Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 16. Januar 2019: Leser liest Zeitung mit Blutspritzern.
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Das Altpapier am 16. Januar 2019 If You Want Blood (You've Got It)

Der AfD-Politiker Frank Magnitz weiß vielleicht besser, als mancher Journalist, wie heute Journalismus funktioniert. Das zeigt seine Medienstrategie in eigener Sache. Außerdem ist eine weitere Mediendebatte um einen Mann vom Spiegel im Gange: Um einen Roman des Reporters Takis Würger geht es dabei. Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 16. Januar 2019: Leser liest Zeitung mit Blutspritzern.
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Hat das monatlich erscheinende rechtsextremistische Propagandamagazin Zuerst! etwas mit Journalismus zu tun? Es gibt plausible Gründe dafür, diese Frage mit einem differenzierten Nein zu beantworten, rein mediengattungstechnisch müsste man die Frage aber wohl bejahen. In diesem Sinne wäre der Chefredakteur dieses Magazins, über das im vergangenen Jahr Der rechte Rand berichtete, also ein Journalist. Der Tagesspiegel sieht das ganz anders. Anlass seiner Berichterstattung sind unter anderem "gemeinsamen Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste und des Nachrichtenportals t-online.de" (RBB 24), wonach "Manuel O.", wie ihn der Tagesspiegel nennt (der RBB nennt den vollständigen Namen) vorgeworfen wird, einen Brandanschlag in der Ukraine in Auftrag gegeben zu haben, was der Betroffene wiederum bestreitet.

"Beim Prozessauftakt am Montag in Krakau benannte der polnische Hauptangeklagte Michal P. den Deutschen Manuel O. als Auftraggeber, berichtet Radio Freies Europa. Der ist allerdings kein 'Journalist', sondern Mitarbeiter im Bundestagsbüro des baden-württembergischen AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier",

schreibt der Tagesspiegel unter Bezugnahme auf diesen Artikel von Radio Free Europe/Radio Free Liberty. Mitarbeiter Frohnmaiers ist der mutmaßliche Anschlagsanstifter allerdings erst seit September 2018, journalistisch tätig ist der frühere Ressortleiter der Jungen Freiheit aber bereits seit Mitte der 1990er Jahre, wenn stimmt, was bei Wikipedia steht.

A bisserl skurril ist das auf jeden Fall: Bei Radio Free Europe/Radio Free Liberty ist gleich in der Überschrift von einem "Far-Right German Journalist" die Rede, der bereits zitierte RBB und t-online erwähnen dagegen gar nicht, dass der Mann Journalist ist, und der Tagesspiegel schreibt, wie gesagt, er sei "kein 'Journalist'" (obwohl er weiter hinten das Wirken des Beschuldigten für Zuerst! erwähnt). Tja, cui bono?

Wenn der Pfleger fotografiert

Der Bremer AfD-Politiker Frank "Kantholz" Magnitz ist definitiv kein Journalist, aber möglicherweise weiß er besser, als mancher Journalist, wie Medien funktionieren. Nachdem er am Montag vergangener Woche auf offener Straße von hinten angesprungen worden und danach gestürzt war, war er jedenfalls noch fit genug, um eine Medienstrategie in eigener Kopfverletzungssache auszutüfteln. Beschrieben hat er diese nun in einer internen Mail, die auch bei der taz gelandet ist. Diese rekapituliert den Fall wie folgt:

"Ein Bild, das Magnitz voller Blut und mit einer tiefen Wunde am Kopf zeigt, machte schon kurz nach der Tat, am Montagabend, die Runde. Ein Post der AfD Bremen mit dem Foto wurde bei Facebook bereits nach einer Stu’ als 'Ergebnis rot-grüner Hetze' (…) Das Foto des Mannes voller Blut und die Vorstellung, er sei mit einem Kantholz halb tot geschlagen worden, zeigten Wirkung."

Das mit dem Kantholz war, wie man mittlerweile weiß, eine Ausschmückung, um es nett zu formulieren (siehe Übermedien bzw. Altpapier). Möglicherweise verbreitete sich die Kantholz-Legende aber auch aufgrund des mitgelieferten blutigen Fotos:

"In dem internen Schreiben, das am Sonntag an die AfD-Mitglieder verschickt wurde, erklärt Magnitz nun, dass er sich selbst noch am Abend des Angriffs im Krankenhaus entschieden hatte, das Foto von seinen Verletzungen zu verbreiten. Weiter heißt es in dem parteiinternen Infobrief, es sei 'nur so eine mediale Betroffenheit zu erzeugen' gewesen. Er selbst habe einen Pfleger gebeten, das Foto zu machen, nachdem er aus dem MRT gekommen sei, 'um sehen zu können, wie schlimm meine Stirnverletzung war.'"

Naja, hoffentlich hat der mutmaßliche AC/DC-Fan Magnitz dem Pfleger wenigstens ein ordentliches Fotohonorar gezahlt, die Gehälter in dessen Branche sind ja bekanntlich miserabel. Die taz schreibt weiter:

"Auch über die anschließende mediale Wirkung informiert der AfD-Politiker: "Die Pressemitteilung und die Berichterstattung zur Tat haben den Weg um den gesamten Erdball innerhalb von 24 Stunden genommen. Ohne das angehängte Foto wäre die PM wie alle anderen unter 'ferner liefen' abgehandelt worden."

Das ist natürlich Quatsch, weil die Medien ja stets gierig sind auf "PM" der AfD. Ob das Ganze innerhalb eines Tages "um den gesamten Erdball" ging, habe ich übrigens nicht nachrecherchiert.

Erfolg für Loser?

Der Angriff auf Magnitz hat auf jeden Fall für einen PR-Erfolg gesorgt. Zu einem anderen (vermeintlichen) "PR-Erfolg" für die rechte Szene äußert sich Stefan Niggemeier bei Übermedien. Er findet die Berichterstattung über die Aktionen der Identitären Bewegung gegen unter anderem taz und FR (siehe Altpapier) unverhältnismäßig.

"Aktionen der sogenannten "Identitären Bewegung" (IB) sind Provokationen. Sie leben nicht von dem, was sie tatsächlich tun – das ist oft eher läppisch. (…) Sie leben von den Reaktionen, die sie damit auslösen",

schreibt Niggemeier. Als weiterführende Lektüre zu den Inszenierungsstrategien der IB kann dieser Artikel der Belltower News dienen.

Bereits am Montag hatte der durch die Kampagne #keingeldfürrechts bekannt gewordene Werber Gerald Hensel (Altpapier) sich "schockiert" darüber gezeigt, wie viel Aufmerksamkeit den "eitlen rechtsextremen Kindern" bzw. "Losern" von der IB zuteil geworden war.

Natürlich sind die IB ein reines Medienphänomen, zu verdanken haben wir das ein paar Presseonkels, die auf sehr schräge Weise davon fasziniert sind, dass es auch Nazis gibt, die einen hippen Vollbart tragen und mit Messer und Gabel essen können. In Bayern hat die IB "etwa 100 Mitglieder, vor allem in Oberbayern und der Oberpfalz" (Bayerischer Rundfunk im Februar 2018), im Saarland gibt es einen "Sympathisantenkreis von 30 bis 40 Personen" (Saarbrücker Zeitung im vergangenen August), und bundesweit hat die sog. Bewegung "rund 500  Anhänger in 17 Regionalgruppen" (Zeit Online unter Verweis auf das Bundesamt für Verfassungsschutz, ebenfalls August 2018).

Verglichen mit den IB, sind alle Vereinigungen, die jemals als Splitterparteien bezeichnet wurden, also große Volksparteien, aber für jene, die von den Identitären angegriffen oder bedroht werden, ist die Mickrigkeit dieser Kameradschaft natürlich irrelevant. Unter anderem wohl deshalb schreibt Niggemeier auch:

"Ich will (…) nicht die körperliche Auseinandersetzung vor der taz herunterspielen. Ich habe keinen Zweifel, dass die Szene 'aggressiv und bedrohlich' war."

Wohl noch lange sonderbare Blüten wird der Fall Relotius treiben, jedenfalls verstärkt eine neue anekdotische Episode aus der Schweiz diesen Eindruck. Die kam gerade in einer Sendung des SRF mit Roger Schawinski und Tom Kummer ans Licht. Das SRF spricht es selbst in einem Text an:

"In seiner Sendung spricht Gastgeber Schawinski Kummer auf eine Kolumne in der Weltwoche vom 4. Januar an. Kummer wendet sich darin unter dem Titel 'Lieber Claas Relotius' in einem offenen Brief an den Spiegeljournalisten – und gibt an, froh zu sein, nun nicht mehr der grösste Betrüger im deutschsprachigen Journalismus zu sein. Darauf angesprochen, bestreitet Kummer Autor der Kolumne zu sein. Was gilt denn nun?"

persoenlich.com zitiert Schawinski dazu mit den Worten:

"Du hast das nicht geschrieben? Dass die Weltwoche das gemacht hat, ist ein weiterer Skandal!" 

Nun könnte es natürlich sein, dass nicht stimmt, was Kummer in der Sendung, die, wie er selbst meint, "leider keine Battle Royale" war, gesagt hat. Tatsächlich hat Weltwoche-Obermufti Roger Köppel aber den Schwindel eingeräumt und sich dabei auf Mark Twain berufen, der sich ja leider nicht mehr wehren kann gegen eine derartige Vereinnahmung. Gehört die Kummer-Kolumne, die nicht von Kummer stammt, in die Irgendwas-mit-Meta-Kiste? Auf jeden Fall ist sie ein guter Anlass, daran zu erinnern, dass Köppels rechtes Kampfblatt 28 Texte von Relotius veröffentlicht hat.

Um beim Stichwort meta zu bleiben: Zum sogenannten Fall Würger - der sich, wie im Folgenden klar werden könnte, vom Fall Relotius grundlegend unterscheidet, sich aber auch nicht von ihm trennen lässt - gibt’s mittlerweile Meta-Debattenbeiträge. Auslöser ist "Stella", ein Roman des Spiegel-Reporters Takis Würger. Vorbild für die titelgebende Figur ist Stella Goldschlag, eine Jüdin, die der Gestapo zuarbeitete. Die FAZ schreibt in einem der vielen Verrisse (Rezensions-Überblick beim Perlentaucher)

"Die Debatte über die Fälschungen des Reporters Claas Relotius hat glücklicherweise auch wieder einmal etwas Aufmerksamkeit auf den sprachlichen Kitsch gelenkt, den manche nach Journalistenpreisen schielende Prosa hervorbringt."

Diesen Stil hielten, wie Würgers Romanveröffentlichungen bewiesen, "inzwischen auch manche Literaturverlage (…) offenbar für literarisch". Auf diesen mit "Relotius reloaded" überschriebenen Text spricht nun Jürgen Deppe (NDR Kultur) den "Stella"-Verleger Jo Lendle an. Der sagt dazu:

"An der Stelle wird es wirklich absurd. Claas Relotius ist diskutiert worden als jemand, der in einem der Wahrheit verpflichteten Medium der Reportage gelogen hat. (…) Selbstverständlich muss der Roman als Gattung in Verantwortung zu den Fakten auch erfinden. Hier den Namen Relotius ins Spiel zu bringen, ist eine absurde Unterstellung und eine Vermischung von Ebenen, wie man sie sich kaum gewaltiger ausdenken könnte."

Weil Würgers "Kinderbuchstil" (Jan Süselbeck, Zeit Online) in mancher Hinsicht an Relotius erinnert, und er, Würger, mit dokumentarischem Material verantwortungslos umgeht, also aus anderen Gründen skandalös agiert als Master Claas, liegt eine "Vermischung" der "Fälle" aber nicht fern. Daniel Alexander Schacht bringt es für die Hannoversche Allgemeine auf den Punkt:

"Klar, wer Belletristik schreibt, muss sich nicht auf Fakten festlegen. Aber wer mehr als Kolportage bieten will, wer es auf die Aura des Authentischen abgesehen hat und seine Fiktionen deshalb mit historischen Fakten durchsetzt, sollte auf deren Genauigkeit achten (…) Warum hat ihm keiner geraten, Dokumentarisches entweder zu vermeiden oder redlich statt reißerisch damit umzugehen?"

Die umfassendste Einordnung liefert Johannes Franzen für den Merkur: "Der Massstab der Wirklichkeit  – zur Kontroverse um Takis Würgers Roman 'Stella'" lautet die Überschrift. Franzens Fazit:

"Der Großverriss von Stella ist jedenfalls nicht, wie es im Tagesspiegel heißt, Ausdruck von feuilletonistischer 'Hysterie', die durch die Fälle 'Relotius' und 'Menasse' ausgelöst wurde, sondern vor allem ein Anzeichen für die gesteigerte Bedeutung literarischer Maßstäbe, die Ethik und Ästhetik miteinander verbinden. Dabei handelt es sich um eine Verschiebung, die möglicherweise einen Exzess der narrativen Lizenzen korrigiert. Erzählen als Kulturtechnik steht gerade auf dem Prüfstand – zumindest was die allzu triumphalistische Hochschätzung alles Narrativen der letzten Jahrzehnte betrifft. Eine Kontroverse wie die um Stella ist dafür nur ein Indikator. Sie regiert zum einen auf die Angst vor dem Zerfallen stabiler Fakten in Zeiten postfaktischer Bedrohungen (…); zum anderen verweist sie auf die Tradition der Skepsis an einer fiktionalen Verarbeitung der Schoah, die das bedeutsamste Beispiel für einen Fall darstellt, in dem Erzählen als verantwortungsvolle und ernste Aufgabe begriffen wird."

Spät, aber zum richtigen Zeitpunkt

Vieles hängt mit vielem zusammen: Die titelgebende Figur jenes Romans, der, auch dank Relotius, viel Erwähnung findet, taucht heute abend in einem ARD-Dokudrama auf - wenn auch nur als "Nebenfigur" (wie Benedikt Frank in der SZ schreibt). "Die Unsichtbaren" heißt der Film von Claus Räfle, und er erzählt die realen Geschichten von vier deutschen Juden, die sich in Berlin vor den Nazis versteckt hielten:

"Mitunter wird der Film zum Thriller, besonders Cioma Schönhaus ist mit seiner Fälscherwerkstatt dank seines gelegentlichem Leichtsinns oft nur einen Hauch davon entfernt, enttarnt zu werden. So trifft er die berüchtigte Stella Goldschlag, (…) geht mit ihr aus, möchte ihr imponieren und bietet an, ihr seinen Unterschlupf zu zeigen. Schönhaus nennt es eine 'Liebeserklärung', dass sie ihn bremste, und eine Eingebung, dass er sich bremsen ließ",

schreibt Frank, der den Film auch formal lobt:

"In 'Die Unsichtbaren' (…) sind Schauspielszenen und Augenzeugenberichte sehr geschickt miteinander verwoben. Da gehen Interview-Sätze in Szenen über, mal kommentiert ein O-Ton die Fiktion, mal umgekehrt."

Kai Spanke (FAZ-Medienseite) spricht dagegen von "unruhigem Flickwerk":

"Fast möchte man Räfle, der von Haus aus Dokumentarfilmer ist, für das nächste Mal zurufen: Mehr Dokumentation wagen!"

Vor mittlerweile auch schon 26 Jahren ist Räfle nämlich mal für eine Dokumentation mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.

Der Tagesspiegel hat mit der heute 94-jährigen Hanni Lévy gesprochen, einer der vier Jüdinnen und Juden, deren Erlebnisse der Film schildert. Im Interview geht es auch darum, dass die ARD sich viel Zeit gelassen hat mit der Ausstrahlung des Films, der bereits 2017 beim Filmfest Hamburg lief. Lévy sagt:

"Ich habe sogar mal irgendwo hingeschrieben, ich glaube an die ARD, dass es eine Unverschämtheit sei, dass jeder noch so blöde Film sofort rauskommt und der hier ewig aufgeschoben wird. Aber wenn man sich anschaut, was politisch zurzeit so los ist, kommt der Film genau zum richtigen Zeitpunkt."


Altpapierkorb ("Nazis raus!", "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam", Pelin Ünker, Drohbriefverbot für Medienanwälte, Erobique, Noah Becker)

+++ Dass einige deutsche Journalisten nicht (mehr) bereit sind, "Nazis raus" als zivilgesellschaftlichen Minimalkonsens zu akzeptieren - das rekapituliert aus aktuellem, wenn auch nicht mehr tagesaktuellem Anlass (die Reaktionen auf einen Tweet der ZDF-Redakteurin Nicole Diekmann, siehe Altpapier) Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Online-Kolumne: "Stattdessen wird einmal quer durchs Feuilleton erklärt, was an 'Nazis raus' alles angeblich problematisch ist." Es zeige sich "an den Reaktionen auf einen einfachen Tweet, wie man in einer politischen Debatte falsch abbiegen kann: in höchst merkwürdige Textinterpretationen eines alten und berechtigten Slogans, statt in Solidarität mit denen, die akut mit Gewalt bedroht werden." Man könnte an dieser Stelle auch den Verleger Jörg Schröder zitieren: "Es ist ein Gesamtklima da, vor dem kann man sich nur fürchten. Das merken die Feuilletonisten natürlich als letzte, wenn diese Dumpfköpfe außerhalb ihrer Narrenwelt überhaupt was mitkriegen." Das hat er allerdings bereits in einem vor 14 Jahren in konkret erschienenen Interview gesagt (das Magazin hat es im vergangenen Herbst anlässlich Schröders 80. Geburtstags republiziert).

+++ Über die derzeit wieder zu sehende Serie "Holocaust" (siehe Altpapier) schreibt die Stuttgarter Zeitung: "Wenn einige ARD-Sender (…) nun genau vierzig Jahre später die US-Serie wiederholen, haben sie vielfachen Grund dafür – vor allem diesen: Es gibt wenige Beispiele, in der das Medium Fernsehen derart weitreichende Impulse für die Debatte in der deutschen Gesellschaft gegeben hat, wie eben hier." In der Nacht von heute auf Donnerstag ist im NDR Fernsehen Alice Agneskirchners Dokumentation "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam" zu sehen, auf die bereits am Wochenende der BR-Hörfunk in seiner "Kulturwelt" einging. Online ist der Film nach der ersten linearen TV-Ausstrahlung (Montag im WDR) auch bereits verfügbar.

+++ Der umfangreichste Text auf der heutigen FAZ-Medienseite: ein Hintergrundstück zum Fall der für ihre Recherchen im Rahmen der Paradise Papers zu dreizehn Monaten Haft verurteilten türkischen Journalistin Pelin Ünker (Altpapier). "Ünker … erwartet im nächsten Monat ein weiteres Verfahren. Bei derselben Recherche hatte sie aufgedeckt, dass auch Berat Albayrak, Erdogans Schwiegersohn, und dessen älterer Bruder Serhat Albayrak, Manager einer regierungstreuen Mediengruppe, geheime Firmen in Malta haben", schreibt Bülent Mumay.

+++ Die erfreulichste Nachricht des Tages kommt ebenfalls von der FAZ: Sogenannte Medienanwälte, die bereits vor der möglichen Veröffentlichung eines Artikels - also ohne wissen zu können, was drin stehen wird - mit sogenannten presserechtliche Informationsschreiben in Erscheinung treten, die de facto Drohbriefe sind, müssen sich künftig was anderes überlegen. Der Bundesgerichtshof hat solcherlei Vorgehen für unzulässig erklärt (Az. BGH VI ZR 606/17). Die FAZ hatte den Rechtsstreit in Gang gebracht und berichtet nun in eigener Sache.

+++ Auch noch auf der FAZ-Medienseite: ein mit "Wilder Westen im Osten" überschriebenes Lob für den MDR. Es geht um den Zweiteiler "Die Investoren. Wie Macher und Glücksritter in den Osten kamen" (Teil 1 steht seit Dienstag, in der Mediathek). "Mit diesem sehenswerten Film setzt der MDR im 30. Jahr der friedlichen Revolution seine vielgelobte Doku-Reihe über die Nachwendezeit im Osten Deutschlands fort", schreibt Stefan Locke.

+++ Barry White, Leroy Hutson, Italo-Western-Desperado-Sound - das sind einige Schlagworte in einem taz-Interview mit Carsten "Erobique" Meyer, dem Schöpfer des Soundtracks von "Der Tatortreiniger". Die Serie ist zwar bekanntlich gerade zu Ende gegangen, aber die "Musik funktioniert auch jenseits ihrer Eigenschaft als Soundtrack", wie Interviewer Julian Weber betont. Dass Meyer, die coole Socke, an einer Stelle ("Soul ist Teil meiner DNA") in spackigsten Medienmanager-Jargon verfällt, ist ein bisschen bestürzend.

+++ Und mit der AfD, die heute oben schon Thema war, steigen wir aus: Ihr Bundestagsabgeordneter Jens Maier muss dem Künstler Noah Becker ein Schmerzensgeld von 15.000 Euro plus Zinsen zahlen. Der AfDist hatte Becker mit einem Tweet rassistisch beleidigt. Über diese Entscheidung der Pressekammer des Landgerichts Berlin berichtet Spiegel Online.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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