Das Altpapier am 10. Dezember 2018 AKK, ok ok

Wird man die Medien künftig in "Annegret Kramp-Karrenbauer“- und "AKK"- Medien unterscheiden können? Bedeutet ein knappes Wahlergebnis wirklich eine Spaltung? Folgt Harald Schmidt SWR-Intendant Boudgoust nach? Und: Bad news von wired.de und der "Flohkiste“. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 10. Dezember 2018: In Lautschrift steht der Name Annegret Kramp-Karrenbauer neben der selbigen Person.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Die Ära Annegret Kramp-Karrenbauer hat begonnen. Sie währt noch nicht sonderlich lang, okay, aber Ära klingt halt nach was. Am Freitag wurde sie jedenfalls zur neuen CDU-Vorsitzenden gewählt. Es war knapp, am Ende hatte sie bei tausend Delegierten 35 Stimmen Vorsprung vor Friedrich Merz. Die Frage dazu an dieser Stelle ist nun: Und was machen die Medien? In diversen Medien wurde zum Beispiel angesichts des Wahlergebnisses diskutiert, ob die CDU gespalten sei.

„Merz war AKK dicht auf den Fersen: Das zeigt, wie gespalten die CDU ist“ – schrieb focus.de.

„Das knappe Ergebnis vom Parteitag in Hamburg hat gezeigt, wie gespalten die CDU aus der Ära Merkel hervorgeht“ – schrieb CDU-Mitglied und Historiker Andreas Rödder in einem Welt-Beitrag.

„Das Wahlergebnis zeigt, wie geteilt die Partei ist“ – sagte Marietta Slomka in der Anmoderation des "heute-journals“ am Abend nach der Wahl.

Zeigt es das wirklich? Wenn man das Wahlergebnis nicht als Spaltung framen würde, wäre es einfach nur ein knappes Wahlergebnis. Oder es würde einen stinknormalen Streit illustrieren. Vielleicht gäbe es auch größeren Richtungsstreit. Aber es stünde nicht gleich das Ende der Welt, wie wir sie kannten, im Raum. Aus der Warte des Beobachters der Beobachter kann man jedenfalls sagen, dass eine Spaltung aus dem Wahlergebnis nicht ableitbar ist. Die Stichwahl zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer endete nicht mit 90 zu 10 – das wäre aber auch ungewöhnlich gewesen. Wenn knappe Ergebnisse eine Spaltung bedeuten, müsste man auch behaupten, Potsdam sei nach der jüngsten Oberbürgermeisterstichwahl eine geteilte Stadt.

Später in der "heute journal“-Sendung (Minute 7:44), in einem Interview mit CDU-Präsidiumsmitglied Wolfgang Schäuble, wiederholte Slomka: "Was aber auch eine Erkenntnis dieses Tages ist, ist, dass es eine geteilte Partei ist. Das ist ein sehr sehr, sehr knappes Ergebnis, was AKK, wie sie genannt wird, errungen hat.“ Schäubles Antwort: Wenn man drei Kandidaten habe, "gibt’s im Zweifel ein knappes Ergebnis“. Er ist befangen, aber da hat er schon recht.

Letztlich passt die Rede von der Spaltung in den Journalismus des Geschichtenerzählens. Zwei Seiten, getrennt durch einen Graben – das funktioniert. Deutschlandfunk-Hauptstadtkorrespondent Stephan Detjen hat die Berichterstattung über den CDU-Vorsitz-Wahlkampf in ein paar Sätzen zusammengefasst: Da sei die Geschichte eines Machtkampfes gewesen, die Geschichte einer Ära – nämlich der Ära Merkel –, die Geschichte einer Rückkehr – nämlich der von Friedrich Merz – oder die Geschichte einer Auseinandersetzung zwischen zwei Männern und einer Frau. "Das ist im Journalismus natürlich eine beliebte, dankbare, zum Teil auch einfache Art und Weise, Politik zu erklären, zu vermitteln, indem man eben die Geschichten erzählt, die wir da auf der Bühne der Politik erleben.“

Die Geschichte der Spaltung, wie sie auch in der Partei selbst erzählt wird, ließe sich hier hinzufügen, als Variante und vorläufigen Abschluss der Geschichte eines Machtkampfs.

Ist die Abkürzung "AKK“ ein Signal der Affirmation?

Kann man aber vielleicht davon sprechen, dass die Medien gespalten sind? Sagen wir es besser so: Es gibt die, die eher "Annegret Kramp-Karrenbauer“ schreiben, und es gibt die, die die Abkürzung "AKK“ benutzen.

Die einen setzen also auf die bekannte journalistische Gebrauchsstrategie, kompliziertere Namen beim ersten Gebrauch pro Artikel auszuschreiben und in der Folge dann abzukürzen ("Annegret Kramp-Karrenbauer, kurz AKK genannt“sueddeutsche.de). Andere erklären die Abkürzung "AKK" gar nicht weiter, sondern benutzen sie einfach selbstverständlich (focus.de oder NWZ, kurz für Nordwest-Zeitung). Dritte arbeiten sich in den Bereich der Markenbildungsunterstützung vor (die FAS, kurz für Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, schreibt "AKK" auf den Titel und bebildert den Text im Innenteil mit dem Muster ihrer Jacke). Vierte schreiben "AKK" im Artikel in Anführungszeichen (wie der niederländische Volkskrant, denn speziell für nicht deutschsprachige Medien ist der Name womöglich eine Art Eyjafjallajökull). Fünfte enthalten sich jeglicher Abkürzungen (high five, Michael Hanfeld in der FAZ!), aber die scheinen nicht unbedingt in der Mehrheit.

Man wird Medien künftig also womöglich nicht nur in schnelle und nicht so schnelle, steile und weniger steile, private und öffentlich-rechtliche und nicht nur in gedruckte und Onlinemedien unterscheiden/teilen/spalten, sondern auch in AKK- und Annegret-Kramp-Karrenbauer-Medien. Im Zweifel ist der Gebrauch der Abkürzung eine Stilfrage. Allerdings ist "AKK“ eben auch Kramp-Karrenbauers Twitter-Handle, die Abkürzung ist also Teil ihrer Selbstdarstellung und wird auch von ihren Anhängern genutzt ("Vorne links bei den Saarländern explodiert die Spannung. 'AKK, AKK!‘, rufen sie“ – so der TSP a.k.a. Tagesspiegel). Wer sichergehen wollte, auch nicht das leiseste Signal der Affirmation auszusenden, aber gleichzeitig international verständlich schreiben will, könnte auf die Form ['anəgre:t] [kramp] ['karənbauɐ] zurückgreifen. Aber wir ahnen, dass sich das nicht durchsetzt…

Fährt bei der Bild-Zeitung der Aufzug wieder?

Zu erwähnen wären zudem jene Medien, die sich vor der Wahl deutlich für z.B. Kandidat F.M. positioniert haben. Nennen wir spaßeshalber einfach mal die Bild-Zeitung, die laut Bildblog (zitiert schon am Freitag an dieser Stelle) "am Rande des Merzinfarkts“ gewesen ist. "Bei der Wahl zum neuen CDU-Vorsitzenden kann für sie wenig schiefgehen – solange es nur nicht Annegret Kramp-Karrenbauer wird“, hatten Anne Fromm und Martin Kaul kürzlich in der taz geschrieben: Schließlich habe "das Friedrich-Merz-Fanzine" (ebenfalls Altpapier) auch einen guten Draht zu Jens Spahn. Tja. Halten wir also fürs Protokoll fest, dass die Bild-Gruppe keine Wahlen entscheidet, auch nicht CDU-interne, was natürlich ganz gut ist.

Vielleicht ist zudem die Deutung erlaubt, dass Merz nach der Wahl mit dem berühmten Aufzug der Bild prompt wieder ein Stückchen nach unten fuhr. Der Loser! Wobei, man muss genau lesen: "die Fehler, die gemacht wurden“ (und zwar vom Team Merz, formuliert im Passiv), heißt es da,"waren nicht klein – und sie waren vermeidbar." Friedrich Merz im Aktiv bleibt auch nach den Fehlern, die im Passiv "gemacht wurden", Hoffnungsträger im Aktiv: "Der Frust der Unterlegenen ist so verständlich wie gefährlich. Sie bei der Stange zu halten, wäre eine große Aufgabe für Friedrich Merz: zum Nutzen seiner Partei. Aber vor allem zu Nutzen seines Landes, durch das derselbe Riss geht wie durch die CDU.“ Merz und Bild – die Love-Story geht vielleicht noch ein bisschen weiter.

Wer folgt auf PB?

Wir müssen aber noch auf anderes zu sprechen kommen: SWR-Intendant PB alias Peter Boudgoust hat z.B. angekündigt, Mitte 2019, früher als geplant, seinen Hut zu nehmen. "Der 63-Jährige begründete die Entscheidung am Freitag in Mainz damit, in den kommenden Jahren stünden viele strategisch wichtige Entscheidungen an“ (SZ). Regulär würde seine Amtszeit am 30. April 2022 enden (meedia.de):

"Der SWR-Intendant hat maßgeblich den multimedialen Umbau des Senders vorangetrieben. Nach seiner Überzeugung geht es dabei um den wichtigsten Veränderungsprozess der Geschichte des SWR. In seine Amtszeit fällt ein harter Sparkurs." Meldet dpa bzw. faz.net. Präsident von Arte wolle PB aber "nach heutigem Stand bis zum Ende des Mandats Ende 2020 weiter bleiben".

Die Frage ist, wer ihm nachfolgt. Friedrich Merz wäre unter Umständen frei. Oder Harald Schmidt. Aber wir ahnen, dass uns die Personalie an dieser Stelle noch etwas ernsthafter beschäftigen wird…

Altpapierkorb

+++ Und was machen die nicht öffentlich-rechtlichen Medien? Good news, bad news, news – es gab am Wochenende alles. Zum einen macht Condé Nasts wired.de dicht (etwa Meedia).

+++ Auch die seit Jahrzehnten existierenden Schul-Jugendzeitschriften Flohkiste und floh! aus dem Domino-Verlag werden zum Jahresende eingestellt.

+++ Aus dem Spiegel-Haus und den Zeit-Häusern derweil gibt es derweil Zukunftsmeldungen: Um die Print-Online-Verzahnungsstrategien beider Häuser geht es bei Horizont in einem Interview mit der Zeit- und Zeit-Online-Spitze und in der Samstags-SZ („Bei der Zeit hat man nun eine sanfte Veränderung angekündigt…“).

+++ Im letzteren Text geht es auch um den Spiegel, um dessen Entwicklung sich die FAZ eingehender kümmert („Auf das Projekt schaut die gesamte Branche“…).

+++ Gegen die Kopplung des Rundfunkbeitrags an die Inflationsrate argumentiert Joachim Huber im Tagesspiegel.

+++ Womit darf sich ein Journalist gemein machen? Alte Frage – aber es gibt weitere Antworten: Anja Reschke vom NDR hat bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises ihre Version kundgetan (daserste.de veröffentlicht ihre Rede): Gemein machen müsse sich ein Journalist"mit unserer Verfassung“. Wer eine Zusammenfassung der allerdings nicht ellenlangen Rede bevorzugt, kann auf welt.de gehen: "Nie sei die Demokratie, die Pressefreiheit, so offen infrage gestellt worden wie jetzt, führte sie aus. Und deshalb glaube sie, dass im Deutschland des Jahres 2018 sicher auch Hanns Joachim Friedrichs sich 'eingebracht hätte in diesen Kampf‘, so ihr Schlusswort.“

+++Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis II: Armin Wolf vom ORF schreibt auch in seinem Blog über das besagte Zitat. Und zitiert als Quelle für Friedrichs Satz dessen letztes Spiegel-Interview von 1995. Aber ein Leser hat Wolf auf etwas aufmerksam gemacht, was zumindest ich bisher noch nirgends gelesen habe: dass das Friedrichs-Zitat nicht im Spiegel erstmals gefallen ist, sondern"aus der Biografie 'Journalistenleben‘ (mit Harald Wieser) von 1994 stammt, wo es auch prominent auf der Umschlags-Rückseite abgedruckt ist“. Es lautet demnach, etwas anders: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; daß er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“ Man wird in Zukunft also eigentlich eine andere Quelle zitieren müssen. Und vielleicht auch nochmal überprüfen müssen, wie Friedrichs den Satz in seinem Buch gemeint hat.

+++ Im Tagesspiegel: ein Interview mit Yanga Rogeshwar, Mai Thi Nguyen-Kim Ralph Caspers über ihre Sendung"Quarks“. Uneins sind sie etwa über den rechten Umgang mit YouTube und Facebok. Rogeshwar:"Wir brauchen für diese Medien eine Offenlegungspflicht. Wer da was bei relevanten Themen im Hintergrund steuert, ist demokratisch relevant. Wer garantiert, dass irgendwann liberale Inhalte weiterhin vernetzt werden? Wir müssen eine echte Unabhängigkeit von Facebook, Google & Co. herstellen.“

+++ Apropos: Über Social Media als"Radikalisierungswerkzeug“ schreibt Adrian Lobe in der SZ.

+++ Harald Staun kommentiert in der FAS die Berichterstattung über die jüngste Aktion des Zentrums für Politische Schönheit (Altpapier vom 5. Dezember):"Vor allem aber die Medien spielten ihre Rolle im Empörungstheater so berechenbar, dass man sich fragen musste, ob in manchen Fällen schon Roboter die Kommentare verfassen. Während die einen die Identifizierung rechter Demonstranten als Akt des zivilen Ungehorsams lobten, kritisierten die anderen die Seite als 'Denunziationsportal‘, das Faschismus mit den Mitteln des Faschismus bekämpfen wolle. (…) Selbst die unübersehbar als Karikatur rechter Rhetorik formulierten Parolen hielten viele nicht davon ab, das Projekt beim Wort zu nehmen. Und statt die eigenen Reflexe zu reflektieren, interviewten sie lieber Philipp Ruch, den künstlerischen Leiter des Kollektivs, als wäre er nicht selbst wesentlicher Teil der Show.“

+++"Man hat sich ja an einiges gewöhnt beim öffentlichrechtlichen Rundfunk in Deutschland.“ Schreibt die NZZ, auch bekannt als Neue Zürcher Zeitung, die sich freilich nach allem, was man weiß, nicht daran gewöhnen wird. Aber woran sie sich diesmal vor allem nicht gewöhnen will, ist, kurz paraphrasiert, die Verdopplung des Gesagten durch Bilder: "Kürzlich etwa kündigte der 'Tagesthemen‘-Moderator Ingo Zamperoni einen politischen Beitrag an und sprach von einem 'engen Korsett’. Abgesehen davon, dass es in der Natur von Korsetts liegt, eng zu sein, sinnierte man als interessierter Sofasitzer über das Foto, das hinter Zamperoni erschien: ein grosses Bild eines Korsetts, so richtig klassisch aus Fischbein und mit Schnürösen, wohl aus dem 19. Jahrhundert, prächtig anzusehen. (…) Geht es im nächsten Beitrag um die Verspätungen bei der Deutschen Bahn, fährt hinten ein Zug durchs Bild. Geht es ums Bienensterben, sitzt hinten eine Biene auf einer Blume. Beim Thema Rentenerhöhung erscheinen zwei Zahlen und ein Pfeil.“

Das nächste Altpapier erscheint am Dienstag.