Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 6. Februar 2019: Ein fliegender Mann mit roter Mütze hält eine Zeitung in der Hand
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / Panthermedia

Das Altpapier am 6. Februar 2019 Zeitungszustellen und andere Herkulesaufgaben

Das EU-Urheberrecht ist wieder da und gefällt Befürwortern und Kritikern jetzt noch weniger. Der Fall Birte Meier ist entschieden (und dürfte doch weitergehen). Zeitungsboten macht es ihre Arbeit nicht leichter, wenn sie weniger Zeitungen austragen müssen. Redaktionen ohne schrumpfendes Geschäft mit Gedrucktem haben es nicht besser. Hilft eine Flatrate für tausende Zeitschriften online? Und: ein öffentlich-(rechtlich-)er Radiosender, der zum Verkauf steht. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 6. Februar 2019: Ein fliegender Mann mit roter Mütze hält eine Zeitung in der Hand
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Los geht's heute mit frischen Gesetzen und Gerichtsurteilen. Vielleicht doch noch wieder im Anflug ist das ebenso heftig umstrittene wie in der deutschen Medienlandschaft wenig beachtete neue EU-Urheberrecht, das bekanntlich unter beträchtlichem Zeitdruck durch die EU-Parlaments-Wahlen im Mai steht. Nach einem extra deshalb anberaumten Macron-Merkel-Telefonat hätten Frankreich und Deutschland sich auf einen neuen Kompromiss geeinigt, der weder dem Chef-Verhandler des Parlaments (dem CDU-MdEP Axel Voss "gehen die Ausnahmen dennoch zu weit") noch, erst recht, der relativ prominentesten deutschen Kritikerin Julia Reda ("schlimmer als bisherige Vorschläge zur Einführung von Filterpflichten ...") gefällt. Das berichtet netzpolitik.org vor allem mit Bezug auf den "neuen Vorschlag der rumänischen EU-Ratspräsidentschaft, den die Nachrichtenseite Politico heute leakte".

Urteile zu Frauen, Freien, ZDF und Bild-Zeitung

Wer die gerade im Medien-Bereich in mühseligen Kompromissen lang ausgehandelten, in den Details daher oft nicht sehr sorgfältig formulierten Gesetze dann auslegen muss, sind Gerichte dieser und jener Instanzen. Auch da gibt's neue Urteile, besonders im Fall der ZDF-Reporterin Birte Meier, die seit 2016 auf gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen klagte. Ein einerseits abschließendes Urteil fällte nun das Berliner Landesarbeitsgericht. Es gab viele Meldungen mit den üblichen Weitervermeldungs-Fehlerchen. Es "berichtete zunächst der Mediendienst Übermedien", berichtete der Mediendienst meedia.de, und uebermedien.de tat es in Gestalt der Altpapier-Autorin Juliane Wiedemeier, die von "einer Niederlage" der Klägerin "auf ganzer Linie" schrieb. Ebenfalls im Gerichtssaal anwesend war Verena Mayer von der Süddeutschen, die heute auf der Medienseite aber bereits antizipiert, dass der Fall, bei dem es unter vielem anderem auch um die Festangestellte-Freie-Frage geht, doch noch nicht abgeschlossen ist: Wegen des "Gesetzes zur Entgelttransparenz" aus dem Jahre 2017 könne er vors Bundesarbeitsgericht gehen.

Von einem Urteil des Hamburger Landgerichts, das die große Community der Springer-Gegner freuen dürfte, berichtet die taz: "Die 'Bild'-Zeitung darf eine Falschaussage über einen Geflüchteten nicht mehr verbreiten". Wobei auch dieser Fall kompliziert ist und in der Mehrzahl der Punkte das Gericht den Bild-Zeitungs-Bericht über den "unglaublichen Fall des Alassa M." in Ellwangen nicht für eine solche "#Fake News" hält wie die taz es tut. Jedenfalls ist durch die Richterin der Satz gefallen: "Zeitungsartikel sind kein geeignetes Glaubhaftmachungsmittel" – der allen von vielen Seiten attackierten Medien noch auf die Füße fallen könnte. Damit zu den Herkulesaufgaben den Zeitungsgeschäfts.

Wer Gedrucktes verkaufen will, hat schwer zu tragen

Ein in digitalen Sphären wenig beachteter Aspekt des Geschäfts besteht weiterhin darin, der schrumpfenden Zahl von Abonnenten die bestellten Zeitungen möglichst früh zu liefern. Von "Herkulesaufgabe" spricht Deutschlandfunk-Moderatorin Bettina Schmieding. Darauf wirft der folgende "@mediasres"-Bericht tatsächlich ein Schlaglicht. Es geht sowohl um die "Wegekosten" der Zeitungsboten, die nicht proportional zur Zahl der Abonnenten sinken, wie auch die Portokosten, die "leichte Titel" mit "bis 100 Gramm" Gewicht besonders schwer treffen. Das ist das spezielle Problem der kleinen, linken Jungen Welt (Altpapier), die ihre Auflage auch deshalb per Post verschickt, weil die wenigen Exemplare in aller Herrgottsfrühe zunächst zu den Zustellern kutschieren zu lassen, bevor diese frühmorgens durch die Straßen ziehen, für ganz kleine Zeitungen auch keine Option darstellt. Und sind es echt "300 Millionen Euro im Jahr", um die sich die Zeitungszustellung durch die schrittweise Einführung des Mindestlohns für Zusteller seit 2015 verteuert hat, wie der Logistik-Geschäftsführer der Süddeutschen Zeitung zitiert wird?

Jedenfalls wird weiter eingespart bei Herstellern von gedruckten Medien. "Bis zu zehn der rund 100 Stellen" würden bei der – vor allem als gedruckte Zeitschrift erscheinenden – Wirtschaftswoche gestrichen, berichtet kress.de unter der selbst für Branchendienste arg suggestiven Schlagzeile "Zu diesen harten Sparmaßnahmen muss Holtzbrinck jetzt greifen" (wobei der kleine Oberauer-Verlag da auch Werbung für eine Exklusivnews seines – ebenfalls vor allem gedruckt erscheinenden – Titels Wirtschaftsjournalist macht). Es handelt sich da auch nicht um die einzige Sparmaßnahme der Verlagsgruppe Handelsblatt, die übrigens inzwischen "Handelsblatt Media Group" heißt, obwohl sie mit internationalem Geschäft künftig eher noch weniger am Hut haben wird als bisher schon. Schließlich stehe auch das anglophone Handelsblatt Today "auf der Kippe" (kress.de). Eine andere besteht darin, den erwähnten Mediendienst meedia.de verkauft zu haben (Standard). Neuer Besitzer ist die nicht irre bekannte Busch Group, die ansonsten Branchenzeitschriften wie Blickpunkt:Film für die Kinobranche herausgibt – einen Ex-Gruner+Jahr-Titel. Das Problem, gedruckte Ausgaben austragen lassen oder teuer per Post verschicken zu müssen, hatte meedia.de natürlich nie ...

Wer nichts Gedrucktes bietet, hat's auch nicht leicht

Auch "die reinen Onlinemedien erlebten jetzt eine Phase der Konsolidierung", berichtet Spiegel Online vor allem mit Blick auf die laufenden, in internationalem Maßstab heftigen Einsparungen bei "jungen Nachrichtenportalen" wie buzzfeed.com, vice.com und der Huffington Post, die es auf deutsch ja bald gar nicht mehr gibt. Schuld seien die tendenziell eher sinkenden Werbeeinnahmen, die zwar im Internet kräftig steigen (zu Lasten der immer dünner und leichter werdenden gedruckten Presse), aber zu immer größeren Anteilen an Facebook und Google gehen. Zumal die es über ihre Algorithmen auch in der Hand haben, wieviel Traffic Onlineportale zugespült bekommen. Vor allem formulieren Isabell Hülsen und Martin U. Müller die These, dass die "reinen Onlinemedien" nun das durchmachen, was die nicht reinen – die auch Gedrucktes verlegen – schon hinter sich hätten:

"Ausgerechnet klassische Medienhäuser haben hier in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht, notgedrungen. Angesichts sinkender Print-Auflagen und Werbeerlöse haben sie sich darauf konzentriert, zahlende Abonnenten für ihren Journalismus im Netz zu gewinnen. Mit wachsendem Erfolg: Die 'New York Times' etwa hat inzwischen 4 Millionen Abonnenten, davon gut drei Millionen für ihr digitales Angebot. Auch in Deutschland setzen immer mehr etablierte Nachrichtenmedien auf Paid Content ...",

womit SPON nicht zuletzt sich selber meint. Auf sonstige Diversifizierung setzen aber auch alle. Gerne listet SPON Spielzeug, Duftkerzen und Kochbücher auf, durch deren Verkauf buzzfeed.com endlich profitabel werden möchte. Und damit steht es ja tatsächlich gleichrangig neben den Vinotheken und Reisebüros, die längst zu den Geschäftsmodellen vor allem noch gedruckter Qualitätszeitungen gehören.

Flatrate für Zeitschriften

.... und natürlich neben den immer noch mehr immer noch spezielleren Zeitschriften-Titeln, die alle in die prallvollen Kioskregale quetschen, um sinkende Auflagen wettzumachen. Allein der Tagesspiegel, eine Berliner Tageszeitung mit eher regionalen Ambitionen, hat fünf am Start – wie man bei readly.com sieht. Das ist "Deutschlands größter Zeitschriften-Kiosk", der inzwischen "insgesamt 3700 Zeitschriften, davon 1000 deutschsprachige" per Flatrate anbietet. Freilich bietet er sie nur ungedruckt auf Bildschirmen. Kurt Sagatz hat fürs Tsp.-Medienressort das deutsche Hauptquartier "in einer großen Altbauwohnung" in Berlin-Kreuzberg besucht und allerhand Zahlen mitgebracht: Die "der Mitarbeiter hat sich 2018 auf 62 verdoppelt, davon arbeiten immerhin zehn in Berlin. Nach 13 Millionen Euro in 2017 wird für das vergangene Jahr ein Umsatz von 20 Millionen Euro ausgewiesen, ein Plus von rund 60 Prozent." Welche Zahlen Readly lieber nicht nennen möchte, schreibt er aber auch, zum Beispiel die seiner zahlenden Abonnenten.

Helfen solche Angebote Verlagen mit vielen gedruckten Medien also, regelmäßige Leser zu behalten oder sogar, noch mehr zu gewinnen? Oder geht am Ende doch eher unter, was sich nur noch im minütlich immer noch mehr angefüllten, vor allem algorithmisch und von Bewegtbilder getriebenen Internet aufrufen lässt? Immerhin kann Readly darauf verweisen, dass sich sein eigentlicher Hauptsitz in Växjö befindet und die Schweden von Spotify bislang die einzigen Europäer sind, die überhaupt ein mittelfristig funktionierendes Abo-Geschäft im Internet aufgezogen haben.


Altpapierkorb (Swiss Pop zu verkaufen, Boudgoust-Nachfolge-KandidatInnen, @ROB0TIUS,  "perfekt organisierte Verantwortungslosigkeit", Bundesregierungs-"Medienberichtchen")

+++ Das gibt's auch nicht oft: einen öffentlich-(rechtlich-)en Radiosender, der zum Verkauf steht. Swiss Pop ist's, wie Rainer Stadler in der Neuen Zürcher Zeitung berichtet. Hintergrund: Auch wenn im März 2018 die Schweizer für ihren öffentlichen Rundfunk votierten, wird die SRG ja so stark rückgebaut, wie es sich deutsche Anstalten gar nicht vorstellen könnten. Falls Sie am Kauf interessiert sein könnten: Die Kosten des "stark automatisierten Betriebs" dürften sich in Grenzen halten, allerdings ist "Bedingung ..., dass ... der hohe Anteil an Schweizer Musik (50 Prozent) erhalten" bleibt.

+++ "Wir werden in fünf bis zehn Jahren das lineare Programm primär als Schaufenster nur noch nutzen für das, was dann non-linear abgerufen wird." Diesen bemerkenswerten Satz sagte Peter Boudgoust, noch Intendant des SWR, der in der ARD ja einige Internetkompetenzen besitzt, letzte Woche bei "seiner letzten Jahrespressekonferenz" (Stuttgarter Zeitung). +++ Nach einem Nachfolger für den 64-Jährigen wird derzeit gesucht. Namen warf die Süddeutsche schon mal in die Runde: "... Bei denen, die sich einen Intendanten wünschen, der deutlich nach außen auftritt, kursieren schließlich einige noch prominentere Namen: Tina Hassel etwa oder Tom Buhrow." Hassel? Klar, die immer noch zentrale Anforderung, dass Intendanten vor allem die Parteifarbe der jeweiligen Haupt-Regierungspartei verkörpern sollen, würde sie glänzend erfüllen. Aber ob Tommy Buhrow sich von der größten ARD-Anstalt, bei der er noch mehr als ein halbes Jahrzehnt Vertrag hat, zur bloß zweitgrößten locken ließe?

+++ Bots müssen nicht böse, sondern können "auch witzig sein". Das wollte Marie Kilg zeigen, die als "Content Program Manager" für Amazons Alexa arbeitet und nebenbei @ROB0TIUS programmierte – einen Bot, der auf Twitter Reportagen-Vorschläge "im Stil des preisgekrönten Hochstaplers" ähnlichen Namens macht. Die FAZ-Medienseite bringt heute ein Interview mit ihr.

+++ Eine "bemerkenswerte Form perfekt organisierter Verantwortungslosigkeit" beim Veröffentlichen privater Videos erst mal in halböffentlichen sog soz. Medien arbeitet uebermedien.de bei "Journalisten von 'Focus' und 'Bild'" heraus.

+++ "Dear Mr Zuckerberg: the problem isn't the internet, it's Facebook ... ...This is a dishonest and ahistorical statement" (Siva Vaidhyanathan, Medien-Professorin an der University of Virginia, im Guardian zu einer Antwort auf Mark Zuckerbergs Facebook-Post zum 15-jährigen Jubiläum seines Datenkraken). +++ Diese und weitere Reaktionen überblickt der Standard.

+++ Wenn an Texten sehr sehr lange gearbeitet wird, heißt es nicht automatisch, dass sie umso besser und aktueller werden. Das gute elf Jahre erwartete "Medienberichtchen der Bundesregierung" hat sich Diemut Roether für epd medien noch mal vorgenommen. +++ Wobei übrigens das Hans-Bredow-Institut, das inzwischen den noch klangvolleren (und gewiss gut dotierten) Beinamen "Leibniz-Institut für Medienforschung" angenommen hat, trotzdem stolz auf seine Mitwirkung ist.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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