Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 17. Dezember 2018: Twitterlogo und Icon Chat Bot
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Das Altpapier am 17. Dezember 2018 …, dass alle Bots geschätzt würden

Nach dem großen Erfolg der Pflicht, bezahlte Inhalte als Werbung zu kennzeichnen, will die Politik das System auch für Bots einführen. Ein Drittel Frauenquote im Politik-Journalismus ist nicht genug! Medien sind zu besessen von schimmernden Technik-Neuerungen. Matthias Brandt verabschiedet sich. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 17. Dezember 2018: Twitterlogo und Icon Chat Bot
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Ein Bot macht noch keine Meinung. Diesen Hinweis aus der vergangenen Woche, als alle über die Analyse des Berliner Start-ups Botswatch und die von ihr konstatierte Dominanz durch Bots in der Debatte um den Migrationspakt sprachen, gilt es zunächst zu wiederholen. Sie dürfen also im Angesicht der nun folgenden Lektüre das Sauerstoffzelt im Schrank lassen: Wir werden nicht alle sterben, zumindest nicht durch automatisch Quatsch und Hass ins Netz kippende Programme. Doch wenn viele kleine Bots in vielen globalen Netzwerken viele kleine Posts absetzen, können sie vielleicht nicht das Gesicht der Welt verändern, aber doch Einfluss auf unsere Wahrnehmung derselben nehmen.

Aus diesem Grund verdienen zum einen drei Studien Beachtung, die der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl für einen Beitrag in der NZZ am Wochenende zusammengetragen hat.

An der Universität Erlangen-Nürnberg hat man mit Computerhilfe sowie manuell 250.000 Twitter-Konten analysiert, was in der Kombination aussagekräftigere Ergebnisse lieferte als alles bisher Veröffentlichte, so Russ-Mohl. Das Ergebnis: Im deutschen Bundestagswahlkampf seien mehr Bots aktiv gewesen, als bisher gedacht.

"Dabei konnten die Wissenschafter mehrere Cluster erkennen – also Gruppen von ähnlich agierenden Bots, die politisch aktiv waren. Einige Accounts verbreiteten Inhalte zugunsten der AfD, ein überraschend großes Cluster betrieb Wahlkampf für die Freien Wähler in Bayern.“

Eine Studie von Tobias Keller (Uni Zürich) und Ulrike Klinger (FU Berlin) bestätigt diese Tendenz durch einen festgestellten Anstieg von Bot-Aktivitäten auf Twitter von sieben auf zehn Prozent vor der Wahl („Die AfD ist allerdings, den Forschern gemäß und anders als vielfach vermutet, nicht durch übermäßigen Bot-Einsatz aufgefallen“).

Und Forscher der HAW, einer Hamburger Fachhochschule, haben zudem zur Wahl 2017 die Bot-Follower-Zahlen von Politikern und Parteien analysiert und herausgefunden, dass etwa ein Drittel der Twitter-Follower von FDP und CDU Fakes waren sowie über 40 Prozent der Follower von Dietmar Barsch und fast ein Drittel derer von Christian Lindner.

“Die deutschen Forschungsergebnisse liefern allerdings noch keinen definitiven Beleg für den Umfang der Bot-Aktivitäten im Wahlkampf oder geben Hinweise über deren Betreiber. Letztere können auch aus dem Sympathisantenkreis der jeweiligen Parteien oder Politiker stammen – und je nach Messmethode, so Tobias Keller, variieren auch die Ergebnisse. Die Übergänge zwischen Menschen, die selbst einen Tweet kopieren und mehrmals verbreiten, und eher selbständig agierenden Bots sind fließend. (…) Meldungen, es habe kaum Bot-Aktivität im deutschen Wahlkampf gegeben, waren jedenfalls voreilig.“

In Sachen Bots sind CDU und SPD sich einmal einig

Womit wir nun, zum anderen, zu den großen Bot-Aktionismus-Festspielen kommen können, die ein Frankfurter Medienhaus seit gestern abfeiert. Bereits gestern meldete die FAS auf ihrer Titelseite, was sie einem Interview mit dem neuen Unions-Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus entnommen hatte.

“'Denkbar wäre, die Plattformbetreiber zu verpflichten, das Aufkommen an Nachrichten transparent zu machen, die von Social Bots stammen. Möglich wäre ferner eine Pflicht zur Kennzeichnung auch einzelner Nachrichten, die von Social Bots stammen’, sagte Brinkhaus. Er regte eine rasche Diskussion dazu unter den Bundestagsfraktionen an.“

Die SPD zeigt sich dafür aufgeschlossen. Ihr netzpolitischer Sprecher, Jens Zimmermann, sagte: 'Wer Bots einsetzt, sollte gesetzlich verpflichtet werden, sie auch zu kennzeichnen, damit die Nutzer sozialer Netzwerke wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das gilt auch für Unternehmen, die Kundenfragen automatisiert beantworten.’ Er spricht sich auch für, Mittel zur 'Sanktionierung’ aus, etwa für ein Bußgeld, wenn gegen die Kennzeichnungspflicht verstoßen werde.“

Heute findet sich das Thema auf dem Titel der FAZ sowie auf Seite 2 (), wo Eckart Lohse ergänzt:

“Brüssel schlägt einen Verhaltenskodex für Plattformbetreiber vor mit, klaren Kennzeichnungsregeln und -systemen für Bots’. Im Bundesinnenministerium heißt es, man sei dabei, nationale 'Wahlkooperationsnetzwerke’ aufzubauen. In diesen sollen die Wahlbehörden, Sicherheitsbehörden und Datenschutzbehörden zusammenarbeiten. Federführend ist das Innenministerium, das die Funktion einer, nationalen Kontaktstelle übernimmt.“

Wozu, zum Dritten, Nikolas Busse auf der FAZ-Meinungsseite kommentiert:

“Wenn ein kommerzieller Post von einem Unternehmen 'gesponsert’ ist, wird das ja auch angezeigt, ähnlich wie Werbung in der Zeitung gekennzeichnet ist. Die Politik sollte sich davor hüten, die Meinungsfreiheit im Netz zu beschneiden. Aber dem mündigen Bürger wäre geholfen, wenn er erkennen kann, ob ihm im Newsfeed eine automatisierte politische Kampagne angezeigt wird.“

Womit wir zwischenfazitieren können: Es gibt Bots, sie mischen in politischen Debatten im Netz mit, und wenn das transparenter würde, wäre sicher eine schöne Sache. Was mir allerdings noch nicht ganz glasklar ist: Wie zur Hölle soll das funktionieren? Reicht es, vor dem Absenden eines Posts das Häkchen bei “Bot oder Mensch“ zu setzen, oder muss diese Einordnung schon bei der Anmeldung des Accounts geschehen? In welche Kategorie fallen unterbezahlte Retweet-Armeen in Niedriglohnländern? Und werden sich russische Trollfabriken an diese Vorgabe genauso sklavisch halten wie deutsche Verlage an die Kennzeichnungspflicht für bezahlte Beiträge?

Wenn ich Brinkhaus Hinweis auf die Plattformbetreiber richtig verstehe, geht er davon aus, dass Facebook und Twitter schon herausfinden werden, wie das geht, wenn man ihnen nur den richtigen Verhaltenskodex vorsetzt. Das System Abwälzung praktiziert die Politik schließlich schon beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz - allerdings, ohne dass sich das Problem mit dem Hass und der Lüge im Netz dadurch in Luft aufgelöst hätte.

Aber vor anstehenden Wahlen mal ein “Wir tun was!“ rauszuhauen, macht sich natürlich prima. Für die unhinterfragte Verbreitung benötigt man übrigens nicht mal Bots.

Frauen im Politikjournalismus #wasfehlt

An Bots und Aufmerksamkeit für ihr Treiben herrscht also kein Mangel. Was man von der Frauenquote im politischen Journalismus hierzulande nicht behaupten kann (eine letzte bis zur Schmerzgrenze gedehnte Überleitung in diesem Jahr: Check!). Anja Meier, Parlamentskorrespondentin der taz, hat das Wochenende genutzt, um das zu ändern. Sie schreibt:

“Wo immer ich hinkomme – ob Pressekonferenzen, Briefings, Reisen – immer sind von den KollegInnen zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Ich weiß das, weil ich vor einiger Zeit zu zählen angefangen habe. Ich hatte mich irgendwann gefragt, ob ich womöglich eine gestörte Wahrnehmung habe, ob ich als Mitarbeiterin der schon immer und in allen Bereichen quotiert operierenden taz einfach nur unnötig pingelig bin. Aber meine Beobachtung stimmte. Zuverlässig sind wir Frauen in der Unterzahl. Zwei zu eins – darauf läuft es im Großen und Ganzen hinaus.“

Als Gründe dafür zählt sie das Übliche auf: Männer besetzen Chefposten; Männer holen Männer nach; Frauen gewissen Alters sind gebärfähige Zeitbomben. Bleibt nur die Frage: Warum genau ein Drittel? Dazu hat die Medienforscherin Elizabeth Prommer von der Uni Rostock eine Theorie:

“Sobald ihr Anteil in etwa ein Drittel ausmacht, haben Frauen eine gewisse Sichtbarkeit erreicht. Dies aber führt seltsamerweise nicht dazu, dass nun folgerichtig das Projekt Hälfte-Hälfte angegangen wird. Im Gegenteil: 'Ab einem Drittel stellt sich das Gefühl ein: Die sind jetzt ausreichend vertreten’, hat Professorin Prommer ermittelt. Den EntscheiderInnen in den Verlagen und Redaktionen fällt ab dieser kritischen Masse gar nicht mehr auf, dass es noch immer ungleich zugeht. Allein das Gefühl 'Wir haben doch jetzt Frauen’ erscheint ihnen ausreichend.“

Um an dieser Stelle mit einem selbstkritischen Blick auf den Medienjournalismus bzw. ins eigene Wohnzimmer zu enden:

Christian, Klaus, Ralf, René: 4

Nora, ich: 2

Macht genau ein Drittel Frauenquote unter uns Altpapier-AutorInnen.

-> Sorry, Jungs, aber auch wir sind Teil des Problems.

Altpapierkorb (Mikichs Lebenswerk, ARD-Pensionen, McKinsey-Vokabular)

+++ “Is journalism overly obsessed with 'bright, shiny things’?“, fragt sich eine Studie des Reuters Institute Oxford und beantwortet sie auch gleich mit: Ja! Viel zu fokussiert auf technische Innovationen, viel zu desinteressiert an journalistisch-inhaltlichen. Die deutschsprachiger Zusammenfassung hat Marlis Prinzing im Tagesspiegel.

+++ “Sonia Seymour Mikich ist eine Ikone im Journalismus: kluge Reporterin, unerschrockene Korrespondentin, ausdrucksstarke Publizistin, kämpferischer Führungsgeist“, meint das Medium Magazin und zeichnet Mikich daher am morgigen Dienstag als Journalistin des Jahres, Kategorie Lebenswerk aus.

+++ Wie Google sich ein schlaues, weil vernetztes Zuhause vorstellt, und was Foucault dazu meint, schreibt Adrian Lobe auf der Medienseite der FAS ().

+++ Die Pensionskasse der ARD leidet unter den niedrigen Zinsen - und daher droht uns allen die baldige Erhöhung des Rundfunkbeitrags, panikmacht die Bild am Sonntag (Pay). Eine unaufgeregtere und kostenfreie Version der Meldung hat Alexander Krei bei DWDL.

+++ Wo Funk drin ist, sollte auch deutlicher Funk draufstehen, kolumniert Hans Hoff bei DWDL.

+++ Der Weekly Standard steht in den USA für konservativen Journalismus, der Donald Trump kritisch gegenübersteht. Nun macht der Eigentümer das Magazin dicht, berichtet Alan Cassidy auf der Medienseite der SZ.

+++ “Das ist so eine Vokabel, die in Fernsehsendern erfunden wurde, um Leute elegant rauszuschmeißen. Eine McKinsey-Vokabel. Ich weiß gar nicht, was das heißen soll“, ist Matthias Brandts Meinung zur Formulierung, eine Serienfigur sei “auserzählt“ (Interview mit Elmar Krekeler für Springers Welt). Über den “Polizeiruf 110“-Kommissar Hanns von Meuffels hätte es demnach noch einziges zu sagen gegeben; Brandt hat seinen Job dennoch mit der gestrigen Ausgabe namens ausgerechnet “Tatorte“ (abrufbar bis März in der Mediathek, Rezensionen u.a. bei FAS und FR) an den Nagel gehängt.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Dienstag.

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