Teaserbild: Das Altpapier zum Freitag. Ausgerissene Buchstaben "Das Altpapier" auf geknülltem Papier
Bildrechte: MEDIEN360G

Das Altpapier am 15. Februar 2019 Chance vertan

Sind die Öffentlich-Rechtlichen Helikoptereltern? Es gibt mehr als nur ein paar Unklarheiten zum Thema Feinstaub und die werden oft nicht aufgezeigt. Und soziale Medien können nicht immer für Rechtfertigungen herhalten. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teaserbild: Das Altpapier zum Freitag. Ausgerissene Buchstaben "Das Altpapier" auf geknülltem Papier
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Irgendwer weiß es immer besser, quatscht einem ins nächste Vorhaben rein, hat Schiss vor ungeplanten Folgen einer Entscheidung. Was sich anhört wie Helikoptereltern eines Teenagers, trifft laut Günther Jauch auch auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hierzulande zu:

“Die Öffentlich-rechtlichen sind oft in sich selbst gefangen. Sie schauen zuweilen ängstlich nach links und rechts, sie haben Rundfunkräte, Verwaltungsräte, politische Parteien, manchmal eine Schere, die sie sich selbst im Kopf zusammengebastelt haben. Sie haben – wie überall sonst auch – Karrieristen, die zusehen, wie muss ich mich verhalten, damit ich in zwei Jahren diesen oder jenen Job bekommen. Sie sind nicht so frei und unabhängig, wie man sie sich von der Konstruktion her vorstellen könnte.“

sagte Günther Jauch bei einem Workshop der Reporterfabrik (Correctiv). Berichte dazu gibt’s z.B. bei der Welt und dem Kölner Stadtanzeiger. Hochgeladen wurde das Video zwar schon vergangene Woche, die große Aufmerksamkeitswelle kommt allerdings erst jetzt. Ganz oben auf surfen darauf bei Twitter erwartungsgemäß viele AfD-Menschen und Zwangsgebührenrhetoriker. Denn bei Aussagen wie

“Gerade wenn ich journalistisch tätig bin, bin ich sehr gerne unabhängig. Und mit der Unabhängigkeit war es irgendwann schwierig. Ganz direkt gesagt: Es haben am Ende zu viele da reingeredet

kommt natürlich sofort das Bild der Bundeskanzlerin auf, die morgens die Redaktionen abtelefoniert und die Agenda des Tages durchgibt. Das kann man nun allerdings nicht Jauch anlasten, denn er hat nicht einfach nur Spaß am Bashing seines ehemaligen Arbeitgebers (seine NDR-Polit-Talkshow “Günther Jauch“ beendete er Ende 2015).

Seine Kritik ist durchaus begründet und wird in ähnlicher Weise z.B. auch von Leonhard Dobusch (mittlerweile ausgezeichnet mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik für "sein Engagement für Transparenz im öffentlich-rechtlichen Gremiendickicht") im Netzpolitik-Blog “Neues aus dem Fernsehrat“ immer wieder angeschnitten.

Jauch nennt Vorteile des kommerziellen Systems: Es sei oft schneller, reagiere unmittelbarer auf das, was die Menschen interesseire, sei direkter und ordinärer. Entscheidungen würden schneller gefällt, es mache einen frischeren Eindruck. Aber natürlich gebe es auch hier Nachteile, denn

“wenn die Quote nicht stimmt, haben Sie da ganz schnell ein riesiges Problem, was bei bestimmten Sendungen dann oft sehr schade ist.“

Er habe oft versucht, das “Beste aus beiden Welten“ in seinen Sendungen zu vereinen. So ist das Ganze keine “Abrechnung“ (z.B. Merkur), wahlweise eine “schonungslose“ (Stuttgarter Nachrichten) oder ein “Rundumschlag“ (Hamburger Morgenpost), sondern eigentlich nur eine persönliche und gut begründete Kritik – und mal wieder eine verpasste Chance, eine sachliche Debatte über Probleme des öffentlich-rechtlichen Systems zu führen (von dem ja auch wir hier beim MDR finanziert werden).

Chance vertan 2.0

Gestern hier im Altpapierkorb schon kurz angesprochen, hatte Malte Kreutzfeldt für die taz nochmal die aufmerksamkeitsträchtige Lungenarzt-Stellungnahme über die Dieter Köhler zufolge gar nicht so gefährlichen Stickoxide und Feinstaub durchgerechnet und dabei Fehler festgestellt. Drei Wochen hat es gedauert, bis das jemand gemacht hat. Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Initiator der Stellungnahme, habe sich bei seinen Berechnungen deutlich verrechnet, schreibt Kreutzfeldt:

“Wenn man zudem Köhlers Umrechnungsfehler berücksichtigt, entspricht die in 80 Jahren mit der Außenluft eingeatmete NO2-Menge nicht dem, was ein Raucher in wenigen Monaten einatmet, sondern (je nach angenommenem NO2-Anteil am NOx) in 6,4 bis 32 Jahren.“

Auf der FAZ Wirtschaftsseite geistert allerdings eine andere Zahl umher:

“Beim Feinstaub seien es – nach der Korrektur der Zahlen – dann eben nicht weniger als zwei Monate, sondern 2,1 Monate, die ein Raucher brauche, um die Menge an Feinstaub zu inhalieren, die ein Nichtraucher in achtzig Lebensjahren aufnehme, sofern er an einem Ort mit einer Belastung von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter lebe.“

Die gleiche Zahl taucht auch in einem Interview mit Daniel Berg von der Funke‘schen Westfalenpost auf. Leider ist der ganze Text ein Lehrstück zum Thema fehlende Gegenrecherche. Zu der Zahl gibt es keine weitere Einordnung oder Erklärung und Köhler bekommt noch mehr Raum in den er u.a. ruft, er empfinde “diesen Angriff als unfair“.

Und der Rant geht ungehindert weiter: Kreutzfeldt sei, “wenn ich es recht weiß“ mal Pressesprecher bei den Grünen gewesen und “ideologisch vorgeprägt“. Und grundsätzlich habe er selbst etwas erreicht in Deutschland, denn die Umwelthilfe wolle nun “Diesel-Fahrern nicht mehr ihre Autos wegnehmen“. Er bekomme fast nur positive Rückmeldungen (“90 Prozent“) auf seine Ansichten, auch von Akademikern (“Ganz einfach, weil es plausibel ist, was ich sage.“).

Ähm ja, Wikipedia jedenfalls sagt etwas anderes: Kreutzfeldt sei mal Pressemann bei Attac und den Linken gewesen. Die Umwelthilfe wollte Fahrverbote erstreiten, meines Wissens aber nie irgendwem die Autos wegnehmen. Und was die unterschiedlichen Zahlen angeht vermute ich als Laie auf dem Gebiet mal, dass die Differenz eventuell mit der Unterscheidung zwischen NOx und NO2 zusammenhängen könnte. Außerdem haben sich nur knapp über 100 von mehr als 3.000 angeschriebenen Ärzt:innen hinter die Stellungnahme gestellt. Wer rechnet nach, auf welchen Prozentsatz man hier kommt?

Gerade solche Details und Unstimmigkeiten sind es doch, die von Journalisten, wenn sich nicht vollends aufgeklärt werden können, doch zumindest aufgezeigt werden müssen. Bei dem Interview gibt es allerdings keinerlei Einordnung oder Hinweis auf eventuell widersprechende Aussagen.

In der Berichterstattung zuvor wurden solche Widersprüche zwar teilweise aufgezeigt. Das änderte allerdings nicht großartig etwas an Köhlers Omnipräsenz in der Berichterstattung, denn trotzdem habe Köhler “die große Bühne bekommen“, kritisiert Kreutzfeldt nun in einem taz-Kommentar.

Ende Januar kritisierte z.B. schon der Lungenfacharzt und Autor Kai-Michael Beeh bei SpOn den “medialen Orkan“, den die Stellungnahme ausgelöst habe:

Aus knapp hundert - zumeist in eigener Praxis niedergelassenen - unterzeichnenden Kollegen wurden ‚renommierte Wissenschaftler‘ (Die Welt), Verkehrsminister Scheuer begrüßte den 'wissenschaftlichen Ansatz‘. 50 Seiten Positionspapier, 451 Zitate und unzählige Studien zum Thema: weggewischt von 2 Seiten einer Stellungnahme ohne einen einzigen Beleg oder wenigstens konkreten Vorschlag, wie genau denn die 'fehlende wissenschaftliche Basis‘ der Grenzwerte zu verbessern ist.“

Insgesamt sehe er eine “Trumpisierung“ der Gesellschaft und einzelner Medien:

Reproduzierbare Evidenz, die nicht passt, wird mit dem 'Fake News‘-Vokabular von 'Lüge‘, 'Erfindung‘, 'Hysterie‘ und 'Ideologie‘ diffamiert. Was man nicht widerlegen kann, glaubt man einfach nicht. Das Bild, das nach dieser Kontroverse von der medizinischen Wissenschaft bleiben wird, ist ein schwer beschädigtes. Das Klischee vom akademischen Wirrkopf, der selbst nicht weiß, wovon er redet, wird trefflich bedient. Das freut all jene, die der Meinung sind, das Streben nach objektiver Erkenntnis sei ohnehin entbehrlicher Ballast.

Mit “Wirrkopf“ ist hier nicht Köhler gemeint, sondern das Bild der anderen Wissenschaftler, deren Erkenntnisse durch die Stellungnahme bezweifelt werden. Hier lohnt es sich auch nochmal zu betonen, dass sie nur um die drei Prozent der angeschriebenen Ärzte unterzeichnet wurde. Am Umfang der Berichterstattung hätte man aber eher vermuten können, es sei eine Mehrheit gewesen.

Dass an solchen Stellen die Aufmerksamkeitsmechanismen besonders ungünstig zuschnappen, wird auch an Köhlers Medienmarathon deutlich: er war vor allem bei der ARD präsent und tingelte in den vergangenen Woche z.B. durch “hart aber fair“, “Anne Will“, kam in der Reportage “Das Diesel-Desaster“ zu Wort und bei  “SternTV“ (RTL).

Als symptomatisch für die ganze Verwirrung und den Hype um Köhler kann man eine Szene aus der erwähnten “Anne Will“-Sendung sehen, wie sie Altpapierkollege Klaus Raab Ende Januar bei SpOn beschrieb:

“Das Talkshowformat stieß an seine Grenzen, als [Anm. Altpapier: der Epidemiologe Heinz-Erich] Wichmann ausführlich über das Vorgehen der Weltgesundheitsorganisation sprach, über langwierige Prüfungsprozesse, die Zahl ausgewerteter Originalarbeiten und ihre Belastbarkeit - aber nicht wirklich zum Punkt kam. ‚Wir haben hier ein anderes Tempo als in Ihrer Wissenschaft‘, sagte Will. Sie hatte ja recht: Es waren auch noch drei Vertreter der Politik eingeladen, und es war keine Zeit dafür, fachliche Einlassungen über Jahre dauernde Prozesse in aller gebotenen Ausführlichkeit zuzulassen. Sie mussten formatiert werden. Man hätte ein wenig mehr Tiefe, ein wenig mehr Zeit genau hier, wo der Talk den Raum des Meinens verließ, aber gut gebrauchen können.“

Denn gerade an solchen Stellen darf Journalismus ja nicht an seine Grenzen stoßen. Natürlich haben die Berichterstattung und insbesondere Talkshows ein anderes Tempo und damit eine andere Tiefe als Wissenschaft. Etwas Anderes anzunehmen wäre naiv. Aber das entbindet uns nicht von der Aufgabe, die Grundlagen nachzuvollziehen und die Fakten zu prüfen. Und die Zeit dafür sollten, nein, müssen wir uns nehmen.

Chance vertan 3.0

Was die Diskussion um die Grenzwerte und auch die Öffentlich rechtlichen so schwierig macht, ist das Blutdrucklevel, auf dem sie geführt wird. Dieser unglücklichen Reihe schließt sich auch die Debatte um Leistungsschutzrecht und Uploadfilter im nun wohl gefundenen Kompromiss zur Reform des EU-Urheberrechts (siehe Altpapier gestern) an.

“Der Streit um die Reform wurde derart emotional geführt, dass es kaum vorstellbar erscheint, noch einmal sachlicher über das Thema zu reden. Auf jedes 'Wir machen uns Sorgen um die Meinungsfreiheit‘ folgt ein 'Ihr habt nicht verstanden, dass Urheber auch bezahlt werden müssen‘. Auf jedes 'Aber die Raubkopien ...!‘ unweigerlich ein 'Aber unser Internet ...!‘. Zuletzt war der Diskurs so vergiftet, dass ein Diplomat als Nazi und Vergewaltiger beschimpft wurde, weil er es gewagt hatte, während der Verhandlungen über die Reform einen Zwischenstand bei Twitter zu posten“,

schreibt Karoline Meta Beisel heute auf der Meinungsseite der SZ (hier bei Blendle).

Was ist die Lösung dieser Probleme? Mehr Sachlichkeit, weniger Emotion, könnte man annehmen. Blöd nur, dass die beide Seiten für sich reklamieren. So bezeichnete z.B. der Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Stellungnahme der Pneumologen als wichtige und überfälligen Schritt, der helfe, "Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen" (Tagesschau).

Und ganz aus der Verantwortung ziehen können Medienmenschen sich dabei auch nicht. Die Diskussion über fehlende Sachlichkeit, Komplexität und übergreifende Emotionalisierung und Simplifizierung unserer Arbeit gab es in den vergangenen Monaten und Jahren ja nicht zufällig: sei es rund um die AfD, um Claas Relotius oder die Doku-Debatte um “Menschen Hautnah“ (Links zum Altpapier).

Ursachen dafür werden ja gern in den Mechanismen des Internets und vor allem der sozialen Medien gesucht:

"Die Systeme, die Google und Facebook nutzen, manipulieren uns über die Emotionen, die am verlässlichsten ausgelöst werden können und von Algorithmen am einfachsten erkannt werden (…). Die Menschen werden leichter reizbar, paranoider, herablassender, unsicherer.“ (Jaron Lanier im FAZ-Interview)

Als universale Entschuldigung oder Rechtfertigung für Fehler und problematische Entwicklungen in der Medienbranche ist das zwar bequem, aber auf Dauer nicht mehr tragfähig.


Altpapierkorb (Adil Demirci, Maria Ressa, Sparplan beim Handelsblatt, die taz und die Junge Alternative)

+++ Der Kölner Journalist und Sozialarbeiter Adil Demirci ist in der Türkei aus der Haft entlassen worden. Ausreisen darf er laut ZDF erstmal nicht. Am 30. April soll der Prozess laut Handelsblatt/dpa weitergehen.

+++ Ebenfalls eine “Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte hat die gestern schon im Altpapierkorb erwähnte philippinische Journalistin Maria Ressa gezogen. Naja, ganz so zufällig und spielerisch wie bei Monopoly wird es wohl nicht abgelaufen sein. Mehr Infos hat z.B. die taz.

+++ Das Handelsblatt reiht sich ein in die Riege der zum Sparen Verdammten, berichten Horizont (€) und Meedia.de.

+++ Über die Verwirrung um Funkes Sparpläne (1, 2, 3 mal nachzulesen im Altpapier) und digitale Zeitungen schreibt Ellen Nebel bei epd medien (bisher leider nicht frei online): “Dass in Thüringen künftig einige Regionen nicht mehr mit gedruckten Zeitungen beliefert werden, ist also nicht ausgeschlossen. Doch statt zu ihren Überlegungen zu stehen, vernebelt Funke die Debatte mit Wortklaubereien. Indem der Konzern dem MDR dabei auch noch bewusste Fake News vorwirft, spielt er acht Monate vor der Landtagswahl ausgerechnet der AfD in die Hände. Ob Funke 'plant‘ oder 'prüft‘, ist in einem wichtigen Punkt unerheblich. Thüringen wäre das erste Bundesland ohne gedruckte Zeitungen. Dieser Schritt, gelte er auch zunächst nur für ausgewählte Regionen, wäre so bedeutsam, dass eine ausführliche gesellschaftliche Debatte darüber auch dann schon dringend nötig ist, wenn er nur angedacht wird.“

+++ Junge Alternative will die taz nicht für seinen Bundeskongress akkreditieren, heißt es auf dem Hausblog der Zeitung: Zwar werbe die JA “für einen fairen Umgang mit allen Medien, die an einer objektiven Berichterstattung interessiert sind, heißt es in einer SMS von Damian Lohr, dem JA-Bundesvorsitzenden. ‚Wenn man in seinen Texten jedoch davon spricht, eine Partei besiegen zu müssen, es dazu alle Kräfte der Demokraten bräuchte und man somit suggeriert, wir seien antidemokratisch, dann ist diese Grundlage nicht gegeben.‘“ Der Tagesspiegel schreibt: “In der Vergangenheit hatte die AfD immer wieder bestimmte Journalisten von grundsätzlich öffentlichen Parteiveranstaltungen ausgeschlossen. Beispielsweise wurde bei einem Kongress der europäischen ENF-Fraktion, zu der auch die AfD gehört, im Januar 2017 allen 'GEZ-Medien‘ die Teilnahme verwehrt.“

+++ Zur Diskussion über den dokumentarischen Charakter von Dokumentarfilmen (siehe dieses und jenes Altpapier) hat sich Studienautor Fritz Wolf nochmal bei Meedia.de zu Wort gemeldet.

+++ Das Game of Thrones auf dem Film- und Serienmarkt soll im Frühling einen neuen Big Player bekommen: Laut Hollywoodreporter und Buzzfeed will Apple dann seinen Hut in den Ring werfen und seinen Streamingdienst launchen. Bei SpOn gibt’s die Infos auf Deutsch.

+++ Und “Breaking Bad“ ist nicht tot.

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Sonniges Wochenende!

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