Das Altpapier am 15. Januar 2019 Illusionen gibt's analog und digital

Mathias Döpfner grüßt zum neuen Jahr, und zwar kräftig. Ist Zeitungszustellung ab nachts um 3.00 Uhr systemisch für die Demokratie? (Und es sogar schlimm, wenn eine kostenlos verteilte Anzeigenzeitung eingestellt wird??). Verschenken Journalisten auf Twitter Aufmerksamkeit, während der Kommentarbereich unter redaktionellen Artikeln zum "Schuttabladeplatz" wird, auf dem sich "die Fahne einer fairen Debattenkultur" nicht mehr hochhalten lässt? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 15. Januar 2019: Zeitung wird in einen amerikanischen Briefkasten gesteckt
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Schwarzer Hintergrund, in dem das dunkelblaue Jackett fast verschwindet, und, sehr selten in der visuell von Selfie-Influencern geprägten Gegenwart: kaum eine Spur von Lächeln im Gesicht [okay, mein Autorenbild hier lächelt auch nicht; es wird auch wirklich zu viel gelächelt überall ...]. So zeigt sich Mathias Döpfner neben seinem "Neujahrsgruß" als Zeitungsverlegerverbands-Präsident.

Der Text ist weder kurz noch arm an, ähm Denkanstößen. Döpfner ist ja sozusagen ein Intellektueller, der weiß, was er zielstrebig will. Zum Beispiel schöpft er das clever dialektische Gegensatzpaar "Digitalisierungsillusion" (zu glauben, das "Erlebnis" von Texten und Bildern auf Papier "ließe sich durch Smartphones und andere Endgeräte für jeden der heutigen Leser 1:1 ersetzen") und "Analogillusion" (zu glauben, "dass die gedruckte Zeitung unsere digitalen journalistischen Inhalte auf längere Sicht wird  querfinanzieren können"), das ich gleich für die heutige Überschrift entlehnt habe.

Als erstes von drei für die Zeitungsverleger "besonders wichtigen" Zielen nennt Döpfner "die Sicherung der Zeitungszustellung":

"... Das Zustellnetz der deutschen Tageszeitungen ist ein nicht zu unterschätzender Demokratieverstärker. Es ist eine wertvolle Infrastruktur. Und es ist in existenzieller Gefahr. Denn die über Jahrzehnte bewährte Zustellung in jeden Haushalt ist gerade auch aufgrund staatlicher Entscheidungen nicht mehr wirtschaftlich aus den Erlösen der Verlage finanzierbar."

Also des Mindestlohns wegen, der im nicht gerade boomenden Geschäftsfeld Zeitungszustellung ja härter und mit mehr Zugeständnissen an die Arbeitgeber erkämpft wurde als in allen anderen Berufen (vgl. z.B. zeitungszusteller.verdi.de)?

Immer schwieriger: Zeitungen zustellen

Tatsächlich gibt es tagesaktuell die kurios erscheinende Nachricht (meedia.de) von der Einstellung "eines der führenden Anzeigenblätter in Mecklenburg-Vorpommern", des Warnow Kurier, der seine aktuelle Ausgabe (E-Paper) mit der Schlagzeile "Der Warnow Kurier holt die Segel ein /Danke für Ihre Treue/ Ihre Wochenzeitung verabschiedet sich heute von Ihnen" eröffnet.

Vom Geschäftsführer ließ meedia.de sich sagen, dass "die Einführung des Mindestlohns ... die Zustellkosten deutlich erhöht hätte. Mit der weiteren Anhebung des Mindestlohns Anfang des Jahres habe sich die wirtschaftliche Situation für den Titel weiter verschärft." Und hinter dem bislang in einer Auflage von "mehr als 150.000 ... Exemplaren" gedruckten Blatt steht als Eigentümer ein Zeitungsverlag, der der Neuen Osnabrücker Zeitung (der im eigenen Newsroom lieber nichts über die Einstellung vermeldet).

Ist es, außer für die in diesem Fall betroffenen "vier festangestellten und vier freien Mitarbeiter", schlimm oder schade, wenn eine kostenlos verteilte Anzeigenzeitung eingestellt wird? Das müssen die Leser entscheiden. Zumindest sagt es etwas aus über das Geschäftsfeld. Anzeigenzeitungen müssen ja weder zu nachtschlafender Zeit verteilt werden, noch haben sie das Problem, dass immer mehr Menschen sie nicht mehr abonnieren. Höchstens das der Aufkleber, die ihren Einwurf untersagen, haben sie (wobei sich zumindest in Berlin viele fleißige Zusteller nicht im geringsten daran halten).

Zurück zu Döpfner, der ja außer rhetorisch versiert auch gut vernetzt ist und daher seine Neujahrsgruß-Inhalte auch noch, in anderen Formulierungen, in ein weit verbreitetes dpa-Interview gegossen hat. Lesen lässt sich das online etwa wiederum bei meedia.de oder in Döpfners eigenem Laden. Wer wissen möchte, wer die Fragen stellte (Esteban Engel und Sven Gösmann Sven Gösmann), muss zu welt.de klicken. Auch da geht's, recht weit unten, um das Thema Zeitungszustellung. Döpfner argumentiert offenkundig erst mal falsch:

"Natürlich sind wir alle dafür, dass Menschen hier nicht unter dem Existenzminimum arbeiten müssen und ordentlich entlohnt werden. Das Problem ist aber, dass der staatlich erzwungene Wechsel von Stück- auf Stundenlohn viele Leute aus dem Zustellerjob drängt. Es gibt leichtere Jobs, die jetzt mit dem gleichen Lohn bezahlt werden. Anstatt morgens um drei aufzustehen, um Zeitungen zuzustellen, stehen viele lieber um sieben auf und verpacken Kartons für einen Logistiker."

Heißt: Nicht der Staat oder die SPD-Anteile in der Groko haben Leute aus dem Zustellerjob gedrängt, sondern allenfalls ihr eigener nachvollziehbarer Wunsch, lieber später früh aufzustehen, wenn das genauso bezahlt wird. Dass Menschen allein aus demokratischem Pflichtbewusstsein wegen der "systemischen Bedeutung" (auch Döpfner) morgens um 3.00 Uhr mit dem Austragen kostenpflichtiger Presseerzeugnisse beginnen, wird niemand erwarten. Doch zeigt gleich Döpfners nächster Satz, dass es zu einfach wäre, reflexhaft auf die meist durchsichtige Lobbyarbeit der Verleger einzuschlagen:

"In Kombination mit der Portoerhöhung der Post und anderen Faktoren, führt es dazu, dass das flächendeckende Zustellernetz immer schwieriger aufrechtzuerhalten ist",

lautet er. Und da zeigt ein Klick zur Jungen Welt (die ja nicht das Bento von Springers Welt, sondern eine umso linkere Tageszeitung ist, und nach eigenen Angaben "die leichteste ... der BRD"), dass Döpfner zum teil völlig recht hat. Auch die Junge Welt kämpft, weiterhin wenig beachtet, gegen dieselbe Portoerhöhung der Deutschen Post, bei der es sich ja wie bei der Deutschen Bahn um einen Ex-Staatsbetrieb handelt, der es profitversprechender findet, coole neue Herausforderungen wie das Versenden verpackter Kartons von Amazon oder vielleicht noch Zalando zu suchen als lästige uralte Infrastruktur-Pflichten zu erfüllen.

Döpfner formuliert eben oft so prägnant knapp am Konsensfähigen vorbei, dass darüber diskutiert werden muss – und seine Themen tatsächlich diskutiert werden.

Verschenken twitternde Journalisten ihr wertvollstes Gut?

Ein anderes Döpfner-Thema passt nahtlos in eine laufende bzw. noch nicht abgeschwollene Debatte, die Habeck-Twitter-Debatte (zuletzt Altpapier gestern). Auf die Frage "Sind Sie in den Sozialen Medien unterwegs?" antwortet der Springer-Chef: "Nein, das kostet zu viel Zeit, produziert zu viel negative Energie und zu wenig Erkenntnis." Dabei hängt, welche Energien man bei Twitter reinsteckt und rauszieht, natürlich von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt individuellen, wie in so gut wie jedem über 180 Zeichen hinausgehenden Debattenbeitrag steht. Doch auch dazu sagt Döpfner Bedenkenswertes:

"Die Idee, dass der Vertreter einer Medienmarke rein privat twittern oder auf Facebook posten kann, ist absurd. Kein Mensch kann das unterscheiden. Ein Chefredakteur oder Redakteur ist dort keine private Person. Deshalb wird viel zu schnell geschrieben, was am Ende der Marke abträglich ist. Am Ende dienen diese Aktivitäten allenfalls der Person, sehr selten dem von ihr vertretenen Medium. Ich empfehle allergrößte Zurückhaltung, wenn nicht gar vollkommene Enthaltsamkeit. Außerdem haben Journalisten doch eine gute Plattform, um sich auszudrücken. Ihr Medium. Warum sollten sie ihr wertvollstes Gut – ihre Erkenntnisse und Gedanken, ihre Inhalte – verschenken, um Twitter zu Exklusivnachrichten oder Kurzkommentaren zu verhelfen?"

Abgesehen davon, dass leitende Springer-Twitterer, von denen es ja einige gibt, solche doppelt superlativischen Empfehlungen vermutlich nicht als reine Ratschläge empfinden, macht Döpfner einen aus Sicht aller redaktionellen Medien wichtigen Punkt: Unabhängig von der Frage, ob Twitter die viele Zeit, die seine (bekanntlich nicht so breite, aber dafür spitze) Zielgruppe mit Twitter verbringt, monetarisieren kann, geht dieselbe Zeit für die Nutzung aller übrigen Medien ganz oder teilweise verloren.

Auch sonst hat der gewiefte Rhetoriker Döpfner noch allerhand provokante Raffinessen mitgebracht, zum Beispiel Ausssagen zum womöglich bald beschlossenen EU-Urheber- (und damit auch: Leistungsschutz-) Recht, oder die Formulierung, dass der Relotius-Fall "ja wesentlich schlimmer als die Hitler-Tagebücher" sei (gibt es schon, äh, Votings, in denen sich darüber abstimmen lässt?). Aber auch bewährt optimistische Formulierungen à la "Der Technologiewandel und die Erschließung neuer Vertriebskanäle bieten wesentlich mehr Chancen für den Journalismus als Risiken."

Kampf um Kommentarkultur

Falls Ihnen das jetzt zu digital-optimistisch war: Es gibt auch Gegenstimmen. Zum Beispiel:

"Wir bedanken uns bei den Leserinnen und Lesern, die über Jahre die Fahne einer demokratischen und fairen Debattenkultur hochgehalten haben. Ohne Euch wären wir schon viel früher mit unserem Latein am Ende gewesen".

Das heißt zum Glück natürlich nicht, dass netzpolitik.org dem Warnow Kurier folgt. Das hätte auch viiiel weiter oben gestanden. Es heiß nur, dass es im führenden Blog zur digitalpolitischen Sphäre seit gestern "keine Kommentare mehr" gibt, "sondern nur noch die Möglichkeit, Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltliche Ergänzungen zu den Artikeln einzubringen", die statt "Kommentare" "Ergänzungen" heißen. Um diesen Schritt zu erklären, hat die Redaktion deutliche Worte gewählt, etwa, dass sie

"immer weniger Lust darauf [hatte], mit unserem Kommentarbereich Schuttabladeplatz für schlechte Laune, Verschwörungstheorien, platte Verallgemeinerungen, dummes Geschwätz und Naziparolen zu sein. Insgesamt hat sich die Kommentarkultur in Blogs und Zeitungen durch veränderte Mediennutzung, die Verlagerung des Austauschs in soziale Netzwerke und durch die Verrohung der Debattenkultur bei gleichzeitigem Verstummen großer Teile der Leser:innenschaft zum Negativen entwickelt. ..."

Wenn dieses Konzept aufgeht, würde es heißen, dass der sinnvolle oder "fruchtbare" Austausch in Form inhaltlicher Ergänzungen aus den sog. soz. Medien, wo er neben völlig anderen Phänomenen eher zu beobachten ist,  zurückgeholt wird? Darauf, sowohl dort (wo faktische und potenzielle Reichweite höher sind) als auch unter Artikeln (wo Ergänzungen lnagfristig besser zu finden sind) zu posten, werden sich Kommentatoren wohl kaum einlassen. Das wird spannend zu beobachten sein. Nachvollziehbar ist netzpolitik.orgs Schritt jedenfalls.

Die Bundesregierung spuckt medienpolitisch in die Hände

Bitte anschnallen, jetzt wird's richtig dynamisch. Lesen Sie am besten laut:

"... Zur Verstetigung der mit der Bund-Länder-Kommission begonnenen Zusammenarbeit haben Bund und Länder vereinbart, dass u.a. die Rundfunkkommission der Länder in Zukunft gemeinsam mit dem Bund weitere offene Fragen zur Medienkonvergenz diskutieren und abstimmen wird. Mit der oben beschriebenen Dynamik der sozialen und technischen Entwicklung gehen zahlreiche Wechselwirkungen der Regelungen von Bund und Ländern einher. Zudem durchdringen immer häufiger Regelungen der Europäischen Union im Rahmen der Umsetzung der Digitalen Binnenmarktstrategie die deutsche Medienordnung. Aufbauend auf der engen Zusammenarbeit in der Bund-Länder-Kommission liegen vor diesem Hintergrund weitere Schritte hin zu einer effektiveren kooperativen Medienregulierung nahe. Ein regelmäßiger Austausch zwischen Bund und Ländern zu sämtlichen Fragen des Medienrechts ist daher notwendig. Der Bund hat sich deshalb mit den Ländern auf eine Intensivierung des Austauschs zu aktuellen medienpolitischen Themen verständigt. ..."

Und so wie hier auf den Seiten 8/9 geht es weiter im "Medien- und Kommunikationsbericht der Bundesregierung". Vergangene Woche vorgestellt, bloß in spitzen Nischen ("@mediasres" und Altpapierkorb) beachtet, ist er nun als 53-seitiges PDF verfügbar.

Ein für deutsche Medienpolitik-Verhältnisse sehr dynamisches tl;dr lieferte die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner mit "Viel", nämlich elf Jahre, "zu spät, keine Ideen". Und damit in den Altpapierkorb ...


Altpapierkorb (Bundeswehr-Chefredakteur von der ARD; Fußball-Länderspiele bei Pro Sieben; saunaartiges Spartenfernsehen; Türkischstämmige in Fernsehkrimis)

+++ "Durchgang nur dienstlich" steht auf dem Foto über @ThielsChristian, dem Twitter-Auftritt des bisherigen ARD-Journalisten Christian Thiels. Ab Februar wird er Chefredakteur bei der Bundeswehr. Wozu die FAZ der Bundeswehr schon mal gratulierte.

+++ Über eine Plakat- und im Fall des Berliner taz-Sitzes auch physische Attacke der "Identitäre Bewegung" gegen Medien wie Politiker berichtet u.a. die Frankfurter Rundschau.

+++ Neuer Spieler im Kampf um Fernsehrechte an Fußballspielen, in dem die beitragsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen ja stark sind: die ProSiebenSat.1-Gruppe. Den U21-Nationaltrainer sowie ARD-Experten bei der letzten WM (Altpapier) Stefan Kuntz zitiert dwdl.de mit: "Ich finde das eine richtig coole Sache, da mir 'ran' mit seinen Fußballübertragungen aus der Vergangenheit persönlich sehr positiv in Erinnerung geblieben ist.'"

+++ "Die saunaartige Aufteilung des Spartenfernsehens in einen Männer- und einen Frauenbereich" wie Pro Sieben Maxx oder Sat 1 Gold schildert die SZ-Medienseite als relatives Erfolgsrezept. +++ Außerdem geht's dort ums Einjährige der Crowdfunding-finanzierten republik.ch in der "für ein kleines Land großen und durchaus diversen" Schweizer Medienlandschaft.

+++ Die FAZ-Medienseite erfreut öffentlich-rechtliche Traditionalisten mit einem Gastbeitrag von France Télévisions-Präsidentin Delphine Ernotte und BBC-Generaldirektor Tony Hall als den neuen Präsidenten der European Broadcasting Union  ("Öffentlicher Rundfunk ist wichtiger denn je. Er bringt Europas Kultur zum Vorschein, hält die Gesellschaft zusammen und ist ein Leuchtturm in einer Welt voller Fake News"). Sowie Regisseur Franz Xaver Bogner mit Glückwünschen zum 70. Geburtstag ("für den Bayerischen Rundfunk ... seit Jahrzehnten ein tragender Pfeiler, wenn es um den Transport von Lebensgefühl geht").

+++ In der deutschen Fernsehkrimi-Flut gehören "Männer mit türkischen oder arabischen Wurzeln ... entweder zu einer kriminellen Organisation oder planen islamistische Attentate. Das hat auf Dauer natürlich einen gewissen  Einfluss auf die Zuschauer", zitiert Tilmann Gangloff Drehbuchautorin Dorothee Schön in seinem Schnelldurchlauf durchs FernsehkommissarInnen-Bild seit ca. 1969, als Erik Ode als "Der Kommissar" antrat (epd medien).

+++ Und die neue Feindschaft anstelle der "legendären" früheren Partnerschaft zwischen RTL und der Bild-Zeitung könnte der Grund dafür sein, "dass die Quoten seit dem Start des Camps am vergangenen Freitag unter den Vorjahreszahlen bleiben", glaubt Kurt Sagatz im Tagesspiegel.

Das nächste Altpapier erscheint am Mittwoch.

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