Das Altpapier am 17. Januar 2019 Willkommen in 1474

Ist resignative Verzweiflung über die Probleme des Rudeljournalismus angebracht? Steht das Internetzeitalter erst im Jahr 1474? Berichte über sexuelle Gewalt landen oft im Panorama-Ressort und bekommen damit eine Schmuddelecken-Aura. Was kann und sollte man heute als "Fernsehen" bezeichnen? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 17. Januar 2019: Blei-Lettern bilden das Wort "Press"
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

So einen John Bercow mag sich mancher auch für die Medienbranche wünschen. Spätestens seit Dienstagabend ist der Mr. Speaker des britischen Unterhauses auch über die Königinnenlande der Großbritanniens hinaus als Unikum bekannt. So einer möge einlenken, mag sich mancher wünschen, wenn diese Medienmenschen mal wieder mit diesem irren Glimmen in den Augen und ohne viele Blicke nach links und rechts Spekulationen über vermeintlich großangelegte Hackerangriffe wie Fakten verbreiten, der AfD als einziger Quelle eines Tathergangs vertrauen, oder "nicht ausgewogen genug" (die Links zu anderen Altpapieren) über Geflüchtete berichten (Liste beliebig fortschreiben).

Ein Regent im Chaos (ntv), ein Lichtblick (Standard): Ein "starker Mann" halt, der alles im Griff hat, dabei auch noch sehr unterhaltsam ist (die Vorwürfe verschiedener Mitarbeiterinnen wegen Anzüglichkeiten und Wutausbrüchen kamen bei dem Twitter-Hype am Dienstagabend und Mittwoch eher weniger vor). So einen mag sich manch einer auch als Zurordnungrufer "der Medien" wünschen. Wünschenswert wäre es allerdings trotzdem nicht, aber dazu später mehr.

Mehr Kürbis als Kirsche

Wie komme ich darauf? Weil Sascha Lobo wütend ist, "aber längst mit dem Beigeschmack der resignativen Verzweiflung" und die Medienbranche nun selbst zur Ordnung ruft:

"Der Brexit tobt, Trump wütet, die AfD opferposiert. Dass die redaktionellen Medien immer noch nicht merken, dass sie instrumentalisiert werden - oder es nicht merken wollen, oder es merken und richtig finden. Jeden verdammten Tag aufs Neue",

schreibt Lobo in seiner SpOn-Kolumne. "Die redaktionellen Medien" bzw. Boulevardmedien hätten zum Beispiel den Brexit herbeigeschrieben (alles klar, dazu gibt's hier auch eine wissenschaftlich fundierte Basis), seien mehrfach auf die AfD reingefallen, hätten Rechte und Rechtsextreme gestärkt. Als Kern dieses "Medienversagens" sieht er

"Angst. Wenn man von denjenigen absieht, die in voller Absicht mithetzen und zündeln. In einer Zeit wirtschaftlicher Schwäche klassischer Medien fühlt es sich von innen vermutlich gar nicht an wie Angst, sondern wie Selbstvergewisserung. Das Pfeifen im Walde des heutigen Journalismus ist, einfach so weiterzumachen wie bisher."

Das sei

"Verantwortungsabwehr, die Scheu, die Konsequenzen daraus zu ziehen, dass man eine Mitschuld trägt. Die autoritären Kräfte instrumentalisieren Qualitätsmedien der liberalen Demokratien weltweit, und deren Reaktion verdient im Pschyrembel unter 'Stockholm-Syndrom' einen eigenen Abschnitt."

Dann führt Lobo, launisch und lesenswert, einige Symptome auf. Allerdings gibt es dabei wohl schwerlich nur einen Kern der Sache. Die Medienbranchenprobleme sind eher Kürbis als Kirsche und haben eine Vielzahl an Kernen und viele von ihnen sind durch dieses klebrige Faserzeug auch noch miteinander verbunden.

Weitere Kerne der Sache sind etwa Zeitdruck, ökonomischer Druck und wohl auch ein bisschen Eitelkeit, die verschiedene Dynamiken entstehen lassen, z.B. eine Art von Gruppenzwang, wie damals auf dem Schulhof, als auf einmal alle aus der coolen, verwegenen Clique geraucht haben. Nur das da halt noch das Geld mit reinspielt.

Dass Medienmenschen das nicht merken, "es nicht merken wollen, oder es merken und richtig finden", wie Lobo schreibt, kann ich mir allerding nicht vorstellen. So viel Reflektionsfähigkeit traue ich den Allermeisten dann doch zu. Aber ein gutes Rezept für den Umgang zu finden, sich aus gewissen Dynamiken auszuklinken fordert wohl Zeit, Mut und Ruhe. Auch, wenn wir die nicht zu haben scheinen.

Ja, dieser Rudeljournalismus ist ermüdend, seine Folgen sind teilweise erschreckend und als Medienmensch kann man darüber Toben (ich will mich davon auch gar nicht ausnehmen), aber mit seiner Schlussforderung macht Lobo es sich dann doch etwas einfach:

"Langsam, so ganz langsam könnten die werten redaktionellen Qualitätsmedien vielleicht mal im 21. Jahrhundert ankommen und begreifen, wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert, wie sie instrumentalisiert werden und was sie dagegen tun können. Nein: tun müssen."

Dass wir Veränderungen brauchen: geschenkt. Aber der New Yorker Journo-Guru, ähm Professor, Jeff Jarvis würde was die Zeit-Rezeption angeht vielleicht anders argumentieren. Im Interview für eine Sommerausgabe des Journalisten (also des DJV-Magazins) mit Moritz Kircher sagte er vergangenes Jahr:

"Von der Erfindung des Buchdrucks bis zur ersten gedruckten Zeitung hat es eineinhalb Jahrhunderte gedauert. Eineinhalb Jahrhunderte, bis jemand gemerkt hat, was mit dem Buchdruck möglich ist: Menschen zu sagen, was in ihrer Gemeinschaft vor sich geht. Im Jahr 1994 ist das kommerzielle Internet aufgekommen. In Relation zu Gutenbergs Zeit sind wir jetzt im Jahr 1474. Und bis zur Erfindung der Zeitung ist es noch ein gutes Jahrhundert hin. (...) Wenn wir uns also jetzt gedanklich mit dem Internet auf dem Stand des Jahres 1474 befinden, haben wir noch keine Ahnung, was das Internet überhaupt ist. Es ist zu früh, zu definieren und zu regulieren und damit zu begrenzen, was das Netz ist. Wir haben noch sehr viel Zeit, zu experimentieren und Fehler zu machen und Erfolge zu feiern. Und in diesem Prozess erfinden wir neu, was Journalismus ist."

Und das kann im Sinne von Lobo nicht mehr vorrangig das Geschäftsmodell der Massenmedien sein, "die einem Publikum einfach nur Menge verkaufen und damit Aufmerksamkeit erzeugen wollen", wie Jarvis es formuliert. Sie wissen schon, Klickbait, Katzenvideos, Kardashians. Und Alternativen entstehen ja, es wird allerdings dauern, bis solche Ansätze auch den großen Diskurs mitbestimmen.

Tja, da mag man sich in der Tat in Wut und Verzweiflung manchmal einen Bercow wünschen, der "Ooooorder" röhrt, Medienmenschen zur Ordnung ruft, den Diskurs leitet, Aus-der-Reihe-Tänzer zum Schweigen bringt und immer wieder ein bisschen verspottet. Zum Glück haben wir den aber nicht (siehe Ungarn, siehe Deutschland 1933). Sowas in der Art bleibt dann wohl im Aufgabenbereich von uns vergleichsweise kleinen Medienkritiker:innen.

In der Schmuddelecke

Warum landen Artikel über geschlechtsspezifische Gewalt so häufig im Panorama-Ressort? Heute z.B. mal wieder in der Süddeutschen mit dem Artikel "Österreich diskutiert über seine Mordrate". Dort wurden seit Jahresbeginn vier Frauen von Männern aus ihrer Familie oder ihrem sozialen Umfeld getötet. Dabei geht es nicht um einen Einzelfall, es gibt auch einen klaren Politik-Bezug. Es ist von politischen Gegenmaßnahmen die Rede:

"Die Politik will nun aktiv werden - mit besserer Prävention und härteren Strafen."

Und dann wird das Ganze etwas erläutert. Also why? Warum nicht ins Außenpolitik-Ressort damit? War schon voll, also packen wir die strukturelle Gewalt gegen Frauen halt ins Panorama? Dabei ist das Panorama-Ressort an sich ja nichts Schlimmes. Im eigentlichen Wortsinn ist es schließlich ein Rundumblick. Aber:

"Ich finde, dass diese Kategorie Panorama genutzt wird, um Themen, die eigentlich in andere Ressorts gehören, weil die einfach politisch sind, da so abgeschoben werden, weil man das Gefühl hat, dem haftet sowas Boulevardiges an. Gerade (…) sexuelle Minderheiten, aber auch Themen zu sexualisierten Gewalt, Drogen, alles was so im weitesten Sinne Sex & Crime betrifft",

kritisiert BuzzfeedNews-Redakteurin Juliane Löffler im hauseigenen Podcast "Unterm Radar". Hier stünden Promigeschichten und -skandälchen neben Kriminalität, Tiermeldungen und anderen Kuriositäten. Solche Beispiele gebe es immer wieder, auch die Berichterstattung über die "Pille danach", als sie im Frühjahr 2015 frei in Apotheken verkäuflich wurde, sei oft in dem Ressort gelandet. Ob beabsichtigt oder nicht, so würden viele Themen rund um Sexualität und sexuelle oder strukturelle Gewalt in eine "Schmuddelecke" gerückt.

"Ich finde, dass wir uns alle daran gewöhnen müssen, dass Themen wie (…) sexualisierte Gewalt, sexuelle Minderheiten, Frauenrechte, Frauengesundheit ganz normal auch im Politikressort stattfinden können (…) und nicht automatisch in so ne Panorama-Ecke müssen."

Und dann halt ne ordentliche Unterhaltung/Kuriositäten-Rubrik.

Altpapierkorb (Datenklau, nacktes Programm, Programmbeschwerden, Die Unsichtbaren)

+++ Möglicherweise hat der verdächtigte Schüler den "G0d"-Datenklau doch nicht ganz allein fabriziert, berichtet das RBB-Inforadio. "Laut der Recherchen haben Beamte des Bundeskriminalamts den mutmaßlichen Täter vor einen Computer gesetzt und ihn aufgefordert zu erläutern, wie er vorgegangen sei. Dabei sei deutlich geworden, dass er beispielsweise nicht über die nötigen Kenntnisse verfügte, um die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung zu umgehen. Diese Sicherheitslücke aber soll der Täter ausgenutzt haben, um zahlreiche Accounts zu hacken." Wer sich in Sachen Doxing weiterbilden will, dem sei dieser Zeit-Artikel von Stella Hombach empfohlen.

+++ Seit Relotius sind auch noch einige andere Fälle rund um die Grenze zwischen Fiktion und Realität aufgetaucht (Stichwort Menasse). Die aktuellste Diskussion dreht sich um den Journalisten und Islamismus-Experten Shams Ul-Haq, bleibt aber im Bereich der Vermutungen. Für den Faktenfinder der "Tagesschau" hat HR-Mann Volker Siefert Zweifel an einigen Aussagen in der Berichterstattung des Journalisten angemeldet: Zeitangaben passen nicht zusammen, einige Aussagen widersprechen anderen. Im Interview bei Deutschlandfunks "@mediasres" verteidigt Haq sich. Detaillierte Erklärungen wolle er zum Schutz seiner Quellen und Unterstützer nicht machen.

+++ Die Zahl der Programmbeschwerden hat sich im vergangenen Jahr fast verdoppelt, schreibt die Welt und bezieht sich auf eine PM der Landesmedienanstalt im Saarland, die die Beschwerden digital einsammelt. Bei den Privaten ging es vor allem um zu viel nackte Haut. Zu den Öffentlich-Rechtlichen gab es bisher keine inhaltlichen Infos. Die Beschwerden "wurden ohne weitere Bearbeitung an die Rundfunkanstalten weitergeleitet, da die Medienanstalten nur für den privaten Rundfunk zuständig sind". Details werden hoffentlich von den Anstalten nachgeliefert.

+++ Ob es zu diesen WDR-Geschichten bei "Menschen Hautnah" eine Beschwerde gegeben hat, wissen wir also bisher nicht. Wie die Süddeutsche berichtet, gibt es "Fehler und Unstimmigkeiten" bei drei Filmen einer Autorin. Ein Ehepaar wurde in dem Format offenbar in verschiedenen Folgen unter unterschiedlichen Namen mit falschen Jahreszahlen und Altersangaben portraitiert. Der WDR wolle dem weiter nachgehen.

+++ Der ARD-Film "Die Unsichtbaren" wurde ja gestern bereits hier im Altpapier besprochen. David Denk wundert sich bei der SZ etwas über die Vermarktung des "verdienstvollen" Films: "'Mit Mut und List dem Holocaust entkommen', steht da unter dem Foto der vier sich besorgt umschauenden jungen Protagonisten. Das irritiert, vorsichtig gesagt. Es erweckt den Eindruck, dass die Judenvernichtung ein Parcours gewesen sein könnte, in dem sich Helden fast wie in einem Computerspiel Level um Level der Freiheit nähern, sie aber womöglich nie erreichen, weil sie den Häschern der Nazis in die Hände fallen - vielleicht weil sie zu wenig listig und mutig waren?" Die Menschen von der Medienkorrespondenz, die den Film im linearen Programm gesehen haben, wundern sich bei Twitter auch über das abrupte Anschlussprogramm im Ersten: Da erzählt ein jüdischer alter Herr sehr bewegt von seiner Retterin während der Nazizeit. Aber statt den Abspann wenigstens ein paar Sekunden stehenzulassen und den Gedanken zur Schlussszene ein bisschen Raum zu lassen, wird auf der Stelle ein Krimi-Trailer dahinter geklatscht. Und Cut, heißt es da für jegliche Überlegungen.

+++ "Senioren retten das Fernsehen", überschreibt Joachim Huber beim Tagesspiegel die neuen Zahlen von Media Control zur durchschnittlichen TV-Schauerei pro Tag. Können wir bitte endlich mal anfangen, "Fernsehen" nicht mehr nur als das Gerät zu sehen, mit dem die Inhalte linear verbreitet werden? Was ist mit Mediatheken, Streamingdiensten und Bewegtbildinhalte in sozialen Medien die für eine ganze Generation mittlerweile das sind, was die Flimmerkiste damals war? Das Konzept der klassischen Einschaltquoten ist überholt und hat kaum noch Aussagekraft über die tatsächliche Bewegtbildnutzung, wage ich zu behaupten.

+++ Ist Twitter toxischer als Talkshows? Die Frage, ob er nun auch nicht mehr zu Will, Illner & Co. gehe, musste Grünen-Posterboy Robert Habeck nach seinem Twitter-Abschied (Link zum Altpapier) bei der FAZ beantworten. Jetzt hat er sich bei Maischberger wieder in die Arena gewagt. Hans Hütt schreibt (ebenfalls bei der FAZ) wie die Sendung so rüberkam.

+++ Facebook schickt mal wieder die PR-Herolde raus: Es soll nun strengere Regeln vor Wahlen geben, berichtet die Wirtschafts Woche. Und, tusch, das Netzwerk spendiert 300 Mio Dollar für Lokaljournalismus (Standard). Die kamen eventuell in Großbritannien zustande, da hat Facebook nämlich laut FAZ ganz schön Zaster eingesackt mit politischer Werbung rund um den Brexit.

+++ Buzzfeed darf einen Abtreibungsgegner beim Namen nennen, berichtet der Deutschlandfunk über das Ergebnis der Verhandlung in Düsseldorf. Auch Buzzfeed selbst und Netzpolitik.org berichten.

+++ Der Montenegrinische Investigativ-Journalist Jovo Martinović soll wegen Drogenhandels in den Knast. "Die Anklage ist dünn. Doch weil es in diesen Belangen in Balkan-Staaten an medialer Aufmerksamkeit fehlt, kommt die Justiz damit durch", schreibt Michael Martens auf der FAZ-Medienseite. Auch beim CPJ findet man das nicht lustig.

+++ Lust auf den SWR-Intendant:innen-Posten, anyone? Die Anstalt braucht da zu Mitte des Jahres jemanden und will die Stelle laut dwdl.de in verschiedenen Zeitungen ausschreiben. Zielgruppe Print also.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.