem eigentlich nur parallel stattfindenden Ereignis, nämlich den Fotos, die Alexander Gerst, der erste deutsche Kommandant der Internationalen Raumstation gerade 400 Kilometer über unseren Köpfen von der Welt macht und auf seinen Social-Media-Feeds verbreitet. (…) Da sind gleich ein paar Meta-Ebenen dazwischen, und ich glaube, vernünftige Menschen können unterschiedlicher Meinung sein, wie gut das funktioniert, aber"… aber letztlich findet Pantelouris, zeuge das Magazin von Haltung und Hingabe. Also why not.

Uns bringt es auf die Frage, ob der Rundfunkstaatsvertrag (RStV) mit ein paar ansprechenden Fotos vielleicht auch nochmal ein anderer Schnack wäre.

Es gibt aber nicht nur Erfolgsgeschichten und Geschenketipps für die Weihnachtszeit heute.

Antisemitismus oder Pöbelei?

In Berlin-Neukölln wurde eine Journalistin, Antonia Yamin, die als Europakorrespondentin für den israelischen Fernsehsender Kan aus Paris, Brüssel, Schweden und Deutschland berichtet (Print-SZ), während eines Aufsagers von ein paar Männern gehindert, ihrer Arbeit nachzugehen; sie warfen einen Feuerwerkskörper. Bei sueddeutsche.de ist das von ihr gepostete Video in ein Interview mit ihr eingebunden, in dem sie sagt:

"Ich will nicht groß Antisemitismus schreien. Das ist nicht mein Stil. Ich kann nicht hundertprozentig sagen, warum diese Jungs gemacht haben, was sie gemacht haben. Ich weiß nicht, ob sie mich belästigt haben, weil ich Jüdin bin oder Israelin oder eine Frau. Ich stand da ja nicht mit Kippa oder einem riesigen Davidstern. Fakt ist: Auf meinem Mikrofon steht der Name unseres Senders auf Hebräisch und ich habe Hebräisch auf offener Straße gesprochen."

Auch der taz sagte sie, sie sei "nicht sicher, ob die verstanden haben, aus welchem Land ich komme". In Neukölln jedenfalls sei sie vorsichtig.

Antisemitismus oder Pöbelei? Das ist die Frage, die die taz stellt. Auch bei der FAZ gibt es diesbezüglich Fragezeichen, und beim rbb ist von einem "möglichen antisemitischen Vorfall" die Rede. Das Video zeigt das Motiv nicht. Das Schlimme ist aber ja, dass man einen antisemitischen Hintergrund partout nicht ausschließen kann.

Altpapierkorb (rechtes Netzwerk, "Team Wallraff", "Playboy"-Sonderausgabe, "SpongeBob"-Erfinder, "Sieben Stunden")

+++ Warum schlägt die taz- und Focus-Recherche über ein rechtes Untergrund-Netzwerk keine höheren Wellen?, hat der Deutschlandfunk am Wochenende gefragt. Das war hier auch am Montag im Altpapierkorb schon Thema. Samira El Ouassil greift die Frage bei Übermedien (€) auf und dabei nicht auf die bekannte Nachrichtenfaktoren-Theorie zurück, sondern auf das Konzept der Medialisierung des Münchner Kommunikationswissenschaftlers Michael Meyen: "Welche Themen werden ausgewählt, wie wird das Material zusammengestellt, in welchem Stil wird es präsentiert, was wird betont und was eher nicht? Das klingt ganz ähnlich wie Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwert, geht aber nicht vom Ereignis aus, sondern von den Konstrukteuren. Für das Konzept Medienlogik brauche ich keine Merkmale irgendeiner Realität. Ich muss nur wissen, wie ich maximale Aufmerksamkeit erziele. Der Konstrukteur und nicht die Realität: Diese Perspektive erlaubt Journalismuskritik."

+++ RTLs "Team Wallraff" hat vor Gericht gewonnen: Es "hatte im Januar 2016 über Missstände in deutschen Krankenhäusern berichtet. Eine Reporterin hatte in den Horst-Schmidt-Kliniken als Pflegepraktikantin gearbeitet und mit versteckter Kamera, so RTL, 'mangelhafte Hygienezustände‘ dokumentiert." Das Oberlandesgericht Hamburg hat nun ein Urteil des Landgerichts aufgehoben und die Klage der Klinik abgewiesen. Bei RTL heißt es nun, der Einsatz von versteckten Kameras "ist ein anerkanntes Instrument des investigativen TV-Journalismus, sofern die Aufnahmen von einem breiten öffentlichen Interesse sind und gesellschaftliche Missstände dokumentieren" (etwa DWDL).

+++ Die SZ bespricht die Playboy-Sonderausgabe "How to be a man" und nimmt mit, dass der Mann von heute offensichtlich vor allem eine Uhr braucht.

+++ "Das sensible Psychodrama" "Sieben Stunden" (ARD, 20.15 Uhr) bespricht die FAZ.

+++"SpongeBob"-Erfinder Stephen Hillenburg ist gestorben. Via dpa gibt es einen Text etwa beim Tagesspiegel.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.