Logo der Bildzeitung zeigt mit dem Finger auf Icons verschiedener Medien
Bildrechte: panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 11. Januar 2019 Grundloser Verzicht auf Känguru-Hoden

Unter dieser knalligen Überschrift lesen Sie heute etwas über die Entdeckung der Medienkritik durch die Bild-Zeitung und eine Sendelizenz für RT Deutsch sowie den Beitrag eines ehemaligen MDR-Chefs dazu. Außerdem geht es um den abgestellten Wasserfall im RTL-Dschungelcamp, einen Dokumentar von Claas Relotius, und eine neue Folge "Sparen mit den Funkes" gibt es ebenfalls. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

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Bei der Bild-Zeitung möchte man sich in Zukunft mit Medienkompetenz, im Sinne von Medien-Kompetenz, also Kompetenz zu Medienthemen hervortun. Das berichtet Ulrike Simon in ihrer aktuellen Kolumne für Spiegel+ und kann sich angesichts der Absurdität kaum halten, dass nun ausgerechnet Bild-Redakteure (voraussichtlich Filipp Piatov und Timo Lokoschat) wöchentlich ab Ende Februar die Fehltritte anderer Medien aufdecken sollen:

"Die 'Bild'-Kolumne will also Medien und Journalisten entlarven, deren Behauptungen und Recherchen einem Wunschdenken entspringen und nicht der Wahrheit entsprechen, deren Arbeit Ausdruck von Antisemitismus oder Anti-Amerikanismus ist oder die Themen bewusst ignorieren, weil sie ihnen nicht zupass sind. So jedenfalls erzählt es redaktionsintern (Bild-Chef Julian, Anm. AP) Reichelt".

Bild goes Bildblog, das klingt wirklich absurd, aber je länger man darüber nachdenkt: nur konsequent. Denn wenn sich etwas aus den vergangenen Monaten über Kommunikationsstrategien lernen ließ, dann der aktuell leider erfolgreiche Trend, gegen Kritik einfach möglichst laut die eigene Wahrheit herauszuposaunen. Genug Leute, die lieber daran glauben, werden sich schon finden.

In Zeiten, in denen eh schon genug Menschen den Medien misstrauen, erscheint es gefährlich, wenn nun ausgerechnet die Bild-Zeitung mit ins Medienkritikbusiness einsteigt. Schließlich beherrscht man dort das Bürsten von Geschichten entsprechend dem eigenen Wunschdenken sowie Weglassen alles nicht dazu Passendem perfekt (lesen Sie dazu gerne ungefähr jeden Bildblog-Artikel seit 2004). Und wenn wir gerade etwas nicht brauchen, dann ist es weitere Polarisierung. Andererseits ist das hier ein freies Land, in dem jeder Medienkritisches veröffentlichen darf, und das sehe ich weiterhin als Gewinn. Kritik an der Bildschen Medienkritik ist damit schließlich auch erlaubt.

RT Deutsch will Sendelizenz und ein Ex-MDR-Mann soll helfen

Ganz neu ist die Beschäftigung mit Medienthemen für die Bild-Zeitung allerdings nicht. Mit Vorliebe schießt sie gegen das öffentlich-rechtliche System, deren halbwegs gesicherte Finanzierung privatwirtschaftliche Verlage immer wieder auf die Palme zu treiben vermag (Offenlegung, auch im Folgenden relevant: Sie befinden sich hier bei einem Angebot finanziert vom MDR). Konsequent also, dass sie über ihre schon gestern verbreitete Meldung "Ex-MDR-Chef macht Werbung für russischen Sender" schrieb statt "RT Deutsch bemüht sich um Sendelizenz in Deutschland".

Der Text befindet sich hinter einer Bezahlschranke, aber dafür haben wir ja Meedia, wo sich nachlesen lässt, dass Wolfgang Kenntemich, von 1991 bis 2011 Chef des MDR, im Auftrag einer Anwaltskanzlei einen Beirat für den russischen Staatssender aufbauen soll. Dessen Ziel sei die Beantragung einer Sendelizenz in Deutschland, wo RT Deutsch bislang nur im Internet verbreitet wird - im Gegensatz zum englischsprachigen Angebot, das weltweit über Satellit empfangen werden kann. Werde diese erteilt, stelle der russische Staat Lockerungen der Repressalien gegen die Deutsche Welle in Russland in Aussicht, zitiert Meedia die Bild-Zeitung.

Was macht Kenntemich, seitdem er nicht mehr beim MDR chefiert?

"In den vergangenen Jahren arbeitete der 72-Jährige als Medienberater, ist Gründer des Europäischen Instituts für Qualitätsjournalismus in Leipzig und fungiert als Honorarprofessor der Universität Leipzig. Bei seiner Tätigkeit dort steht die Entwicklung neuer Sendeformate im Mittelpunkt seiner Seminare. Doch offenbar ist Kenntemich mit diesen Aufgaben nicht ausgelastet",

schreibt welt.de.

In anderen Worten: Er steht noch im Stoff und kennt sich mit der deutschen Medienlandschaft aus, was genau das ist, was RT Deutsch auf seiner Mission Sendelizenz gerade braucht. Joachim Huber, Tagesspiegel:

"Solch eine Lizenz zum Senden ist in Deutschland bei einer Landesmedienanstalt zu bekommen. Schon die Wahl unter den 14 Einrichtungen bedarf der Expertise, schließlich will der Antrag dort platziert sein, wo die Chancen auf eine Lizenz am größten sind."

Doch ein gut vernetzter Ex-Senderchef allein reicht nicht (nochmal Huber):

"Eine Umfrage bei verschiedenen Landesmedienanstalten zeigt, dass eine Lizenzierung vor allem vor zwei großen Hindernissen steht. Da ist zunächst das (Propaganda-)Programm, insbesondere aber sind es Trägerschaft und Finanzierung. Ein Medium, das komplett von einem Staat betrieben und finanziert wird, hat keine Aussicht auf eine deutsche Rundfunklizenz."

Letzteres sieht auch Timo Niemeier bei DWDL so und zitiert als Beleg noch die entsprechende Stelle aus dem Rundfunkstaatsvertrag. Zudem erfährt man dort noch etwas über ein weiteres RT-Lizenzenproblem, das internationale Programm betreffend:

"RT muss sich bald aber wohl ganz zwangsläufig um eine Lizenz in einem europäischen Land kümmern, will man auch nach dem Brexit europaweit empfangbar bleiben. Derzeit ist der Sender bei der britischen Ofcom lizenziert. Dadurch darf der Sender auch im Rest von Europa senden. Kommt der Brexit, wäre die Lizenz ungültig".

Da die Vorschriften für das Erteilen von Sendelizenzen in Europa nicht einheitlich sind, kann die Suche für den internationalen Ableger erfolgreicher verlaufen als die für RT Deutsch.

Bleibt die Frage, warum Kenntemich sich auf dieses wenig erfolgversprechende Unterfangen eingelassen hat? Ich kenne ihn nicht und weiß es nicht, muss aber festhalten, dass solche Gerd-Schröder-Gedächtnis-Moves dem Ruf des unabhängigen Journalismus nicht helfen. Für wen da lobbyiert wird, ist Freunden von Chemtrails und Gegnern des Impfens, die es schon immer gewusst haben, schließlich egal.

Bild-Zeitung versus rtl.de: Duell im Dschungel

Weil es gerade so schön ist: Bild-Zeitung zum Dritten! Ulrike Simon hat sich schließlich in dieser Woche auch vorzugsweise mit den alten Rackern abgeplagt und zudem für Horizont Julian Reichelt interviewt, der viel über Hass (gegen ihn, natürlich), das geplante Magazin Bild Politik und Auflagenzahlen erzählt.

Weil thematisch jetzt aber mal ein wenig Leichtigkeit angesagt ist, und heute "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" startet (vermissen Sie eigentlich auch die Zeiten, als vergessene Promis mit Maden zu überschütten noch zu Aufregung in diesem Land taugte?), fokussieren wir uns auf Reichelts Aussagen zu rtl.de. Das wurde Ende des vergangenen Jahres umgebaut zu einem Boulevard-Magazin, das nun selbst exklusive Dschungel-Meldungen verbreitet, was zuvor Aufgabe der Bild-Zeitung war. Dazu Reichelt:

"Erst einmal müsste sich zeigen, dass rtl.de wirklich eine Konkurrenz ist. Jan Wachtel (früher Bild-Digital-Manager, nun verantwortlich für rtl.de, Anm. AP) war für den digitalen Erfolg von Bild mit verantwortlich. Ich verstehe, dass er Bild-Rezepte jetzt auch bei RTL anwendet. (…)

Wir werden dieses Jahr zum ersten Mal kein Team nach Australien schicken. Stattdessen berichten wir in einer großen Serie, wie es beim Dschungelcamp hinter den Kulissen wirklich zugeht. Mein Verständnis von Journalismus ist nicht, von irgendjemandem irgendetwas gesteckt zu bekommen, sondern das herauszubekommen, was uns keiner freiwillig geben will."

Ha. Ha. Hahahahahahahaha!

Ähm.

"Es ist eine ungewöhnliche Lage für das Springer-Blatt, dass RTL sein eigenes Portal erstmals mit Informationen zur Show bevorzugt und nicht die Zeitung. Dass Bild seine Redakteure deshalb nicht nach Australien schickt, ist die eine Sache. Die andere aber ist die – man kann es kaum anders nennen – Schmutzkampagne, die das Boulevardblatt seit Tagen gegen den Sender fährt",

Natürlich steht auch da wieder alles hinter einer Paywall, aber dankenswerterweise hat RTL bereits am Dienstag die 76 Fragen in einer Pressemitteilung online gestellt, mit der Reichelts Boys heraus- bzw. bestätigt bekommen wollen, was ihnen keiner freiwillig geben will.

Meine Favoriten:

"15. Warum ist im Dschungel-See Chlor?

Im See ist kein Chlor."

"17. Warum wird der Wasserfall nachts abgeschaltet?

Weil der Wasserfall nachts nicht benötigt wird."

"53. Warum wird seit fünf Jahren kein Känguru-Hoden mehr serviert?

Es gibt dafür keinen bestimmten Grund. Die Prüfungen sollen abwechslungsreich sein."

"67. Brigitte Nielsen streikte sich in der Staffel 2012 zu einem Kaffee. Wie beurteilen sie diese Anekdote heute?

Es ist nicht korrekt, dass sich Brigitte Nielsen zu einem Kaffee streikte."

Was geht los da rein? Kein Kaffee! Wenn ich mir mal etwas tätowieren lasse, dann doch das.

Nun ist es zugegebenermaßen kein guter Stil, gestellte Interviewanfragen einfach selbst zu veröffentlichen. Aber seit wann interessieren sich Boulevard-Angebote für guten Stil? Außerdem kann man hier schon mal sehen, dass der Bildschen Medienkritik etwas entgegengesetzt werden kann - nämlich das Aufdecken ihrer Methoden.

Altpapierkorb (Relotius’ Dokumentar, Kachelmanns Foto, Funkes Neubau, Tolus Prozess)

+++ Sprachen wir nicht gestern erst davon? Nun berichtet Kai-Hinrich Renner in seiner Funke-Medien-Medienkolumne, dass ein für das Gesellschaftsressort des Magazins Der Spiegel und damit auch für Texte von Claas Relotius verantwortlicher Dokumentar in den Vorruhestand geschickt worden sei. Wie Relotius alle kritischen Nachfragen zu seinen Texten abzubügeln verstand, erzählt zudem Daniel Puntas Bernet, Chefredakteur des Schweizer Magazins Reportagen, im Interview mit Nick Lüthi für die Medienwoche. Einen ausgeruhten Blick auf den Fall Relotius sowie das vergangene und neue Medienjahr wirft Altpapier-Kollege Christian Bartels in seiner evangelisch.de-Kolumne.

+++ Vertagt wurde gestern in Istanbul der Prozess gegen Meşale Tolu. Nächster Verhandlungstermin ist im Mai (Zeit Online).

+++ Um den Fall des deutschen Journalisten Billy Six, der für rechte Medien wie die Junge Freiheit und Deutschland Magazin zur Wirtschaftskrise in Venezuela recherchierte und nun wegen des Vorwurfs der Spionage, Rebellion und Verletzung von Sicherheitszonen im Gefängnis sitzt, geht es bei Alexander Davydov auf der Medienseite der FAZ (). In der taz berichtet Peter Weissenburger ebenfalls über Six und erinnert daran, dass dieser einer der beiden Männer war, die im Sommer 2016 die Redaktion von Correctiv stürmten (Altpapier). "Six ist damit sowohl aktivistisch als auch journalistisch tätig. Im Fall seiner Festnahme geht Reporter ohne Grenzen davon aus, dass sie im Zusammenhang mit journalistischer Tätigkeit erfolgt ist. 'Bisher erscheint es uns plausibel, dass er journalistisch gearbeitet hat, als er aufgegriffen wurde. Damit steht ihm wie jedem anderen Journalisten unsere Unterstützung zu'"(Zitat: Christian Mihr, Anm AP).

+++ Ein von deutschen Gerichten verbotenes Foto von Jörg Kachelmann im Gefängnishof bleibt verboten, urteilte gestern der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, womit er die Klage der betroffenen Bild-Zeitung abwies, melden (u.a.) Hannoversche Allgemeine und sueddeutsche.de.

+++ Die Funke Mediengruppe legt mal wieder zusammen, auch bekannt als versteckte Entlassungen. Diesmal trifft es die Programmtitel, die damit aus München verschwinden und in Hamburg gebündelt werden sollen. In München entsteht derweil eine zentrale Themenredaktion für Reise, Gesundheit, Essen und Gedöns, "Center of Quality" im Funke-Sound genannt. Das alles meldet Horizont, während Gregory Lipinski bei Meedia schreibt, dass in Essen das neue Funke-Hauptquartier nach Verzögerungen zum Umzug bereit steht.

+++ Selbst wenn Medien aus der Pressemitteilung der AfD abschreiben, können sie es der Partei nicht recht machen, beobachtet Stefan Niggemeier nach der Attacke auf den Bremer AfD-Vorsitzende Frank Magnitz bei Übermedien.

+++ "Ich behaupte: In der Kombination aus Beobachtungsdruck und Reaktionszwang, Authentizitätsverlangen und Perfektionssehnsucht programmiert diese Gesellschaft den politischen Burn-out. Und sie züchtet, ob sie will oder nicht, den Typus des kleinmütigen, visionsfeindlichen, sich hinter Phrasen verschanzenden Angstpolitikers, den sie dann verachtet." Bernhard Pörksens Meinung zu Robert Habeck und Twitter auf Seite 2 der SZ.

+++ Was im vorgestern vorgestellten Kommunikationsbericht der Bundesregierung steht (Spoiler: die öffentlich-rechtlichen Sender sollen mehr Medienkompetenz vermitteln), hat Martin Rabanus, medienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, bei "@mediasres" erzählt.

+++ Fürs medienpolitische wie Fernsehjahr 2018 interessieren sich in der aktuellen Ausgabe epd medien Michael Ridder und Barbara Sichtermann (jeweils derzeit nicht online).

+++ "Wenn Gillian Anderson auf Journalisten trifft, dann weiß sie, womit sie zu rechnen hat. Als sie zum Interviewtermin in London erscheint, ist der Anlass des Gesprächs eigentlich zweitrangig, in diesem Fall die offenherzige wie kurzweilige Serie Sex Education, in der sie nun bei Netflix als Sextherapeutin und Mutter zu sehen ist. Früher oder später, darauf ist Gillian Anderson, 50, vorbereitet, wird es um Dana Scully gehen." Dann wissen Sie ja jetzt, was Sie heute von Patrick Heidmann auf der Medienseite der SZ erwartet.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende allerseits!

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